# taz.de -- Inklusion an Hamburgs Schulen: „Die Kinder werden dann mehr verwaltet als gefördert“
> Vor dem neuen Hamburger Schuljahr: Noch immer wissen viele Eltern nicht,
> wie viel Schulbegleitung es geben wird, kritisieren zwei
> Elternsprecherinnen.
(IMG) Bild: Viele Eltern wissen es nicht: Gibt es fürs Kind nun eine Schulbegleitung im neuen Schuljahr oder nicht?
taz: Frau Spallek, in Hamburg beginnt das neue Schuljahr. Wie steht es
[1][um die Schulbegleitung]? Wissen alle Eltern, welche Unterstützung ihr
Kind bekommt?
Marietheres Spallek: Das wissen wir nicht. Wir nehmen an, dass nur ein
Bruchteil der Eltern informiert ist. Die [2][Schulbehörde] hat zwar in den
Sommerferien Fälle überprüft. Aber nach unserem Eindruck sind das vor allem
Fälle, in denen Eltern sich beschwerten.
taz: Frau Ecke, warum ist es für Eltern wichtig zu wissen, welche
Schulbegleitung ein Kind bekommt?
Kerstin Ecke: Sie wollen wissen, dass ihr Kind verlässlich betreut wird und
nicht das Risiko besteht, dass sie angerufen werden, um es abzuholen.
Eltern wollen sicher sein, dass ihr Kind keinen Gefahren ausgesetzt ist und
beim Bildungsangebot der Schule gut unterstützt wird.
taz: Welche Kinder brauchen die Begleitung?
Spallek: Bei autistischen Kindern zum Beispiel kann es ohne passenden
Schulbegleiter zu einem Meltdown, einem innerlichen Zusammenbruch kommen,
aus dem sie allein nicht wieder herausfinden. Dann kann ein Kind zum
Beispiel aggressiv werden. Sind die begleitenden Menschen im Umgang nicht
geschult, kann es zu Überforderungssituationen kommen. Eltern werden dann
oft angerufen: „Holen Sie Ihr Kind bitte früher aus der Schule ab.“
Ecke: Es ist auch wichtig, für wie viele Stunden ein Schulbegleiter
gestellt wird. Sind es nur zehn pro Woche, steht er dann denn auch zur
Verfügung, wenn es eskaliert und ein Kind wegläuft?
taz: Wurde die Schulbegleitung reduziert?
Spallek: Ganz klar ja. Nach unserem Eindruck wurde erheblich reduziert. Gut
möglich, dass der Schulbehörde selbst nicht klar war, zu welchen
umfangreichen Kürzungen und Folgen ihre Maßnahmen führen würden. Oft traf
es die Falschen.
taz: Die Behörde beteuert, der Etat sei gar nicht gekürzt. Es ging nur in
diesem Jahr erstmals jede Entscheidung über ihren Schreibtisch.
Ecke: Die Frage ist: Haben sie dort wirklich jeden Einzelfall angeschaut,
oder wurde schulweise entschieden und pauschal gekürzt? Nach dem Motto:
Diese Schule hat 1.000 Stunden beantragt, sie kommt auch mit 300 Stunden
aus.
Spallek: Das Problem ist, dass die Behörde keine Transparenz schafft. Wir
haben nur Zahlen von ein paar Schulen. Auf unsere Fragen, was in welchem
Umfang bewilligt wurde, fehlt immer noch die Antwort.
taz: Es gibt auch eine Kürzung in der Qualität. Was sagen Sie dazu, dass
das Gros der Arbeit junge Freiwilligendienstler (FSJler) übernehmen sollen,
und zwar im „Pool“ für mehrere Kinder?
Spallek: Das wäre eine Katastrophe. Schon in der Vergangenheit [3][fehlten
ausreichend FSJler]. Sie sind zudem sehr jung und können schnell
überfordert werden, wenn sie mehrere schwerbehinderte Kinder gleichzeitig
betreuen sollen. Das sehe ich gerade in der Ferienbetreuung meines Sohnes.
Um auffällige Kinder wird sich zuerst gekümmert. Diese Aufmerksamkeit fehlt
dann bei Kindern, die dringend Unterstützung und Förderung brauchen, aber
ruhiger sind. Man muss mit manchen Kindern täglich das Laufen, selbständige
Essen oder den Toilettengang trainieren. Nichtsprechende Kinder wie mein
Sohn müssen Kommunikation über einen Talker erlernen. Wie beim Erlernen
einer Fremdsprache muss hier konsequent geübt werden, damit er sich später
auch mit Personen, die ihn nicht kennen, verständigen kann.
taz: Und das passiert nicht?
Spallek: Ich fürchte, die Kinder werden dann mehr verwaltet als gefördert.
Doch so erreichen sie ihre Bildungsziele nicht. Es gibt nur einen kurzen
Zeitraum, in dem die Kinder Grundlegendes erlernen, um in die
Selbstständigkeit zu kommen. Den müssen wir ausschöpfen. Sonst haben wir
später viel höhere Folgekosten – in der Eingliederungshilfe und für
Familien, wenn Eltern nicht mehr arbeiten können und in die Sozialhilfe
abrutschen.
taz: Die [4][Schulsenatorin] sagte, es gebe nicht weniger Geld. Stimmt das?
Ecke: Ja, es gibt für 2026/27 [5][vom Haushalt] her keine Kürzung. Mit 46
Millionen Euro sind noch mal mehr Mittel als zuletzt vorgesehen. Aber von
2028 bis 2030 sind durchgängig nur noch rund 40 Millionen Euro eingeplant.
Bisher haben wir rund 4.500 Schüler mit Schulbegleitung. Laut Senatorin
waren noch mal deutlich mehr Schüler angemeldet. Aber die Behörde plant ab
2027 beziehungsweise 2028 weiterhin nur noch mit 3.400 Fällen. Das ist der
Plan.
taz: In Hamburg wird die Schulbegleitung von der Stadt organisiert. Ist das
von Vorteil?
Spallek: Der Gedanke dahinter war gut. Die Schule nimmt den Eltern das
Antragsverfahren ab. Der große Nachteil: Die Eltern bekommen zurzeit keine
Mitteilung darüber, was die Schule für ihr Kind beantragt und was bewilligt
wurde. Es gibt keinen justiziablen Bescheid. Das erschwert es, sich zu
wehren, wenn sie der Ansicht sind: Das reicht nicht für mein Kind.
taz: Aber die Kinder haben ein [6][Recht auf Schulbegleitung] nach dem
Bundesteilhabegesetz. Sie geben [7][als Kreiselternrat Tipps], wie Eltern
klagen können. Ist das schon passiert?
Spallek: Definitiv. Aber es gibt unseres Wissens nach noch keinen
gerichtlichen Beschluss. Im Rahmen eines Eilverfahrens wird die Behörde um
Stellungnahme gebeten. Dann bieten sie oft die ursprünglich beantragte
Stundenzahl, aber nur bis zum 31. Januar 2027.
taz: Es sind bundesgesetzliche Leistungen. Das muss Hamburg zahlen?
Spallek: So wie ich die Behörde verstehe, waren die Anfragen so stark
gestiegen, dass die Kosten bei über 50 Millionen Euro gelegen hätten. Da
muss die Behörde genauer hinschauen. Aber der individuelle
Unterstützungsbedarf jedes Kindes muss sichergestellt und bezahlt werden.
Ecke: Diese Eingliederungshilfe trägt dazu bei, dass die Kinder einen
Schulabschluss erreichen oder lebenspraktische Dinge erlernen. Spart man
hier und die Kinder lernen das nicht, haben sie später ihr Leben lang einen
höheren Assistenzbedarf.
taz: Wieso ist der Bedarf an Schulbegleitung gestiegen?
Ecke: Früher, vor 2015, wurden diese Kinder größtenteils in Förderschulen
beschult. Heute besucht ein Teil der Kinder die Regelschulen.
Spallek: Das hat mit Inklusion zu tun, auf die Kinder laut
UN-Behindertenrechtskonvention ein Recht haben. Hier schlug Hamburg einen
guten Weg ein. Nun scheint sich das Meinungsbild etwas zu wandeln. Eine
andere Erklärung ist die bessere Diagnostik. Möglicherweise hat man früher
die Kinder auch nicht auf diese Bildungsziele bringen wollen und gesagt: Na
ja, dann kann er das eben nicht und wohnt später in der Wohngruppe. Da
brauchen wir Ursachenforschung.
taz: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Spallek: Dass man die Eltern mehr einbezieht. Mehr Ehrlichkeit. Und
vielleicht auch eine Entschuldigung. Viele Eltern waren über den Sommer
sehr verzweifelt. Da wünsche ich mir, dass die Behörde sagt: Wir haben was
nicht ganz richtig gemacht.
17 Aug 2026
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(DIR) [6] https://inklusive-schulbegleitung.de/rechtsanspruch-schulbegleitung/
(DIR) [7] https://ker-so.de/userfiles/downloads/260809%20Handlungsleitfaden_Schulbegleitung_Hamburg_%C3%BCberarbeitete%20und%20erweiterte%20Fassung.pdf
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(DIR) Kaija Kutter
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