# taz.de -- Inklusion in der Bildung: Hamburg spart bei Schulbegleitung
       
       > Eltern in Sorge: Weil zuletzt die Kosten stiegen, will Hamburg in der
       > Schulbegleitung Stunden kürzen und hauptsächlich Nichtqualifizierte
       > einsetzen.
       
 (IMG) Bild: Ob die Beeinträchtigung nun sichtbar ist oder nicht: Schulbegleitung ist essenziell
       
       In zwei Wochen beginnen in Hamburg die Ferien. Der Sohn von Arno G. kommt
       danach in die fünfte Klasse, auf eine neue Schule. Nur: Wie das klappen
       soll, ist dem Vater nicht klar. Sein Sohn ist Autist und braucht seinen
       [1][Schulbegleiter] Sebastian H. Der hat Lehramt studiert, arbeitet aber
       aus Überzeugung als Schulbegleiter. Aber ob er mitkommen kann? Oder ob er
       als zu teuer und qualifiziert gilt, obwohl er wenig verdient? Das ist nicht
       klar. Die bisher zuständigen Regionalen Bildungs- und Beratungszentren
       (ReBBZ) gingen nicht mehr ans Telefon, berichtet Arno G. „Die Entscheidung
       liegt jetzt bei der Schulbehörde.“
       
       Die zieht gerade den Zorn etlicher Eltern auf sich, weil sie die
       [2][Schulbegleitung] kürzt. Es gehe um „Anpassungen“, heißt es in einem
       Brief der Behörde vom 10. Juni an die Schulleitungen. Diese sind aber
       drastisch. Zum Beispiel liegt die „finale Entscheidung“, ob, welche und wie
       viel Begleitung gewährt wird, künftig „auf der ministeriellen Ebene“, also
       im Haus von Schulsenatorin Ksenja Bekeris (SPD). Und nicht mehr bei den
       regionalen Stellen, die derzeit nicht ans Telefon gehen.
       
       Außerdem wird nun pädagogisch gebildetes Personal nur noch in
       „Ausnahmefällen“ bewilligt. In der Regel soll Schulbegleitung von
       [3][jungen Menschen, die ein Freiwilliges soziales Jahr (FSJ)] machen, oder
       von sonstigen „sozial erfahrenen“ Kräften abgedeckt werden. Bisher gab es
       vier Kategorien: 1. FSJer, 2. sozial erfahrene Kräfte, 3. pädagogische
       Fachkräfte und 4. studierte Pädagogen. Und fand sich keine Kraft nach
       Kategorie 1 oder 2, konnte es eine Kraft der nächsthöheren Kategorie
       übernehmen. Solche „Umwandlungen“ soll es künftig nicht mehr geben.
       Stattdessen sollen die Kräfte, die schon vor Ort sind, dies kompensieren.
       
       Die taz hat nun gefragt, ob die Schulbehörde hier eine [4][Kürzung für den
       nächsten Haushalt] erfüllen müsse. Die antwortet: „Geplante
       Kürzungsanforderungen gibt es nicht.“ Die Berichte von Eltern sprechen
       allerdings dafür. So schilderte eine Mutter im NDR, dass die Begleitung für
       ihr körperlich und geistig behindertes Kind von 37 auf 15 Stunden pro Woche
       gekürzt wurde. „An den Schulen wird radikal gekürzt“, sagt auch Marietheres
       Spallek vom Kreiselternrat der Sonderschulen und der Regionalen Bildungs-
       und Beratungszentren. Leider halte die Schulbehörde die Zahlen noch zurück.
       Aber sie höre vom Elternrat einer Sonderschule, dass von 1.200 beantragten
       Stunden Schulbegleitung nur 400 bewilligt wurden.
       
       Ähnliches erfuhr Kristin L., Mutter eine Kindes mit Störungen im
       Austismus-Spektrum. „Mein Sohn ist von den vielen Reizen in einer Klasse
       mit 25 Kindern überfordert, da kann für ihn kein Lernen stattfinden“, sagt
       sie. Darum hat der Erstklässler einen Erzieher an seiner Seite, der mit ihm
       nach nebenan geht, wenn nötig. 38 Stunden wurden bisher dafür bewilligt und
       die Bedarfskonferenz vor Ort habe dies auch fürs nächste Schuljahr
       bestätigt. „Aber nun höre ich von der Schule, dass es nur 13 Stunden sein
       sollen.“
       
       Auch werde statt des Erziehers nur eine Kategorie-2-Kraft bewilligt. Der
       Wechsel des Begleiters, das schreibt der Verein „Autismus Hamburg“, ist für
       autistische Kinder „keine bloße Unannehmlichkeit“. Es könne Monate dauern,
       bis ein neues Vertrauensverhältnis entstehe.
       
       ## Ressourcen „gezielter“ einsetzen
       
       Die Schulbehörde gab derweil [5][eine Pressemitteilung] heraus, in der sie
       auf gewachsene Fallzahlen und Kosten verwies. So gab die Stadt 2014 noch
       6,75 Millionen Euro für 1.575 begleitete Schüler aus, 2025 waren es 42,25
       Millionen Euro für 4.011 Kinder. Im neuen Schuljahr setze man nun die
       Ressourcen nun „gezielter“ ein. Auch greife die Behörde eine Studie der Uni
       Oldenburg auf. Die habe eine klarere Aufgabenbeschreibung empfohlen.
       Schulbegleitung sei nur nachrangige Unterstützung und kein Bildungsangebot.
       Die Pädagogik stelle die Schule.
       
       In der Tat erhält eine Schule für Kinder wie den Sohn von Kristin L.s
       zusätzliche Stunden für Sonderpädagogik. „Aber es gibt zu wenige
       Sonderpädagogen. Diese Fachkräfte fehlen oft“, sagt die Mutter. Drum glaubt
       sie, dass auch die anderen Schüler leiden, wenn die Schulbegleitung gekürzt
       wird. „Es wird eine massive Unruhe entstehen, die alle am Lernen hindert.“
       
       Eine weitere Härte in dem Behördenbrief: Alle Schüler mit Förderbedarf in
       den Bereichen Lesen, Sprache und sozial-emotionale Entwicklung (LSE)
       erhalten im ersten Jahr gar keine Schulbegleitung. Bei ihnen will man
       schauen, ob nicht ausreicht, was es sonst an Unterstützung gibt. Erst wenn
       in diesem Jahr keine „angemessene Teilhabe“ gelingt, könne eine Begleitung
       erwogen werden.
       
       ## Eltern fühlen sich hingehalten
       
       Dieses volle Schuljahr ohne Begleitung sorgt für Empörung. „Das ist ein
       Jahr im Leben eines Kindes, das nicht wiederkommt“, sagt Kristin Alheit vom
       Paritätischen Wohlfahrtsverband. Dies treffe die Schwächsten. Wer sich
       Anwälte leisten könne, finde vielleicht einen Weg, sagt Alheit. „Alle
       anderen nicht.“ Auch [6][GEW], [7][Elternkammer] und die Linke kritisieren
       den neuen Kurs. Und „Autismus Hamburg“ [8][ruft für den 1. Juli zur Demo
       auf].
       
       Denkbar ist, dass Eltern klagen. Nach dem Bundesteilhabegesetz haben die
       Kinder ein Recht auf Schulbegleitung. In Hamburg ist das etwas
       komplizierter, denn im Schulgesetz ist verankert, dass die Schulen das
       organisieren. „Man hält die Eltern hin, sodass die Zeit bis zu den Ferien
       knapp wird“, sagt Elternvertreterin Spallek. „So wird es schwer, sich zu
       wehren.“
       
       Die taz fragte die Behörde, ob die Eltern noch vor den Ferien erfahren,
       welche Begleitung ihr Kind bekommt, und erhielt noch keine Antwort. Dafür
       erreichte Arno G. eine andere Nachricht. Der Träger, bei dem Sebastian H.
       angestellt ist, hat ihm und weiteren Mitarbeitern zu Ende Juli gekündigt.
       „Ich bin fassungslos“, sagt Sebastian H. zur taz. So wie er die Studie der
       Uni Oldenburg lese, sei es gerade wichtig, pädagogisch qualifizierte
       Schulbegleitung zu haben. „Und hier verlieren mit mir gleich 90
       qualifizierte Kräfte ihren Job.“
       
       28 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Unterfinanzierte-Inklusion-in-Hamburg/!5932674
 (DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/themen/inklusion/schulbegleitung-152652
 (DIR) [3] /Schulbehoerde-vertroedelt-Inklusion/!5880076
 (DIR) [4] /Rot-Gruen-beraet-ueber-Hamburger-Haushalt/!6189831
 (DIR) [5] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/veroeffentlichungen/pressemeldungen/schulbegleitung-in-hamburg-wird-weiterentwickelt-1191650
 (DIR) [6] https://www.gew-hamburg.de/themen/schule/2026-06/sparen-auf-kosten-von-kindern-mit-unterstuetzungsbedarf
 (DIR) [7] https://www.elternkammer-hamburg.de/2026/06/19/inklusion-braucht-unterstuetzung-elternkammer-hamburg-fordert-aussetzung-geplanter-aenderungen-bei-der-schulbegleitung/
 (DIR) [8] https://www.autismushamburg.de/kategorie/news/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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