# taz.de -- Verfemter Expressionist in Hamburg: Hamburgs Brücken als neuronales Netz
       
       > Eine Ausstellung im neuen Hamburger Kunstort Parabel ehrt den einst
       > verfemten Expressionisten und Druckgrafik-Revolutionär Rolf Nesch.
       
 (IMG) Bild: Liebevolle Hommage: das restaurierte Materialbild „Alster“ von 1958/59
       
       Dieses „Altarbild“ in der einstigen Kirche ist ein Paukenschlag. Das
       Materialbild „Alster“ fast alles zusammen, wofür der expressionistische
       Maler und Grafiker [1][Rolf Nesch] stand: die unverbrüchliche Liebe zur
       Wahlheimat Hamburg und die lebenslange Lust am Experiment mit Farbe und
       Form.
       
       Hinzu kommt die zögerliche Würdigung durch die Hansestadt, in der er von
       1929 bis zum Exil 1933 eine anerkannte Größe gewesen war. Denn „Alster“,
       eine 1958/59 entstandene idealisierte Ansicht der Hamburger Innenstadt mit
       Dampfern, Pontons, Häusern und liebevoll hinzugedichteten Figuren und
       Flaggen, war kein öffentliches Auftragswerk an den bereits international
       anerkannten Künstler.
       
       Auftraggeberin war die Firma Unilever. Die stellte das Werk lange am
       Hauptsitz in Rotterdam aus und bot es 2025 der Hamburger Stiftung
       Kunstsammlung Dr. Maike Bruhns an. Es war stark beschädigt und
       unverkäuflich.
       
       Die Stiftung übernahm es, denn das Bild hat Persönlichkeit: Obwohl 200 Kilo
       schwer, erinnert das riesige Querformat an lichte Venedigveduten des 18.
       Jahrhunderts. Mit Drähten und Metallplättchen bestückt, ist es schön
       haptisch und glitzert paillettengleich in etlichen Farben.
       
       Für Nesch muss das Bild eine materialisierte Erinnerung an seine angenehme
       Hamburger Zeit gewesen sein. Nachdem seine Werke vom NS-Regime als
       „[2][entartet]“ aus Ausstellungen entfernt worden waren, war er gleich 1933
       nach Norwegen geflohen.
       
       Jetzt ist Neschs „Alster“-Bild auf Initiative der Stiftung restauriert und
       nach Hamburg gebracht worden – an den Ort, dem es huldigt und an den es
       gehört. Sammlerin Bruhns möchte das als Appell verstanden wissen, das Werk
       dauerhaft an einem öffentlichen Ort zu zeigen.
       
       Die Ausstellung „Eine Lust, die tragisch wirkt. Rolf Nesch und Hamburg“
       nämlich hängt in einem privaten, von der Stiftung bespielten Ort: der
       [3][Parabel] in der einstigen St.-Nikodemus-Kirche in Hamburg-Ohlsdorf, in
       den 1950er Jahren im brutalistischen Stil gebaut.
       
       Der Name bezieht sich auf die Form des Baus, ist aber bewusst ambivalent.
       Aus Eigenmitteln haben die Kunsthistorikerin Maike Bruhns und ihre Söhne
       das denkmalgeschützte Gebäude zum Ausstellungsort umgebaut und im Mai 2025
       eröffnet. Dort zeigen sie unter anderem auch Bruns’ eigene Sammlung.
       
       Sie umfasst 2.500 Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Materialbilder von 350
       Hamburger verfemten KünstlerInnen. Bruhns war in den 1980ern eine der
       Ersten, die über die jüdische Malerin [4][Anita Rée] und weitere Mitglieder
       der Hamburgischen Sezession forschten. Die Gruppe löste sich 1933 auf, um
       dem vom Regime geforderten Ausschluss jüdischer KünstlerInnen
       zuvorzukommen.
       
       2001 gab Bruns, eine weitere Forschungslücke füllend, die beiden Bände
       „Kunst in der Krise“ über die Geschichte Hamburger Kunst in der NS-Zeit
       heraus. Es war das erste, bis heute maßgebliche Kompendium zum Thema.
       
       Da ist es konsequent, dass auch ihr Ausstellungsort Parabel oft Kunst im
       Kontext der NS-Zeit zeigt: „Im Abgrund – Terror, Gewalt und die Künste 1930
       bis nach 2000“ und „Dem Inferno entronnen. Kunst nach 1945 in Hamburg“
       hießen erste Ausstellungen. Eine weitere würdigte den verfemten
       Avantgardisten Franz Kaiser.
       
       Und jetzt also Rolf Nesch (1893–1975), der die Druckgrafik revolutionierte,
       indem er den Metalldruck und das „Materialbild“ erfand. Dabei ist Nesch
       kein typsicher Vertreter der „[5][Verlorenen Generation]“ – jener Künstler,
       die nach Verfolgung und Exil nach 1945 in Vergessenheit gerieten.
       
       Schon in seiner Hamburger Zeit entwickelte der bei Stuttgart geborene
       Nesch, Mitglied der Hamburgischen Sezession und gut vernetzt mit der
       regionalen Sammlerszene, eine neue Drucktechnik, nachdem er zufällig die
       Wirkung von Wegätzungen auf der Druckplatte bemerkt hatte.
       
       Fortan nutzte er die so entstehenden weißen Flächen, um Raumtiefe zu
       erzeugen, wie auf dem Porträt des Dirigenten Karl Muck, der sich ins grelle
       Licht hinein verbeugt. Auf einem anderen Blatt verstärkt die Weißfläche die
       Gnomhaftigkeit des gealterten Gesichts.
       
       Und dann hat Nesch natürlich St. Pauli gemalt, aber „nicht vom
       Amüsierstandpunkt aus, sondern aus schwer Zeit heraus, eine Lust, die
       tragisch wirkt“, wie er sagte. Entsprechend morbide erscheinen Arbeiten wie
       „Auf der Treppe“ mit einer grimassenhaften Prostituierten und einem halb in
       (ver)blendend grelles Weiß getauchten Freier. Der Weg zur Abstraktion war
       beschritten: Von der „Tänzerin“ bliebt fast nur das Kreisen ihrer Bewegung.
       
       In der Serie „Hamburger Brücken“, für Nesch ein neuronales Netz durch die
       Stadt, begann er mit dem neu entwickelten Metalldruck zu arbeiten, also
       Draht, Metall, Stoffe auf die Platte zu legen und mitzudrucken. Drahtspuren
       ergeben da stilisierte Brückenstreben; Elbbrückenbögen tanzen in eleganten
       Schwüngen.
       
       ## Gegen frieren hilft nageln
       
       Orte und Gegenstände bleiben dabei immer kenntlich: Auch die Pfeiler und
       Häuser des „Rödingsmarkts“ balancieren zwischen Konkretum und Abstraktion.
       Stilisierte Figuren erinnern teils an den bewunderten [6][Edvard Munch].
       
       Ihn hat Nesch in Oslo getroffen. Die erhoffte Freundschaft aber entwickelte
       sich nicht. Stattdessen werkelte Nesch im Exil fast mittellos weiter an der
       Erweiterung der Grafik in die Dreidimensionaliltät, an seinen
       Materialbilden. Sogar Nagelbilder hat er geschaffen, lange bevor Günther
       Uecker es tat. Das Hämmern soll ihn in Hunger und Kälte seines ersten
       prekären norwegischen Domizils warm gehalten haben.
       
       Politisch betätigte sich Nesch, von norwegischen Künstlern zunächst als
       Konkurrenz empfunden und von NS-freundlichen Kreisen um den Kollaborateur
       [7][Vidkun Quisling] beargwöhnt, nicht. Zwischen alle Stühle geriet er nach
       der deutschen [8][Besetzung Norwegens] im April 1940. Werke wie die an
       Kandinsky erinnernde Lithografie des „Heiligen Sebastian“ im Pfeilhagel
       verarbeiten 1941 den Krieg.
       
       1943 entdeckten ihn die Deutschen. Um der Einberufung zu entgehen, lief er
       vor eine Straßenbahn, überlebte schwer verletzt und mit lebenslangen
       Lähmungen. Bei seinem einstigen Freund, dem nun regimetreuen Hamburger
       Bürgermeister Carl Krogmann, setzte er sich für inhaftierte norwegische
       Widerstandskämpfer ein.
       
       Ihre Fürsprache wiederum ermöglichte ihm 1946 den Erwerb der norwegischen
       Staatsbürgerschaft. Es war eine bewusste Distanzierung von der deutschen
       Tätergesellschaft.
       
       ## Späte Würdigung in Hamburg
       
       Parallel wuchs die internationale Anerkennung, die prekären Zeiten waren
       vorbei. Dreimal nahm Nesch an der Documenta teil, einmal an der Biennale in
       Venedig. Norwegen und Schweden ehrten ihn für sein Lebenswerk. Im
       norwegischen Ort Ål, wo er von 1951 bis zu seinem Tod lebte, eröffnete 1993
       ein Nesch-Museum.
       
       Heute gilt Nesch als zweitwichtigster norwegischer Künstler nach Munch. In
       Hamburg indes galt er wenig. Erst 1956 verlieh man ihm dort den
       Lichtwark-Preis. Da war er längst international bekannt. Und während seine
       Werke – neben dem MoMA, dem British Museum und dem Nationalmuseum Oslo –
       längst im Münchner Lenbachhaus, der Staatsgalerie Stuttgart und der
       Hamburger Kunsthalle hängen, bleibt er in der Hansestadt, die ihn so
       sichtbar inspirierte, im Schatten.
       
       Die aktuelle Schau soll dem abhelfen. Der Metalldruck „Die Erbtante“ mag
       für dieses verhüllte Hamburger Kulturerbe stehen: Mit metallisch glänzendem
       Heiligenschein blickt uns ein maskenhaftes Gesicht entgegen, die Poren aus
       geriffelten Nagelköpfen. Um den Hals hat sie ein Tuch geschlungen, die
       Struktur aus feinem Draht. Eine gelungene Symbiose aus weicher Anmutung und
       hartem Material.
       
       25 Aug 2026
       
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