# taz.de -- Atomindustrie unter russischem Einfluss: Staatsgeheimnis Rosatom
       
       > Steigt der Kreml-Konzern in die Lingener Brennelementefabrik ein? Die
       > Antwort der Bundesregierung ist mau – womöglich wegen eines Deals mit
       > Macron.
       
 (IMG) Bild: Der Rosatom-Einstieg hat in Lingen schon im November 2024 Atomkraftgegner:innen auf den Plan gerufen – auch damals mit Putin-Puppe
       
       Im Streit um den Einstieg des russischen Staatskonzerns Rosatom bei
       Deutschlands [1][einziger Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen]
       mauert die Bundesregierung weiter. Scheinbar unbeeindruckt von neuen
       Anti-Atom-Protesten will sie die Öffentlichkeit nicht umfassend
       informieren. Das geht aus Antworten des für die Atomaufsicht zuständigen
       Bundesumweltministeriums unter Carsten Schneider (SPD) auf eine Kleine
       Anfrage der Linkenfraktion im Bundestag hervor, die der taz exklusiv
       vorliegt.
       
       Die Frage, ob sich CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz dazu bereits mit
       Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron „persönlich ausgetauscht“ habe,
       wird darin nicht beantwortet. Betreiber der Brennelementefabrik ist mit der
       Firma Advanced Nuclear Fuels (ANF) eine Tochter von Framatome, das wiederum
       ein Tochterunternehmen des hochverschuldeten französischen
       Energieversorgers Électricité de France (EDF) ist.
       
       Wegen Systemrelevanz war der EDF-Konzern, der allein für die Instandhaltung
       der jahrzehntealten französischen Atomkraftwerke (AKW) dreistellige
       Milliardensummen aufbringen muss, 2023 wieder vollständig verstaatlicht
       worden. Denn auch für den Bau der Atomwaffen der Force de Frappe,
       Frankreichs „nuklearer Abschreckungsstreitmacht“, gilt EDF als
       unverzichtbar. Macron bietet seinen europäischen Partnern seit Jahren an,
       im Rahmen einer „erweiterten Abschreckung“ zumindest zeitweilig [2][unter
       den Schutz des französischen Atomschirms] zu schlüpfen – und hatte
       [3][Deutschland erst Anfang vergangener Woche dabei einen
       „Schlüsselpartner“ genannt].
       
       Längst kursieren deshalb Gerüchte, nach denen der Kanzler bei Macron im
       Wort stehe, einen Rosatom-Einstieg in Lingen zu ermöglichen, um den mit
       massiven finanziellen Schwierigkeiten kämpfenden französischen
       Staatskonzern EDF zu stützen. Denn mit dem Argument, Atomkraftwerke
       russischer Bauart unabhängiger von russischen Brennstofflieferungen zu
       machen, plant die EDF-Tochter ANF eine lukrative Expansion nach Osteuropa –
       und will dazu ausgerechnet [4][auf das Know-How der russischen
       Staatsbehörde Rosatom zurückgreifen].
       
       ## Linke und Grüne: keine neuen Atomgeschäfte mit Rosatom
       
       „In einer Zeit, in der Russland Krieg gegen die Ukraine führt, darf
       Deutschland keine neuen Atomgeschäfte mit dem Staatskonzern Rosatom
       vorbereiten“, kritisiert Mareike Hermeier, Bundestagsabgeordnete der Linken
       und Mitinitatorin der Kleinen Anfrage.
       
       Denn dass ein Rosatom-Einstieg in Lingen angesichts zunehmender hybrider
       Angriffe Russlands auf Europa hochproblematisch ist, weiß auch die
       Bundesregierung: Auf Fragen Hermeiers und ihrer Fraktionskolleg:innen
       nach Sicherheitsbedenken wird zwar nur auf den erst im Dezember 2025
       veröffentlichten [5][„Bericht des Militärischen Abschirmdienstes für 2024“]
       verwiesen – doch der steckt voller Warnungen vor russischer Spionage und
       Sabotage.
       
       Das Bundesumweltministerium versucht deshalb, die Verantwortung für einen
       Rosatom-Einstieg in Lingen auf Niedersachsens grünen Umwelt- und
       Energieminister Christian Meyer abzuwälzen. Dessen Ministerium sei
       „zuständige Genehmigungsbehörde“, heißt es in der Antwort auf die Kleine
       Anfrage der Linken. Doch [6][Meyer hält seit Jahren dagegen]. „Geschäfte
       mit dem Kriegstreiber Putin sollten generell und gerade auch im sensiblen
       Atomsektor nicht gemacht werden“, sagte der Grüne am Freitag zur taz. Es
       sei „naiv zu glauben, Putin wolle der ANF über die enge Kooperation mit
       Rosatom lediglich helfen, osteuropäische Staaten unabhängig von Russland zu
       machen“.
       
       Nötig sei stattdessen, „osteuropäische Atomkraftwerke wirklich unabhängig
       von Russlands Einfluss zu machen“, fordert Meyer. Dass dies möglich sei,
       zeige der amerikanische Konzern Westinghouse. Der stelle in Schweden längst
       sogenannte hexagonale – also sechseckige – Brennelemente her, wie sie in
       AKW russischer Bauart benötigt werden. Beliefert werden damit nicht nur AKW
       in Osteuropa, sondern auch in der Ukraine – und das, betont Niedersachsens
       Umweltminister, „ohne russische Beteiligung und ohne russische Maschinen,
       Personal und Know-How“.
       
       ## Proteste gegen die Brennelementefabrik Lingen
       
       Am Ende, so heißt es aus Meyers Ministerium in Hannover, habe die
       Bundesregierung und damit Kanzler Merz das letzte Wort: „Der Bund ist
       gegenüber dem niedersächsischen Umweltministerium während des gesamten
       Prozesses weisungsbefugt“ – was auch das Berliner Bundesumweltministerium
       auf taz-Anfrage einräumt: Als „ultima ratio“ habe der Bund „ein
       Weisungsrecht nach [7][Artikel 85 Absatz 3 des Grundgesetzes]“.
       
       Gegen die Brennelementefabrik Lingen hatten ab Donnerstag auch
       Atomkraftgegner:innen protestiert. Genau wie Deutschlands einzige
       Urananreicherungsanlage im nordrhein-westfälischen Gronau, nur 50 Kilometer
       entfernt, verfügt die Fabrik trotz des deutschen Atomausstiegs über eine
       unbefristete Betriebsgenehmigung. Mit einer Putin-Großpuppe demonstrierten
       Anti-Atom-Initiativen wie [8][ausgestrahlt] oder [9][Bündnis AgiEL –
       Atomkraftgegner:innen im Emsland] vor dem Lingener Rathaus, am Freitag
       machten Aktivist:innen der Umweltschutzorganisation [10][Robin Wood]
       Druck für die sofortige Stilllegung der Atomanlage.
       
       Heftig kritisiert wurden Brennelementeproduktion und Urananreicherung auch
       am Samstag bei Protesten gegen die drohenden 152 Castor-Transporte, mit
       denen hochradioaktiver Atombrennstoff aus dem Forschungsreaktor Jülich
       mitten durch die Ballungsräume Nordrhein-Westfalens in das nur 60 Kilometer
       von Lingen entfernte Zwischenlager Ahaus gebracht werden sollen. Das
       nördliche Münsterland und das südliche Emsland bilden [11][Deutschlands
       größten bestehenden Atomcluster].
       
       Zu der Demonstration vor dem Ahauser Rathaus waren am Samstag rund 450
       Menschen gekommen. Der Rosatom-Einstieg in Lingen solle nur „das
       wirtschaftliche Überleben“ der Brennelementefabrik sichern, mahnte Matthias
       Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Gleichzeitig
       liefere der Gronauer Urananreicherer Urenco „angereichertes Uran via
       Südkorea für die Reaktoren in den Vereinigten Arabischen Emiraten –
       [12][mitten im Kriegsgebiet am Persischen Golf]“.
       
       Kerstin Ciesla, stellvertretende NRW-Landesvorsitzende des Umweltverbands
       BUND, warnte unter dem Stichwort „hybride Kriegsführung“ vor „Kampfdrohnen
       und Terrorgefahren“, deren Ziel die Castor-Transporte werden könnten. Nach
       [13][einem gescheiterten Eilverfahren] vor dem Oberverwaltungsgericht
       Berlin-Brandenburg prüfe der BUND jetzt weitere juristische Optionen, um
       gegen die Castor-Transporte vorzugehen. Ciesla fordert: Landes- und
       Bundesregierung müssten sich verpflichten, vor Beginn der
       Atommülltransporte „erst eine Entscheidung im Hauptverfahren abzuwarten“.
       
       8 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nukleare-Kooperation-mit-Russland/!6157251
 (DIR) [2] /Emmanuel-Macron-kuendigt-Aufstockung-von-Atomsprengkoepfen-an/!6159116
 (DIR) [3] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/atomschutzschirm-macron-macht-europa-nukleares-angebot,VCjucCL
 (DIR) [4] /Eroerterungstermin-zur-Atomfabrik-Lingen/!6048767
 (DIR) [5] https://www.bundeswehr.de/de/organisation/mad-bundesamt-fuer-den-militaerischen-abschirmdienst/mad-jahresbericht-2024-6045302
 (DIR) [6] https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/energieminister-meyer-der-einfluss-russlands-auf-den-atomsektor-in-deutschland-und-europa-bereitet-mir-grosse-sorgen-237252.html
 (DIR) [7] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_85.html
 (DIR) [8] https://www.ausgestrahlt.de/
 (DIR) [9] https://atomstadt-lingen.de/buendnis-agiel/
 (DIR) [10] https://www.robinwood.de/pressemitteilungen/atomausstieg-muss-gelingen-keine-deals-mit-putin
 (DIR) [11] /Zulieferer-fuer-Atomkraft/!6105175
 (DIR) [12] /Nachrichten-im-Iran-Krieg/!6160613
 (DIR) [13] /Niederlage-fuer-Umweltorganisation-BUND/!6159373
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Wyputta
       
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