# taz.de -- Leerstand und Eigenbedarf in Berlin: Auch kleine Haie beißen
> Eigenbedarf, Leerstand, Verfall: Der Fall eines privaten Vermieters in
> Berlin zeigt, dass nicht nur große Konzerne systematische Entmietung
> betreiben.
(IMG) Bild: Dach, Heizung und Sanitäranlagen sind kaputt: Mieter*innen der Straßburger Straße 42 vor dem Haus in Prenzlauer Berg
„Einmal stand das gesamte Haus fast leer“, erzählt Tim Propst*, der sich
mit zwei Mitbewohnern eine WG in der Mindener Straße 3 in Charlottenburg
teilt. Der 28-Jährige steht am Fenster seines Zimmers im Hinterhaus. Viele
Wohnungen seien damals gleichzeitig frei geworden. „Dabei könnte es hier
eigentlich sehr angenehm sein“, sagt er – wenn nicht der Vermieter die
Bewohner loswerden wollte.
Auf Propsts Schreibtisch liegt eine Räumungsklage [1][wegen Eigenbedarfs].
Ausgestellt wurde sie vom Hauptmieter der Wohnung, Sascha Kalb, der sich
darin auf ein befristetes Mietverhältnis und Eigenbedarf beruft. Laut
Handelsregister ist er gemeinsam mit seinem Vater Michael Kalb
Geschäftsführer der „Apios Fünfte Verwaltungsgesellschaft UG“, die einen
Großteil der Wohnungen in der Mindener Straße 3 besitzt. Bruder Mischa war
bis 2025 ebenfalls an der Unternehmensführung beteiligt.
Propst, der seit vier Jahren in der Mindener Straße 3 zur Miete wohnt und
vergangenes Jahr sein Architekturstudium beendet hat, bezweifelt, dass die
Befristung seines Untermietvertrags rechtmäßig war. Die
Apios-Unternehmergesellschaft habe auch in mehreren anderen Fällen mit
ähnlichen Befristungskonstruktionen, teilweise mit Kettenbefristungen,
gearbeitet, um „unbeständige Mietverhältnisse“ zu schaffen und regelmäßige
Mietsteigerungen durchzusetzen.
Unterlagen, die der taz vorliegen, bestätigen dies zumindest für einen
weiteren Fall. Tim Propst erläutert, Mietverträge anderer Wohnungen seien
mehrfach mit vage formulierten Eigenbedarfsankündigungen und
Sanierungsmaßnahmen über Jahre hinweg befristet worden, ohne dass die
Sanierungen jemals umgesetzt worden seien. Eine taz-Anfrage an Kalb blieb
unbeantwortet.
Der Berliner Mieterverein erklärt auf Anfrage der taz, dass solche
Konstellationen in der Praxis häufig keine zulässigen Zeitmietverträge,
sondern missbräuchliche Vermietungen „zum vorübergehenden Gebrauch“ seien.
Die Befristungen seien dann unwirksam, die Mietverhältnisse gälten
rechtlich als unbefristet.
Propsts Mitbewohner Niklas Schaefer* wohnt ebenfalls seit vier Jahren
befristet in der Mindener Straße 3 zur Miete. Das vergangene Jahr sei das
schlimmste gewesen, sagt er. Die Eigentümerfirma habe im August 2025 alle
befristeten Mietverträge im Haus auslaufen lassen: „Hier ist es schlagartig
ruhig geworden.“ Rund 15 Mietparteien mit Kettenmietverträgen seien in
kürzester Zeit ausgezogen. Nur die WG von Schaefer und Propst sowie eine
weitere WG im Vorderhaus hätten sich gegen den Auszug gewehrt.
Die beiden Mitbewohner werfen der Eigentümerfamilie vor, die leergezogenen
Wohnungen weder für den behaupteten Eigenbedarf zu nutzen noch zu sanieren.
Stattdessen seien einige bereits weiterverkauft worden, andere stünden seit
Jahren leer.
Eine Pressesprecherin des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf teilte der
taz mit, dem Bezirk sei in dem Objekt offiziell lediglich eine leerstehende
Wohneinheit seit 2022 bekannt. Das Leerstandsverfahren sei – Stand Februar
2026 – noch im Gange. Ein Blick auf die Briefkästen im Treppenhaus zeigt
allerdings, dass allein im Vorderhaus mehrere Briefschlitze namenlos sind.
## Nur eines von mehreren Unternehmen
Die „Apios Fünfte Verwaltungsgesellschaft UG“ mit Sitz [2][im Brandenburger
Steuerparadies Zossen] ist nur eines von mehreren Unternehmen, die Vater
Michael Kalb und seine Söhne Sascha und Mischa in wechselnden
Konstellationen führen. Recherchen in Handelsregister und
Unternehmensdatenbanken zeigen ein Netzwerk aus mindestens zwölf GmbHs und
UGs, an denen die Familie beteiligt ist, darunter mehrere Immobilien- und
Verwaltungsgesellschaften mit Sitz in Berlin und Brandenburg sowie in der
Rhein-Main-Region.
Während regelmäßig über die Immobilienriesen der Stadt und ihre
Vermietungspraktiken berichtet wird, bleiben kleinere Wohnungsunternehmer
häufig unbeachtet. Dabei zeigt das Beispiel der Mindener Straße 3, dass
auch sie mit systematischen Entmietungsstrategien arbeiten können.
In weiteren Berliner Häusern geht die Familie Kalb offenbar ähnlich vor.
Besonders gravierend ist wohl die Lage in der Straßburger Straße 42 in
Prenzlauer Berg: Hier kämpfen die Bewohner nicht nur gegen befristete
Mietverträge, sondern auch gegen den fortschreitenden baulichen Verfall des
Hauses. Eigentümerin ist laut Handelsregister die „Davalia
Grundstücksgesellschaft mbH“, als Geschäftsführer fungiert Michael Kalb,
Sohn Mischa assistiert als Prokurist. Auch hier blieb eine taz-Anfrage an
den Vermieter unbeantwortet.
Lisa Schultz* lebt seit acht Jahren in dem Haus nahe dem Senefelder Platz.
Der befristete Mietvertrag ihrer WG im Vorderhaus sei seither fünfmal
verlängert worden, erzählt die 31-jährige Archäologin. Sie erlebe das als
„einen Zustand permanenter Unsicherheit. Wir fühlen uns seit Jahren auf
Raten geduldet, aber nicht gewünscht.“ Zum 31. März 2026 soll der Vertrag
nun endgültig auslaufen. Als Begründung habe der Vermieter eine geplante
Kernsanierung angegeben.
## Undichte Dächer, defekte Heizungen
Das halten viele Bewohner für unglaubwürdig. Schultz berichtet, seit Jahren
seien keine ernsthaften Instandhaltungsmaßnahmen erfolgt. Stattdessen
vermuten die Mieter, die Wohnungen sollten leer verkauft werden. Nach
Angaben von Mietern seien dem Bezirk in der Vergangenheit Mietverträge
vorgelegt worden, deren tatsächliche Nutzung sie bezweifeln.
Das für Zweckentfremdung zuständige Bezirksamt Pankow antwortete der taz,
dass fünf leerstehende Wohnungen in dem Objekt bekannt seien. Die
Eigentümer seien aufgefordert worden, die Wohnungen wieder zu vermieten –
andernfalls drohe ein Zwangsgeld.
Sophie Goldschmidt* lebt seit 23 Jahren in dem Haus. Sie wirft dem
Vermieter vor, gegen grundlegende Pflichten zu verstoßen: „Hier verfällt
ein Haus und die Behörden sind machtlos“, sagt die Mieterin. Goldschmidt
zählt die Mängel auf: undichte Dächer, durch die Regen in die Wohnungen
dringt, defekte Heizungen und Warmwasseranlagen, monatelang nicht
reparierte Sanitäranlagen sowie herabfallende Putz- und Deckenteile in den
Fluren. Im Hof klafften ungesicherte Löcher, die Haustür lasse sich seit
Jahren nicht mehr richtig schließen.
„Man lebt hier permanent mit dem Gefühl, dass irgendetwas passieren kann“,
sagt sie. Die Eigentümerfamilie „aus dem Frankfurter Speckgürtel“ kenne die
Verantwortung, die mit dem Besitz von Wohnraum in dieser Stadt einhergehe,
nicht – und fühle sie erst recht nicht. Dem pflichtet Schultz bei. Wer für
den Zustand des Hauses verantwortlich ist, ist klar. Wer ihn ändern kann,
offenbar nicht.
* Namen geändert
5 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christoph Mayer
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(DIR) Eigenbedarf
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