# taz.de -- Umnutzung von Bürogebäuden: Schöner Wohnen im Großraumbüro
> Die Grünen wollen den Umbau von leer stehenden Büroflächen voranbringen.
> Vorbild ist ein Start-up, das Zwischennutzungen von Büros ermöglichen
> will.
(IMG) Bild: Private Box, öffentlicher Bereich: die Probewohnungen in den Sarotti-Höfen
Lucas Klug blickt auf die lichtdurchflutete Fabriketage der Sarotti-Höfe in
Kreuzberg. Mitten in dem ehemaligen Büroraum stehen zwei Würfel aus Holz
und Glas. Ein paar Quadratmeter für Bett und Kleiderschrank, gemütlich
eingerichtet. Die Fläche drumherum wirkt wie ein überdimensioniertes
WG-Wohnzimmer: Secondhand-Teppich, Couch und Tische aus Europaletten. „Ich
könnte mir vorstellen, hier zu wohnen. Es ist cool, hier was Neues
auszuprobieren.“
Der 25-jährige Content Creator ist gerade auf Wohnungssuche, vor einem
Monat hat seine WG eine Eigenbedarfskündigung erhalten. Nun ist er einer
der ersten Interessenten für die Testwohnung des Berliner Start-ups
Communits. Das Unternehmen will leer stehende Gewerbeflächen unkompliziert
und schnell in Wohnraum verwandeln und an junge Menschen, Studierende und
Auszubildende vermieten.
Die Testwohnung ist auch der ideale Ort für den grünen Spitzenkandidaten
Werner Graf, um das neue Konzept seiner Partei vorzustellen, wie die
Umwandlung von Büroflächen in Wohnraum gelingen kann. „Berlin hat kein
Flächenproblem, sondern ein Nutzungsproblem“, sagt Graf vor einer hölzernen
Wohnbox stehend.
[1][Fast zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen berlinweit leer,]
während es an bezahlbarem Wohnraum mangelt. Parteien von der Linken bis zur
CDU halten mittlerweile die Umwandlung von leer stehenden Büros zu Wohnraum
für eine gute Idee. Doch die Umsetzung scheitert in vielen Fällen an
rechtlichen Vorgaben, mangelnder Wirtschaftlichkeit und ideenlosen
Eigentümer:innen.
## Riesiges Potenzial
„Wir sehen ein riesiges Potenzial von bis zu 50.000 Wohnungen“, sagt Graf.
Um das Potenzial zu heben, schlagen die Grünen einen sieben Punkte
beinhaltenden Aktionsplan vor.
Eine Maßnahme ist, verwaltungsrechtliche Hürden für den Umbau abzubauen. So
stehen der Umwandlung in vielen Fällen langfristige Genehmigungsverfahren
im Weg. Die Umwidmung von Büro- in Wohnflächen erfordert viel Zeit und
Geld. So ist es in einem Gewerbegebiet nicht ohne weiteres möglich,
Wohnraum zu errichten, im schlimmsten Fall muss der gesamte Bebauungsplan
in einem jahrelangen Verfahren geändert werden. Auch erfüllen viele alte
Bürobauten nicht die Anforderungen an modernen Wohnungsbau.
Diese Erfahrung musste auch Communits machen. „Wenn wir die Etage zu
Wohnraum umwidmen wollten, bräuchte jeder Würfel ein eigenes Bad und
Küche“, erklärt Theresa Aschenbach, Rechtsexpertin des Unternehmens. Auch
sei die Nutzungsänderung nicht mehr reversibel – ein Schritt, der viele
Eigentümer:innen abschrecken würde.
## Wohnen auf Zeit
Das Unternehmen zielt stattdessen auf eine temporäre Zwischennutzung, mit
der Eigentümer:innen ihren Leerstand schnell und mit wenig Aufwand
beheben können. Damit leistet das Start-up vor allem rechtliche
Pionierarbeit.
„Wir haben bislang keine Nutzungskategorie, die zu dieser Wohnform passt“,
erklärt Aschenbach. Nach derzeitiger Rechtslage wäre eine maximale
Wohndauer von 6 Monaten möglich, was selbst für die Zielgruppe der
Studierenden und Azubis zu kurz wäre.
Abhilfe könnte der Senat mit einer simplen Rechtsverordnung schaffen, etwa,
indem er die Nutzungsdauer auf 2 Jahre verlängert. Möglich wäre auch ein
eingebauter Mietendeckel, um Abzocke wie beim möblierten Wohnen zu
vermeiden, schlägt Geschäftsführer Alexander Wolf vor. Communits plant, die
Würfel für maximal 500 Euro warm anzubieten, inklusive des großzügigen
Gemeinschaftsbereichs.
Die Grünen wollen noch weiter gehen und die aktuelle Bauordnung zu einer
Umbauordnung überarbeiten. [2][Schon lange fordern Klima- und
Architekturverbände den Umbau im Bestand deutlich zu erleichtern.]
Gleichzeitig soll Abriss nur noch in Ausnahmefällen erlaubt werden. „Die
ökologische Frage ist zentral. Wir müssen den Gebäudebestand, den es gibt,
auch nutzen“, sagt Graf.
## Große Pläne
Aktuell testen Wolf und seine Kolleg:innen noch in der Kreuzberger
Fabriketage, welcher Wohnwürfeltyp sich am besten eignet. Schon bald sollen
Testbewohner:innen wie Lucas Klug einziehen.
Es gebe bereits Gespräche mit der IHK, die sich vorstellen kann,
wohnungssuchende Auszubildende in dem Modell unterzubringen und zahlreichen
Eigentümer:innen, die ihre leer stehenden Büroflächen nicht loswerden.
Bereits für nächstes Jahr plant Wolf, 5.000 Wohneinheiten in leer stehenden
Büros zu errichten, 2028 sollen es schon 30.000 sein.
Damit Umbau funktioniert, müssen viele Beteiligte an einen Tisch:
Verwaltung, Eigentümer:innen und zukünftige Nutzer:innen. Um die
Kommunikation zu erleichtern, will Graf eine Umbau- und Umnutzungsagentur
gründen. Vorbild ist Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause, der eine
ähnliche Agentur nach seinem Wahlsieg im Mai eingerichtet hat.
Die Agentur soll zentrale Anlaufstelle und Ansprechpartner für den Umbau
sein. Das Problem bei vielen Immobilien sei, dass sich die Anforderungen
stark unterscheiden würden, sagt Graf: „Ein Modell passt nicht in alles
hinein.“ Manche Büros seien zu tief und zu dunkel für eine Zwischennutzung
wie bei Communits und bräuchten stärkere Umbaumaßnahmen. Hierfür gebe es
dann wiederum andere rechtliche Voraussetzungen und Fördermöglichkeiten.
Über all dies könnte eine Umbauagentur informieren und beraten.
## Baustopp für Hochhäuser
Der Vorschlag der Umbauagentur fand zuletzt auch bei CDU-Spitzenkandidat
Stefan Evers Anklang, der die Idee Anfang August in einem Interview mit der
Morgenpost befürwortete. Auch der Bund setzte erst im Juni einen 300
Millionen schweren Fördertopf für den Umbau von Büros auf. SPD und
[3][Linke] würdigen den Umbau von Büros mit einigen Absätzen in ihren
Wahlprogrammen.
Beackern die Grünen hier also nur das womöglich unkontroverseste Thema des
Wahlkampfes? Mitnichten, denn gegen Ende wird der Maßnahmenplan noch etwas
radikaler. So fordern die Grünen einen kompletten Planungsstopp für reine
Bürogebäude. Damit wären ganze 50 der insgesamt 94 in Planung befindlichen
Hochhäuser in Berlin betroffen.
Eine Forderung, die weder CDU noch SPD gefallen dürfte. „Die Betonfantasien
der 90er können wir in der Klimakrise nicht weiter bedienen“, sagt Graf.
26 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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