# taz.de -- CSD-Saison geht in Brandenburg weiter: „Der CSD in Rathenow wird in jedem Fall stattfinden!“
       
       > In Brandenburg geht die CSD-Saison nach dem Attentat in Berlin weiter.
       > Wie ist die Stimmung im Nachbarland? Lars Bergmann von AndersARTIG gibt
       > Auskunft.
       
 (IMG) Bild: Am 29. August feiert Königs Wusterhausen und Ludwigsfelde CSD – genauso wie im Mai in Potsdam
       
       taz: Herr Bergmann, Sie arbeiten für den [1][Landesverband AndersARTIG],
       einen Dachverband regionaler und überregionaler Gruppen und Vereine von und
       für Lesben, Schwule, Bisexuelle & Trans* im Land Brandenburg. Wie ist die
       Stimmung nach dem [2][CSD-Attentat in Berlin]? Können Sie das einschätzen? 
       
       Lars Bergmann: Bei uns trifft sich das Brandenburg-weite CSD-Netzwerk
       einmal monatlich, dadurch habe ich einen relativ guten Überblick, wie es
       aussieht. Auf der einen Seite gibt es viel Fassungslosigkeit und Trauer.
       Auf der anderen aber auch eine Jetzt-erst-recht-Haltung. Die Menschen
       überlegen auch, was das für ihre persönliche Sicherheit bedeutet, und hier
       in Brandenburg bezieht sich das eher auf Übergriffe von rechter Seite. Auf
       der aktivistischen Ebene heißt es: Wir weichen nicht zurück, sonst haben
       diejenigen, die uns unsichtbar machen wollen, gewonnen.
       
       taz: Am 29. August stehen in Brandenburg die nächsten CSDs statt, in Königs
       Wusterhausen und Ludwigsfelde. 
       
       Bergmann: Auf beiden CSDs liegt gerade unser Fokus. Königs Wusterhausen
       feiert Premiere und der CSD in Ludwigsfelde findet dieses Jahr schon zum
       zweiten Mal statt, da werden es im vorigen Jahr 500 bis 600 Leute gewesen
       sein.
       
       taz: Was denken Sie, kommen nach dem Attentat in Berlin diesmal mehr
       Menschen nach Ludwigsfelde? 
       
       Bergmann: Na ja, sagen wir mal so: Ludwigsfelde und KW liegen im
       Speckgürtel von Berlin und ziemlich nah beieinander. Sie machen sich wegen
       desselben Termins wahrscheinlich ein bisschen die Teilnehmenden streitig.
       Ich würde schon sagen, dass es eine erhöhte Aufmerksamkeit gibt und
       sicherlich noch mal mehr Leute angezogen werden als ohne dieses
       bedauerliche und traurige Unglück in Berlin.
       
       taz: Ich kann mir vorstellen, dass viel mehr unterstützende Queers aus
       Berlin und anderen Regionen anreisen, um ein Zeichen der Solidarität zu
       setzen, oder?
       
       Bergmann: Wir haben eine große Solidaritätswelle aus der Hauptstadt in
       Richtung der ländlichen CSDs schon im vorigen und auch in diesem Jahr
       erlebt. Und das wird sicherlich jetzt nicht abbrechen, sondern im Gegenteil
       mehr werden, weil hier in Brandenburg die ersten CSDs in der Region nach
       dieser ganzen Tragödie stattfinden. Das wird bestimmt viele bewegen, sich
       in den Zug zu setzen.
       
       taz: Am 12. September soll der CSD in Rathenow stattfinden. Dem CSD wurden
       Fördergelder aus einem Bundesprogramm gestrichen. Es handelt sich um eine
       kleine Summe von rund 2.500 Euro. Für ein Projekt wie den CSD in Rathenow
       ist das aber ein entscheidender Teil, der zur Finanzierung beiträgt.
       
       Bergmann: Was heißt entscheidender Teil, für Rathenow war das alles an
       Förderung. Das Orga-Team in Rathenow hat das gemacht, was sie im Vorjahr
       auch getan haben: Sie haben einen Antrag bei der „Partnerschaft für
       Demokratie“ gestellt. Und plötzlich gibt es ein Nein zum Antrag.
       
       taz: Wissen Sie, warum? 
       
       Bergmann: Der ablehnende Bescheid ist ein vorläufiger Endpunkt einer
       Entwicklung, die wir im Bereich der „Partnerschaften für Demokratie“ ganz
       allgemein sehen. Auch unser Projekt ist zu Teilen aus diesen Mitteln
       finanziert. Und obwohl wir den Antrag schon im letzten Jahr gestellt haben,
       gibt es bis heute keine Bewilligung. Das ist ein Anzeichen dafür, dass
       [3][der Umbau des Bundesprogramms „Demokratie leben“] jetzt tatsächlich
       auch in der Fläche ankommt.
       
       taz: Man könnte sagen, dass die Zügel angezogen werden. 
       
       Bergmann: Diese neue Ausrichtung führt dazu, dass man genauer hinguckt, was
       gefördert wird. Und es war schon immer so, dass politische Veranstaltungen
       als solche nicht förderfähig sind. Und man hat sich jetzt eben dazu
       entschieden, die CSDs auch als vordergründig politische Veranstaltungen zu
       werten, obwohl es nun mal sozusagen der Hauptausdruck der queeren Community
       für Sichtbarkeit ist. Das alles ist allen schon lange bekannt. Und das
       Ärgerliche ist aber, dass das so kurz vor dem Termin entschieden wurde. Das
       ist für ein ehrenamtliches Orga-Team, das sind alles Leute aus dem Kinder-
       und Jugendparlament in Rathenow, kaum aufzufangen.
       
       taz: Wie ist der Stand der Dinge? Findet der CSD in Rathenow statt? 
       
       Bergmann: Der CSD in Rathenow wird in jedem Fall stattfinden! Die
       Rathenower haben sich an uns gewandt, weil wir in Brandenburg im letzten
       Jahr einen Pride-Förderfonds aus Spendenmitteln aufgelegt haben. Für genau
       solche Situationen. Wir können den Ausfall der Förderung also auffangen.
       Eine jetzt gestartete Spendenkampagne läuft ziemlich gut. Also ja, Rathenow
       ist gesichert. Der stand auch zu keiner Zeit wirklich infrage. Aber es ist
       ärgerlich, dass diese Fördermöglichkeit nun wegbricht.
       
       taz: Ihr Landesverband AndersARTIG springt in die Bresche, das ist schön. 
       
       Bergmann: Wir und auch ein Stück weit das Brandenburger Sozialministerium,
       das einen Teil übernommen hat. Man kann sagen: Land und Zivilgesellschaft
       sorgen gemeinsam dafür, dass der CSD nicht ausfallen muss.
       
       taz: Am 19. September finden gleich drei Pride Paraden statt, der CSD
       Oberhavel in Hennigsdorf – hier zum ersten Mal –, und der CSD Bad Belzig
       und der CSD Teltow-Fläming in Jüterbog. Sie sind mit allen im Gespräch.
       Gibt es veränderte Sicherheitsvorkehrungen? 
       
       Bergmann: Die Sicherheitsfrage beschäftigt uns schon seit vorigem Jahr,
       [4][als Neonazis das Fest „Bad Freienwalde ist bunt“] überfielen. In jedem
       Treffen mit den Orga-Teams der CSDs ist die Sicherheit das beherrschende
       Thema. Jetzt noch stärker. Aber das ist letzten Endes wie immer auch eine
       Ressourcenfrage. Wenn man Security einkauft, kostet das richtig viel Geld,
       das wir alle nicht haben.
       
       taz: Und die Brandenburger Polizei? 
       
       Bergmann: Wir haben einen ziemlich guten Kontakt zur Polizei, die das gut
       auf dem Schirm hat und ziemlich kooperativ ist. Man muss einerseits
       schauen, wie die Gefahrenlage vor Ort ist. Mit der Polizeibehörde muss man
       abklären, ob daraus möglicherweise zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen sind.
       
       taz: Und andererseits? 
       
       Bergmann: Da muss man die An- und Abreise der Demonstrierenden sichern. Und
       da ist nicht die Landespolizei, sondern die Bundespolizei zuständig, wegen
       der Schienenwege. Ein dickes Brett. Man stelle sich vor: Queers und Nazis
       fahren in einem Zug zur Demo beziehungsweise Gegendemo. Wir hatten das
       dieses Jahr in Eberswalde. Und auch letztes Jahr, als im Zug vom CSD in
       Bautzen zurück nach Berlin Nazis und Queere nur dank einer engagierten
       Schaffnerin nicht aneinander gerieten, weil sie einfach den Durchgang
       zwischen den Wagen zusperrte. Es liegt ja im eigenen Interesse des
       Zugunternehmens, dass sie an diesen Tagen auch ihre eigene Security
       aufstocken. Und das Thema hat nun eine ganz andere Dynamik durch die
       Vorfälle in Berlin bekommen.
       
       taz: Am 18. August findet in Berlin ein großes Benefizkonzert im Gedenken
       an den CSD-Anschlag und für den guten Zweck statt, von Baran Kok initiiert.
       Braucht es solche Solidaritätsbekundungen? Oder braucht die queere
       Community nicht etwas ganz anderes? 
       
       Bergmann: Jede Aufmerksamkeit, die auf die Belange der queeren Communitys
       gerichtet ist, ist erst mal gut, weil das eben sehr oft unter den Tisch
       fällt. Das mag man in Berlin vielleicht nicht so wahrnehmen, aber im
       ländlichen Raum ist das eine ganz andere Hausnummer. Insofern ist
       Aufmerksamkeit total wichtig. Was es aber vor allem braucht – und das ist
       weniger eine Forderung an die Gesellschaft als an die Politik – ist eine
       glaubwürdige Haltung und Einstellung dazu, die sich in einem konsistenten
       politischen Handeln ausdrückt und darin, dass zum Beispiel dem queeren
       Netzwerk Lambda die Mittel nicht gestrichen und die „Partnerschaften für
       Demokratie“ geschreddert werden.
       
       Spenden für den CSD Rathenow sind über den Landesverband AndersARTiG e. V.
       möglich, hier alle Informationen und Bankverbindung: [5][andersartig.info]
       
       12 Aug 2026
       
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