# taz.de -- Erbaut auf Ausbeutung: Protziges Paris
> Prachtvolle Gebäude in Frankreichs Hauptstadt sind kein Zeugnis goldener
> Zeiten. Damals wie heute: Reichtum entsteht durch Unterdrückung.
(IMG) Bild: Paris, ein wenig protzig
„Ich kann mir schöne Gebäude nicht lange angucken. Ich frage mich
irgendwann, wer sie gebaut hat und woher die Steine kamen“, sagt J., mit
ihren gebräunten Beinen auf der Kaimauer. Früher Abend am Canal
Saint-Martin im 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Vor den
Straßencafés quetschen sich die schönen Menschen auf bunte Rattanstühle.
Auf einer Brücke spielt jemand einen Swing von Django Reinhardt und alles
schreit laut Klischee in den königsblauen Himmel.
Ich bin für einen Sprachkurs in Paris. Das letzte Mal war ich vor vielen
Jahren hier, erinnere mich noch an das Hotelzimmer, in dem wir rauchen
durften und an die Menschen in arabischen Gewändern an der Rezeption. Ob es
das Hotel noch gibt, weiß ich nicht. Und auch wenn heute alles zu teuer und
schick ist, muss ich zugeben, dass die Stadt wirklich so malerisch aussieht
wie auf den Postkarten, wie Van Goghs Sternenhimmel über der Seine im Film
[1][„Midnight in Paris“] von Woody Allen.
Und überall stöhnt der Geist von Befreiung und Aufklärung. Meine kleine
Wohnung ist nicht weit von der Place de la Bastille entfernt, wo am 14.
Juli 1789 die gleichnamige Festung von Revolutionären gestürmt wurde – der
Tag, der das moderne Frankreich einläutete, heute Nationalfeiertag. Sogar
das runtergerockte Café mit den üblichen Schnapsnasen an der Ecke heißt
Liberté.
Doch wie ich damals in der Uni in den komplizierten Texten Saids, Spivaks
und Fanons lernen durfte, sollte ich dem allen lieber nicht trauen. Der
langjährige Wahlpariser [2][Achille Mbembe] mahnte immer wieder die
„Nachtseite“ der europäischen Moderne an, die Kolonisierten und Sklaven,
die auf den Plantagen der Peripherie des Imperiums die bürgerliche Freiheit
im Zentrum erschufteten.
## Kolonien gibt's nicht mehr, die Machtstrukturen schon
Denn das Leben der französischen Arbeiter:innen, die den Pariser Prunk
erbauten, änderte sich auch nach dem Fall des Ancien Régime, das sie bis
aufs Blut besteuert hatte, kaum. Erst unter Napoleon III. begann man, ihnen
Zugeständnisse zu machen – und die Ausbeutung nach Afrika und in die
Karibik auszulagern.
Im formal dekolonisierten Heute haben sich, wie Mbembe sagt, Plantage und
Kolonie ironischerweise verlagert „und ihre Zelte direkt hier, vor den
Stadtmauern (in den Banlieues) aufgeschlagen“. Verlässt man das aufgeräumte
Paris, wo sich die Spitzenverdienenden tummeln, Richtung Norden, schließen
sich nahtlos die zugemüllten Straßen des bitterarmen Saint-Denis an. Fast
alle hier haben eine Migrationsgeschichte, jeder dritte ist nicht in
Frankreich geboren.
Klar, auch das Paris von heute ist multikultureller als je zuvor. Doch noch
immer dürfen nur die mit dem nötigen Kleingeld rein ins Innere. Und es sind
die Kindeskinder der Kolonisierten, die auf den Gerüsten die majestätischen
Fassaden bepinseln.
Manchmal frage ich mich: Was mache ich als Europäer aus all der
Dekonstruktion? Was kommt, wenn ich die Machtstrukturen hinter dem Pomp,
den hippen Restaurants und den breiten Fahrradwegen erkannt habe? Es ist
kompliziert, würde Mbembe vielleicht sagen. Für offene Grenzen und freie
Passage einzutreten, wäre für ihn wohl ein Anfang.
## Nur die Küche hat überlebt
M., der Chilene, in dessen Wohnung ich tauschweise wohnen darf, hat mir ein
PDF mit dem Titel „Le Parisien“ geschickt, in dem er mir die besten
Croissants im Viertel ans Herz legt und vor der bösen Katze im Hinterhof
warnt, die durchs Badezimmerfenster einsteigt und in die Wohnung uriniert.
Er empfiehlt auch ein hervorragendes Bistro direkt um die Ecke.
Falls das zu teuer sein sollte, könne ich auch eine der Bouillons
ausprobieren, alteingesessene Ess- und Trinkhallen, die günstig deftige
Gerichte servieren, von der Küche der Arbeiter:innenklasse inspiriert
– „[3][aus Zeiten, als sie noch in Paris wohnen durfte]“. M. erlaubt sich
kleine Scherze.
14 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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