# taz.de -- Helmpflicht in Frankreich: Schluss mit „oben ohne“
> In Paris wird eine Helmpflicht für E-Scooter eingeführt. Aus
> Sicherheitsgründen. Auch sonst greift Frankreich verkehrspolitisch härter
> durch.
(IMG) Bild: Rolling by the river: Trotz Helmpflicht in Frankreich sind viele Scooter-Fahrende weiterhin ‚oben ohne‘ unterwegs
Helm, Warnweste oder anderweitig reflektierende Kleidung: Dieses Outfit
schreibt Paris, Hauptstadt der Haute Couture, ab sofort Fahrer:innen
eines E-Scooters vor. Bereits seit 2023 gibt es dort aufgrund von hohen
Unfallzahlen und rücksichtslosem Nutzungsverhalten keine E-Scooter mehr zu
leihen, private Geräte blieben jedoch erlaubt. Trotzdem kam es 2025 zu mehr
als 1.100 schweren Unfällen, 79 davon endeten tödlich. Wer gegen die
Helmpflicht verstößt, muss mit einem Bußgeld von 135 Euro rechnen.
Herumgesprochen hat sich die neue Regelung allerdings noch nicht. Einem
jungen Mann auf dem Marktplatz eines Pariser Randbezirks muss das Gesetz
erst noch erklärt werden, bevor er antwortet, er finde es gut, glaube aber
nicht, dass das jemand kontrollieren werde. Währenddessen fährt ein Mann
auf einem E-Scooter vorbei. Ohne Helm. Kurz darauf scootet eine Frau
vorbei, ebenfalls ohne Helm.
Der junge Mann scheint nicht ganz falsch zu liegen mit seiner These, denn
zumindest hier ist niemand von der fehlenden Schutzausrüstung irritiert.
Eine Anwohnerin ist trotzdem froh über das Gesetz. Es sei gut, Regeln zu
haben, denn der Gebrauch der Scooter sei in so einer eng besiedelten Stadt
gefährlich. Doch auch sie glaubt, dass gerade junge Leute über die Regelung
höchstens lachen werden.
Auch wenn es an der Umsetzung der Helmpflicht mangelt, lässt sich schnell
feststellen: Frankreich traut sich zu verbieten und vorzuschreiben. Während
in Deutschland hitzige Diskussionen entstehen, etwa wenn man über
Tempolimits oder Kurzstreckenflüge spricht, werden in Frankreich
klimapolitische und gesellschaftlich neue Regelungen immer wieder basierend
auf vorliegenden Daten getroffen. So sind unter anderem Inlandflüge für
Strecken, die sich innerhalb von zweieinhalb Stunden auch mit dem Zug
erreichen lassen, seit 2023 verboten. Das ist zumindest ein kleiner Vorstoß
in Richtung eines generellen Verbotes von Kurzstreckenflügen, das in
Deutschland noch auf sich warten lässt und aus ökologischer Sicht sinnvoll
wäre.
## Die Wähler:innen wollen noch weniger Autos
Am Wahlverhalten der Bewohner:innen französischer Städte zeigt sich,
wie wichtig ihnen Klimaschutz und Sicherheit im Straßenverkehr sind: So
werden die Großstädte Straßburg, Paris, Lyon und Marseille von den Grünen
oder den Sozialisten regiert. Im Alltag macht sich das an
verkehrsberuhigten Innenstädten, Tempo 30 und dem Ausbau der Radwege
bemerkbar. In Lyon sank die Zahl der Verkehrsunfälle nach Einführung des
Tempolimits um 35 Prozent, schwere Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten und
Toten gingen binnen zweier Jahre um 39 Prozent zurück.
Die Verkehrswende in der französischen Hauptstadt wird seit 2014 unter der
damaligen sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo umgesetzt. In dieser
Zeit wuchs das Radnetz von rund 700 Kilometern auf etwa 1.500 Kilometer, im
gesamten Stadtbereich gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h,
Zehntausende Parkplätze wurden entfernt, für SUVs wurden die Parkgebühren
drastisch erhöht. Vor Hunderten Schulen wurden die Straßen verkehrsberuhigt
oder komplett autofrei gemacht, um Kindern sichere Schulwege und mehr
Aufenthaltsqualität zu bieten.
Und die Pariser*innen wollen noch mehr: Bei Bürgerbefragungen im Jahr
2025 stimmten Mehrheiten für Hunderte weitere verkehrsberuhigte Quartiere
im Stadtgebiet.
Der seit März 2026 amtierende Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire,
ebenfalls von der sozialistischen Partei, will diese Politik fortführen. In
der deutschen Hauptstadt steht im September die Wahl zum Abgeordnetenhaus
an. Ob sich ein:e Bürgermeisterkandidat:in mit ökologischem
Stadtentwicklungsfokus durchsetzen wird, ist derzeit noch offen.
10 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Sølvi Nymoen
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Verkehrspolitik
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Verkehrssicherheit
(DIR) Kolumne Freidrehen
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Lyon
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Unfallforschung der Versicherer: Aggressionen im Straßenverkehr nehmen erneut zu
Das Klima im Straßenverkehr wird rauer, immer mehr Menschen verhalten sich
aggressiv. Helfen können nicht nur schärfere Kontrollen.
(DIR) Erbaut auf Ausbeutung: Protziges Paris
Prachtvolle Gebäude in Frankreichs Hauptstadt sind kein Zeugnis goldener
Zeiten. Damals wie heute: Reichtum entsteht durch Unterdrückung.
(DIR) Stadtforscher über neue Mobilität: „Es ist unrealistisch, am Autosystem festzuhalten“
Fahrverbote und Tempolimits: Eine französische Organisation hat einen Plan
für weniger Autoverkehr enwickelt. Ein Forscher erklärt, wie es gehen soll.
(DIR) Verkehrswende in Paris: Reise nach Utopia
Ein Besuch der Grünen in Paris zeigt: Der Stadtumbau ist machbar, wenn man
denn nur will. Berlin könnte viel von der französischen Hauptstadt lernen.
(DIR) Verkehrsberuhigung in Städten: Langsam, aber sicher
Nach zwei Jahren Tempo 30 zieht Lyon ein positives Fazit. Die Anzahl der
Verkehrsopfer reduzierte sich nach der Geschwindigkeitsbegrenzung.