# taz.de -- Wasservergeudung bei Reit-WM: Wasser marsch!
       
       > Obwohl es für Monate fast nicht regnete, wird die Reit-WM auf saftig
       > grünen Wiesen zelebriert. Möglich macht's eine umstrittene
       > Behörden-Erlaubnis.
       
 (IMG) Bild: Nicht nur im Reit-WM-Stadion sprießt grün das Gras, auch auf dem Gelände außerhalb, das an zwei halben Tagen genutzt werden soll
       
       Wir reden nicht vom Stadion, wo die Wettkämpfe der Reit-Weltmeisterschaft
       (bis 23. August) am Dienstag mit 90 piaffenden Pferden im Dressurviereck
       begonnen haben. Sondern von der weiten Geländestrecke außerhalb, an die 40
       Fußballfelder groß. Saftig und wohlgenährt grün sprießt das Gras in die
       Höhe, zu riesigen feinen Galoppteppichen gestutzt. Werden das tolle Bilder,
       auf Instagram und im Fernsehen beim „Medienpartner WDR“!
       
       Drumherum ist auch in der Aachener Soers alles bemitleidenswert
       ausgetrocknet, gelb und braun, die Böden sind steinhart. Bäume werfen im
       Hitzestress schon seit Juli Laub ab. Nebenan verdorren Feldfrüchte in
       Massen, voran die Zuckerrüben. Seit zwei Monaten hat es kaum geregnet.
       [1][Im Juli gab es genau 5 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge.]
       
       Woher kommt dann diese grüne Großoase, die ab Samstag an zwei halben Tagen
       genutzt wird? Der WM-Veranstalter Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV)
       holt sich das nötige Wasser aus dem angrenzenden Wildbach, einem
       dahindümpelnden Wässerchen von kaum 2 Metern Breite. Eine massive Pumpe
       steht auf einem Anhänger mit dem amtlichen Kennzeichen AC LA 1898. Das
       steht für Aachen-Laurensberg und das Gründungsjahr des ALRV.
       
       Rohre mit 160 Millimetern Innendurchmesser sind in die Erde und in den Bach
       eingelassen und führen dann in Richtung Geländeparcours, wo sie für den
       künstlichen Naturrasen sorgen. Kapazität: hochgerechnet 3.000 Kubikmeter
       Wasser am Tag.
       
       ## Vertretbare Nutzung vonseiten der Stadt
       
       Ist das viel? Es entspricht fast 10 Prozent des Aachener Verbrauchs pro Tag
       (wobei man indes zwischen Trink- und Bachwasser unterscheiden muss). Aber
       vor allem: Ist das im Rekordhitzesommer legal und angemessen? Die Stadt
       sagt: Ja. „Für die Wasserentnahme liegt eine wasserrechtliche Erlaubnis der
       Unteren Wasserbehörde vor.“ Das sei eine „vertretbare Nutzung“ an der
       Allgemeinheit vorbei. „Die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts“ sei nicht
       „erheblich oder nachhaltig beeinträchtigt“.
       
       Merkwürdig: Schon am 26. Juni hatte dieselbe Behörde für mehrere Bäche und
       Flüsslein wegen dramatisch sinkender Pegel die Wasserentnahme für
       Landwirtschaft und Privatleute per Allgemeinverfügung untersagt. Nur
       wundersamerweise nicht für den WM-Bach, weil das Nass dort angeblich
       „deutlich oberhalb der ökologisch erforderlichen Mindestwasserführung
       liegt“. Indes mündet der wenig wilde Wildbach ein paar hundert Meter weiter
       in die größere Wurm, für die das Entnahmeverbot ausdrücklich gilt.
       
       Schon 2025, als es vor dem jährlichen Reitturnier Chio Anfang Juli auch
       kaum regnete, hatte der ALRV ohne Genehmigung gepumpt. Das Umweltamt
       monierte das Fehlen der „erforderlichen wasserrechtlichen Erlaubnis“ und
       war „ordnungsrechtlich vorgegangen“. Gab es ein Bußgeld? Offenbar nicht:
       Nur einen „engen Austausch mit dem Umweltamt“, erklärt der ALRV.
       
       Das Entsetzen jenseits der Rösserwelt ist groß. Das Ökologie-Zentrum Aachen
       hat „große Sorge um die im Wasser lebenden Organismen“ und würde die
       Erlaubnis am liebsten kassiert sehen. Die Ratsfraktion der Linken schreibt:
       „Wichtige Lebensräume drohen verloren zu gehen. Aber der schöne grüne Rasen
       des Unterhaltungsevents für die überwiegend besserverdienende Klientel soll
       so etwas nun rechtfertigen?“ Und der Naturführer Michael Zobel ätzt:
       „Aachener Lehrer*innen fragen an, wir hätten gerne eine Bachführung für
       die Klasse; ich antworte, ich hätte gerne einen Bach …“
       
       ## „Ausschließlich im Sinne der Pferde“
       
       Der schwerreiche ALRV (Sponsorpartner unter anderem Mercedes, Boss, UBS
       Wealthmanagement oder die Tagebau-Abpumproutiniers von RWE) nennt keine
       Mengen und erklärt, das entnommene Nass werde „als Drainagewasser wieder in
       den Bach eingeleitet“. Wie immer das mit versickertem Wasser auch gehen mag
       („ein geschlossenes Öko-System“), [2][alles geschehe „ausschließlich im
       Sinne der Pferde“.]
       
       Der ALRV hat offenbar beste Kontakte auch in die höchste Politik. 2023
       wurden 14 Milliarden Euro Landes- und Bundesmittel verteilt als
       Strukturhilfe für die Transformation der Tagebaugemeinden, die etwa 40
       Kilometer entfernt sind. Warum Aachen, vom Tagebauende gar nicht direkt
       betroffen, einen fetten Batzen von 40 Millionen Euro abbekam, wusste
       niemand.
       
       Und wozu die viele Kohle-Kohle? Zum Ausbau des Reitgeländes Sportpark
       Soers. Protest gegen den unangemessenen Geldsegen gab es nur aus
       Nachbargemeinden. Der ALRV warb eilig damit, eine eigene Halle für
       Para-ReiterInnen bauen zu wollen. Sehr edel. Die Pläne wurden danach
       allerdings erst mal verschoben.
       
       Oberster Dienstherr der Aachener Behörden ist Michael Ziemons, seit
       November CDU-Oberbürgermeister und Verwaltungschef. Als eine der ersten
       Amtshandlungen hatte er ein übergeordnetes Führungsdezernat OB installiert
       („Grundsatzreferat“), um auf seinem Schreibtisch alles Behördentreiben
       koordinieren und kontrollieren zu können. Das sei „Ausdruck modernen und
       effizienten Verwaltungshandelns“. Machtmensch Ziemons, dessen Bürgernähe
       durch gelegentliche Kneipengespräche beeindrucken soll, hat schon den
       Spottnamen „Printen-Trump“ abbekommen. Die Stimmung in den gegängelten
       Ämtern gilt als unterirdisch.
       
       Erst wenn der letzte Oxer gerissen, die letzte Traversale sauber getänzelt
       und der Wassergraben im Reitstadion hoffentlich nicht ausgetrocknet ist,
       werden die Pumpen abgestellt. Regenwahrscheinlichkeit bis WM-Ende am 23.
       August: nahe null bei bis 36 Grad. Der ALRV lobt derweil „die gute
       Zusammenarbeit“ mit dem Umweltamt.
       
       12 Aug 2026
       
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