# taz.de -- Geschlechterverhältnis im Pferdesport: Carearbeit statt Cowboyromantik
> Auf Reiterhöfen dominieren Frauen. Warum Jungs dem Pferdesport
> fernbleiben, hat auch mit fehlenden Vorbildern zu tun. Unser Autor wagt
> den Anfang.
(IMG) Bild: Ganz schön hoch: Andreas Rüttenauer auf dem Pferderücken
Ganz schön hoch, so ein Pferd!, denkt sich der Autor dieser Zeilen, als er
vom Pferderücken hinunterschaut auf den Boden. Mithilfe einer kleinen
Treppe war es ihm gelungen, sich auf den Sattel zu wuchten. Eine ganz
normale Aufstiegshilfe sei das, wie er von der Besitzerin gelernt hat.
Nichts, wofür man sich genieren müsste. So ein Ding zu benützen, sei auch
für das Pferd besser, für Witch, wie die Mecklenburger Fuchsstute heißt.
Was für den Reiter, der an diesem Tag zum ersten Mal auf einem Pferderücken
sitzt, doch recht aufregend ist, scheint für das Tier selbst eher nicht so
spannend zu sein. „Nicht einschlafen!“, sagt seine Besitzerin und tätschelt
den Kopf des Pferdes, das gemächlich über den Reitplatz eines Hofs
südöstlich von Berlin spaziert.
Um Tempo geht es hier erst mal nicht. Ganz im Gegensatz zum Kentucky Derby,
jenem Galopprennen in Louisville, zu dem jedes Jahr Anfang Mai mehr als
150.000 Zuschauer an die Bahn kommen, um die schnellsten Dreijährigen des
Landes zu bestaunen. Über drei Millionen US-Dollar gibt es für den Sieger
des Rennens. Golden Tempo heißt das Siegerpferd der Ausgabe 2026. Es hat
Sportgeschichte geschrieben. Denn seine Trainerin ist eine Frau – Cherie
DeVaux. Das gab es noch nie in der 152-jährigen Geschichte des Rennens.
Der Galopprennsport ist eine Männerdomäne. Kentucky, zu dessen vornehmen
Klub Frauen lange keinen Zutritt hatten, lebt von immer männlicher
Cowboyromantik. Wer auf Cowboystiefel steht, kennt die Boots von Kentuckys
Western.
## Suche: Reithose ohne Glitzer
In einem Fachgeschäft für Pferdebedarf in Deutschland wird man solche eher
nicht finden. „Gehen Sie mal mit einem 13-jährigen Jungen in ein
Reitsportgeschäft und fragen Sie nach einer Reithose ohne Glitzer, ohne
Pailletten und ohne Einhornaufdruck. Gut möglich, dass Sie da nicht fündig
werden.“ Das sagt Lina Sophie Otto, die bei der Deutschen Reiterlichen
Vereinigung Ansprechpartnerin für Ausbildungsfragen ist. Sie weiß, dass
Reiten in den von ihr betreuten Sparten alles andere als ein Männersport
ist. Etwa 60.000 weibliche Turnierreiterinnen sind im Verband organisiert,
keine 7.000 sind männlich.
Reiten ist als Mädchensport regelrecht verschrien. Jungs, [1][die sich im
Kindergartenalter ebenso zu Ponys hingezogen fühlen wie Mädchen], ließen
sich später nur noch schwer fürs Reiten begeistern, meint Otto. „Reiten ist
zu pink“, sagt die Ausbilderin, die froh ist, wenn in ihren Seminaren für
Reitlehrende neben 20 Teilnehmerinnen auch mal „ein Quotenmann“ sitzt. „Und
wenn dann mal ein Junge eine Prüfung bei einem Turnier gewinnt, dann kann
es gut sein, dass er als Preis ein rosarotes Buch mit Ausmalbildern für
Pferde kriegt.“
Die Dressur, über die bei den Olympischen Spielen alle vier Jahre aufs Neue
die immer gleichen Witze gerissen werden, oder die Vielseitigkeitsreiterei,
zu der ja auch ein Dressurteil gehört, werden in Deutschland längst von
Frauen dominiert. Nur bei den Springreitern ist die Elite männlich – noch.
Schon eine Leistungsklasse tiefer ist das Verhältnis von Reiterinnen zu
Reitern ausgeglichen.
Wo es ums Tempo geht, können die Männer also gerade noch mithalten. Alles
andere ist Frauensache. Für Carina Warnstädt ist das nicht verwunderlich.
Die 27-jährige Psychologin schreibt Romane mit Titeln wie „Hashtag
Pferdemädchen“, „Nina – Das Flüstern der Pferde“ oder „Hilfe, meine
Freundin ist ein Pferdemädchen“. Auf der Leipziger Buchmesse im März hatte
sie sich inmitten der Halle, in der die unabhängigen Verlage ihre Programme
präsentiert haben, einen eigenen Stand gemietet, um ihre im Selfpublishing
erschienenen Bücher zu promoten.
Carina Warnstädt kennt Studien, die untersuchen, warum Jungs oft
kompetitiver an Dinge herangehen als Mädchen. Das hat viel mit Testosteron
zu tun, aber eben auch mit der Erziehung. Mädchen würden eben so
sozialisiert, dass sie sich für Fürsorgeaufgaben besonders gut geeignet
fühlen. Und ein Pferd erfordere eine ganz spezielle Art des Umgangs, viel
Zeit und Geduld. Warnstädt möchte nicht, dass die Tiere allzu sehr
vermenschlicht werden. [2][Sie taugen nicht für die Rolle der besten
Freundin], seien aber auch keine Hunde und schon gar keine Kuscheltiere.
## Jungs, wir haben auch Bälle!
Die Besitzerin von Witch fährt beinahe jeden Tag von Berlin zum Pferdehof,
um sich um ihre Stute zu kümmern. Das Reiten selbst ist der kleinste Teil
ihres Pferdehobbys. Striegeln, Hufpflege, Füttern. Drei Stunden dauert die
Pferdepflege oft. Und am Ende muss der Platz, an dem das Pferd gepflegt
worden ist, natürlich wieder sauber gemacht werden. Carearbeit statt
Westernromantik.
Männer sind rar auf solchen Höfen. Es gibt eng abgesteckte Rollen für die
Männer im Pferdewesen. Als Hufschmiede, Sattler oder Futterhändler etwa.
Aber als Reiter? Ob Pferdebuchautorin Warnstädt, die schon als junges
Mädchen begonnen hat zu reiten, am Pferdehof überhaupt mal einen Jungen
gesehen hat? Nein, nicht wirklich. So schnell wird sie wohl keinen
Jugendroman für Pferdejungs schreiben. Es gibt schlicht zu wenige.
Dabei versuchen die Reitsportvereine im Land immer mal wieder, Jungs aufs
Pferd zu setzen. Bloß wie? „Bälle üben eine große Anziehungskraft auf Jungs
aus. Sind die Pferde entsprechend geschult, können Bälle in die Reitstunden
einbezogen werden, zum Beispiel in Form von Besenpolo, Pferdefußball oder
Korbball.“ So steht es auf der Website der Reiterlichen Vereinigung.
„Der Schlüssel zum Erfolg sind immer andere Jungs“, sagt Ausbilderin Lina
Sophie Otto. Sie erzählt von einer Reitschule im Kreis Coesfeld in
Nordrhein-Westfalen, die Ferien auf dem Reiterhof nur für Jungs anbietet.
Für 125 Euro am Tag können Eltern ihre Buben, etwa über Pfingsten, auf den
Hof in Nottuln schicken. Für Mädchen, die kaum um Reiterinnengeschichten
wie „Bibi und Tina“ herumkommen, gibt es solche Angebote zuhauf. Männliche
Role Models im Reitsport sind dagegen gar nicht so leicht zu finden.
Cowboys haben, wie es scheint, als Vorbilder ausgedient.
„Jetzt vielleicht mal nur mit einer Hand am Sattel festhalten“, ruft die
Besitzerin von Witch. Sie tut wirklich alles, damit der Reitnovize auf
einem Foto halbwegs lässig aussieht – [3][ein bisschen wie ein Cowboy
vielleicht]. Es gelingt nicht wirklich gut. Dann führt sie das Pferd noch
ein paar Runden über den Reitplatz.
Ob es jetzt nicht langsam mal genug ist?, fragt der Reporter irgendwann von
oben herab. So richtig wohlfühlt er sich nicht im Sattel. Später wird er
gefragt, wie lange sein erster Ausritt wohl war. Fünf Minuten. Höchstens.
Immerhin.
10 May 2026
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