# taz.de -- Overdose Awareness Day: „Die Gesellschaft soll aufhören, Abhängige zu verurteilen“
> 2025 starben 2150 Menschen an den Folgen von Substanzkonsum. Jörg, Benny,
> Kim, Nils und Bina haben überlebt – und erzählen ihre Geschichte.
(IMG) Bild: Sauber, aber nicht clean: ein Süchtiger in einem Konsumraum
Thomas war mein erster Toter. Ich war 21 Jahre alt, als ich seinen Sarg von
der Kapelle zum Grab getragen habe, zusammen mit seinem zwei Jahre älteren
Bruder Detlef. Als Thomas und ich uns kennenlernten, waren wir zwölf, in
unserem Dorf war Kirmes, wir rammten uns beim Autoscooter und aßen Softeis.
Neun Jahre später waren wir heroinabhängig. Thomas starb auf dem
Beifahrersitz eines VW Golf GTI bei einem Autounfall unter
Substanzeinfluss.
Viele weitere tote Freundinnen und Freunde folgten: Franks Leiche wurde in
einem Wäldchen gefunden, sein erstes Heroinpäckchen hatte er von mir
gekauft. Peter wurde tot aus der Lahn gefischt, er war mein Zimmergenosse
in meiner ersten Langzeittherapie. Susanne, die Freundin meines ältesten
Freundes, starb an einer Überdosis. Andrea, meine Mitbewohnerin und
Kurzzeitaffäre in einer Nachsorge-WG in Hamburg, ebenso.
So ziemlich jeder Mensch, der abhängig von illegalisierten Substanzen ist
oder war, kann solche Geschichten erzählen. [1][2025 starben 2.150]
Menschen an den Folgen des Substanzkonsums, ungefähr ein Viertel von ihnen
war, wie Thomas, Peter, Frank, Susanne und Andrea, unter 30.
Zu einem großen Teil waren, neben Mischkonsum mit Medikamenten,
Überdosierungen mit Opioiden oder Kokain beziehungsweise Crack sowie deren
Mischkonsum die unmittelbare Todesursache. Die steigende Verbreitung von
synthetischen Opioiden wie Fentanyl oder Nitazene, die eine bis zu 100 mal
stärkere Wirkung als Heroin haben und immer häufiger auch als Beimischung
verwendet werden, erhöht das Risiko einer Überdosis.
## Unterfinanzierung des Hilfesystems
Diese Toten sind eine Mahnung – an Politik, Gesundheitswesen und
Zivilgesellschaft: Elend und Tod sind nicht zuletzt eine Folge von
Unterfinanzierung des Hilfesystems, von Lücken in Prävention, Behandlung
und Versorgung sowie von Ausgrenzung, Stigmatisierung und Strafverfolgung
von Substanzabhängigen und Konsumierenden.
Am Overdose Awareness Day, der jedes Jahr am 31. August international
begangen wird, soll mit lokalen Aktionen, auch in Deutschland, der
Verstorbenen gedacht und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass
viele dieser Tode vermeidbar gewesen wären.
„2.150 Drogentote sind 2.150 Gründe genug, dass wir diese Situation ernst
nehmen und wirklich etwas ändern müssen“, kommentierte Hendrick Streeck,
Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, die aktuellen
Zahlen. „Hilfe ist an vielen Stellen schwer erreichbar, zu langsam und sehr
unterfinanziert.“
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen:
Konsumräume, in denen sterile Utensilien und medizinische Unterstützung
angeboten werden, und Substitutionsbehandlungen mit unterschiedlichen
Medikamenten können für abhängigkeitskranke Menschen lebensrettend sein,
genau wie barrierefreie Hilfsangebote jeder Art, aufsuchende Arbeit
(Streetwork) oder Programme wie [2][Housing First], die Wohnungen zur
Verfügungen stellen.
Seit drei Jahren ist [3][Drug Checking in Deutschland] legal, also Angebote
an Konsumierende, ihre erworbenen Substanzen chemisch analysieren zu
lassen. Seit vergangenem Jahr dürfen Einrichtungen der Suchthilfe, Ärzte
und Strafverfolgungseinrichtungen Naloxon an Abhängige weitergeben, ein
Gegenmittel bei Opiatüberdosierung. Ein Monitoring- und Frühwarnsystemen
für synthetische Opioide ist im Aufbau. Nicht zuletzt hat sich mit JES
(„Junkies, Ehemalige und Substituierte“) eine sozial und politisch sehr
aktive Interessenvertretung und Selbsthilfe etabliert.
Dennoch ist der Handlungsbedarf groß, nicht nur in Hinblick auf
Substitution: Der [4][Bundesrechnungshof hat in einem Papier] vom April
dieses Jahres festgestellt, dass es in der Substitutionstherapie große
Versorgungslücken gibt: „Für Menschen mit Opioidabhängigkeit sinkt das
Angebot für eine Substitutionstherapie seit Jahren. Wenn das BMG
(Bundesministerium für Gesundheit) nicht gegensteuert, gibt es vermeidbare
gesundheitliche Risiken und hohe Folgekosten.“
Auch Konsumräume werden nicht flächendeckend oder bedarfsgemäß angeboten,
in Bayern gibt es nicht einen einzigen. Das Hilfesystem ist massiv
unterfinanziert und die Strafverfolgung von abhängigkeitserkrankten
Menschen gehört nach Meinung vieler Fachleute auf den Prüfstand: Der
Paragraf 35 des Betäubungsmittelgesetzes erlaubt theoretisch eine
Rückstellung der Haftstrafe zugunsten einer Therapie; tatsächlich muss
immer noch ein Großteil der Abhängigen in Strafhaft, ohne Behandlung, die
Strafverfolgung verstärkt die Probleme von abhängigen Menschen.
Dieser Text nimmt diejenigen in den Blick, die überlebt haben – und denen
es gelingt, mit ihrer Abhängigkeitserkrankung, mit oder ohne Substitution,
mit oder ohne Substanzkonsum ein gutes, zufriedenes und lebenswertes Leben
zu führen.
Benny, 38, Berlin : „Diese Zeit war nicht umsonst“
„Ich bin in Chemnitz geboren und mit meiner Mutter aufgewachsen, meinen
leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt, mein Stiefvater hat uns
verlassen, als ich 12 war. Mit 13 ging es mit Alkohol und Kiffen los. Weil
ich Geld brauchte, bin ich klauen gegangen. Mit 14 kam Ecstasy dazu, das
hat mir super gefallen. Komisch wurde es dann mit Crystal. Das macht einen
echt ganz schön kaputt.Ich war damals auf dem Gymnasium. Irgendwann wurde
mir alles zu viel, still sitzen, Hausaufgaben. In der 9. Klasse habe ich
mich rumgetrieben, geklaut und Drogen genommen.
Dass ich ADHS habe, wusste ich nicht. Ich wusste im Allgemeinen nicht, was
mit mir los war. Das wusste irgendwie keiner. Meine Mutter hat mich in die
Psychiatrie geschleift, aber das hat auch nichts gebracht. Mit 18 bin ich
in meine eigene Wohnung gezogen. In Chemnitz gab es an jeder Ecke Crystal.
Damals hatte ich nicht das Gefühl, dass es mir schlecht ging. Wenn ich Geld
brauchte, bin ich klauen gegangen, Ladendiebstahl, Einbrüche und so. Okay,
ich hatte ein paar psychotische Schübe, weil ich so wenig geschlafen habe,
Verfolgungswahn, fiese Angstattacken, so was. Dann habe ich ein paar Wochen
Pause gemacht und es war wieder okay.
2007 habe ich meine erste Haftstrafe bekommen, zwei Jahre Jugendstrafe, ich
war 19. Dort habe ich angefangen, Heroin zu rauchen. In Haft ist Heroin
großartig. Solange ich dicht war, ging der Tag rum und alles war gut.
Danach bin ich nach Leipzig gezogen. Ich hatte eine Wohnung, einen Job und
habe meine große Liebe kennengelernt. Zusammen haben wir angefangen, Heroin
zu spritzen. Am Anfang war das total schön. Aber natürlich ist wieder alles
kaputt gegangen. Es war immer das gleiche Muster: Drogen,
Beschaffungskriminalität, Haft, Entlassung und dann wieder von vorne. Wenn
du ein paar Jahre gesessen hast, wird es ja draußen nicht einfacher, im
Gegenteil.
2014 ist meine Ex-Freundin gestorben, an einer Überdosis Fentanyl. Am Tag
zuvor hat sie mich angerufen und mich gefragt, wie man Fentanylpflaster
aufkocht. Von ihrem Tod habe ich zufällig erfahren. Die Nachricht hat mich
umgehauen. Ich habe mich gefragt, ob ich irgendetwas hätte tun können.
Im vergangenen Jahr hat sich was gedreht. Mir wurde klar, dass ich nicht
mehr so leben wollte und konnte: Ich habe konsumiert, bin weggepennt,
wieder aufgewacht und dann ging es vorne los. Ich will das nicht mehr.
Mittlerweile hat sich Leben massiv verbessert – ich bin im
Diamorphinprogramm, habe einen Platz im betreuten Wohnen bei ZIK („Zuhause
im Kiez“, Einrichtung zur Eingliederungshilfe) und arbeite zweimal in der
Woche in der Orangerie, einem Restaurant der Eingliederungshilfe. Die
Termine und die Arbeit dort geben meinem Leben Struktur, das tut mir gut.
Seitdem ich Diamorphin und Substitol bekomme, habe ich kein Verlangen mehr
nach Heroin. Auch nicht nach Crystal. Das hat wohl auch mit meinen
ADHS-Medikamenten zu tun.
Ich bin davon überzeugt, dass die vergangenen 20 Jahre trotz allem keine
verlorene Zeit waren. Ich habe die Zeit gebraucht, um da hinzukommen, wo
ich heute bin.“
Kim, 37, Rendsburg: „Endlich Ruhe in meinem hektischen Kopf“
„Als ich sechs war, hat sich mein Vater im Schuppen erhängt. Die Kinder in
unserem Dorf durften danach nicht mehr mit mir spielen. Meine Mutter war
vor Trauer wie gelähmt und saß oft schon früh morgens betrunken am
Küchentisch. Ich musste den Haushalt organisieren und Verantwortung für
meine einjährige Schwester übernehmen, ich war ja die „Große“.
Als ich neun war, hat meine Mutter wieder geheiratet, jetzt sollte ich
wieder klein und fügsam sein. Mein Stiefvater war gewalttätig, mit 13 kam
ich in ein Heim und dann zu einer Pflegefamilie. Besser als zu Hause war es
da aber auch nicht.
Ich habe angefangen, Alkohol zu trinken und zu kiffen. Das Gefühl,
nirgendwo gewollt zu sein, war eklig. Wenn ich genug Joints geraucht habe,
war es auszuhalten. Mit 16 habe ich die Schule abgebrochen und eine
Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen. Im dritten Lehrjahr habe ich
hingeworfen, ich habe mit Grasverkauf an einem Tag mehr verdient als in der
Ausbildung im ganzen Monat.Mit 17 bin ich das erste Mal schwanger geworden
und habe aufgehört zu kiffen. Ich habe mich auf das Kind gefreut, endlich
eine eigene Familie! Aber die Beziehung war toxisch. Ich habe mich getrennt
und war allein mit einem Baby.
Das hat mich überfordert. Ich habe meinen Sohn zu meiner Mutter gegeben.
Danach bin ich in die Feierszene eingetaucht, Ecstasy, Speed, Kokain und
Crack, das hat mich abgelenkt. Irgendwann habe ich die Kontrolle verloren,
ich hätte nicht lange überlebt. Aber ich wollte leben – für mein Kind.
Als ich dann zum Entzug in einer Klinik war, hat meine Mutter sich an dem
gleichen Balken erhängt wie mein Vater Jahre zuvor. Ich habe völlig den
Boden unter den Füßen verloren. In der Entgiftung bin ich an Heroin
gekommen. Das Gefühl war so weich und zart, als ob mich jemand in den Arm
nimmt und festhält. Genau das, was ich so lange nicht mehr hatte!
Ich habe immer wieder versucht, mich aus dem Sumpf zu ziehen, Entgiftungen,
Therapie, Polamidon, dazwischen Haftstrafen, Wohnungslosigkeit, immer
wieder Rückfälle. In einer Klink habe ich versucht, mich umzubringen – ich
wollte, dass der Schmerz endlich aufhört.
2019 habe ich mich verliebt. Im teilstationären Wohnen in Rendsburg ist es
dann passiert – ich bin wieder schwanger geworden. Wochenlang habe ich mit
mir gerungen. Ich wollte nicht, dass mein Kind abhängig zur Welt kommt, ich
wollte stillen, ihm nahe sein.
Vor der Geburt habe ich mich auf eine Depotsubstitution einstellen lassen,
eine Buprenorphinspritze unter die Haut, die eine Woche oder einen Monat
wirkt – die Erlösung: Ich habe eine gesunde Tochter bekommen und kann mit
ihr ein normales Leben führen. Außerdem verschafft mir das Buprenorphin
Ruhe im Kopf. Ruhe in meinem hektischen Kopf, in diesem hektischen Leben,
ist Gold wert!
Seit fünf Jahren nehme ich kein Heroin und kein Crack mehr. Manchmal würde
ich gerne ab und zu kiffen. Aber in der therapeutischen Wohngemeinschaft,
in der wir drei leben, ist das leider verboten.
Ich habe eine Familie, die zusammenhält, auch wenn es nicht immer einfach
ist. Das ist das Wichtigste. In der Zukunft würde ich gerne in der
Suchtprävention arbeiten und Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie ich,
Mut machen.“
Nils, 56, Unna: „Ich habe gelitten wie ein Hund“
„Neben Drogen waren Kriminalität und Gewalt lange meine Themen. Ich bin von
der Realschule geflogen, weil ich einen Jungen verprügelt habe. Dass ich
ADHS habe, wusste ich damals nicht. Mir war nur klar, dass ich nie zu den
Kindergeburtstagen eingeladen wurde. Mit 18 habe ich angefangen, Kokain,
Speed und Heroin zu nehmen und Heroin zu verkaufen. Peter war immer an
meiner Seite, er war wie ein Bruder für mich. Peter war als 12-Jähriger mit
seinen Eltern aus Polen gekommen, ein ruhiger Typ, einer, der sich nie
irgendwo wirklich zugehörig gefühlt hat; so wie ich.
1992 kam der große Knall – mit Anfang zwanzig musste ich viereinhalb Jahre
in Haft. Dort habe ich weiter konsumiert und verkauft. Mit 26 oder 27 war
ich dann das erste Mal in Therapie, hatte aber noch keinen Zugang zu mir
selbst. Schon die Frage, warum ich Drogen nehme, hat mich überfordert.
Meine Antwort war: „Weil ich Bock drauf habe!“ In der Therapie habe ich
mich verliebt, später haben wir geheiratet. Als ich aus der Therapie kam,
hab ich erfahren, dass Peter tot war, Überdosis. Damals ist eine Welt für
mich zusammengebrochen. So was bleibt in den Klamotten hängen.
1998 musste ich wieder in Haft.
Zwei Jahre später kam ich in den offenen Vollzug, bin abgehauen und habe
innerhalb eines Monats 12 Überfälle auf Tankstellen, Postfilialen und
Apotheken verübt, voll auf Koks, mit einer Waffe in der Hand. Ich wurde zu
neun Jahren Haft verurteilt, dazu kamen drei Jahre Reststrafe.
In Haft habe ich immer gearbeitet. Das hat mir den Arsch gerettet: Bei
meiner Entlassung 2008 hatte ich eine abgeschlossene Ausbildung zur
Mediengestalter in der Tasche. 2016 bin ich bei LÜSA („Langzeit Übergangs-
und Stützungsangebot Angebot“) zur Therapie aufgeschlagen, Paragraf 35
Betäubungsmittelgesetz, Therapie statt Strafe. Zu der Zeit war meine Ehe in
die Brüche gegangen, die Trennung von meiner Frau, meiner Stieftochter und
unserem Hund hat mich zerrissen. Ich war mit Polamidon substituiert und
hatte massiven Beikonsum, vor allem Kokain. Ich habe Autos geknackt und bin
prompt erwischt worden. Das war’s dann mit Therapie, ich musste wieder in
Haft.
Das war die Wende: Ich war 46, hatte 20 Jahre Haft hinter mir und habe
gelitten wie ein Hund. Schon in der Therapie hatte ich immer wieder klare
Momente, in denen ich gespürt habe: Wenn ich den Weg weitergehe, bin ich
der Nächste, der 1,80 Meter unter der Erde liegt.
In Haft habe ich Schluss gemacht mit Drogen. Vor der Entlassung habe ich
mich in einer Fachklinik für stationäre Suchtrehabilitation beworben. Das
war das Richtige für mich: Kein „Kindheit Aufarbeiten“, stattdessen
praktische Unterstützung. Ich habe eine Ausbildung zum Arbeitspädagogen
absolviert.
Seit Weihnachten 2016 nehme ich keine illegalen Drogen mehr, ab und zu ein
Bier beim Fußball, das war’s. Seit einem Jahr bin ich Arbeitstherapeut bei
LÜSA. Ich möchte etwas von der Wärme zurückgeben, die ich hier erfahren
habe.“
Bina, 40, Köln: „Meine Gefühle und Impulse haben mich überwältigt“
„Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt in Bayern, wohlgefühlt habe ich
mich da nie, in meiner Familie auch nicht. Mit 13 habe ich angefangen,
Cannabis und Speed zu nehmen, mit 16 Ecstasy und Koks. Mit 18 bin ich
schwanger geworden und war anderthalb Jahre drogenfrei. Dann bin ich an
Crystal gekommen, aber mein Konsum war kontrolliert, mein Kind stand an
erster Stelle. Es gab klare Regeln – kein Konsum vor dem Kind, nichts liegt
offen rum. Das hat wirklich cool funktioniert.
Mein erster Heroin-Druck war eine Offenbarung – zum ersten Mal in meinem
Leben habe ich mich normal gefühlt. Ich habe mich immer gefragt, was stimmt
nicht mit mir? Ich konnte mich nur schwer regulieren, meine Gefühle und
Impulse haben mich überwältigt, ich stand ständig unter Strom. Nach meinen
ersten Heroinknaller war das alles weg! Ich habe gedacht, krass, so will
ich jetzt immer sein!Als mein Vater starb, bin ich abgestürzt, er war mein
einziger Halt in meiner Familie. Trotzdem habe ich alles irgendwie
geschaukelt – bis meine Tochter zwölf war und ich verhaftet wurde.
Ein Raubüberfall meines damaligen Partners ging schief, wir sind nach
Italien geflohen und wurden verhaftet. Obwohl ich an dem Überfall nicht
beteiligt war, kam ich in U-Haft. Ich habe meine Wohnung und das Sorgerecht
für mein Kind verloren; die schlimmste Zeit meines Lebens. Als ich mit
Freispruch entlassen wurde, stand ich mit nichts da.
Heute lebe ich in einer WG in Köln und arbeite 35 Stunden in der Woche im
Kontaktladen von Vision eV, einer Drogenselbsthilfe, die von ehemals und
aktuell konsumierenden Menschen geführt wird. Das Schönste, das ich je
gemacht habe! Das Team, die Besucherinnen und Besucher sind meine Familie.
Ich möchte, dass die Mehrheitsgesellschaft aufhört, Obdachlose und
Abhängige zu verurteilen. Diese Menschen sind Opfer eines Systems, in dem
es keinen Platz für sie gibt. Sie sind nicht asozial oder faul, sie
konsumieren und betteln, um zu überleben. Was sie brauchen, ist eine
Chance, keine Bevormundung oder moralische Urteile.
Ich substituiere mich selbst, mit Substitutionsärzten habe ich schlechte
Erfahrungen gemacht – ständige Kontrollen und Erziehungsmaßnahmen. Mit
keinem anderen Kranken wird so umgegangen!
Wenn ich für mein Medikament zahle, muß ich niemandem Rechnung darüber
ablegen, wenn ich hin und wieder eine Crackpfeife rauche oder feiern gehe.
Es ist tatsächlich die glücklichste, entspannteste und in Sachen
Drogenkonsum kontrollierteste Zeit meines Lebens.“
31 Aug 2026
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