# taz.de -- Droge Monkey Dust: Von einem High zum nächsten jagen
> Monkey Dust heißt eine neue Droge, die den Markt erobert. Sie ist billig
> und macht sehr schnell abhängig. Wie gefährlich sie ist, zeigen die
> Geschichten von Adele und Yiğit.
(IMG) Bild: Eine Konsumentin breitet in Berlin-Schöneberg den gerade erworbenen Stoff aus
Es ist kurz nach 12 Uhr mittags und Adele hat noch nicht geschlafen. Sie
sitzt aufrecht auf einer Bank im Bülow-Eck in Berlin-Schöneberg, ihre Augen
sind hinter einer schmalen Sonnenbrille versteckt. Gerade hat sie noch
versucht, das High mit Weißwein einzudämmen. Um sie herum löffeln Menschen
Cornflakes, andere rollen sich auf den Sofas zusammen und schlafen direkt
ein.
Das Kontaktcafé des Drogennotdienstes [1][ist eine erste Anlaufstelle für
Menschen aus der offenen Drogenszene in Berlin]. Die meisten von ihnen sind
obdach- oder wohnungslos. Das Bülow-Eck, ein großer Eckladen mit
Küchentresen, Sofas und Tischen, gibt es seit vier Jahren. Seitdem werden
Menschen hier beraten, bekommen saubere Spritzen, Pfeifen, Klamotten, eine
Dusche und ein warmes Mittagessen.
Aber im vergangenen Jahr habe sich etwas verändert, sagt Julian Diederich.
Der Sozialarbeiter, ein junger Mann mit Schnauzer und Tattoos, leitet die
Einrichtung. Anfang 2025 hätten sie zum ersten Mal von Monkey Dust gehört,
einer neuen Droge, die sich in der Gegend ausgebreitet habe. Im Spätsommer
2025 merkten sie, dass mehr Leute nach Metallpfeifen fragten, mit denen
Monkey Dust geraucht wird. Nicht mehr nach Glaspfeifen für Crack. Seitdem
„geht es richtig ab“, sagt Diederich. Die Metallpfeifen sind an diesem Tag
Ende Mai aus.
Man könnte sagen, dass ist die nächste Droge, die die Szene flutet. [2][So
wie Crack vor ein paar Jahren]. Man könnte von einem Trend sprechen oder
hoffen, dass es vorübergeht. Aber hört man Sozialarbeitenden,
Konsumierenden und Wissenschaftler:innen zu, bekommt man den Eindruck,
Monkey Dust ist von allem das Extrem: Es ist billiger als Heroin oder
Crystal Meth. Es wirkt nach Sekunden. Dann ist das High erst
wolkenkratzerhoch. Man will schnell nachlegen, mehr konsumieren, wieder
fliegen, von einem High zum nächsten jagen. Aber noch während des Rauschs,
spätestens wenn er nachlässt, kommen die Wahnvorstellungen.
Julian Diederich sagt, der körperliche Verfall seiner Klienten sei
auffällig. Weil alle Grundbedürfnisse im Rausch ignoriert würden – essen,
trinken, schlafen. Viele seien durch Monkey Dust drei, vier Tage lang wach.
Adele, die selbst nicht schlafen kann, sagt, auf der Straße geht es nur
noch um drei Ps: „Puff, Polizei und Paranoia.“ Puff, so nennt man den
nächsten Zug Monkey Dust. Danach vermutet man überall die Polizei. Die
Paranoia breitet sich aus.
Ein junger Mann, der in einem Zelt vor einem Biosupermarkt wohnt, sagt:
„Boah, nee, geh mir weg mit der Scheiße.“ Crack sei ja schon so eine Sache,
aber Monkey Dust, das sei selbst ihm zu krass. Und der Rauch, der rieche
wie altes Sperma, „echt ranzig“.
Was ist also Monkey Dust? Und was macht es mit den Menschen, die es
konsumieren?
Monkey Dust gehört zu den synthetischen Cathinonen, [3][die auch als
„Badesalz“ oder neue psychoaktive Stoffe bekannt sind]. Sie werden komplett
künstlich im Labor hergestellt, aber ihre Struktur bildet den natürlichen
Wirkstoff der Khatpflanze nach, das Cathinon. Monkey Dust wirkt stark
euphorisierend, es putscht auf, ähnlich wie Kokain oder Amphetamine. Und es
fördert die sexuelle Lust. Deshalb ist die Substanz in der Chemsexszene
verbreitet, was für Sex unter Drogeneinfluss steht.
Eine gut gefüllte Pfeife "Monkey" (so die Kurzform) kostet auf der Straße
10 Euro. Weil der feine Staub – Dust – in der Regel geraucht wird, wirkt
die Substanz sofort nach dem Inhalieren. Zwanzig, dreißig Minuten hält das
erste High. Dann wird man „affig“, wie Kosument:innen sagen. Sie meinen
damit den wilden, unberechenbaren Zustand, in den die Droge sie versetzt.
Aber auch die Entzugserscheinungen, die schnell einsetzen und einen dazu
bringen, noch eine Pfeife zu rauchen.
Wenn Adele vom Monkey-Rausch erzählt, werden ihre Augen groß vor
Begeisterung, „das High ist sooo gut“, sagt sie auf Englisch. Neben ihr
sitzt Yiğit, der an einem Becher Krümeltee nippt. Beide kennen sich mit
Monkey aus, aber wollen bei diesem Thema nur mit ihrem Vornamen in der
Zeitung stehen – wie die anderen Menschen, die in diesem Text über ihren
Konsum sprechen.
Die beiden wohnen in einer Unterkunft des Drogennotdienstes und hängen
häufig im Bülow-Eck rum. Adele sagt, sie könne niemals nüchtern bleiben. Zu
sehr genießt sie den Rausch. Yiğit nickt, er kann nachvollziehen, was sie
beschreibt; er kam über die Chemsexszene zur Droge. Aber Yiğit ist seit
sieben Monaten clean, weil er nach wenigen Wochen Monkey-Konsum am Ende
war.
Yiğit ist 37, ein kleinerer Mann mit viel Bart und Nasenring, Typ Hipster.
Seine Stimme ist sanft, aber er springt schnell von einem Ereignis zum
nächsten, wenn er von den vergangenen Jahren erzählt. Yiğit ist schwul. Für
seinen Mann zieht er 2018 nach Berlin und beginnt gerne feiern zu gehen.
„Die Schwulenszene und Drogen liegen nicht weit auseinander“, sagt Yiğit.
Man treffe sich auf Partys, Substanzen wie GBL, Crystal Meth oder Monkey
Dust würden angeboten wie anderswo Zigaretten. Im Rausch hat man dann Sex.
Aber viel enthemmter und länger als im nüchternen Zustand.
Acht Jahre lang konsumiert Yiğit Crystal Meth, bei einem Date reicht ihm
dann jemand eine Pfeife mit Monkey Dust. Er habe davon schon mal gehört
gehabt, sagt er. Was Monkey genau ist, weiß er damals aber nicht.
Drogenkonsum sei in der Szene so natürlich, dass man nicht hinterfrage, ob
und was man nimmt, sagt Yiğit. Sex und Drogen gehörten einfach zusammen.
Also zieht Yiğit an der Pfeife.
Antonia Bendau ist Psychologin und leitet die Arbeitsgruppe Partydrogen an
der Berliner Charité. Mit ihrer Kollegin Twyla Michnevich hat sie dieses
Jahr die weltweit erste systematische Befragung von Menschen, die Monkey
Dust konsumieren, veröffentlicht.
„Wenn eine Person sagt, sie konsumiert Monkey Dust, ist relativ unklar, was
genau sie eigentlich konsumiert“, sagt Bendau und zählt verschiedene
Substanzen auf, die alle als Monkey Dust verkauft werden: MDPV, MDPHP,
Alpha PHP, Alpha PIHP, Alpha PVP. Die Liste könnte meterlang sein. „Stand
jetzt gibt es über 200 verschiedene synthetische Cathinone“, sagt Bendau,
„und es werden immer weitere hergestellt.“
Ein großes Risiko liege darin, dass es über diese Substanzgruppe kaum
Wissen gebe. Anders ist das zum Beispiel bei Alkohol oder Kokain. Diese
Stoffe werden seit Langem konsumiert – und erforscht. „Wir wissen, was
passiert, wenn Menschen diese Substanzen über einen längeren Zeitraum
konsumieren“, sagt Bendau.
Was sich im Körper verändert etwa oder wie sich die Stoffe auf die Psyche
auswirken. Bei synthetischen Cathinonen gebe es dagegen vor allem
Fragezeichen. Und: Die über 200 unterschiedlichen Stoffe gehören zwar zur
gleichen Substanzgruppe, unterscheiden sich aber teilweise deutlich in
ihren Wirkungen und Risiken.
Wie Monkey Dust im Gehirn genau wirkt, wurde bisher nicht erforscht. „Aber
erste Befunde aus Zellstudien weisen darauf hin, dass die Effekte auf das
Dopaminsystem 50- bis 100-mal stärker sein können als bei Kokain“, sagt die
Psychologin. „Das trägt wahrscheinlich auch zum hohen Abhängigkeitsrisiko
von Monkey Dust bei.“ Es werde sehr schnell ein Craving nach mehr
ausgelöst. Hirn und Körper teilen einem mit: Das will ich noch mal.
Gegen Ende der Nullerjahre tauchte Monkey Dust schon einmal in
Großbritannien auf – blieb aber sehr nischig. Während der Coronapandemie
verbreitete sich die Substanz dann spürbar. 2023 stiegen zum Beispiel die
Suchanfragen zu Monkey Dust bei Google sichtbar an, erzählt Bendau.
Durch die Pandemie konnten Drogen schwieriger um die Welt geschifft werden
und Substanzen, die in Südamerika oder Asien produziert werden, wurden in
Europa knapp. Diese Engpässe wurden vermutlich von synthetischen Cathinonen
bedient, weil sich die chemischen Substanzen in Laboren in Europa
herstellen lassen.
Außerdem seien die neuen Substanzen in Nachbarländern teilweise noch nicht
verboten gewesen, sagt Antonia Bendau. Die Hersteller nutzten einen Trick.
Synthetische Cathinone haben zahlreiche chemische Varianten. Wurde eine
Substanz gesetzlich verboten, veränderten die Hersteller in den Laboren
eine Molekülstruktur und die neu entstandene Substanz war legal. Auch
dieser Faktor begünstigte die Verbreitung von Monkey Dust.
Deutschland reagierte auf dieses Problem [4][schon 2016 mit dem
Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz]. Dadurch können nicht nur einzelne
Substanzen verboten werden, sondern gleich ganze Wirkstoffgruppen – auch
wenn die Molekülstruktur also verändert wird, bleibt die Substanz illegal.
Die Pandemie markiert auch für Yiğit einen Wendepunkt. Bis dahin hat er ein
gewöhnliches Leben: Er wächst in der Türkei auf, studiert Dolmetschen –
Türkisch–Englisch, Englisch–Türkisch. Nebenbei arbeitet er als
Flugbegleiter und verdient gutes Geld. Er entscheidet sich, lieber mehr zu
arbeiten, als zu studieren. Acht Jahre lang fliegt er, wird zum jüngsten
Kabinenchef seiner Airline. Bis er mit 27 auf einem Wochenendtrip einen
Mann kennenlernt. Einen Deutschen. Yiğit zieht für ihn nach Berlin, die
beiden heiraten.
Drei Jahre nach der Hochzeit geht die Beziehung kaputt. Zeitgleich zur
Coronapandemie. Yiğit, der bis dahin ab und zu Drogen konsumiert hat, hat
mit einem Schlag keinen Partner mehr, keinen Alltag, die Menschen schotten
sich ab. Er sitzt alleine in seiner Wohnung. Um Geld zu verdienen, sittet
er Hunde und Katzen. Der Spätibesitzer, bei dem er Tabak kauft, ist der
einzige Mensch, den er sieht. Yiğit verkriecht sich im Drogenrausch. Er
geht auf Sexdates und nimmt Crystal Meth. Eigentlich hatte er sich
versprochen, [5][Crystal niemals zu injizieren]. Bald macht er es doch,
dann immer häufiger. Er habe keine gute Impulskontrolle, sagt Yiğit.
Yiğit wird immer depressiver, er liegt tagelang im Bett, öffnet keine
Briefe, zahlt keine Rechnungen. So bemerkt er die Mahnungen nicht, die sich
in seinem Briefkasten häufen. Im Sommer 2024 steht plötzlich ein
Räumungsteam vor seiner Tür. Er hat 30 Minuten, um seine Sachen zu packen,
erzählt er. Dann verliert Yiğit seine Wohnung.
Zwischenzeitlich kommt er bei seinem Ex-Mann unter oder zieht durch die
Notunterkünfte der Stadt. Mehrmals die Woche konsumiert er mittlerweile
Crystal, bis er Suizidgedanken bekommt. Er rettet sich in eine Klinik und
nimmt für ein halbes Jahr keine Drogen. Dann geht er auf das Date, bei dem
ihm eine Pfeife mit Monkey Dust gereicht wird.
Im Bülow-Eck erzählen einem die Klienten immer wieder, dass sie früher
Heroin, Crack oder Crystal konsumiert haben, aber jetzt Monkey Dust
rauchen. Da ist zum Beispiel Tomasz, er wartet draußen in der Sonne, bis er
duschen kann. Er lebt auf der Straße, die Haut in seiner Armbeuge hat
Dellen vom früheren Spritzen. [6][Sechs Jahre lang habe er Heroin
genommen], sagt Tomasz. Jetzt rauche er Monkey. Er müsse wach bleiben,
brauche die Energie, sagt er. Monkey Dust sei billiger, deshalb nehme er
es.
An einem Tag im Juni packen die Streetworker:innen in der Vorratskammer
ihre Rucksäcke für die Kiezrunde. Feuchttücher (sehr beliebt),
Feuerzeugbenzin (fast noch beliebter), frische Spritzen, Pfeifen, ein paar
T-Shirts, Desinfektionsmittel, Verbandszeug, Wasser, Kekse (nicht so
beliebt). Die drei laufen los, um auch Leute zu erreichen, die nicht zu
ihnen ins Bülow-Eck kommen.
Im Bülowkiez kommt Monkey Dust besonders gut an. Es gibt die Gayszene, die
eng mit der Chemsexszene verknüpft ist. Und hier liegt die
[7][Kurfürstenstraße, Berlins ältester Straßenstrich]. Monkey Dust mache
die Arbeit für viele der Frauen hier erträglicher, sagt einer der
Streetworker. Weil die Substanz eben nicht nur euphorisch mache, sondern
auch horny.
Nach wenigen Häuserblöcken ruft den Streetworker:innen eine Frau hinterher,
sie hat sie schon aus der Ferne gesehen. Mit einer Decke um die Hüfte
gewickelt und mehreren Tüten in den Händen kommt Victoria angelaufen, eine
kleine, dünne Frau, ihr Alter ist unschätzbar, vielleicht 35, vielleicht
ist sie aber auch Ende 40. Sie brauche eine Hose, sagt sie, aber eine lange
wegen des offenen Beins. Victoria lässt sich auf eine Stufe vor einem
leeren Laden fallen und beginnt eilig, ihre Feuerzeugsammlung aufzufüllen.
Das Gas zischt beim Umfüllen. Sie öffnet ihre Lippen, sodass man die Kugel
Heroin sieht, die zwischen ihren Eckzähnen steckt. „Falls die Polizei
kommt, dann schlucke ich es runter“, sagt sie und grinst. Den Stoff hat sie
gerade gekauft, so wie den kleinen Papierumschlag, den sie mit ihrer Hand
umschlossen hält. Wie ein Häufchen hellbraune Kreide sieht das Monkey darin
aus. „Früher habe ich fünf Kugeln Heroin am Tag genommen“, sagt Victoria,
„jetzt nur noch eine.“ Stattdessen raucht sie nun Monkey.
Christiane, enges weißes T-Shirt, rot gefärbte Haare, eine der
alteingesessenen Sexarbeiter:innen hier, sitzt neben Victoria auf der Stufe
und wartet auf den nächsten Freier. Aus ihrer Handtasche zieht sie eine
Unterhose hervor. „Die ist ganz neu“, sie drückt sie Victoria in die Hand.
Christiane selbst nimmt keine Drogen, „zum Glück“, sagt sie, aber viele der
Frauen hier würden Monkey konsumieren. Bei manchen sei der Suchtdruck so
groß, dass sie ihre Dienstleistungen sehr billig anbieten würden.
In anderen Stadtteilen Berlins scheint Monkey Dust bislang weniger
verbreitet zu sein. In Göttingen gibt es seit einigen Jahren eine
Flexszene, wie die Substanz dort genannt wird. Vermutlich verbreitete sich
die Droge dort, weil andere Substanzen kurzfristig nicht verfügbar waren,
sagt Antonia Bendau, die Forscherin von der Charité.
Ob das anderen Städten auch bevorsteht? Prognosen seien immer schwierig,
sagt Bendau, aber „dass synthetische Cathinone wieder ganz verschwinden,
ist unwahrscheinlich“. Manchmal kommen Menschen auch ungewollt mit starken
synthetischen Cathinonen in Berührung. [8][Im Drugchecking – dem
Drogentest, den Beratungsstellen inzwischen anbieten – wird aktuell immer
wieder NEP gefunden], ein weiteres starkes synthetisches Cathinon, das der
Partydroge Mephedron beigemischt wird.
## Wilder, animalischer Sex
In Chatgruppen auf Signal und Telegram, in denen Substanzen verkauft
werden, wird mittlerweile neben sämtlichen Partydrogen auch Monkey Dust
angeboten. Jeden Tag wird das Angebot geteilt. An erster Stelle der Liste
steht Monkey Dust, daneben ein Affen-Emoji. Drei Gramm kosten 75 Euro.
Darunter werden Mephedron, Ketamin, Kokain, MDMA und verschiedene Sorten
Gras angeboten.
Auf den Stufen vor dem leeren Laden bröselt Victoria ein paar Krümel in
ihre Pfeife und zündet sie an. „Bäääähh, Natron“, Victoria springt auf,
„das ist gestreckt, scheiße.“ Sie läuft los, um die Ecke, die eben gekaufte
Ware reklamieren. Ihre Tüten lässt sie bei Christiane stehen.
Ein paar Straßen südlich liegt die Tageswerkstatt des Drogennotdienstes auf
einem kleinen Industriegelände. Die Luft an diesem Sommertag ist drückend,
im Essensraum hängt der Geruch von Käse-Lauch-Suppe mit Hack. Zum Nachtisch
gibt es Kuchen mit Johannisbeeren aus dem Garten der Einrichtung. Yiğit
isst schnell, heute Vormittag war er mit einer Gruppe in der Gegend Müll
sammeln.
Suchtkranke Menschen können in der Tageswerkstatt aus verschiedenen
Angeboten auswählen, werken oder nähen, Körbe flechten oder eben im Kiez
kehren und so einen Tagesrhythmus entwickeln, der nichts mit Drogen zu tun
hat. Im Flur hängt eine Anmeldeliste für das nächste Spiel-Event. Fast alle
Zeilen sind noch frei, aber Yiğit hat sich schon eingetragen.
Nach dem Mittagessen setzt sich Yiğit vors Haus in den Schatten und dreht
sich eine Zigarette. Ab dem Sexdate im vergangenen Winter rauchte er 25
Tage lang Monkey Dust, erinnert er sich genau. Vorher war er ein halbes
Jahr clean, hatte kein Crystal mehr konsumiert, das Monkey hat ihn dann
aber sofort im Griff. Seit der Räumung hat Yiğit keine eigene Wohnung mehr,
er zieht von einer Notunterkunft zur anderen. Und er geht auf viele Dates,
ist ständig high, hat wilden, animalischen Sex. Um körperliche Nähe geht es
dabei nicht.
Fast zeitgleich mit dem Monkey-High setzt bei Yiğit die Paranoia ein. Er
hört Stimmen, eine jüngere und eine ältere Frau, die über ihn reden, ihn
runtermachen. Sie sind da, sobald er aufwacht. Sie folgen ihm den ganzen
Tag. Einmal versucht er sie loszuwerden. Als sich die S-Bahn-Türen
schließen, springt er im letzten Moment auf den Bahnsteig, damit die Frauen
es nicht rechtzeitig raus schaffen und im Zug bleiben. Aber sie verfolgen
ihn weiter.
Antonia Bendau von der Charité bestätigt, was Yiğit erlebt hat. Erste
Forschungsergebnisse legen nahe, dass Monkey Dust ein relativ hohes
Psychoserisiko habe. „Auffällig viele Menschen haben schnell Paranoia,
Angstzustände, Panikattacken oder Wahnerleben“, sagt Bendau. Auf Yiğit
trifft alles davon zu.
## Zuckungen und Muskelkrämpfe
Nach wenigen Tagen, an denen er Monkey Dust konsumiert hat, traut er sich
nicht mehr unter Menschen. Wenn er einkaufen muss, geht er um drei Uhr
nachts in einen Supermarkt, der immer offen hat, damit er möglichst wenig
Leuten begegnet.
Im Bülow-Eck erschwert der Monkey-Dust-Konsum den Alltag der
Sozialarbeiter:innen. „Wir kommen nicht so leicht an die Menschen ran“,
sagt Julian Diederich, „viele lassen sich nicht ansprechen.“ Die
Aggressivität der Klient:innen untereinander habe zugenommen und es gebe
mehr Gewalt. Zuletzt seien immer wieder Fensterscheiben vom Bülow-Eck
eingeschlagen worden. Das Glas neben der Eingangstür ist noch mit Tape
geklebt.
Als die Streetworker:innen von ihrer Runde zurückkommen, ist es seltsam
ruhig in dem Eckladen, dabei sind zwanzig Menschen gekommen, die maximale
Anzahl. Vor der Tür warten weitere, aber drinnen wird geschlafen. Mit dem
Kopf auf dem Tisch, dem Kopf auf den angewinkelten Knien. Vielleicht ist es
die totale Erschöpfung nach Tagen ohne Schlaf.
Diederich musste zuletzt öfter den Rettungswagen rufen als sonst, erzählt
er, weil manche Menschen sich gar nicht mehr wecken lassen. Sie wollen dann
den Laden schließen, aber kriegen die Leute nicht raus. „Man sieht, dass
sie atmen, aber auch wenn man an ihnen rüttelt, wachen sie nicht auf", sagt
Diederich.
Ein anderes Extrem sind die fliegenden Arme, die Zuckungen und
Muskelkrämpfe. Neulich habe ein Klient fünfzehn Minuten lang gekrampft –
ungewöhnlich lange, normalerweise seien es nur zwei, drei Minuten. Erst als
die Sanitäter:innen eintrafen und ihm intravenös einen Krampflöser gaben,
habe er sich entspannt.
Die Einflüsse von Monkey Dust auf den Körper sind zahlreich: erhöhter Puls
und Blutdruck oder eine hohe Körpertemperatur, zählt Antonia Bendau von der
Charité auf. Bei schweren Überdosierungen seien Nierenschäden und
Herzrhythmusstörungen möglich, der Körper könne überhitzen oder eben
krampfen.
Aber viele Nebenwirkungen kämen vermutlich nicht direkt von der Substanz,
sondern vom Konsummuster. „Tagelang wach, kaum Essen und Trinken – das
allein zehrt den Körper aus und kann Krampfanfälle begünstigen“, sagt
Bendau. In ihrer Studie nahmen die Konsument:innen Monkey Dust im Schnitt
über einen Zeitraum von 20 Stunden.
Es ist kurz vor Weihnachten 2025, als Yiğit eine schlechte Erfahrung
während eines Sexdates macht, wie er erzählt: Nach dem Sex fühlt er sich
extrem unwohl, er verlässt die Wohnung direkt. Es ist mitten in der Nacht,
er weiß nicht wohin mit sich, er hat kein Zuhause.
## Der Rat der Ärztin
Durch Monkey werde man beim Sex willenlos, sagt Yiğit heute. Man tue Dinge,
die man sonst nicht machen würde. Er drückt es noch drastischer aus: „Es
ist sehr leicht, jemanden zu missbrauchen, wenn er auf Monkey ist.“
Yiğit läuft kilometerweit durch die Straßen, sieht Schatten, wo keine sind.
Er durchquert den Tiergarten, bis er bei einer Unterkunft ankommt, die er
kennt. Eigentlich ist die Einrichtung längst geschlossen, aber in der Not
klingelt Yiğit trotzdem an der Tür.
Eine Mitarbeiterin macht ihm auf, und er darf sich in die Kleiderkammer
legen. Yiğits Herz rast, er hat zu viel konsumiert. Er hat das Gefühl,
keine Luft zu bekommen, ist dehydriert. Die Schatten, die Stimmen, alles
ist zu viel. „Sollen wir einen Rettungswagen rufen?“, fragt die
Sozialarbeiterin.
Das ist 25 Tage, nachdem er zum ersten Mal an einer Pfeife Monkey gezogen
hat. Der Rettungswagen bringt ihn direkt in eine Entzugsklinik. Hier fühlt
er sich sicherer. Yiğit bekommt ein Bett und schläft. Er schläft und
schläft und schläft. 20 Stunden am Tag, erzählt er. Das Essen wird ihm ans
Bett gebracht, weil er es nicht schafft, aufzustehen. Er liegt einfach nur
da. Es ist wie mit einem Laptop, dessen Akku sich tiefenentladen hat. Um
aus dem Standby-Modus zu gelangen, muss er einen gewissen Ladezustand
erreichen.
Nach zwei Wochen wacht Yiğit auf und fühlt sich plötzlich energetisch. Zum
ersten Mal seit wirklich langer Zeit hat er Energie, ohne zuvor Drogen
konsumiert zu haben. Er will unbedingt etwas zu tun haben, fragt die
Pflegekräfte auf der Station nach Aufgaben. Im Hof sammelt Yiğit
Kippenstummel ein. In der Bibliothek sortiert er die Bücher nach Farben. Er
geht zur Ergotherapie, zur Musiktherapie. Die Stimmen der zwei Frauen hört
er immer seltener. Manchmal sind sie nur noch abends kurz da.
Auf der Bank vor der Tageswerkstatt sagt Yiğit, er hätte nicht gedacht,
dass er es schaffe, von Monkey Dust loszukommen. Die Paranoia, sie sei
gewaltig. Man könne sich nicht vorstellen, sie jemals zu überwinden. Aber
wenn man diese Wand durchbrochen hat, braucht man keine Substitution – das
wusste Yiğit vor seinem Entzug nicht. Seit Januar ist er clean.
Als er nach drei Wochen aus der Klinik entlassen wird, läuft er über die
Straße Richtung Bülow-Eck. Er sieht den Supermarkt, in dem er nur nachts
eingekauft hat, den U-Bahnhof, aus dem Menschen kommen. Aber diesmal fühlt
er keine Scham, er will sich nicht verstecken. Er hat keine Angst, dass er
verfolgt wird. Er geht einfach so über die Kreuzung. An diesem Gefühl
möchte Yiğit festhalten.
Und er denkt häufig an einen Rat, den ihm seine Ärztin vor der Entlassung
gegeben hat. Sie habe nicht gesagt, nimm kein Monkey, das ist schlecht für
dich, wie es von Ärzt:innen zu erwarten wäre. „Sie sagte, wenn du ausgehst,
wenn du Drogen nehmen musst, wenn du dem Suchtdruck nicht mehr standhalten
kannst, dann nimm Crystal. Nimm kein Monkey“, erzählt Yiğit. Das aus dem
Mund einer Ärztin zu hören, beeindruckt ihn noch immer.
Irgendwann möchte Yiğit wieder daten. Aber er hatte seit acht Jahre keinen
Sex mehr, ohne dabei high zu sein. Bevor er jemanden kennenlernt, will er
deshalb eine Sache wieder lernen, sagt er: dass Sex nicht gleich Drogen
bedeutet.
8 Aug 2026
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