# taz.de -- Drogenpolitik im Wahlkampf: Unübersehbares Elend
       
       > Berlin hat ein Problem mit Crack. Bei einer Veranstaltung im
       > Kurfürstenstraßenkiez präsentierten CDU, SPD, Grüne und Linke ihre
       > Lösungen.
       
 (IMG) Bild: Streetworker in Schöneberg kontrollieren Konsum-Orte
       
       Nur mit einem T-Shirt bekleidet liegt eine junge Frau vor einem
       Hauseingang. Sie reagiert nicht auf Ansprache, die Beine sind angewinkelt,
       ihre Vulva allen Blicken ausgesetzt. Wirr redend taumelt ein Mann über den
       Bürgersteig, sein Körper ist mit Wunden übersät, die Schuhe hängen in
       Fetzen an seinen Füßen. Vor einem Zaun, hinter dem sich eine Kita befindet,
       zieht ein Pärchen gierig an einer Crackpfeife. Auf der anderen
       Straßenseite, vor den Schaufenstern einer leeren Ladenreihe, befindet sich
       ein Schlaflager, es ist von Müll umgeben.
       
       Szenen wie diese spielen sich in der Schöneberger Kurfürstenstraße an der
       Ecke zur Frobenstraße ab. Auch an anderen Treffpunkten der offenen
       Drogenszene wie dem Kottbusser Tor und dem Görlitzer Park in Kreuzberg, dem
       Anita-Berber-Park in Neukölln oder dem Leopoldplatz im Wedding sind die
       Auswirkungen des Crack-Konsums zum beherrschenden Faktor geworden. „Das
       Elend ist offensichtlich, man kann es nicht mehr wegreden“, sagt Astrid
       Leicht, Leiterin der Suchthilfeeinrichtung Fixpunkt.
       
       Crack flute die deutschen Städte, schrieb die Süddeutsche Zeitung kürzlich
       in einer Reportage über Zürich und Dortmund, die versuchen, in der
       Drogenhilfe neue Wege zu gehen. In Berlin ist die Zahl suchtkranker
       obdachloser Menschen in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Mit 300
       Drogentoten erreichte die Hauptstadt 2025 einen traurigen Höchststand seit
       der Jahrtausendwende.
       
       Allein im Konsumraum „Birkenstube“ an der Weddinger Birkenstraße – einem
       von fünf Drogenkonsumräumen in Berlin – hat der Crack-Konsum zuletzt um
       mehr als 50 Prozent zugenommen: In den vergangenen 6 Monaten wurden dort
       3.303 „Vorgänge“ mit Crack gezählt, in den 6 Monaten davor waren es 2.131
       gewesen. Die Vorgänge bei der Nutzung anderer Drogen – vor allem Heroin –
       nahmen dagegen nur um knapp 8 Prozent zu.
       
       Diese Zahlen teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit dem
       Grünen-Abgeordneten Taylan Kurt mit, der bei den Wahlen als Direktkandidat
       in Moabit Nord antritt. Die Antwort auf Kurts Anfrage liegt der taz
       exklusiv vor. Zum Konsum in der Öffentlichkeit gebe es dagegen keine
       Erhebungen, heißt es darin auch.
       
       ## Kondome, Spritzen, Fäkalien
       
       Die Kurfürstenstraße, wo Teile der Szene campieren, ist ein
       alteingesessener Straßenstrich. Nach der Wende hat sich hier eine von
       Drogensucht und organisiertem Menschenhandel diktierte Armutsprostitution
       etabliert, [1][viele der Sexarbeiterinnen kommen aus Osteuropa.] Wegen
       einer zunehmenden Verslumung des Kiezes gab es auch schon früher immer
       wieder Beschwerden von Anwohnern: Kondome, Spritzen und Fäkalien waren und
       sind die Hinterlassenschaften in Hausfluren, Kellern und auf
       Kinderspielplätzen.
       
       [2][Seit sich Crack ausbreitet, spitzt sich die Lage zu]. Im Unterschied zu
       früher gibt es heute auch keine Brachen zum Unterkriechen mehr. Die
       Kurfürstenstraße ist in den vergangenen Jahren mit Immobilien zugebaut
       worden, in die eine gutsituierte Mittelschicht eingezogen ist. Aber nicht
       nur sie, auch langjährige Anwohnerinnen und Anwohner laufen gegen die
       Zustände Sturm.
       
       Crack hat eine ungleich höhere Zerstörungskraft und Abhängigkeitswirkung
       als andere Drogen. 14 Mal und häufiger pro Tag werde es konsumiert, sagte
       die [3][Landesdrogenbeauftragte Heide Mutter im taz-Interview]. Der
       Konsumdruck sei so groß, dass die User:innen zum Teil tagelang nicht
       schliefen und stark verhaltensauffällig würden. „Viele befinden sich in
       einer absolut prekären Situation, sie haben keine Wohnung, sind noch nicht
       mal krankenversichert“, so Mutter. Einige seien hochaggressiv, was auch die
       Hilfseinrichtungen an ihre Grenzen bringe.
       
       ## Repression oder Hilfe?
       
       In knapp zwei Wochen wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Eine vom
       Quartiersrat Schöneberg Nord organisierte Veranstaltung gab am vergangenen
       Mittwoch Gelegenheit, den DirektkandidatInnen von CDU, SPD, Grünen und
       Linken auch zum Thema Drogenpolitik auf den Zahn zu fühlen. Der
       Versammlungsraum in einem Seniorenwohnhaus war brechend voll.
       
       Der Schöneberger Norden habe eine lange Geschichte, Konflikte im
       öffentlichen Raum „auszuhandeln“, anstatt sie durch soziale
       Stigmatisierung, polizeiliche Maßnahmen und Verdrängung zu lösen, sagte
       eine Vertreterin des Quartiersrats in der Vorrede. Der Subtext: Von
       Repression halten wir hier nichts.
       
       Dass Teile des Publikums das anders sahen, zeigte sich an dem Jubel, den
       Katharina Senge (CDU) für ihre Law-and-Order-Haltung erntete: Die CDU will
       den Straßenstrich verbieten, in ganz Berlin soll Prostitution nur noch in
       Bordellen erlaubt sein. Eine im Auditorium sitzende Vertreterin der
       Beratungsstelle für Sexarbeitende „Hydra“ hielt Senge entgegen, ein
       Sperrbezirk werde die Probleme im Kiez nur weiter verschärfen. Aus Angst
       vor der Polizei würden sich die Sexarbeiterinnen dann „noch mehr auf
       Spielplätzen verstecken“.
       
       Senge konzedierte durchaus, dass auch ein Ausbau des Drogenhilfssystems
       erfolgen müsse. Priorität habe für die CDU aber bei allen Maßnahmen, dass
       sich die Sicherheit im öffentlichen Raum im Sinne der Anwohner verbessere.
       Um die Szene von der Straße zu bekommen, müssten Sozialarbeiter oder andere
       „Schnittstellen“ dafür sorgen, dass die Abhängigen die Hilfseinrichtungen
       tatsächlich nutzten. Ob das auch mit Druck oder gar Zwang geschehen soll,
       ließ sie offen. Am Ende müsse der Entzug stehen: „Es reicht nicht,
       Einrichtungen zu haben und Spritzen zu verteilen“.
       
       Bei Wiebke Neumann (SPD), Elisabeth Staudt (Linke) und Sebastian Walter
       (Grüne) musste man genau hinhören, um Unterschiede in den Positionen
       festzustellen. SPD, Grüne und Linke treten für ein akzeptierende,
       niedrigschwellige Suchthilfe ein. Kein Sperrbezirk, kein Verdrängen der
       Szene, Ausbau von dezentralen Hilfsangeboten und Konsumräumen, nahe an
       Standorten der Szene, darin war man sich einig. Die SPD hatte schon in der
       laufenden Legislaturperiode ein ambitioniertes Sofortprogramm zur
       Schadensminimierung beim Crack-Konsum vorgelegt, die Umsetzung des
       12-Punkte-Plans scheiterte dem Vernehmen nach aber an der CDU.
       
       In ihren Wahlprogrammen zeigen sich die drei Parteien offen dafür, neue
       Wege nach Züricher oder Dortmunder Vorbild zu gehen. In Zürich etwa gibt es
       ein Suchthilfezentrum, in dem laut SZ-Report Konsum und Mikrodrogenhandel
       toleriert werden, während draußen Null-Toleranz für Konsum und Handel gilt.
       Ganz verschwunden ist die offene Szene auf der Straße dort nicht, aber die
       Verhältnisse sind nicht mehr vergleichbar mit den Zuständen Anfang der 90er
       Jahre.
       
       Elisabeth Staudt machte Gentrifizierung und soziale Kürzungen für die
       Verschärfung der Lage verantwortlich. Für die Linke kündigte sie einen
       deutlichen Ausbau des Housing-First-Programms für wohnungslose Menschen an.
       Zum Maßnahmenbündel, das Wiebke Neumann präsentierte, gehörte mehr
       Polizeipräsenz im Kiez, „um den Sicherheitsbedürfnissen der Anwohner
       Rechnung zu tragen“. Sebastian Walter betonte, soziale Probleme bräuchten
       soziale Lösungen, es brauche aber auch mehr Polizei und mehr Sicherheit.
       
       ## Neue Räume für Olga
       
       Einigkeit mit der CDU herrschte immerhin in einem Punkt: Alle vier Parteien
       versprachen, sich dafür einsetzen, dass „Olga“ im Kiez neue Räume bekommt:
       [4][Der einzigen Anlaufstelle für süchtige Sexarbeiterinnen] in der
       Kurfürstenstraße sind zum Sommer 2027 die Räume gekündigt worden. Auch die
       städtischen Wohnungsbaugesellschaften sollen künftig mehr bei der Raumsuche
       in die Verantwortung genommen werden.
       
       Die 42-jährige Historikerin Anne Herbst (Name geändert) verfolgte die
       Diskussion als Zuhörerin. Seit 2020 lebt sie in einem der Neubauten im
       Kurfürstenkiez. Ihre Kinder sind noch klein. Von ihrem Fenster schaue sie
       direkt auf den Treffpunkt der Szene, erzählt sie der taz. Nachts brenne es
       dort manchmal, oft seien Schreie zu hören.
       
       Herbst hat eine Anwohner-WhatsApp-Gruppe gegründet, auch Seniorinnen aus
       dem sogenannten Omabunker gehören dazu. „Wir sind keine Konservativen“,
       sagt sie. „Wir wussten genau, wo wir hinziehen, und könnten mit der
       Prostitution gut leben, wenn die Verhältnisse mit dem Wohngebiet kompatibel
       wären.“
       
       Zwölf Kitas, Schulen, Spielplätze und Jugendeinrichtungen befinden sich im
       Kiez. Laut Strafgesetzbuch ist Prostitution vor diesen Einrichtungen
       verboten. Durchgesetzt wird das Herbst zufolge aber nicht. Was sie sich
       wünsche, sei eine bessere Verzahnung zwischen Polizei und Sozialarbeit.
       Auch das Schweizer Modell funktioniere schließlich nicht ohne Repression.
       Für linksliberale Kreise sei das aber nach wie vor ein Reizwort.
       
       ## Ein „Haus für Hilfe“
       
       Folgt man der Landesdrogenbeauftragten, sind die Planungen für ein
       Suchthilfezentrum in Berlin am Laufen. „Haus der Hilfe“ soll es heißen.
       Unterkunft, Notschlafplätze, Konsumraum, Expressraum, Beratungsstelle,
       medizinische Versorgung sollen dort angeboten werden. Vier dieser Zentren,
       im Stadtgebiet verteilt, würden benötigt. Ihr Eindruck sei, dass diese
       Fragestellung bei allen demokratischen Parteien angekommen ist, sagte Heide
       Mutter und meinte damit auch die CDU.
       
       Astrid Leicht hat einen ähnlichen Eindruck: Bei allen Parteien sei
       angekommen, dass niedrigschwellige Suchthilfe von essenzieller Bedeutung
       sei. „Nicht nur für die Betroffenen, auch für die Anwohnerschaft.“ Am
       Leopoldplatz und im Kleinen Tiergarten versuche der Bezirk Mitte schon
       jetzt andere Wege zu gehen. Mit einem Sichtschutz sei dort eine Trennung
       geschaffen worden, um den Abhängigen einen gemeinsamen Aufenthalt zu
       ermöglichen und die Belästigungen der Öffentlichkeit gering zu halten, sagt
       Leicht.
       
       In Schöneberg-Nord ist die Szene zurzeit allerdings ziemlich in Aufruhr:
       Deutlich weniger Leute als sonst nächtigen vor den geschlossenen Läden,
       auch Anne Herbst beobachtet das. Morgens nähmen sie ihre Habseligkeiten
       mit. „Es herrscht totale Nervosität“. Wer dahinterstecke, wisse sie nicht,
       sagt Herbst. Gut findet sie das nicht: „Mit Verdrängung ist niemanden
       gedient.“
       
       Einige Abhängige sind unter die Hochbahn abgewandert. Auch in einer
       Einfahrt an der Potsdamer Straße hat ein Mann in der Nacht zu Samstag sein
       Lager aufgeschlagen. Er hat kaum noch Zähne im Mund. „Ich packe sofort und
       nehme auch den Müll mit“, kommt er erwarteten Vorwürfen zuvor, als man ihn
       anspricht. Er wirkt gehetzt und voller Verzweiflung.
       
       8 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Montagsinterview-mit-Curry-Bernd/!5082407
 (DIR) [2] /Massregelvollzug-in-Berlin/!5950647
 (DIR) [3] /Landessuchtbeauftragte-ueber-Crack/!6195633
 (DIR) [4] https://drogennotdienst.de/nur-fuer-frauen/frauentreff-olga/
       
       ## AUTOREN
       
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