# taz.de -- Konflikt um Drogenhilfe neben Schulen: Schwierige Nachbarschaft
> Nachdem vor der Drogenberatung Abrigado Schüsse gefallen sind, fordern
> Eltern der angrenzenden Schulen den sofortigen Umzug. Doch das schließt
> die Sozialbehörde aus.
(IMG) Bild: Reibungen zwischen dem Abrigado und der Nachbarschaft hat es früher schon gegeben: Der Ton ist aber durchaus wertschätzend
Künftig soll ein Sicherheitsdienst die Situation am Harburger
Schwarzenbergpark beruhigen. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner zur
Lösung eines Konflikts, der vermutlich überhaupt nur in Teilen lösbar ist.
Im Schwarzbergpark liegt die [1][Drogenhilfeeinrichtung Abrigado] und in
unmittelbarer Nähe davon sind zwei Schulen. Nachdem dort Mitte Juni
Unbekannte Schüsse abgaben und wenig später [2][einem 45-Jährigen ins Bein
geschossen] wurde, haben die Schule am Park und das Regionalen Bildungs-
und Beratungszentrums (ReBBZ) Alarm geschlagen. Die Bezirkspolitik schloss
sich an. Der Elternrat des [3][ReBBZ startete sogar eine Petition], die die
sofortige Schließung des Abrigado und eine Übergangslösung an einem anderen
Ort forderte.
Doch das schließt die Hamburger Sozialbehörde aus. Ein Ort, der sowohl von
der Zielgruppe akzeptiert werde, nachbarschaftsverträglich sei und
baulich-technisch geeignet, sei nicht so schnell zu finden, schreibt die
Sprecherin der Behörde. Ende 2028, so die aktuelle Prognose der Behörde,
wird das Abrigado ohnehin umziehen: an einen nahe gelegenen Standort an der
Buxtehuder Straße, der deutlich größer werden soll. Und bis dahin?
Die Liste der Maßnahmen, die die Sozialbehörde schickt, ist lang: Ein Teil
ist Kontrolle: der private Sicherheitsdienst, mehr Polizeistreifen, vor
allem zu den Abhol- und Bringzeiten der Schulen. Ein Teil ist Pragmatismus:
Die Öffnungszeiten des Abrigado werden so gelegt, dass sie sich nicht mit
den Schulabholzeiten überschneiden. Ein Teil ist Unterstützung durch
Ausweitung der Straßensozialarbeit. Und ein letzter Teil ist Vertreibung:
Der Aufenthalt am Denkmal im Park, wo oft Drogenkonsument:innen
sitzen, soll erschwert werden.
## Standort ist infrage gestellt
Reibungen zwischen dem Abrigado und der Umgebung hat es schon in der
Vergangenheit gegeben: Anwohner:innen, die über Müll in ihren Gärten
klagten, sehr vereinzelt Drogenkonsument:innen auf dem Schulgelände,
Restaurantpächter, die befürchteten, dass die Gäste ausblieben. Mit Schule
und Anwohner:innen, so sagen die Abrigado-Mitarbeiter, habe es immer einen
guten Dialog gegeben. Doch seit die Schüsse fielen, steht der Standort ganz
anders infrage.
Für die Mitarbeitenden des Abrigado ist in der Debatte allerdings eines zu
kurz gekommen: Dass ihre Gäste ebenfalls „Leidtragende“ der
Gewalteskalation seien, so sagt es Steffen Ostermann, Sozialarbeiter im
Abrigado. Es gebe keine Hinweise, dass der Täter Gast bei ihnen gewesen
sei. Die Polizei gibt auf taz-Nachfrage dazu keine Auskunft. Ende
vergangenen Jahres war das Abrigado selbst Opfer einer Attacke, als
[4][Unbekannte Molotow-Cocktails auf das Gebäude warfen].
„Gewalt ist für die Gäste ohnehin immer Thema“, sagt Ostermann, um so
belastender, in der Nähe von Hilfsangeboten und in so extremer Form damit
konfrontiert zu sein. Dabei kann er die Perspektive der protestierenden
Eltern durchaus nachvollziehen – sogar die Tatsache, dass sie
Maximalforderungen stellen. Aber die Perspektive des Abrigado sei eine
andere: „Wir haben den Auftrag, die Versorgung unserer Gäste
sicherzustellen.“
Dabei, das betont Ostermann ausdrücklich, sei der Ton auf der
Sicherheitskonferenz, die alle Beteiligten im Regionalen Bildungs- und
Beratungszentrum zusammenbrachte, gegenüber dem Abrigado durchaus
wertschätzend gewesen. Zwar habe es Kritik an alten Streitpunkten gegeben –
etwa Müll, Lautstärke oder offener Drogenkonsum im Umfeld –, doch ebenso
wohlwollende Kommentare zum Wert der Sozialarbeit. Nur: „Nicht vor unserer
Haustür.“
Dieses Spannungsverhältnis spiegelt sich auch in einem parteiübergreifenden
Dringlichkeitsantrag der Harburger Bezirksversammlung. Wobei sich wiederum
die Dringlichkeit auch darin zeigt, dass außer der AfD alle Parteien
vertreten sind: SPD, CDU, Grüne, Linke, Volt und FDP. „Das Abrigado
übernimmt als niedrigschwellige Einrichtung der Drogenhilfe wichtige
Aufgaben bei der Betreuung, medizinischer Versorgung und Begleitung
suchtkranker Menschen. Die Bedeutung solcher Hilfsangebote wird
ausdrücklich anerkannt und nicht infrage gestellt“, heißt es dort – und
ähnlich hat diese Wertschätzung auch die Hamburger Elternkammer formuliert.
Nun habe sich aber eine „nicht mehr hinnehmbare Situation“ entwickelt, die
„ausdrücklich sofortiger Abhilfe bedarf“.
Im Fokus der Kritik steht dabei keineswegs die Leitung des Abrigado,
sondern die Sozialbehörde. Die habe die Bezirkspolitik so spät eingebunden,
dass deren Vorschläge nicht oder kaum berücksichtigt worden seien. Dazu
komme die Verschleppung der Umzugspläne und die schlechte Kommunikation.
Mehr Konsument:innen am neuen Standort
Am neuen Standort wird das Abrigado mehr Konsument:innen betreuen
können. Das ist einerseits eine gute Nachricht, wobei die
Mitarbeiter:innen selbst mehrere kleine Standorte bevorzugen würden.
Doch Steffen Ostermann macht sich keine Illusionen darüber, dass viel
kommunikative Arbeit mit den Anwohner:innen nötig sein wird. Einige
seien bei der Sicherheitskonferenz aus allen Wolken gefallen, als ihnen
klar geworden sei, dass der neue Standort in ihrer direkten Nachbarschaft
liegt.
Das Gewaltproblem und dessen Eskalation, so glaubt er, habe mit dem
Standort ohnehin nichts zu tun. Das läge in den Gesetzen des
Drogenschwarzmarktes und wer hieran etwas ändern wolle, müsse über eine
regulierte Abgabe bisher illegalisierter Substanzen nachdenken. Aber „das
steht nicht in unserer Macht“ – und sei in der gegenwärtigen Drogenpolitik
ohnehin utopisch.
Konkret umsetzbar und unbedingt notwendig sind laut Ostermann allerdings
Versorgungsangebote mit Ersatzstoffen für Nichtversicherte im Hamburger
Süden. Und es sei sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, den
sogenannten Mikrohandel zu tolerieren. [5][Mikrohandel, wie er in der
Schweiz bereits erfolgreich erprobt wurde], bedeutet, dass Kleinstmengen
von Drogen wie Crack zwischen schwerstabhängigen Konsument:innen in
klar abgegrenzten Bereichen von Suchthilfeeinrichtungen weitergegeben
werden dürfen. Damit soll dafür gesorgt werden, dass die
Konsument:innen nicht sofort nach dem raschen Abklingen der Wirkung die
Suchthilfeeinrichtung wieder verlassen.
Die Hamburger Grünen-Abgeordnete Linda Heitmann hat sich gerade dafür
ausgesprochen, dass Hamburg auf Bundesebene für eine Gesetzesänderung
wirbt, um den Mikrohandel zu legalisieren.
19 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Drogenkonsumraum-in-Hamburg/!6138868
(DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/schuesse-in-hamburg-harburg-ein-verletzter,harburg-148.html
(DIR) [3] https://www.change.org/p/unsere-kinder-zuerst-abrigado-hamburg-harburg-standort-jetzt-schlie%C3%9Fen-und-verlegen
(DIR) [4] https://www.abendblatt.de/hamburg/harburg/article410417434/brandanschlag-auf-drogenhilfe-abrigado-polizei-ermittelt.html
(DIR) [5] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/zuerich-drogen-mikrohandel-100.html
## AUTOREN
(DIR) Friederike Gräff
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