# taz.de -- Verkehrsunfälle von Kindern: Den Deutschen ist das Auto wichtiger
       
       > 2025 wurden mehr Kinder im Verkehr getötet und verletzt als noch 2024.
       > Wie müsste sich die Infrastruktur ändern, um Kindern Sicherheit zu
       > bieten?
       
 (IMG) Bild: Für Kinder ist das Fahrradfahren auf deutschen Straßen nach wie vor lebensgefährlich
       
       Alle 18 Minuten wurde 2025 in Deutschland ein Kind unter 15 Jahren im
       Straßenverkehr verletzt oder getötet. Insgesamt kamen 29.270 Kinder bei
       Verkehrsunfällen zu Schaden – über 2.000 mehr als 2024.
       
       Rund alle fünf Tage starb 2025 ein Kind im Straßenverkehr, 74 Todesopfer
       waren es insgesamt. Auch das sind mehr als im Vorjahr, als noch 53 ums
       Leben kamen. Das geht aus [1][Zahlen] hervor, die das Statistische
       Bundesamt am Montag veröffentlicht hat.
       
       „Dass mehr Kinder im Straßenverkehr verunglücken, ist kein Zufall“, sagt
       Anika Meenken, Sprecherin für Fuß- und Radverkehr beim Ökologischen
       Verkehrsclub VCD. Es gebe mehr Verkehr, komplexere Situationen, „und eine
       Infrastruktur, die vielerorts noch immer für Erwachsene und Autos statt für
       Kinder gestaltet ist.“
       
       Das Bewusstsein dafür, dass Kinder im Straßenverkehr sichere Wege und Räume
       brauchen, nehme langsam zu, sagt Jana Kühl, [2][Professorin für
       Radverkehrsmanagement an der Ostfalia Hochschule]. In Wohngebieten würden
       Spielstraßen eingerichtet, es [3][entstehen mehr verkehrsberuhigte
       Schulstraßen]. Die neue Straßenverkehrsordnung, seit Oktober 2024 in Kraft,
       macht die Einführung von Tempo 30 leichter. „Es gibt aber keine
       durchgängigen Wege, die für Kinder sicher sind.“ Auch nicht auf den
       Strecken, die Kinder regelmäßig zurücklegen müssen.
       
       ## Viele Unfälle auf Schulwegen
       
       Dieses Bild zeichnen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: So
       wurden Kinder zwischen 6 und 14 Jahren im vergangenen Jahr besonders häufig
       auf dem Weg zur Schule, montags bis freitags von 7 bis 8 Uhr in Unfälle
       verwickelt. Nach Unterrichtsende, am Mittag und Nachmittag, gab es dann den
       nächsthöchsten Peak.
       
       Zwei von fünf Kindern zwischen 6 und 14 verunglückten mit dem Fahrrad,
       eines von fünf zu Fuß. Gut ein Viertel saß zum Zeitpunkt des Unfalls in
       einem Auto. Über alle Altersgruppen hinweg fuhren die meisten Kinder – gut
       ein Drittel von ihnen – mit dem Fahrrad, als es zu Unfällen kam. Acht
       Prozent [4][fuhren E-Scooter].
       
       Weil viele Eltern Angst um die Sicherheit ihrer Kinder im Straßenverkehr
       haben, setzen sie aufs [5][Elterntaxi], sagt Verkehrsforscherin Kühl. „Und
       das ist dann eher ein Teil des Problems als die Lösung, weil die Eltern in
       ihrem Auto wiederum andere Kinder gefährden, die sich auf die Straße
       wagen.“
       
       Tatsächlich leben Kinder im Straßenverkehr besonders gefährlich. Sie sind
       vergleichsweise klein und werden deshalb eher übersehen, zum Beispiel
       zwischen parkenden Autos. Kinder entwickeln erst mit etwa acht Jahren die
       Fähigkeit, [6][Gefahren vorausschauend einzuschätzen]. Wenn sie von Autos
       erfasst werden, werden sie angesichts ihrer Körpergröße eher an
       lebenswichtigen Organen verletzt und [7][mit höherer Wahrscheinlichkeit
       unter das Auto gedrückt].
       
       ## Auto als Symbol von Wohlstand und Wirtschaftskraft
       
       Gleichzeitig sind sie tendenziell näher an der Quelle der Abgase, die die
       Klimakrise befeuern – und unmittelbar die Gesundheit schädigen können. Und
       junge Lungen, die noch im Entwicklungsstadium sind, können schwerere
       Schäden davontragen als erwachsene.
       
       All das sei schon seit den 1960er, und 70er Jahren bekannt, erzählt Jana
       Kühl. Nicht nur in Deutschland: In den Niederlanden seien damals extrem
       viele Kinder im Verkehr umgekommen. Die Verantwortlichen hätten dann
       festgestellt, dass die bestehende Infrastruktur Kindern keine Sicherheit
       bietet – und begonnen, [8][Ortschaften konsequent umzubauen].
       
       „Das ist in Deutschland nicht passiert“, sagt Kühl. Warum? „Weil die
       Bedeutung des Autos in Deutschland offensichtlich noch viel größer ist und
       war als in den Niederlanden.“ Die Industrie sei hier bekanntermaßen
       Inbegriff von Wohlstand und Wirtschaftskraft; das Auto viel mehr als nur
       ein funktionelles Fortbewegungsmittel.
       
       Zwischen 1990 und 2010 sank die Zahl der in Unfälle verwickelten Kinder
       trotzdem deutlich, seitdem stagnierte sie mehr oder weniger, brach in den
       Coronajahren ein, weil schlicht weniger Menschen unterwegs waren, und
       steigt seit zwei Jahren wieder an.
       
       Dass der Verkehr in Deutschland noch immer vor allem autogerecht
       organisiert wird, hat dann nicht nur Folgen für Kinder. Auch andere Gruppen
       sind besonders gefährdet, ältere Menschen zum Beispiel. Darin liege
       eigentlich Potenzial, meint Professorin Kühl, parteiübergreifend Lösungen
       für mehr Verkehrssicherheit zu suchen. „Aber sobald es darum geht, den
       Kfz-Verkehr einzuschränken, ist der politische Konsens oft schnell wieder
       dahin.“
       
       ## „Stärker Unfälle vermeiden“
       
       Trotz der Reform des Straßenverkehrsrechts dürfen außerdem immer noch viele
       Maßnahmen erst gestartet werden, wenn eine Gefahrenlage bewiesen werden
       kann. Sprich: Es muss jemand verletzt oder gar getötet worden sein. „Da
       müssen wir viel stärker präventiv handeln und Unfälle vermeiden“, findet
       Kühl.
       
       Meenken vom VCD fordert: [9][Tempo 30], sichere, dichte Fuß- und
       Radwegenetze, verkehrsberuhigte Schulstraßen und gut einsehbare Querungen.
       „Autofahrende müssen aufmerksam und angepasst fahren.“ Eltern und Schulen
       können durch Verkehrserziehung helfen – aber auch keine strukturellen
       Defizite ausgleichen. „Kinder werden im Straßenverkehr durch eine
       kindgerechte Infrastruktur sicherer.“
       
       Die meisten relevanten Entscheidungen werden auf kommunaler Ebene
       getroffen, aber auch der Bund könne helfen, sagt Forscherin Kühl. 145
       Millionen Euro etwa steckte das Bundesverkehrsministerium zuletzt in
       kommunale Projekte, die jungen Menschen sichere Mobilität ermöglichen soll.
       Im Vergleich zu anderen Maßnahmen ist das jedoch eine kleine Summe, den
       zweimonatigen Tankrabatt zum Beispiel lässt sich die Bundesregierung 1,6
       Milliarden Euro kosten.
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/08/PD26_N055_46241.html
 (DIR) [2] /Professorin-Jana-Kuehl-ueber-Radverkehr/!5722886
 (DIR) [3] /Schulstrassenprojekt-in-Koeln/!6150908
 (DIR) [4] /Toedlicher-E-Scooter-Unfall-in-Berlin/!6172831
 (DIR) [5] https://www.mobilitaetsforum.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Projekte/Monitor-Fussverkehr-2024_Kinderbefragung.pdf?__blob=publicationFile&v=2
 (DIR) [6] https://www.verkehrswacht-medien-service.de/kindergarten/kinder-im-strassenverkehr/
 (DIR) [7] /Gefaehrlicher-SUV-Boom/!6090324
 (DIR) [8] /Fahrradexpertin-ueber-Winter-und-Politik/!6144235
 (DIR) [9] /Studie-Tempolimit-von-30-km/h-wuerde-Fussgaenger-Unfaelle-deutlich-seltener-machen/!6173273
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nanja Boenisch
       
       ## TAGS
       
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