# taz.de -- Radexpertin über Schulweg-Unfälle: „Warnwesten helfen nicht, wenn der LKW das Kind übersieht“
> In Hamburg ist die Zahl der Schulwegunfälle deutlich gestiegen. Für den
> ADFC ein Grund mehr, Tempo 30 und autofreie Schulstraßen zu fordern.
(IMG) Bild: Sicherheit bleibt ein frommer Wunsch: In Hamburg sind zuletzt mehr Kinder auf dem Schulweg verunglückt
taz: Warum hat die Zahl der Unfälle auf dem Schulweg in Hamburg so stark
zugenommen, Frau Lepik?
Katharina Lepik: Die Polizei nennt unterschiedliche Ursachen – unter
anderem führt sie es auf Unachtsamkeit zurück.
taz: Aufseiten der Kinder oder der anderen Verkehrsteilnehmer:innen?
Lepik: In etwa der Hälfte der Fälle aufseiten der Kinder. Die Polizei
betont das, aber wir vom ADFC denken, dass Kinder eben auch Fehler machen.
Und deswegen muss die Infrastruktur so sein, dass es gar nicht erst zu
Unfällen kommt.
taz: Eine Idee, für die Sie sich sehr eingesetzt haben, sind Schulstraßen,
die temporär für den Autoverkehr gesperrt sind. Hamburgs Senat hat schon im
vorigen Jahr verkündet, sie einführen zu wollen. Warum gibt es noch immer
keine?
Lepik: Ich würde nicht sagen, dass es komplett stockt, aber in Hamburg
dauern offensichtlich Abstimmungen sehr viel länger als in anderen
Bundesländern, wo wir [1][schon erste Schulstraßen haben]. Das liegt nach
meiner Beobachtung auch daran, dass es in Hamburg in der Verkehrsplanung
sehr viele Beteiligte gibt. Für die Schulstraßen wurde eine
behördenübergreifende Arbeitsgruppe aus Polizei, Bezirksämtern,
Schulbehörde und der Behörde für Mobilität gegründet. Sie soll die
Standards für die Schulstraßen erarbeiten und bei der Implementierung
unterstützen. Sie trifft sich aber nur einmal im Quartal.
taz: Es geht doch nur darum, eine Straße für eine halbe Stunde für den
Autoverkehr zu sperren. Das wirkt eigentlich nicht sehr komplex.
Lepik: Es scheint, auch aufgrund der Autodominanz in der Verkehrspolitik,
schwierig, sich zügig abzustimmen.
taz: Ist es dann eher ein ideologisches Problem? Dass man – siehe
Parkplatzmoratorium – das Gefühl hat, es sei politisch gerade nicht
opportun, die Autofahrer:innen gegen sich aufzubringen?
Lepik: Es hat etwas mit Schwerpunktsetzungen zu tun. [2][Beim
Parkplatzmoratorium für den Parkplatzabbau merkte man ja, dass es relativ
schnell geht], all die bestehenden Parkplätze zu zählen, was durchaus ein
großer Aufwand ist.
taz: Haben Sie noch andere Ideen, wie man die Schulwegunfälle verhindern
kann?
Lepik: Eine große Antwort ist flächendeckendes Tempo 30. Wir haben eine
neue Straßenverkehrsordnung, die die Einrichtung von Tempo 30 erleichtert
und zum Beispiel auf hochfrequentierten Schulwegen Tempo 30 erlaubt. Da
könnte die Polizei jetzt schnell handeln und auch mal initiativ im Umfeld
von Schulen, überall da, [3][wo es irgendwie geht, Tempo 30 einrichten].
Schließlich sagt die Polizei allgemein in ihrer Unfallbilanz, dass erhöhte
Geschwindigkeit die häufigste Unfallursache ist. Es lässt sich wirklich
leicht umsetzen, wenn der Wille da ist. Man muss baulich nichts verändern,
einfach nur Schilder anbringen.
taz: Gibt es Reaktionen aus der Politik auf die neuen Unfallzahlen?
Lepik: Mir sind bisher keine bekannt.
taz: Das ist wenig.
Lepik: Das zeigt aber für mich, dass Eltern und Vereine wie wir als ADFC
weiter laut sein müssen, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.
Jetzt, am 4. März ist es ja leider genau ein Jahr her, dass ein
siebenjähriges Kind, das mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule war, in
Volksdorf von einem Müllfahrzeug überfahren und dabei tödlich verletzt
wurde. Das Fahrzeug ist mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren und es
hatte keinen Abbiegeassistenten.
taz: Sind die nicht inzwischen nach all den Abbiegeunfällen für alle
städtischen Fahrzeuge verpflichtend?
Lepik: Das war ein Subunternehmer – und da ist es nicht verpflichtend. Wir
fordern ganz allgemein sichere Kreuzungen und eine fehlerverzeihende
Infrastruktur. Die ist in Hamburg vielerorts noch nicht gegeben. Wenn der
LKW ein Kind übersieht, helfen auch keine Warnwesten.
taz: Wie sieht eine fehlerverzeihende Infrastruktur praktisch aus?
Lepik: Das sind zum Beispiel Kreuzungen, die so gebaut sind, dass
abbiegende Fahrräder zu jeder Zeit gesehen werden können. Es können auch
bauliche Trennungen von Radweg und Autospur sein. Wir haben ja häufig das
Problem, dass Kreuzungen bis zur Einmündung zugeparkt sind. Wenn dann ein
Kind auf der Straße fährt und abbiegt, wird es teilweise nicht gesehen.
Oder es muss eine Straße überqueren und sieht gar nicht, was hinter den
geparkten Autos ist.
taz: Das klingt utopisch in einer Stadt, in der es nicht mal Schulstraßen
gibt.
Lepik: Bei neuen Planungen in Hamburg wird zumindest auf eine klarere
Sichtbarkeit der einzelnen Verkehrsteilnehmer:innen geachtet. Auch
bei der Neugestaltung bestehender Kreuzungen werden Radwege inzwischen
häufig rot eingefärbt, um eine Signalwirkung zu haben. Aber es ist noch
viel zu tun außer roter Farbe. Und es könnte schneller und in größerem
Maßstab vorangehen.
4 Mar 2026
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(DIR) Friederike Gräff
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