# taz.de -- Justizdrama „Staatsschutz“: Sie will nicht Ausländerin genannt werden
       
       > Im Justizdrama „Staatsschutz“ lässt Regisseur Faraz Shariat eine
       > Staatsanwältin zum Opfer rechter Gewalt werden. Wie stark ist der Apparat
       > selbst unterwandert?
       
 (IMG) Bild: Die Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan, r.) und die Rechtsanwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) in „Staatsschutz“
       
       Kann ein Film zu aktuell sein? Im Fall von „Staatsschutz“ wird die
       Aktualität in der Tat von unangenehmen Gefühlen begleitet. Teile der
       Handlung sind zu nah dran an dem, was viele angesichts der zu erwartenden
       Wahlergebnisse für die nahe Zukunft befürchten oder bereits als Gegenwart
       sehen.
       
       Die Handlung lässt sich an wie ein normaler deutscher Fernsehkrimi. Eine
       junge Staatsanwältin wird Opfer eines rassistischen Anschlags. An Meldungen
       dieser Art haben wir uns erschreckenderweise längst gewöhnt. Es sind die
       Geschehnisse, die „Staatsschutz“ darauf folgen lässt, die das
       Gemütlichkeitsgefühl, das deutsche Krimis ihren Zuschauer*innen
       gewohntermaßen vermitteln, empfindlich stören.
       
       Dazu gehören Details wie ein Gespräch unter Redakteuren des
       Lokalfernsehens, die über den Anschlag berichten, aber nichts aufbauschen
       wollen und deshalb zunächst in angeblicher Neutralität von einem „Unfall“,
       in den die Staatsanwältin verwickelt sei, sprechen. Und die Trägheit, mit
       der die Polizei am Tatort zugange ist.
       
       Aber dann reagiert die Justiz ebenso träge. Ermittlungen verlaufen im Sand
       und produzieren schließlich nur einen einzigen Verdächtigen, der den
       Tathergang aber ganz anders schildert. Von wegen er hatte nichts wirklich
       Böses im Sinn und eine kritische Haltung gegenüber Ausländern sei doch weit
       verbreitet. Seine Verteidigerin polemisiert einen Zacken schärfer gegen die
       „linken Verzerrungen“ der Nebenklage.
       
       ## „Was wäre, wenn …?“
       
       Das ist eine große Stärke von [1][Faraz Shariats Film, der in diesem Jahr
       bei der Berlinale] mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde: Wie
       er die Quasi-Machtübernahme einer rechts-autoritären Gesinnung in den
       eigentlich zur Neutralität verpflichteten Institutionen wie der Justiz
       beschreibt. Es ist ein „Was wäre, wenn …?“, das einem den Atem nimmt, weil
       es so nebenbei passiert. Und man sich die Augen reibt und fragt, ob diese
       Zustände nicht vielleicht schon in einigen Regionen der Bundesrepublik
       Realität sind.
       
       Eben noch glaubte sich auch die frisch angetretene Staatsanwältin Seyo Kim
       (Chen Emilie Yan) gesichert in der „objektivsten Behörde der Welt“, wie man
       um sie herum behauptet. Wenn es nicht genug Beweise gibt, plädiert sie für
       Straffreiheit, auch im Fall eines rechten Störenfrieds. Dem Auftreten der
       engagiert linken Rechtsanwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) setzt
       sie demonstrativ die kalte Schulter entgegen. Wo käme man da hin, wenn man
       in der Justiz nach politischen Sympathien urteilt.
       
       Doch dann passiert es. Sie fährt Fahrrad und muss in den Schatten einer
       breiten, dunklen Straßenunterquerung eintauchen. Jede Frau kennt das leicht
       ungute Gefühl, das einen dabei selbst am helllichten Tag erfasst. Zunächst
       ist weit und breit niemand zu sehen. Dann saust wie aus dem Nichts ein
       anderer Fahrradfahrer heran, der sie überholt und ihr von vorn den Weg
       abschneidet, sodass sie stürzt.
       
       ## Der Schreck sitzt tief
       
       Als sie am Boden liegt, wird sie von oben mit einem brennenden
       Molotow-Cocktail beworfen. Ihre Jacke gerät in Brand. Während sie von oben
       das Johlen mehrerer Männer auf Mopeds hört, versucht sie verzweifelt, sich
       von der brennenden Jacke zu befreien. Es gelingt ihr; sie kommt mit kleinen
       Verbrennungen davon. Aber der Schreck sitzt tief.
       
       Das Vertrauen in den Staatsapparat verliert die Staatsanwältin dann sehr
       schnell. Zu deutlich steht ihr vor Augen, wie anders Medien, Polizei und
       Justiz reagiert hätten, wenn ihrem „biodeutschen“ Kollegen etwas Ähnliches
       widerfahren wäre. Deshalb ist es kein Wunder, dass Seyo es nicht lassen
       kann, selbst Nachforschungen anzustellen, obwohl man sie eindringlich davor
       warnt.
       
       Hier verlässt „Staatsschutz“ das sichere Fahrwasser eines deutschen
       Gegenwartsdramas und erlaubt sich mehr und mehr Genre-Elemente. Seyo wird
       als taffe Einzelkämpferin charakterisiert, wie man sie eher aus düsteren
       HBO-Krimis denn von ARD und ZDF kennt. Zwar hat sie in ihrem koreanischen
       Vater (Haeng-Goo Peter Yeo) einen warmen Unterstützer und in Min-su
       (Kotbong Yang) eine um ihr Seelenwohl besorgte Liebhaberin. Aber die Leere
       ihrer frisch bezogenen Neubauwohnung füllt sie einzig mit Kartons voller
       Recherchen.
       
       ## Das Netz der rechten Unterwanderung
       
       An die breite Fensterwand klebt sie ein Beweisführungsboard, das den
       Verschwörungstheoretikern dieser Welt Ehre erweist. Fotografien und
       Zeitungsausschnitte verdunkeln nicht nur das Wohnzimmer, sondern ergeben
       ein Netz der rechten Unterwanderung, gegenüber dem die kleine Seyo sehr
       machtlos erscheint.
       
       Als emotionaler Ausgleich zur unangenehmen Aktualität der Verweise auf
       NSU-Morde und Ähnliches funktioniert Seyo mit ihrem trotzigen, störrischen
       Auftreten dennoch gut. Statt auf dem Fahrrad fährt sie nun mit einem
       fetten, mit Schutzglas ausgestatteten Sportwagen durch die Gegend. Auch
       besorgt sie sich eine Waffe und trainiert das Schießen. Und sie ermittelt
       trotz aller Warnungen und Rückschläge weiter in eigener Sache. In der
       Behördenmitarbeiterin Ayten (Alev Irmak) findet sie schließlich eine
       Verbündete, die ihr Zutritt zu alten Akten beschafft.
       
       Die Thrillerelemente beißen sich jedoch mehr und mehr mit der
       gegenwartsnahen Schilderung rechter Machtübernahme. Szenen wie die, in der
       Seyo von zwei Polizeibeamten auf der Straße drangsaliert und schließlich
       sogar in Haft genommen wird, scheinen wenig plausibel und zu
       effekthascherisch. Man hätte sich gewünscht, dass der Film die
       Verschwörung, der Seyo auf die Spur kommt – Staatsanwaltschaft und rechte
       Täter kennen sich persönlich –, nicht nur behauptet, sondern als
       gesellschaftliche Entwicklung zeigt.
       
       ## „Was hat die Fidschi da zu sagen?“
       
       „Staatsschutz“ überzeugt immer dann besonders, wenn er nebenbei die
       aufgeladene Stimmung in der Gesellschaft darstellt. Etwa wenn Seyo im
       Gericht darauf aufmerksam machen muss, das sie Deutsche ist und nicht als
       Ausländerin bezeichnet werden will. Oder wenn sie darum kämpft, dass ein
       Zeuge, der ein T-Shirt mit den verklausulierten Buchstaben HKN KRZ trägt,
       eine Jacke anziehen soll. Im Hintergrund hört man jemanden etwas murmeln
       wie: „Das sind doch nur Buchstaben, was hat die Fidschi da zu sagen.“
       
       Die ebenfalls hoch aktuelle Frage, wie sehr man die Mittel des Rechtsstaats
       ausschöpfen muss oder gar verbiegen darf, um selbigen zu bewahren, stellt
       „Staatsschutz“ zwar, aber eine Antwort darauf versucht der Film nicht.
       
       26 Aug 2026
       
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 (DIR) Barbara Schweizerhof
       
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