# taz.de -- Merz im Urlaub: Seinen letzten Sommer soll der Kanzler gern genießen
       
       > Die Forderung, der Kanzler solle zügig zurückkommen, um dem Volk die Welt
       > zu erklären, hat auch etwas Untertäniges.
       
 (IMG) Bild: Sein Platz am Kabinettstisch ist leer und der Kanzler im Urlaub und wer erklärt jetzt dem Volk die Welt?
       
       Viele Menschen fragen: Wann kommt endlich die neue Folge meiner
       Lieblingskolumne „Materie“? Ist der Kerl immer noch im Urlaub?
       
       Na gut, viele, das sind meine Eltern und ein ehemaliger Lehrer mit taz-Abo.
       Sonst scheint niemandem aufgefallen zu sein, dass diese Kolumne ausgefallen
       ist. Ich trage das mit Fassung. Aber um die Frage nach dem Urlaub zu
       klären: Ich war nie wirklich weg. Ich war zwar nicht in der Redaktion und
       nicht in Berlin. Ich habe auch nicht auf Mails geantwortet und nicht an den
       üblichen fünf Konferenzen am Tag teilgenommen. Aber seien Sie unbesorgt:
       Ich habe die Lage in der taz genau verfolgt.
       
       Mit dieser Strategie hat es gerade ein unbeholfener Regierungssprecher
       versucht. Der konnte nicht sagen, wann der Kanzler zurückkommt, weil er ja
       nicht im Urlaub sei, sondern immer im Dienst. Nun wird Merz Doppelmoral
       vorgeworfen, weil er sein Volk aufruft, mehr zu arbeiten, und selbst vier
       Wochen weg ist. Andere bemängeln, dass der Kanzler sich zu den Krisen der
       vergangenen Wochen ([1][Drohnen], [2][Ceuta], [3][Dürre]) nicht persönlich
       geäußert habe.
       
       Ein bisschen merkwürdig ist diese Kritik, auch mit Blick auf die
       Arbeitszeiten des Kanzlers von Januar bis Juli. Souveräner wäre es da, ihm
       mit Hinweis auf die Errungenschaften der Arbeiterbewegung einen Monat
       Überstundenausgleich zu gönnen. Einem anderen keinen Urlaub zu gönnen, das
       ist eine sehr deutsche Eigenschaft. Und überhaupt, der Mann ist über 70,
       und seine Regierung hat das Ziel, mehr Menschen in die Aktivrente zu
       bringen. Da muss Erholung einfach drin sein.
       
       ## Die Liege des Kanzlers
       
       Die Forderung, der Kanzler solle zurückkommen, um dem Volk die Welt zu
       erklären, hat auch etwas Untertäniges – als sei etwas gewonnen, wenn Merz
       eine Pressekonferenz an einem leeren Flussbett abhält. Zumal die Kritik von
       jenen kommt, die sich dann über jeden Auftritt des Kanzlers aufregen. Es
       ist wie in jedem Unternehmen: Der Chef soll da sein, damit man weiß, über
       wen man in der Kaffeepause meckern kann.
       
       Gerade von Menschen, die selbst mal im Homeoffice arbeiten, wäre mehr
       Wohlwollen und weniger Präsenzfetisch angebracht. Heißt es nicht, das wäre
       irre produktiv? Die Lage des Kanzlers, die aktuell eine Liege ist, muss
       herrlich sein! Keine Kollegen, die einen ständig anquatschen. Keine
       Hauptstadtpresse und keine Parteifreunde, die ihn leiden sehen wollen.
       
       Ein Hauptstadtbild ohne Merz, und sei es für einen Sommer, scheint aber für
       manche kaum auszuhalten zu sein. Dabei darf sich das Volk ruhig daran
       gewöhnen. Erinnert man sich an den Schlamassel vor seinem Urlaub, könnte es
       Merz’ letzter Sommer in diesem Amt sein.
       
       Über den Nichturlaubsort des Kanzlers ist wenig bekannt, vermutlich ist er
       in seinem Haus am Tegernsee. Gäbe es Fotos auf einem Jetski wie bei Macron
       oder in Wanderschuhen wie bei Merkel, wäre die Öffentlichkeit sicherlich
       wohlwollend, ganz bestimmt. Die FAZ will immerhin wissen, welche
       Urlaubslektüre Merz eingepackt hat: Die Enzyklika des Papstes zum Thema KI.
       Klingt nicht nach Spaß. Wenn Merz nicht bald viel Zeit zum Lesen haben
       will, sei ihm für die letzten Urlaubstage andere Lektüre empfohlen: die
       Autobiografie einer Vorgängerin, die sich 16 Jahre lang im Amt halten
       konnte. Da könnte Merz lernen, wie man seine Partei so organisiert, dass
       einem nicht bei jedem Anlass ein Hinterbänkler an die Gurgel springt.
       
       Vielleicht hat der Kanzler das Papst-Werk auch schnell zur Seite gelegt und
       sich dem zweiten Buch gewidmet, das er dabei haben soll: Das „Narrenschiff“
       von Christoph Hein. Dass sich der Wessikanzler mit ostdeutscher Geschichte
       beschäftigt, dürfte ihm helfen, durch die nächsten Wochen zu kommen. Und
       womöglich sieht Merz sich ohnehin als Kapitän eines Schiffs voller Narren.
       
       21 Aug 2026
       
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