# taz.de -- Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Bier als kleinster gemeinsamer Nenner
> Davon reden, dass die Gesellschaft nicht geteilt sei, bringt nichts. Man
> muss es spüren, findet unser Autor – und organisiert mit seinem Vater ein
> Fest im Harz.
(IMG) Bild: Aron Boks und sein Vater André in der Altstadt von Wernigerode
Mit 19 Jahren hatte ich wenige Pläne für die Zukunft außer dem, von
Sachsen-Anhalt fortzuwollen. Ich bin in Blankenburg im Harz aufgewachsen,
meine Eltern leben inzwischen in ihrer Heimatstadt Wernigerode. Vor zehn
Jahren zog ich nach Berlin und dachte, ich käme nie wieder. Seit diesem
Jahr bin ich aber Stadtschreiber in Halle und merke, wie schnell sich
Gewissheiten ändern können, denn jetzt bin ich hier sogar gemeldet.
Nie hätte ich gedacht, dass mir diese Stadt so gut gefällt, in der
Designstudierende und Ultras des Halleschen Fußballclubs leben und veganes
Korean Fried Chicken neben Jägerschnitzel mit Nudeln am Imbissstand
koexistiert. Ich habe hier Freunde gefunden und führe ständig Interviews
mit Menschen aus der Stadt.
Wenn es um Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl geht, laufen meine Gedanken
allerdings immer wie automatisch zuerst nach Wernigerode – in das
Arbeitszimmer meines Vaters. Heute sind wir zum Facetimen verabredet, denn
wir planen eine Veranstaltung in Wernigerode, die in wenigen Tagen
stattfinden soll.
## „Ich kann es nicht mehr hören“
Mein Vater sitzt an seinem Schreibtisch, und seine brillenglasvergrößerten
Augen suchen die Frontkamera. Ich denke an das Blechschild mit dem Bild von
Helmut Schmidt, das ich ihm geschenkt habe und das ihn jetzt von der Wand
seines Schreibtischs aus anschaut. Darauf steht: „Wer Visionen hat, der
soll zum Arzt gehen.“ Vielleicht hätte ich ihm etwas Erbaulicheres schenken
sollen, denke ich, als er mir von einer Situation erzählt, die er neulich
beim Fußball erlebt hat. Ein Teamkollege hatte ihm seinen Wunsch nach einem
radikalen politischen Wandel erklären wollen, weil „alles den Bach
runtergeht“. Danach gefragt, ob dessen gut laufende Firma denn plötzlich
Probleme bekommen hätte, habe er aufgebracht geantwortet: „Noch nicht.“
Mein Vater reibt sich erschöpft die Augen. „Ich kann mich irgendwie nicht
mehr diskutieren hören“, sagt er. Seit Monaten häufen sich die Geschichten,
in denen Menschen meinem Vater gegenüber ein ganz anderes Bild von ihrer
Heimat präsentieren als das, das er wahrnimmt
Mein Vater ist seit fünf Jahren im Stadtrat von Wernigerode und als
Fraktionsvorsitzender der SPD tätig. Er besucht so gut wie jede Sitzung,
aber auch unterwegs lassen ihn die Spannungen in der Stadt nicht los. Als
ich letztes Jahr in den USA gelebt habe, hat mich mein Vater besucht, und
wir waren zusammen bei einem Vortrag einer indigenen nonbinären Person. Ich
war genervt davon, dass er die ganze Zeit auf sein Handy schaute, bis ich
sah, dass er dort das Wort „queer“ googelte.
„Eigentlich geht es denen nur darum, in Frieden zu leben“, sagt er später.
Diese Erkenntnis wolle er in den Stadtrat von Wernigerode einbringen, da
sich dort Leute gegen einen städtischen CSD aussprechen. „Du könntest Ally
sein“, schlage ich vor. Er seufzt und sieht mich entschuldigend an. „Aron,
ich unterstütze das gern, aber ich kann doch nicht in noch mehr Vereinen
mitwirken!“
Mein Vater ist Präsident des größten Sportvereins der Stadt, aber auch im
Förderverein der Kinderklinik und im Kunst- und Kulturverein.
Hauptberuflich führt er hier als Rechtsanwalt eine Kanzlei. Obwohl er zum
Studium wegzog, blieb Wernigerode sein ganzes Leben lang Bezugs- und
Fluchtpunkt. „Ich habe eigentlich die ganze Zeit Verbundenheit gespürt“,
sagt er. Während seiner Besuche in den 1990ern prügeln sich Linke und
Neonazis durch die Stadt, während viele ihrer Eltern Arbeit suchen. Doch
die Stimmung ist eine andere. „Selbst zu dieser Zeit hat das nicht gleich
zu so einem Zweifel an der politischen Klasse geführt“, sagt er.
Die Veranstaltung, die wir planen, soll diesem Missmut auf den Grund gehen
– und Wernigerode aus dem Sumpf der schlechten Laune befreien. Hier sollen
sich alle Bürger:innen treffen, sich als Nachbar:innen erkennen und
merken, wie wenig gespalten die Gesellschaft im Kern eigentlich ist.
Der Planungsstart lief ziemlich holprig. Während wir vor einigen Wochen
tagelang darüber debattierten, wie man einerseits eine breite Masse
erreichen, aber auch „die Scheiß- AfD verhindern“ könnte – wie man queere
Aktivist:innen einladen müsste, „um ein Zeichen zu setzen“, aber auch
diejenigen zur Veranstaltung bekommen würde, die sonst nie kommen, bekamen
wir keine Einigung hin. Dafür aber eine Absage vom Verein, mit dem wir das
Fest austragen wollten. Dieser wolle politisch neutral bleiben, so die
Begründung. „Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören“, sagte mein
Vater daraufhin resigniert am Telefon.
## Menschen zusammenbringen, die sonst wenig miteinander reden
Ein paar Tage später sitze ich nach dem Anschlag auf den Berliner CSD auf
der Trauerkundgebung am Brandenburger Tor und höre der Aktivistin Luna
Möbius zu, die auch über ihr Heimatland Sachsen-Anhalt spricht. Sie
erklärt, wie besorgt sie ist. Ihre Rede berührt mich. „Schaut euch die
Städte an, und redet wirklich mit den Leuten!“, ruft Möbius.
Während viele gerade vor dem Faschismus im Osten warnen, erklären andere,
dass man in einer Demokratie auch Machtwechsel akzeptieren müsse. Meist
sind das jene, die gerade kaum selbst von rechter Politik betroffen sind.
Aus Berlin-Charlottenburg lässt sich schnell eine Theorie über ein neues
Zusammenleben entwickeln, denke ich. In Wernigerode ist das schwieriger.
Nach der Kundgebung telefoniere ich mit meinem Vater. „Jeder, der AfD
wählt, ist unzufrieden mit dem Gang der Dinge und will irgendwie einen
Richtungswechsel“, sagt er. Ab sofort wolle er deshalb aufhören, Leuten zu
erklären, wie gut es ihnen im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern
geht. „Ich habe das ja alles versucht“, sagt er. „Ich glaube, wir müssen
das Ding neu denken!“
Wir teilen uns auf. Mein Vater versucht, die konservativen Kreise der
Zivilgesellschaft zu aktivieren, ich bin für die linke Bubble zuständig.
Wir wollen Menschen zusammenbringen, die sonst immer weniger miteinander
reden. Es bringt schließlich nichts, immer nur zu behaupten, die
Gesellschaft sei gar nicht so gespalten, wie viele denken, wenn es nie zu
Gelegenheiten kommt, das Gegenteil zu erfahren. Was genau etwas bringt,
weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Nur scheint es mir keine gute Idee,
würden wir weiter zwar „Alle zusammen gegen den Faschismus!“ rufen, aber
jeweils unter uns bleiben.
„Hatten wir auch nicht vor“, sagt Ivonne an einem Dienstagabend im
Zoom-Chat, in dem ich meine Gedanken teile. Ivonne heißt eigentlich anders,
möchte ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Sie ist wie
fünf andere Frauen um die 40 Jahre alt, in einem Wernigeroder
Demokratiebündnis aktiv und mit mir in einem virtuellen Plenum. Während ich
referiere, hat sie schon einen Titelvorschlag für die Veranstaltung
gefunden: „Wernigerode – Unsere Heimat“. Das Logo des Demokratiebündnisses
solle aber nicht auf die Veranstaltungsflyer. „Wir wollen ja keinen
abschrecken“, sagt sie.
Mittlerweile stehen ein Marktplatz, eine Bühne mit Gästen und Musik sowie
ein Getränkewagen bereit. In mehreren Slots werden Gastronom:innen mit
Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Künstler:innen und dem Publikum über
den kleinsten gemeinsamen Nenner diskutieren, den sie haben: ihre Stadt. Es
ist der Versuch einer versöhnlichen Begegnung.
Zurück im Facetime-Gespräch mit meinem Vater. „Ich bin mir gar nicht so
sicher, ob es darauf ankommt, wie die Wahl ausgeht“, sagt er, kurz bevor
wir auflegen.
Im ersten Moment klingt das ziemlich resigniert, aber je länger ich darüber
nachdenke, entdecke ich darin Hoffnung. Denn unabhängig von jeder
politischen Zukunft in diesem Land gibt es Verletzungen in der Gesellschaft
dieser Stadt und in diesem Land, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit
auch in anderen Ecken Deutschlands zeigen. Begegnungen und Gespräche, in
denen Menschen sich gegenseitig nicht nur als AfD- oder Grünen-Wähler:innen
wahrnehmen, die für Remigration oder Wärmepumpen stehen, sondern als
Nachbarn mit Ängsten und Hoffnungen begreifen, werden immer
unwahrscheinlicher. Gerade diese Begegnungen können aber helfen, einander
nicht nur als Parteiprogramme wahrzunehmen und Verletzungen zu heilen.
Sicher, jedes Bestärken auf Demos und jeder Safe Space ist wichtig, damit
sich Verbündete Mut machen und von Bedrohungen und Meinungen abgrenzen
können, die ihnen nicht passen. Aber um die andere Seite zu verstehen,
braucht es Begegnungen.
Es so wieder hinzubekommen, darauf setzen mein Vater und ich am letzten
Augustsamstag in Wernigerode. Es steht viel auf dem Spiel: Wenn Bier,
Gespräche und Musik nicht mehr für einen kleinsten gemeinsamen Nenner
sorgten, dann wäre es wirklich mit allen Gewissheiten der Gegenwart im Harz
vorbei.
Aron Boks ist Autor, Slam-Poet und Moderator. Als Teil des PEN Berlin tourt
er gerade mit der Diskussionsreihe „Ist das noch|schon mein Land?“ durch
Sachsen-Anhalt. Letztes Jahr erschien sein Buch „Starkstromzeit“. Die
Veranstaltung „Wernigerode – Unsere Heimat“ findet am 29. August von 14 bis
16 Uhr auf dem Marktplatz in Wernigerode statt. Der Eintritt ist frei.
22 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Aron Boks
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