# taz.de -- Über das Wohnen als Menschenrecht: „Wir kämpfen dann für sie“
> Hanna Krügener und Luise Plaasche arbeiten mit obdachlosen und
> wohnungslosen EU-Bürger*innen. Sie richten den Fokus auf eigenen Wohnraum
> statt auf Wohnheime.
(IMG) Bild: Gute Idee oder verfehlte Politik? Safe-Spaces-Wohnboxen in der Hertzbergstraße 7 in Berlin-Neukölln
taz: Auf dem Weg vom S-Bahnhof Warschauer Straße zu Ihrer Beratungsstelle
am Ostbahnhof bin ich die Gleise entlang durch eine Grünanlage gelaufen und
habe drei Wohnstätten von obdachlosen Menschen gesehen. Das Problem tritt
in Berlin immer häufiger auf, wie sehen Sie das?
Hanna Krügener: Ja, Obdachlosigkeit ist ein drängendes Problem. Es wäre
aber mit einer höheren Priorisierung durchaus lösbar.
Luise Plaasche: Das „Elend“, das Sie auf den Straßen sehen, ist das eine.
Das andere ist die verdeckte Wohnungslosigkeit.
taz: Verdeckt meint …?
Plaasche: … dass die Betroffenen nicht sichtbar auf der Straße kampieren,
sondern bei Freundinnen oder Bekannten untergekommen sind.
Krügener: … und die in Wohnheimen untergebrachten Wohnungslosen. Es ist ein
großes, nicht sichtbares Problem, dass die Zahl der untergebrachten
Wohnungslosen immer weiter steigt und Menschen in diesen eigentlich nicht
auf Dauer angelegten Unterbringungen auf lange Zeit verweilen. Geschätzt
leben rund 6.000 Menschen in Berlin auf der Straße, rund 2.300 verdeckt und
rund 57.000 sind untergebracht.
taz: Bei Unterbringungen fallen mir die Safe Places ein. Was halten Sie von
diesem [1][Projekt mit den kleinen Wohnboxen?]
Krügener: In Gesprächen mit Menschen, die selbst wohnungslos waren oder
sind, habe ich unterschiedliche Meinungen dazu gehört. Klar ist, dass das
keine Wohnungen sind. Und darum sollte es gehen. Der Unterbringungspflicht
wird so nicht nachgekommen. Diese ist im [2][Allgemeinen Sicherheits- und
Ordnungsgesetz] (ASOG) geregelt: Jede Person in Berlin, die sich in einem
Bezirk meldet und sagt, dass sie obdachlos ist und untergebracht werden
möchte, muss untergebracht werden – und zwar unabhängig von Herkunft und
unabhängig vom Leistungsanspruch. Das ist zumindest die Theorie.
taz: Und wie sieht die Praxis aus?
Krügener: Im Falle unserer Zielgruppe, also EU-Bürger*innen, passiert diese
gesetzlich vorgeschriebene Unterbringung oft nicht ohne den Druck von
Beratungsstellen. Aber vielleicht noch mal kurz zu den Safe Places: Für
einige sind diese Boxen tatsächlich besser als ein Wohnheim, weil du einen
eigenen Ort hast.
taz: Weil sie Privatsphäre bieten?
Krügener: Ja, und es ist sicherer als ein Zelt, weil du abschließen kannst.
Die Gefahr bei solchen Zwischenlösungen ist aber, dass sie zur Dauerlösung
werden. Klient*innen wohnen dort viele Jahre, es wird sich nicht weiter
um Wohnraum bemüht.
taz: Sie sind ja erst mal untergebracht.
Krügener: Dass manche Betroffene diese Safe Places einer ihnen rechtlich
zustehenden Unterkunft vorziehen, sagt ja auch etwas über den Zustand
dieser Unterkünfte aus. Die Personen haben ja Gründe, warum sie nicht in
diese Wohnheime wollen.
taz: Aber andere obdachlose Menschen gehen in diese Unterkünfte?
Krügener: Ja, die, die zu uns kommen, wollen in der Regel untergebracht
werden und haben große Schwierigkeiten, das ohne Begleitung durchzusetzen,
obwohl es ihnen rechtlich zusteht. Wir kämpfen dann für sie.
Plaasche: Das Problem: In der Praxis koppeln die Bezirke den Anspruch auf
Unterbringung an den Leistungsanspruch. Das heißt, dass obdachlose Menschen
zunächst einen Antrag auf Leistungen vom Jobcenter beantragen sollen, auch
wenn klar ist, dass sie, wenn sie EU-Bürger*innen sind, oft keinen Anspruch
haben.
Krügener: Die Bezirke begründen das damit, dass sie nicht auf den Kosten
für die Unterbringung sitzen bleiben wollen.
Plaasche: Aber die Leute werden nicht so schnell abgewimmelt, wenn wir
dabei sind und übersetzen können.
taz: Wie viele Plätze müsste es berlinweit geben?
Plaasche: Ich weiß gar nicht, ob das mein Fokus wäre. Der wäre, sich erst
mal den Standard dieser Heime anzugucken und zu kontrollieren, was da
passiert. Es gibt ganz gute Heime, wo auch soziale Träger eingebunden sind,
die gut ausgestattet sind, wo es Sozialberatung gibt. [3][Und es gibt
Heime, wo es das alles nicht gibt], wo hygienische Standards nicht
eingehalten werden, wo sich viele Leute Gemeinschaftsräume und Küche teilen
müssen.
Krügener: Ich würde den Fokus auch nicht auf die Unterbringung, sondern auf
eigenen Wohnraum legen. Auch weil Unterbringung teuer ist und viel mehr
kostet als eine Wohnung.
taz: Das müssen wir in Relation setzen.
Krügener: Die Tagessätze liegen zwischen 30 und 150 Euro pro Tag pro Person
für ein Bett in einem geteilten Schlafzimmer mit Gemeinschaftsküche und
-bädern. Man kann sich ausrechnen, was das für eine Familie im Monat
kostet. Das ist viel teurer als eine Wohnung. Deswegen ist es hilfreich,
auf andere Länder zu gucken, in denen das [4][Housing-First-Konzept]
flächendeckend umgesetzt wird. In Berlin wird das nur projekthaft
durchgeführt und ist für EU-Bürger*innen schwer zugänglich.
taz: Erklären Sie bitte das [5][Housing-First-Konzept].
Krügener: Das, was wohnungslose Menschen brauchen, ist eine Wohnung. Mit
einer eigenen Bleibe kann man alle anderen Probleme angehen, eine Sprache
lernen, eine Sucht bearbeiten, Arbeit suchen. Die Unterbringung in Heimen
holt Menschen in der Regel nicht dauerhaft aus der Situation heraus, weil
die Lebensumstände ohne eigenen Wohnraum weiterhin prekär bleiben, sodass
eine Stabilisierung nicht eintreten kann.
taz: Eine Wohnung schafft eine Basis.
Krügener: In Deutschland gibt es immer noch dieses Konzept, dass Leute erst
beweisen müssen, dass sie wohnfähig sind. Mit den Menschenrechten ist das
nicht kompatibel. Wohnen kann jeder. Wohnen ist ein Menschenrecht. Manche
Menschen benötigen für andere Themen in ihrem Leben Unterstützung, aber
nicht zum Wohnen.
taz: Was nervt Sie an der Debatte um Obdachlosigkeit?
Krügener: Für mich ist es in dieser Debatte rund um Obdachlosigkeit und
Migration wichtig, da keinen kausalen Zusammenhang zu sehen. Dass wir zu
wenig Wohnraum haben, liegt nicht an der Migration. Ich gebe Workshops zu
diesem Thema und frage dabei unter anderem, ob die Migration aus EU-Ländern
wohl zu- oder abnimmt. Viele glauben, dass die Zahlen steigen.
taz: Das ist bestimmt eine Fangfrage.
Krügener: Das ist falsch, genau. Wenn wir auf Polen und Bulgarien gucken,
ist die Migration seit ein paar Jahren rückläufig. Und das kommt bei vielen
Menschen nicht an. Dass es ein Problem in der Unterbringung von obdachlosen
Menschen oder in der Wohnraumversorgung gibt, liegt nicht an der Migration,
sondern an wohnungs- und sozialpolitischen Entscheidungen.
taz: Aber solche Narrative werden ständig wiederholt.
Krügener: Es ist für unsere Klient*innen ein Problem, dass ihr Bild in
der Gesellschaft sehr negativ ist. Das ist mit ein Grund, warum sie nicht
aus den Unterkünften herauskommen, keinen Wohnraum und schwerer Arbeit
finden. Gerade Menschen aus den östlichen EU-Ländern wird der Zugang sehr
stark erschwert. Erst seit Kurzem haben sie wieder ein Recht auf
Deutschkurse. Unter anderem deshalb arbeiten viele unter ihren
Qualifikationen.
taz: Die Menschen kommen hierher, um zu arbeiten?
Krügener: Richtig. Dazu gibt es verschiedene Studien, die das belegen.
Viele wurden mit einem konkreten Job angeworben. Gerade bei EU-Bürger*innen
aus dem östlichen Europa muss man das auch mit Arbeitsausbeutung
verknüpfen. Wenn wir über EU-Migration und davon reden, alle
zurückzuschicken, dann müssen wir auch darüber reden, wer dann künftig
unsere Häuser bauen soll.
taz: Und wer pflückt dann das Obst?
Krügener: Und versorgt uns, wenn wir krank sind? Ja, an zweiter Stelle der
ausländischen Ärzte stehen Menschen aus Rumänien. Mir gefällt es nicht, in
Migrationsdebatten nur über wirtschaftliche Faktoren zu reden, aber die
Zusammenhänge müssen schon benannt werden, wenn immer von Rückführung die
Rede ist. Wenn wir Migration wollen, gibt es immer auch Menschen, die
scheitern und Unterstützung brauchen. Das sind die Menschen, die bei uns in
den Beratungsstellen landen.
taz: Was braucht es also?
Krügener: Ich wohne in Neukölln und sehe immer wieder Obdachlosencamps
entstehen, die dann geräumt werden. In dieser ordnungspolitischen Maßnahme
sehe ich keine richtige Lösung des Problems. Geräumte Menschen kommen
wieder oder suchen sich woanders ihren Platz. Es braucht Perspektiven wie
die Unterbringung in Wohnraum. Es braucht eine gut finanzierte Suchthilfe
und keine Kürzungen in sozialen Projekten. Das sind alles nachhaltigere
Lösungen, als immer wieder zu räumen.
24 Sep 2026
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Manni P. ist 30 und seit 12 Jahren obdachlos. Er wünscht sich jemanden, der
hinschaut, ihn ernst nimmt. Eine Wohnung würde er sofort annehmen.