# taz.de -- Neukölln vor der Wahl: Safer Places sollen Schule machen
       
       > Die zunehmende Obdachlosigkeit samt Drogenproblematik sind kaum Thema im
       > Wahlkampf um die Bezirksparlamente – in Neukölln aber schon. Ein
       > Rundgang.
       
 (IMG) Bild: Spricht auch mal persönlich obdachlose Menschen an: Bezirksstadtrat Hannes Rehfeldt (CDU)
       
       Eine Szene wie die folgende lässt sich nicht planen, sie passiert an diesem
       schwülen Montagmorgen aber genau so: Ortstermin am [1][Wildenbruchplatz]
       mit Hannes Rehfeldt (CDU), Neuköllns Bezirksstadtrat für Soziales und
       Gesundheit. Auf einem Spaziergang über den Platz in Richtung
       Hertzbergstraße sollen die Probleme der Obdachlosigkeit im Fokus stehen.
       
       Das Thema spielt im Wahlkampf um die Bezirksparlamente kaum eine Rolle.
       Dabei ist Obdachlosigkeit, die im Stadtbild immer präsenter wird und oft
       mit Drogensucht einhergeht, eins der drängenden Probleme in Berlin. Wie in
       Nord-Neukölln.
       
       Was ist das für ein Kiez? Eine „gute Nord-Neuköllner Mischung“, sagt
       Rehfeldt und meint damit „die Schnittstelle zwischen Partykiez in der
       Weserstraße und migrantischem Gewerbe vorne an der Sonnenallee und hier am
       Kanal die eher hippen Cafés“.
       
       Der Wildenbruchplatz sei eine der Grünanlagen, so Rehfeldt, „wo wir immer
       wieder Beschwerden von Anwohnern haben. Und wenn wir da rüber schauen“ –
       der Bezirksstadtrat weist nach links –, „sehen wir einen möglichen Grund
       dafür.“ Hinter einem Zaun, unter einem Baum, befindet sich ein
       Matratzenlager. Ein bärtiger Mann hat sich gerade aufgesetzt und schaut
       etwas zerknautscht aus.
       
       ## „Guten Tag, geht’s Ihnen gut?“
       
       „Nutzungskonflikte“ klingt nach Amtssprache. Was ist damit gemeint? Müll
       könne ein Problem werden, auch das Verhalten, mitunter durch Drogenkonsum
       bedingt. Dieser Mann aber wirkt friedlich und wird vom Stadtrat
       angesprochen: „Guten Tag, ich will Sie nicht stören, Rehfeldt vom
       Bezirksamt Neukölln, geht’s Ihnen gut?“
       
       Ob Hilfe gebraucht würde? „Ich bin gerade wach geworden“, sagt der Mann.
       „Sie haben keine Unterkunft, wie ich das sehe, nur das hier“, sagt
       Rehfeldt. „Wissen Sie, das Sie einen Anspruch darauf haben, dass Sie
       untergebracht werden?“
       
       Der Obdachlose gähnt. „Ja, das ist alles ein bisschen schwer.“ Er sei
       drogenkrank. „Wie soll man Termine wahrnehmen, wenn man kein Substi hat?
       Ich kann nicht irgendwo zwei Stunden auf einem Amt sitzen und hoffen, dass
       ich danach Geld mache.“ Rehfeldt nickt: „Verstehe, aber ich würde mit Ihrem
       Einverständnis unsere Sozialarbeiterin vorbeischicken, sind Sie damit
       einverstanden?“ Die Sozialarbeiterin würde er kennen, erwidert der Mann.
       
       Rehfeldt schiebt eine Aufforderung hinterher: „Wenn Sie hier konsumieren,
       würde ich Sie bitten, keine Spritzen liegen zu lassen.“ Der Angesprochene
       erwidert, dass er unterm Baum keine Drogen konsumiere – „wegen der Kinder“.
       Ein paar Meter weiter gibt es einen Spielplatz.
       
       „Gehen Sie in den Drogenkonsumraum, den wir in der Karl-Marx-Straße
       haben?“, will der Bezirksrat noch wissen, „oder wo gehen Sie hin?“ Der Mann
       berichtet, dass er „meist in die Toilette hier vorne geht“ oder „irgendwo
       in ein Dixi-Klo oder weiter oben am Kanal.“ – „Alles klar, ich wünsch Ihnen
       alles Gute“, verabschiedet sich Rehfeldt.
       
       ## Neukölln hat einen eigenen Leitfaden
       
       Wir gehen weiter über den Wildbruchplatz, der eigentlich ein kleiner Park
       ist, und sprechen über das gerade Erlebte. „Wir haben in Neukölln eine
       besondere Situation“, erklärt Rehfeldt: 2021 habe das Bezirksamt den
       Leitfaden zum Umgang mit Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum beschlossen.
       „Der sagt, dass es im Grunde genommen nur eine Stelle gibt, die
       entscheidet, ob ein Obdachlosenlager aufgelöst wird oder nicht – und das
       bin ich, der Sozialstadtrat.“
       
       Das Ganze habe sein Amtsvorgänger Falko Liecke (CDU), seit 2023
       Staatssekretär für Jugend und Familie in der Senatsbildungsverwaltung, auf
       den Weg gebracht – den Leitfaden hat Rehfeldt erarbeitet. „Mir war wichtig,
       dass es nicht das Ordnungsamt sein kann, das zuständig ist, und auch nicht
       das Straßen- und Grünflächenamt, sondern jemand, der die Problematiken der
       Betroffenen im Blick hat und die verschiedenen Rechtspositionen abwägen
       kann.“
       
       Werden Obdachlosenlager entdeckt, kommen Sozialarbeiter vorbei, sprechen
       mit den Menschen und schauen, ob das zu Nutzungskonflikten führen könnte –
       wie hier auf dem Wildenbruchplatz am Kinderspielplatz, an dem wir jetzt
       angekommen sind: Auf dem Boden lassen sich noch die Umrisse von zwei Zelten
       erkennen. Das Lager wurde vor ein paar Wochen aufgelöst. „Direkt am
       Spielplatz, das geht nicht“, stellt Rehfeldt klar, „auch, weil wir hier
       erheblichen Drogenkonsum hatten.“
       
       Welche Drogen? „Heroin und Crack.“ Die weggeworfenen benutzten Spritzen
       oder Folien seien ein Problem. Außerdem führe Crack oft zu unberechenbarem
       Verhalten der Konsument:innen.
       
       Im Leitfaden steht, dass Obdachlosencamps im Umkreis von Spielplätzen und
       Schulen, Kitas und Friedhöfen in der Regel „in einem relativ straffen
       Verfahren geräumt werden können“. Stets finde aber eine „individuelle
       Abwägung“ statt. „Kann der Obdachlose für eine gewisse Zeit bleiben – oder
       entstehen dadurch Gefahren, die wir abwenden müssen?“
       
       In der Regel haben Sozialarbeiter:innen über mehrere Wochen hinweg
       Kontakt zu den Obdachlosen. Jedes Mal werde eine „ordnungsrechtliche
       Unterbringung“ angeboten – „darauf haben die Menschen ja einen Anspruch“,
       sagt Rehfeldt. Der Mann von eben müsse nur fünf Minuten in die Donaustraße
       zur Sozialen Wohnhilfe Neukölln gehen und kundtun, dass er obdachlos ist
       und untergebracht werden möchte. „Dann kriegt er eine Unterkunft“,
       verspricht der Bezirksstadtrat.
       
       ## Drogenkonsumraum gesucht
       
       Weiter geht’s in der Sonnenallee, nördlich des S-Bahnrings. Dort entdeckt
       Rehfeldt ein leerstehendes Ladengeschäft. „Das sieht richtig gut aus“, sagt
       er durch die Scheibe blickend. „Wir suchen Räume für einen weiteren
       Drogenkonsumraum, und das hier ist groß genug.“ Schnell ein Foto von der
       Telefonnummer des Maklers gemacht und ins Rathaus geschickt.
       
       Die Lage könnte nicht besser sein, direkt neben [2][Gangway], einem Projekt
       der Straßensozialarbeit. „Der perfekte Standort, auch wegen der Nähe zum
       Neuköllner Schifffahrtskanal, wo Drogen konsumiert werden“, sagt der
       Bezirksstadtrat. „Seit zehn Jahren sind wir auf der Suche. Schwierig sind
       Größe und Lage und die Bereitschaft des Vermieters, uns Räume für einen
       Drogenkonsumraum zur Verfügung zu stellen.“
       
       In der Hertzbergstraße gibt es eine Baulücke zwischen Gründerzeitbauten,
       dort stehen sechs kleine Wohnboxen, die zum [3][Projekt Safe Places] des
       Bezirksamts gehören. Von Obdachlosigkeit betroffene Menschen erhalten hier
       einen Rückzugraum und einen festen Platz zum Schlafen. „Aktuell gibt es an
       drei Standorten in Neukölln insgesamt 18 Plätze, sechs davon nur für
       Frauen“, erzählt Marcus Blöhm von [4][My Way Soziale Dienste gGmbH], die
       sich im Auftrag des Bezirks um die Safe Places kümmert. Der Frauenplatz
       wurde Anfang Juni eröffnet.
       
       Reingucken geht wegen des Schutzes der Privatsphäre nicht. Blöhm
       beschreibt, wie es in den Wohnboxen aussieht: Eine Matratze passt hinein,
       man kann Dinge verstauen; zur Ausstattung gehören drinnen Wasserkanister,
       Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Set, Geschirr, Müllbeutel und Seife, draußen
       Dixie-Toilette und Mülltonne.
       
       „Die Menschen organisieren autark ihr Leben“, sagt Blöhm. Ohne Stress, wo
       sie heute schlafen können, ohne Sorgen, ob morgen der Rucksack noch da ist.
       „Hier können sie zur Ruhe kommen und sich stabilisieren.“ Blöhm ist so oft
       wie möglich an den drei Standorten. „Ich fahre die Safe Places regelmäßig
       mit dem Fahrrad ab und gucke, wen ich antreffe und ob sie bereit sind, mit
       mir zu sprechen.“ Er bietet seine Hilfe an, erinnert an Termine beim
       Jobcenter oder Bürgeramt und begleitet sie auf Wunsch.
       
       Es gibt eine Nutzungsvereinbarung, die Regeln für die Sauberkeit in der
       kleinen Hütte, auf dem Platz und auch fürs Zusammenleben festlegen. Nicht
       alle bekämen das hin, sagt Blöhm. Und bei Gewaltvorkommnissen flögen Leute
       raus, klar.
       
       ## Wieder ans Hilfesystem anbinden
       
       Ziel ist es, die Menschen wieder ans Hilfesystem anzubinden, sprich: für
       einen Leistungsanspruch zu sorgen. Das meint in der Regel Bürgergeld und
       das bedeutet wiederum eine Krankenversicherung. „Das funktioniert gut“,
       sagt Blöhm. Ein paar vom Platz sind im [5][Housing-first-Programm]
       aufgenommen worden – auch ein Projekt von My Way –, die Wohnungssuche
       läuft.
       
       „Zwei Leute sind in der Substitution und gerade in einer Phase der
       Stabilisierung, erzählt Blöhm. „Und der erste Bewohner, der 2024 eingezogen
       ist, wohnt nun in einer eigenen Wohnung.“ Klar, es gebe auch Misserfolge.
       „Es gehen Leute ins Gefängnis oder verschwinden einfach wieder. Die Erfolge
       aber wiegen mehr.“
       
       Gab es Widerstand gegen das Projekt? „In der Verwaltung gar nicht“, sagt
       Hannes Rehfeldt. Und in der [6][Bezirksverordnetenversammlung]? „Da gab es
       massiven Widerstand“ – von SPD, Grünen und Linken, die die Mehrheit bilden,
       obwohl die CDU die größte Fraktion stellt. Aber auch von Trägern der
       Wohnungslosenhilfe, die meinten, es könne nicht sein, dass der Bezirk mit
       den Wohnboxen eine Art Substandard zur sonst gängigen Unterbringung in
       einer Obdachlosenunterkunft schaffe.
       
       „Wir suchen weitere Stellflächen“, sagt Rehfeldt. Es sei aber in diesem
       „verdichteten Bezirk“ ein Problem, geeignete Freiflächen zu finden. „Ich
       bin da seit 2021 dran. Hier in der Hertzbergstraße hatten wir Glück: das
       Grundstück gehört dem Bezirk.“ In Zukunft sollen noch zwei oder drei
       Safe-Places-Standorte hinzukommen –auch wenn das keine langfristige Lösung
       sei. „Der Bedarf ist da“, sagt auch Marcus Blöhm. Er werde mehrmals in der
       Woche von Kollegen angerufen, ob ein Platz frei sei.
       
       An dieser Stelle wird der CDU-Bezirksstadtrat wahlkämpferisch: „Ich hab es
       geschafft“, sagt Rehfeldt, „dass die Safe Places als potenzielles
       Landesprogramm im [7][Wahlprogramm meiner Partei] stehen. Es war bisher ein
       Neuköllner Projekt, und ich möchte, dass wir das zumindest in allen
       innerstädtischen Bezirken anbieten können, wo wir diese Probleme haben. Um
       damit die Lücke zwischen ordnungsrechtlicher Unterkunft und der Platte zu
       schließen.“ Dieses Ziel möchte Rehfeldt auch nach der Wahl weiterverfolgen.
       In seiner bisherigen Amtszeit habe er gute Erfahrungen damit gemacht, aus
       Neukölln heraus auch landespolitische Themen zu bewegen.
       
       Apropos Angebotslücke: In Nähe des Rathauses befindet sich in der
       Donaustraße – vor dem Sitz der Sozialen Wohnhilfe – die zweite
       Schließfachanlage für obdachlose Menschen in Neukölln. Eröffnet wurde sie
       erst Mitte Juni, die erste steht in der Teupitzer Straße. Geld sei für drei
       weitere Schließfachanlagen da, es komme aus einem Topf für Sicherheit im
       öffentlichen Raum, von Kai Wegner (CDU) initiiert, sagt Rehfeldt.
       
       Man habe bisher rund 2,5 Millionen Euro aus diesem Fördertopf nach Neukölln
       geholt und davon die ersten Wohnboxen bezahlt, die sich mittlerweile über
       einen Tagessatz selbst finanzieren. Außerdem einen Sicherheitszaun um Kita
       und Hort an der Lessinghöhe, die „enorme Probleme mit Drogenkonsum von
       Obdachlosen haben“. Die meisten Mittel aus dem Förderprogramm gingen laut
       Rehfeldt übrigens nach Mitte – [8][Stichwort Leopoldplatz] – und
       Friedrichshain-Kreuzberg mit dem Drogen-Schwerpunkt Görlitzer Park. Für
       soziale Projekte, nicht den Zaun, wie Rehfeldt betont.
       
       Die Schließfachanlage in der Donaustraße hat 38 Fächer unterschiedlicher
       Größe. Über einen QR-Code kann man sich anmelden und einen PIN-Code
       bekommen, mit dem sich ein Schließfach kostenlos nutzen lässt. „Das löst
       nicht die Probleme der Obdachlosigkeit“, sagt Rehfeldt. Aber zumindest
       müssten die Menschen ihre wenigen Habseligkeiten nicht mehr mit sich
       herumtragen.
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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