# taz.de -- Russische Agenten in Berlin und Paris: Das war keine Kunstaktion, sondern Sabotage
> taz-Recherchen zeigen: Agenten Russlands haben Betonskelette vor das
> Brandenburger Tor und Schweineköpfe vor Moscheen in Paris gelegt.
(IMG) Bild: Erfolgreiche Aktion aus russischer Sicht: Die „Schweinekopf“-Aktion im September 2025 sorgte für viel Empörung
Am 31. Juli 2025 geht bei der Berliner Polizei ein Anruf ein. Ein
Sicherheitsmann meldet einen Fund, der bizarr klingt, aber nicht
besorgniserregend. Mitten in der Stadt, vor dem Brandenburger Tor, hat er
Skelette gefunden. Es sind keine echten, sondern Nachbildungen, in Beton
gegossen. Mit Kabelbindern sind sie an einer Holzlatte befestigt. Auf die
Holzlatte hat jemand geschrieben: „Ich warte immer noch auf meine Rente.
Danke, Merz!“
Die Polizei reagiert ratlos. Sie geht von einer Kunstaktion aus. Die
Polizisten protokollieren den Fund, dann bringen sie die Skelette zum
nächstgelegenen Recyclinghof. Dort werden sie entsorgt. Eine Straftat sehen
die Polizisten nicht, auch keinen Anfangsverdacht. Deswegen stellen sie
keine Strafanzeige.
Drei Monate später, am 29. September 2025, werden in Serbien elf Männer
festgenommen. Die serbischen und französischen Behörden haben sie in den
Blick genommen, für eine Aktion, die für deutlich mehr Unruhe gesorgt hatte
als die Skelette vor dem Brandenburger Tor. In Paris sollen die Männer
abgetrennte Schweineköpfe vor Moscheen und muslimischen Gemeindehäusern
abgelegt haben – im Auftrag eines russischen Geheimdienstes.
Kurz nach der Festnahme gibt der Oberstaatsanwalt der serbischen Stadt
Smederevo Details zu den Vorwürfen bekannt: Die Männer werden verdächtigt,
zwischen April und September 2025 mit verschiedenen Aktionen in Paris und
Berlin zum Hass gegen Minderheiten angestachelt zu haben. Im Auftrag eines
ausländischen Geheimdienstes sollen sie spioniert und sabotiert haben –
offenbar eines russischen. Und sie sollen es auch gewesen sein, die die
Betonskelette vor dem Brandenburger Tor abgelegt haben.
## Sabotagen von „Wegwerf-Agenten“
Recherchen der taz zeigen, wie es zu Taten wie diesen kommt. Denn die
Aktion in Paris und wohl auch die in Berlin waren keine rassistischen
Provokationen oder Kunstaktionen. Der taz liegen Dokumente vor, die
nahelegen, dass zumindest die Aktion „Schweinekopf“ in Paris von einer der
wichtigsten Propagandafirmen Russlands erdacht und geplant wurde: [1][der
Social Design Agency (SDA)].
Das IT-Unternehmen mit Sitz in Moskau ist eng verbunden mit dem
Putin-Regime. Schon vor gut eineinhalb Jahren erbeutete eine anonyme
Hackergruppe interne Daten der SDA und leitete sie an die taz weiter.
[2][So konnte die taz berichten, wie die SDA versucht, über gefälschte
Online-Nachrichtenseiten oder Social Media-Profile prorussische Narrative
in Deutschland zu verbreiten]. Wie sie es darauf anlegt, mit antiwestlichen
Falschmeldungen die Europawahl zu beeinflussen.
Nun erhielt die taz weitere, aktuellere Dokumente der SDA. Auch der
deutsche Verfassungsschutz bestätigt auf taz-Anfrage, den Leak zu kennen.
Die Auswertung dauere noch an, heißt es dort. Am Wochenende berichtete
außerdem t-online zum ersten Mal über die Papiere.
Dieses Mal geht es nicht mehr nur um Online-Beiträge. Nun geht es um
Sabotage-Akte in Deutschland und vor allem Frankreich. So wie die Aktion
„Schweinekopf“ in Paris.
Auf neun Seiten wird akribisch protokolliert, wie die Männer bei der Aktion
in Paris vorgegangen sind: Mit Fotos dokumentieren sie ihren Erfolg, auf
Ausschnitten von Google Maps zeichnen sie ein, wo sie unterwegs waren, in
Linklisten halten sie fest, welche Medien in welchen Sprachen über die
Aktion berichtet haben.
In der Nacht auf den 9. September 2025 legten demnach sechs Männer an neun
Orten in Paris und Umgebung Schweineköpfe vor Moscheen und muslimischen
Gemeindezentren ab. Das Schwein gilt im Islam als unsauberes Tier.
Auf die Kadaverköpfe haben sie mit blauer Farbe „Macron“ geschrieben, den
Nachnamen des Präsidenten. Nur an einer Moschee sei das Team auf
Sicherheitspersonal gestoßen, weshalb der Kopf vor den Eingang des
abgesperrten Geländes abgelegt werden musste, heißt es in den SDA-Papieren.
Danach habe das Team „erfolgreich das Land verlassen“.
## In Paris reagierte die Öffentlichkeit geschockt
In den frühen Morgenstunden werden die Schweineköpfe nach und nach
entdeckt. Die Öffentlichkeit reagiert geschockt. Angst mache sich breit,
erzählt ein Moscheevertreter gegenüber der Lokalpresse. Man verstehe nicht,
wieso ausgerechnet diese Moscheen ausgesucht wurden, zitiert die Zeitung
einen Polizisten. Es habe keine Warnzeichen gegeben.
Die Schweineköpfe, so heißt es im Dokument der SDA, hätten die sechs Männer
„zuvor über ein Netzwerk von Vermittlern“ erworben. Später wird bekannt,
dass ein Bauer aus der Normandie den Männern die Köpfe verkauft hatte.
Was genau das Ziel der Aktion war, geht aus dem Ergebnisprotokoll der SDA
nicht hervor, dafür aber aus anderen Unterlagen. Man wolle, heißt es in
einem Dokument, das Desinformationskampagnen für Mitteleuropa entwirft,
„die Lage ständig anheizen“ und „Parlamentswahlen beeinflussen“. In einem
anderen Papier heißt es, die SDA wolle mit ihren Kampagnen „Narrative
schaffen, die für Russland von Vorteil sind“.
All das gelingt mit der Aktion „Schweinekopf“ in Paris. Die sozialistische
Bürgermeisterin, Anne Hidalgo, empört sich über die „rassistischen Taten“.
Ein Grünen-Politiker gibt der „von den Rechtsextremen dominierten
Medienlandschaft“ die Schuld. Jean-Luc Mélenchon, der Vorsitzende der
linksextremen Partei La France insoumise, macht den scheidenden
republikanischen Innenminister verantwortlich und wirft ihm vor, die
Islamfeindlichkeit in Frankreich „auf die Spitze zu treiben“. Rechtsextreme
empören sich über die Empörung: Nicht die Schweineköpfe seien das Problem,
sondern die Moscheen selbst.
Die Polizei richtet eine Sonderermittlergruppe ein, die Staatsanwaltschaft
ermittelt wegen der öffentlichen Aufstachelung zu Hass oder Gewalt. Schnell
gerät Russland als Drahtzieher der Aktion in Verdacht. Der französische und
andere befreundete Geheimdienste vermuten den [3][russischen
Militärgeheimdienst GRU] hinter der Aktion, genauer die auf
Destabilisierung des Westens angelegte Einheit 29155, berichtet die Zeitung
Le Monde. Kopf der Gruppe soll ein Serbe sein, der bereits im Mai 2025
Farbanschläge auf Synagogen, ein jüdisches Restaurant und auf das
Holocaust-Museum in Paris verübt haben soll: Momcilo G.
## Festnahmen in Serbien
Drei Wochen später nimmt die Polizei in Serbien die elf Männer fest. Auch
sie wirft ihnen die Serie an Provokationsaktionen in Paris vor – und die
Aktion mit den Betonskeletten vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Eine
Tat, die bis heute öffentlich unbekannt blieb. Acht der festgenommenen
Serben äußern sich laut der Staatsanwaltschaft Smederevo zu den Vorwürfen,
drei schweigen. Der beschuldigte Anführer Momcilo G. ist bis heute
flüchtig.
Die Vorwürfe bestätigen die Warnungen der Sicherheitsbehörden in
Deutschland. Vor einem hybriden Krieg Russlands gegen Europa warnen die
Spitzen von Verfassungsschutz und BND, vor Desinformation, Cyberangriffen
und Sabotagen. Hauptzielland: Deutschland. Von 3.021 mutmaßlichen
Sabotagefällen allein im vergangenen Jahr [4][sprach BND-Präsident Martin
Jäger zuletzt], „zahlreiche“ davon wohl im Auftrag russischer Akteure.
Zuletzt warnte das Bundesinnenministerium sogar vor gezielten Tötungen
Russlands auf deutschem Boden.
Die Aktionen in Berlin und Paris erinnern an eine andere Aktion: Und auch
für diese übernimmt die russische Propagandafabrik SDA in den internen
Dokumenten nun die Verantwortung.
Im Dezember 2024 waren in Bayern, Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg
innerhalb von drei Nächten Autos attackiert worden. [5][Unbekannte hatten
in den Auspuff von mehr als 270 Autos Bauschaum gesprüht und sie damit
lahmgelegt]. An den Autos hinterließen sie Aufkleber. „Sei grüner“ stand
darauf, daneben das Foto vom grinsenden Robert Habeck, damals noch
Wirtschaftsminister der Ampel-Regierung. Die Spur wurde bewusst ins Milieu
von Klimaaktivisten geführt. Die Bild titelte: „Klima-Radikale attackieren
Autos mit Bauschaum“, in den sozialen Medien entlud sich Hass auf die
Grünen.
Am vierten Tag der Aktion, am 11. Dezember 2025, hielt die Polizei in
Schönefeld bei Berlin drei junge Männer bei einer Fahrzeugkontrolle an. Sie
waren 17, 18 und 20 Jahre alt – letzterer ein Serbe. In ihrem in Ulm
angemieteten Auto hatten sie Bauschaumdosen, deren Zweck sie nicht
plausibel erklären konnten. Über die drei Männer stießen die Ermittler noch
auf eine 19-Jährige, ebenfalls aus der Region Ulm, eine gebürtige Rumänin.
Von einem Handy, das ihr zugerechnet wird, waren in einer der Tatnächte
mehr als 50 Fotos von manipulierten Autos an einen der Männer des Trios
verschickt worden.
Und: Der 18-Jährige gestand laut Staatsanwaltschaft, dass sie den Auftrag
von einem Serben bekommen hätten, der auch die russische
Staatsangehörigkeit hat. Ziel sei es gewesen, die Bundestagswahl zu
beeinflussen. Der Serbe habe ihnen für jedes Fahrzeug 100 Euro als Prämie
geboten.
Stimmt die Schilderung, wären die Jugendlichen [6][sogenannte
„Wegwerf“-Agenten], angeworbene Handlanger des russischen Geheimdienstes.
Genau solche Leute, vor denen die Sicherheitsbehörden gerade warnen. Die
Staatsanwaltschaft Ulm prüfte diesen Verdacht bis zuletzt. Nach
taz-Informationen stehen die Ermittlungen kurz vorm Abschluss.
## Bekenntnis zu den Bauschaum-Attacken
Aus den geleakten SDA-Dokumenten wird deutlich: Auch diese Aktion
reklamiert die russische Agentur für sich. In einem internen Chat teilt ein
SDA-Mitarbeiter einen Artikel über die Bauschaumaktion und schreibt dazu:
„Die Deutsche Welle schreibt über uns“. Ein Protokoll wie bei den Pariser
Taten liegt zu dieser Aktion im Leak nicht vor. Aber das „uns“ lässt wenig
Zweifel.
Neben den Schweineköpfen in Paris gab es laut den SDA-Papieren noch weitere
Aktionen der Gruppe, einige blieben jedoch im Planungsstatus: So sollten
schon im September 2024 in der Seine 30 Sexpuppen mit schwarzen Ballons und
der Aufschrift „Fuck Migrants“ schwimmen gelassen werden, um damit Unruhe
zu stiften. Wenig später sollte das Denkmal für den französischen General
und Staatschef Charles de Gaulle beschmiert und dies „ukrainischen
Nationalisten“ untergeschoben werden. Über der Stadt sollten 50 Großballons
aufsteigen, wieder mit der Aufschrift „Fuck Migrants“. Und im April 2025
sollten in Paris großflächig Aufkleber zum Völkermord an den Armeniern
verteilt werden – deren Produktion vorab in Serbien geplant war.
Für mehrere der Aktionen war laut den SDA-Protokollen ein Team von drei
Serben und drei Dänen vorgesehen. Über die Auftraggeber der Taten sollten
sie explizit nicht eingeweiht werden: „Die Teilnehmer müssen davon
überzeugt sein, dass sie im Interesse der Ukraine handeln“, wird zu der
Charles de Gaulle-Aktion festgehalten. Für die Taten sollten sie einen
Mini-Van anmieten, alle gekauften Materialien nur in bar bezahlen,
ausschließlich über „Wegwerfhandys“ kommunizieren und das Land danach „so
schnell wie möglich“ verlassen.
Zumindest eine der Aktionen aber scheiterte laut den Unterlagen: Die Gruppe
wurde von einer Polizeistreife festgehalten, nach einer Befragung aber
wieder gehen gelassen. Ihre „Tarnlegende“ laut SDA-Protokoll: „eine
Protestaktion einer Gruppe rechtsextremer Skinheads, die sich gegen die
französische Migrationspolitik richtete“.
## Auch weiter Wahlbeeinflussungen im Portfolio
Auch in den neuen Dokumenten hält die SDA an dem Ziel fest, Wahlen
„beeinflussen“ zu wollen, etwa in Ungarn, Armenien oder Slowenien.
Langfristig will sie eine Achse Österreich-Ungarn-Slowakei befördern, als
russlandzugewandten, „unabhängigen geopolitischen Akteur“. Zudem sollte
eine Art eigenes Wikipedia aufgesetzt werden und eine prorussische
Nachrichtenseite, letztere mit explizitem Fokus auf Publikum in Deutschland
und Frankreich.
Für die Aktion mit den Betonskeletten und der Verhöhnung des Bundeskanzlers
am Brandenburger Tor übernimmt die SDA in den der taz vorliegenden
Dokumenten nicht eindeutig die Verantwortung. Das könnte allerdings
schlicht daran liegen, dass die Betonskelette kaum jemandem auffielen und
es keine Berichterstattung gab, während die Aktion mit den Schweineköpfen
in Paris aus russischer Sicht ein voller Erfolg war.
Die serbische Staatsanwaltschaft und dortige Gerichte aber waren sich
sicher: Was die Berliner Polizei für eine Kunstaktion hielt, war eine
Propaganda-Aktion im Auftrag eines russischen Geheimdienstes. Ausgeführt
durch die gleichen Männer, die auch die Schweineköpfe in Paris verteilten.
Auf mehrere Nachfragen der taz wollte sich die serbische Staatsanwaltschaft
nicht weiter dazu äußern.
Mittlerweile aber wurden in Serbien drei Männer der Gruppe verurteilt: Die
drei Verdächtigen wurden der „Spionage“, der „Rassendiskriminierung“ und
der „kriminellen Vereinigung“ für schuldig befunden, schlossen einen „Deal“
mit der Staatsanwaltschaft und wurden zu Hausarrest für sechs, zwölf
beziehungsweise achtzehn Monate verurteilt, teilte das Gericht in Smederevo
mit.
Das Investigativmedium Balkan Insights vermeldete Ende März dann, den
mutmaßlichen Anführer der Gruppe, Momcilo G., aufgespürt zu haben: in
Moskau. Der 29-Jährige soll direkt im Auftrag des russischen Geheimdienstes
agieren. Er soll es gewesen sein, der die Männer für die Aktion am
Brandenburger Tor angeheuert hat. Momcilo G. habe dann von einem in der
Nähe geparkten Auto aus überwacht, wie die Gruppe die Skelette am
Brandenburger Tor platzierte und fotografierte. Die Fotos hätten sie
Momcilo G. geschickt. Ihre Gage soll zwischen 500 und 1.500 Euro betragen
haben.
24 May 2026
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