# taz.de -- Ausstellung von Andrea Pichl: Unter dem Dach der Laube
       
       > Die Künstlerin Andrea Pichl stellt DDR-Gartenlauben in die Heilbronner
       > Kunsthalle Vogelmann. Und seziert damit deutsch-deutsche Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Versprach in der DDR privates Glück: die Gartenlaube GL 19, wie sie Andrea Pichl nachbaut
       
       Heilbronn, siebtgrößte Stadt Baden-Württembergs, machte im April dieses
       Jahres Schlagzeilen. Die Stadt, die sich nördlich von Stuttgart umgeben von
       Weinbergen an den Neckar schmiegt, verfüge über die höchste Kaufkraft des
       Landes, hieß es. Eine neue Auswertung des Instituts der deutschen
       Wirtschaft hatte das ergeben. Erstaunlich könnte man das finden, wenn man
       sich durch die eigentlich wenig auffällige Innenstadt bewegt, wo man vor
       ein paar Jahren noch [1][über eine Obergrenze von Dönerläden diskutierte].
       Heilbronn eben ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig aussagekräftig
       Durchschnittswerte sind: Die Statistiken verzerrt eine ansässige Familie,
       die den Nachnamen Schwarz trägt. Schwarz, wie Dieter Schwarz, Gründer der
       Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), reichster Mann Deutschlands.
       
       Maßgeblich trägt jener auch dazu bei, dass sich die Stadt, die sich seit
       2020 „Universitätsstadt“ nennen darf, gerade neu erfindet. Die Hochschule
       wächst seit Längerem, und jetzt entsteht noch ein 30 Hektar großer
       Innovationspark für Forschung und Firmen, die mit künstlicher Intelligenz
       arbeiten.
       
       Trotz dem, was da gerade so wächst und gedeiht, ist die Stadt regional eine
       AfD-Hochburg. [2][Die genauen Gründe dafür] wären interessant, auch als
       Folie, um durch sie auf die Ausstellung der Berliner Künstlerin Andrea
       Pichl zu schauen, die aktuell in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann
       läuft. Um deutsche Geschichte, um Ideologien und wie diese sich durch die
       Zeit winden und um deren Spuren in Architekturen geht es da unter anderem.
       
       Andrea Pichl, geboren 1964 in Haldensleben, Sachsen-Anhalt, hat in diesem
       Jahr den Ernst Franz Vogelmann-Preis für zeitgenössische Skulptur erhalten,
       der mit 30.000 Euro dotiert und mit einer Einzelausstellung in Heilbronn
       verbunden ist. Mit Pichl ging er erstmals an eine in der DDR geborene
       Künstlerin, noch dazu an eine, deren Kunst von ihrem Aufwachsen in der DDR
       und dem Erleben der Wende und deren Folgen geprägt ist.
       
       ## Schließt an Ausstellung im Hamburger Bahnhof an
       
       Ziemlich weit weg von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze liegt
       Heilbronn, das lokale Publikum wird einige der Anspielungen weniger schnell
       lesen können als jenes aus Berlin, wo Pichl im vergangenen Jahr [3][im
       Hamburger Bahnhof eine Einzelausstellung] hatte, auf die die aktuelle
       aufbaut. Die „architektonischen Baukörper“ etwa, für die sich die
       konzeptuell arbeitende Bildhauerin interessiert.
       
       Gleich im ersten Raum begegnet man so einem, dem Nachbau eines
       Kassenhäuschens, wie es einst im VEB Kulturpark im Ostberliner Plänterwald
       stand. Der Vergnügungspark war in den 1980er Jahren zumindest zeitweise
       auch Treffpunkt von [4][Ostpunks]. Scheinbar geduldet war deren
       Anwesenheit, bis es zum Konflikt kam. Von der brutalen Auflösung einer
       Sitzblockade durch Sicherheitskräfte ist im Text die Rede, der im Raum
       ausliegt, in dem Bilder aus trutschig-praktischen Kunststoffteppichen
       bedruckt mit den skelettartigen Überresten der Toilettenanlage einer
       ehemaligen Gaststätte in Ostberlin das Häuschen einrahmen.
       
       Geradezu vorbildlich aufbereitet ist die Ausstellung, die die Künstlerin
       selbst gemeinsam mit Rita E. Täuber von der Kunsthalle Vogelmann kuratiert
       hat. In jedem Raum hängen solche Texte, die einordnen und Hintergründe
       liefern. Didaktisch könnte man das nennen. Oder sich einfach darüber
       freuen, dass sich da richtig viel Mühe gegeben wurde, das Publikum
       abzuholen.
       
       Pichl nimmt in der Ausstellung insbesondere die Wirtschaftsbeziehungen
       zwischen DDR und BRD und deren Nachwirkungen in den Blick. Den
       Devisenhandel, den Warenverkehr. Um Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen geht
       es, von denen auch Westfirmen wie Ikea, Otto oder Salamander profitierten,
       um Giftmüllentsorgung, die Abwicklung von Ostbetrieben nach der Wende. Um
       Brüche und um Kontinuitäten.
       
       ## Fundstücke, Skulpturen und Zeichnungen
       
       Im Erdgeschoss stellt Pichl Bezüge etwa mit Volker Koepps
       Langzeitdokumentation „Wittstock Wittstock“ über drei Frauen aus dem VEB
       Obertrikotagenbetrieb Ernst Lück her. Mit Arbeiterinnenfotografien von
       Helga Paris und Bildern des DDR-Reporters Reinhard Mende. Und – als
       Sinnbild für die Doppelmoral der Mächtigen – mit einer Aufnahme aus dem
       Stasi-Archiv, auf dem Mitarbeitende des Ministeriums für Staatssicherheit
       heimlich Yoga praktizieren.
       
       Pichl bearbeitet ihre Themen mit Fundstücken, Skulpturen und Zeichnungen.
       In die beiden Obergeschosse hat sie Nachbauten von DDR-Lauben,
       NS-Behelfsheimen – da schon setzt Pichl mit ihren Recherchen an – und
       aktuellen Baumarktgartenhäuschen gestellt. Äußerlich weisen sie
       Ähnlichkeiten auf, vergleichbar erscheinen sie auch darin, wie sie in
       standardisierter Form und ideologisch aufgeladen Vorstellungen eines
       privaten Glücks propagieren, nur eben in anderen Kontexten.
       
       Drinnen hängen allerlei Buntstiftzeichnungen, vermeintlich harmlose
       Stillleben, Details etwa von Wohnhäusern der DDR-Politprominenz.
       Filmaufnahmen verfallener DDR-Plattenbauten sieht man an anderer Stelle. An
       wieder anderer im Westen verkaufte Strumpfwaren aus DDR-Zwangsarbeit. Zum
       genauen Hinschauen lädt das alles ein, nicht nur in der Ausstellung,
       sondern auch im täglichen Umfeld.
       
       6 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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