# taz.de -- Kunst im Berliner Mauerpark: Vom Todesstreifen bis zum Erdbeerengel
> Zum 65. Jahrestag des Berliner Mauerbaus werden im Zuge des Projekts
> „Poller up“ die 40 einstigen Zugangsbegrenzungen zu Sockeln für poppige
> Kunst.
(IMG) Bild: Silvia Lorenz’ „all in“: den Konsum der Zeit in den Deckeln lesen
Ortstermin im [1][Mauerpark]: Die Transitzone zwischen Prenzlauer Berg und
Wedding liegt zwischen den Ruinen des Großen Stadions im
Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, das einem mit guten Absichten verbrämten
Neubau weichen soll, dem Gelände des sonntäglichen Flohmarkts und einer
alltäglichen Wohnanlage. Wer durch die Oderberger oder Schwedter Straße
kommt, passiert vor der Demarkationslinie Eberswalder Straße einen
Erdbeerkiosk. Wo die Bude steht, war [2][von 1961 bis 1989 Weltende],
zumindest das der nominalsozialistischen. Hinter dem Stadion begann das
Grenzgebiet der Berliner Mauer. Die Wendeschleife der Straßenbahn erinnert
bis heute daran.
Für den studierten Bildhauer Wolfgang Krause lag in dem Dreistraßeneck die
Endstation „aller Zukunft und gesellschaftlichen Hoffnung“. In
Berlin-Prenzlauer Berg lebt er seit DDR-Zeiten. 1991 hat Krause in der
Oderberger Straße die Galerie o zwei gegründet, an deren Adresse jetzt eine
Cafébar namens „Kapital ist ein scheues Reh“ firmiert. Das Zitat wird gerne
Karl Marx zugeschrieben, der es so nicht formuliert hat; der Laden heißt
bei Kennern und Kunden kurz und bündig „Kapitalist“.
Wolfgang Krause hat die Verwandlung des Arbeiter- und Künstlerbezirks
[3][Prenzlauer Berg] in eine Kapitalanlage erlebt. Mit Aktionen wie dem
„Knochengeld“, einer bezirkseigenen Schwundwährung, oder „Schulschluss“ zur
Schließung der Gustave-Eiffel-Oberschule, deren Hausnummer in der
Kastanienallee jetzt die einer privaten Sprachenschule ist, hat er
interveniert. Den Mauerpark allerdings sieht Krause als Beispiel für eine
„gelungene Transformation von 1961/89 bis heute“.
## In Deckeln lesen
Um diese These zu untermauern, haben er und sein Kompagnon Peter Müller
2025 das Kunstprojekt „Poller up“ initiiert. Der Fotograf Thomas Adebahr
dokumentiert es. Ausgangspunkt sind die 40 grauen Zugangsbegrenzungen
zwischen Hundeauslauf und der Kneipe Mauersegler. Ab dem 13. August bis in
den Herbst werden nun fünf Künstler die Pfosten in Sockel für ihre Werke
umwidmen. Die Künstlerin Silvia Lorenz, sie und Krause haben bereits
mehrmals zusammengearbeitet, weist darauf hin, dass die Poller über die
ideale Postamenthöhe verfügen: „Auf dieses komisch skulpturale Element will
man einfach etwas draufsetzen“.
Lorenz hat sich der Hinterlassenschaften und Rückstände der
Mauerparkwochenenden angenommen und die Verschlüsse von Schnaps-,
Softdrink- und Champagnerflaschen zu betrunken schwankenden Türmen
formiert. „All in“ greift die Form der Poller auf und treibt sie zum
Kipppunkt. „Marken verschwinden und neue tauchen auf“, sagt Lorenz, die
seit Langem in den Deckeln liest.
Katharina Lüdicke geht in ihrer Arbeit „Himmelschrauber“ ähnlich vor.
Allerdings baut sie in den mittleren ihrer drei schiefen Recyclingtürme von
Prenzlauer Berg das Regendach eines Grablichtes ein und setzt zum Abschluss
einen Tischtennisball darauf. Die drei fragilen Gebilde mögen sich in
Richtung Firmament strecken, ob sie dort ankommen, ist mehr als fraglich.
Viele der Arbeiten kommen in Popfarben daher und greifen historische wie
aktuelle Warenästhetik auf. Daniela Gugg setzt mit „Mauser“ einen anderen
Akzent. An die Ränder eines braunen Tonkuchens aus der Erdschicht des
Mauerparks drapiert sie weiße Vogelfedern mit den Spitzen nach außen.
„Mauser“ kann den regulären und erneuernden, andererseits schockartigen
Federverlust bei Vögeln meinen. An einem Ort wie dem Mauerpark allerdings
lässt Guggs Exponat an einen Wach- und Wehrturm denken und assoziiert
Abwehr und Verteidigung.
## Erdbeer-Molotow
„Vom [4][Todesstreifen] zum Erdbeerengel“ möchte Wolfgang Krause als
Untertitel von „Poller up“ sehen. Aber auch eine seiner Arbeiten ist
doppeldeutig: „bienensicher“ sind sieben Glasflaschen mit Korken in
Erdbeeroptik. So wie sie da scheinbar aus einem Kübel ragen – tatsächlich
sind alle der fragilen Arbeiten so fest wie möglich auf umgedrehten weißen
Dekorschalen fixiert –, könnte es sich auch um Molotowcocktails handeln.
Angekündigt ist auch der Künstler Frank Diersch. Er hat hinter dem
Mauerpark, in der Kopenhagener Straße, sein Atelier gehabt. Was Frank
Diersch im Rahmen von „Poller up“ genau tun wird, überlegt der Zeichner und
Radiomacher noch. Er weiß nur: „Es wird grenzwertig sein.“ In Wolfgang
Krauses Projekt „daheim“ hat Diersch mit einem Text des Schriftstellers
Bert Papenfuß gearbeitet. Der Bausoldat (als solcher konnte man in der DDR
den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern) Papenfuß wusste, dass es zum
Türenöffnen und Panzerknacken mehr als eine Pressekonferenz braucht.
12 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Robert Mießner
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