# taz.de -- Besuch in der Vergangenheit: Um 90° gedreht
       
       > Zurück im Elternhaus: Zwischen aufgetauchten Kindheitserinnerungen,
       > strengen Alltagsregeln und vertrauten Geräuschen wirkt die Abwesenheit
       > nach.
       
       Aus einer Schublade, unter Klarsichtfolien mit irgendwelchen Schrieben,
       Rechnungen und Listen, Schachteln mit Klebebändern, Stiften, Tackernadeln
       und Zollstöcken hat M., die übers Wochenende zu Besuch gekommen war, um mir
       beim Aufräumen zu helfen, einen grünen Bogen Tonpapier hervorgezogen.
       „Herzlich willkommen zu Hause“ steht darauf, verziert mit roten Herzen und
       rosafarbenen Sternen, in der Schrift meiner Mutter. Ich kann mich nicht
       erinnern, zu welcher Gelegenheit sie diesen Gruß gebastelt hat. Gut
       möglich, dass er damals an mich adressiert war.
       
       Im Juli verbringe ich einige Tage im Haus meiner vor wenigen Monaten
       verstorbenen Mutter. Mein Zuhause war das lange Jahre, mittlerweile bin ich
       schon länger weg, als ich je dort war. Am Stück allein, wie ich das jetzt
       bin, war ich überhaupt noch nie im Haus.
       
       Manchmal kommen Katzen aus der Nachbarschaft vorbei, die einer völlig
       anderen Spezies anzugehören scheinen als diejenigen aus der Großstadt.
       Meine Mutter mochte sie nicht besonders, weil diese Katzen gerne einmal aus
       der Vogeltränke tranken, was wiederum die Vögel nicht mochten, die sich
       dort eigentlich erfrischen sollten. Dennoch konnten sie damals schon
       ungestört durch den Garten schleichen, so wie sie es jetzt tun über von der
       Sommersonne vertrocknetem Rasen. Nur die Vogeltränke steht nicht mehr da,
       sie lagert irgendwo im Keller.
       
       Die Regeln meiner Mutter wirken in ihrer Abwesenheit nach. Geschnittenes
       Obst fürs Müsli beim Frühstück wird in einer Glasschale serviert, Marmelade
       mit einem sauberen Teelöffel entnommen. Abends werden alle Rollläden
       heruntergelassen, morgens wieder hochgezogen, im Sommer bleiben sie
       tagsüber im ersten Stock unten, damit sich die Zimmer nicht aufheizen.
       Jedes Mal, wenn man das Haus verlässt, wird abgeschlossen. Einzig der
       Terrassentisch wurde um 90 Grad gedreht. Die Perspektive hat sich
       verschoben.
       
       3 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Beate Scheder
       
       ## TAGS
       
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