# taz.de -- Berliner Zootiere: Symbiose
       
       > Ist jede Symbiose nur eine Täuschung? Gedanken übers Vertrauen und
       > Trauen, die Tiere und die Menschen an sich.
       
       Meine Freundin P., die gerade einen Nebenjob im Berliner Zoo hat,
       berichtete: Neulich ereignete sich ein Drama im Nilpferdgehege. Ein
       Jahrzehnt lang hatte man dem 14-jährigen Nilpferd Friedrich Wilhelm und
       einem 17-jährigen Zebrahengst dabei zugesehen, wie das Zebra am Abend
       vertrauensvoll die Essensreste aus Friedrich Wilhelms gigantischem Gebiss
       gefischt und aufgegessen hatte.
       
       Zehn Jahre lang hatte sich das Schauspiel der freundschaftlichen Versöhnung
       zwischen zwei in der Wildnis verfeindeten Tierarten täglich ereignet, bis
       an einem Dienstagabend Friedrich Wilhelm einfach so zugebissen hatte.
       Völlig unerwartet war der Biss gekommen, während das Zebra noch
       genießerisch dabei war, Friedrich Wilhelm die Zähne zu reinigen. Das Zebra
       war sofort tot. Auch Friedrich Wilhelm wurde kurz darauf eingeschläfert.
       Man konnte seinem sonst so gemächlichen Gemüt nicht mehr trauen.
       
       Ich denke an den Mann, der mit seiner Cobra zum Tierarzt geht, weil diese
       aufgehört hat zu essen. Er ist besorgt um die Gesundheit seiner Cobra. Der
       Tierarzt untersucht das Tier und stellt fest: Der Schlange fehlt nichts. Im
       Gegenteil. Sie fastete, um sich langsam darauf vorzubereiten, ihren
       Besitzer zu verschlingen.
       
       Jeden Morgen sehe ich, wie ein Mann sich unter den Trauerweiden am
       Landwehrkanal auf den Rücken legt und auf all seinen Gliedmaßen trockenes
       Brot platziert. Jeden Morgen sehe ich, wie die Schwäne langsam ans Ufer
       schwimmen, in Richtung des liegenden Körpers watscheln und ihr auf dem
       Körper des Mannes serviertes Frühstück verzehren. Jeden Morgen lassen sie
       sich Zeit dabei, beenden aber irgendwann ihr Mahl und watscheln zurück
       Richtung Kanal. Dann schwimmen sie davon.
       
       Ich denke an die Frau, der einmal von einem aggressiven Schwan mit dem
       Flügel der Arm gebrochen wurde. Ist jede Symbiose trügerisch? Eine Symbiose
       auf Zeit? Manchmal ist nicht klar, wer der Wirt und wer der Parasit ist.
       
       10 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Olga Hohmann
       
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