# taz.de -- Anfang August, 13 Jahre später: Post aus der Vergangenheit
       
       > Plötzlich sind sie wieder da, dank eines Briefs mit extralanger
       > Zustellzeit: die Spaghettireste, die Schlittenfahrten, die besonderen
       > Momente aus der Zeit mit kleinen Kindern.
       
       Vor 13 Jahren habe ich einem Freund einen Brief in die Hand gedrückt und
       gesagt: „Tust du mir einen Gefallen – wirfst du mir den in 13, 14 Jahren
       mal in den Briefkasten? Irgendwann, wenn meine Kinder erwachsen sind.“ Er
       hat genickt, den Brief eingesteckt, und wir haben nie wieder darüber
       geredet.
       
       Gestern Nachmittag ist es passiert. Absolut nichtsahnend öffne ich den
       Briefkasten. Mein Herz pocht laut, als ich das Blatt auseinanderfalte und
       metertief in die Vergangenheit plumpse:
       
       „Dienstag. Minus 5 Grad. Alles weiß draußen! Heute Morgen habe ich Nele und
       Romy mit dem Schlitten in den Kindergarten gezogen, was beiden einen
       Mordsspaß gemacht hat und wofür ich am Ende mit einem Küsschen belohnt
       worden bin. Wenn man anschließend den leeren Schlitten vom Kindergarten
       wieder nach Hause zieht und an die eigene Kindheit denkt, in der man von
       seinen Eltern durch den Schnee gezogen wurde, fühlt sich alles in einem
       rund an. Man würde solche Momente gerne ewig festhalten. Wahrscheinlich
       weil man ahnt, dass sie so nie wiederkommen. Nach dem Mittagessen steht der
       Tisch still im Zimmer, bedeckt mit Spaghettiresten und Salatsauereien.
       Leise flüstert er einem zu: Psst, das ist Glück … Man verdrückt eine Träne
       und weiß genau, dass all das zu den besondersten Momenten in so einem Leben
       gehört: Wenn man Spaghettireste von Kinderstühlen einsammelt, während im
       Kinderzimmer „Urmel aus dem Eis“ läuft. Wenn zwei kleine Kinder sich im Bad
       auf dem Boden kugeln vor Lachen und ihren Vater anstecken wie trockenes
       Kaminholz. Wenn die beiden im Wohnzimmer tanzen und vollends aufgehen in
       der Musik. Wenn sie mit freudigem Stolz in den Augen heimkommen und
       erzählen, dass sie alleine vom Beckenrand gesprungen sind.“
       
       Es ist Anfang August. 13 Jahre später. Schnee ist nirgends in Sicht. Die
       Abendsonne scheint mir auf die kahle Stelle am Hinterkopf, draußen im Hof,
       und der gestrige Brief in meiner Hosentasche fühlt sich gut an.
       
       Gleich fahre ich los. Die beiden vom Amy-Macdonald-Konzert abholen.
       
       5 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jochen Weeber
       
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