# taz.de -- 5 Jahre Taliban in Afghanistan: Sie schießen auf die Beine
       
       > Vor fünf Jahren übernahmen die Taliban Afghanistan. Besonders drastische
       > Folgen hat das für das Leben von Frauen. Derweil ist die Opposition
       > zersplittert.
       
 (IMG) Bild: Ein Mädchen mit seinem Vater in einer Schule in Kabul im Juli 2026
       
       Als afghanische Offiziere am Morgen des 2. Juli 2021 auf den amerikanischen
       Teil des Militärstützpunkts Bagram bei Kabul kamen, schlug ihnen Stille
       entgegen. In der Nacht zuvor hatten die letzten US-Soldaten dort das Land
       verlassen. Damit ihre afghanischen „Verbündeten“ das nicht sofort
       bemerkten, hatten sie das Licht auf dem Gelände brennen lassen.
       
       Sechs Wochen später, am Morgen des 15. August, als der Truppenabzug
       offiziell endete, kontaktierten die Taliban den zuständigen US-Kommandeur,
       was denn nun mit Kabul sei. Im Abzugsabkommen hatte man abgemacht, dass sie
       bei ihrem Vormarsch vor dessen Toren stehen bleiben sollten, bis der letzte
       Amerikaner weg war.
       
       General Ken McKenzie antwortete, man kümmere sich nur noch um den
       Flughafen. Das war das grüne Licht dafür, [1][dass die Taliban Afghanistan
       wieder ganz übernehmen konnten]. Eine Machtteilung mit der Regierung in
       Kabul [2][war vom Tisch]. Präsident Aschraf Ghani [3][verließ per
       Helikopter das Land]. Seine Islamische Republik brach zusammen. [4][Eine
       Massenflucht setzte ein].
       
       ## Einmalig und rückwärtsgewandt
       
       Die Taliban machten sich daran, umzusetzen, was sie immer angekündigt
       hatten: die Errichtung eines [5][„wahrhaft islamischen Staates“]. Das
       Ergebnis war so einmalig wie rückwärtsgewandt. Frauen und Mädchen wurden
       systematisch entrechtet und aus der Öffentlichkeit gedrängt. Arbeiten und
       lernen dürfen sie bis heute nur räumlich [6][getrennt von den Männern] und
       Jungen. Schulen ab Klasse 7 und Universitäten bleiben ihnen ganz
       verschlossen.
       
       Oft wirkt das Mikromanagement der Taliban kurios, sorgt aber für
       massenhafte Traumatisierung und Depressionen: Zuletzt untersagten sie
       Frauen sogar, bei – sowieso schon nach Geschlechtern getrennten –
       Hochzeitsfeiern [7][Parfüm zu benutzen]. Aktivist*innen sprechen von
       „Gender-Apartheid“, wollen das bei der UNO [8][als Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit festschreiben] und so juristisch verfolgbar machen.
       
       Jegliche, auch friedliche Opposition gilt heute per Gesetz als
       „antiislamisch“ und kann mit dem Tod bestraft werden. Trotzdem flackert,
       wenn auch seltener, öffentlicher Protest auf. Im Juni gingen im
       westafghanischen Herat nach Festnahmen angeblich unzureichend
       verschleierter Frauen [9][erstmals Männer und Frauen gemeinsam auf die
       Straße], 400 Personen waren es laut Augenzeugen. Die Taliban hätten auf
       ihre Beine geschossen; ein Teenager verblutete. Online angekündigte
       Folgeproteste wurden nach Warnungen der Taliban abgeblasen.
       
       Deren brutales Vorgehen sorgt dafür, dass sich Aktivitäten der
       Frauengruppen in die Onlinesphäre verlagern. Dort vernetzen sie sich auch
       international, etwa mit der Gender-Apartheid-Kampagne. Selbst Treffen in
       privaten Räumlichkeiten sind nicht sicher.
       
       Auch bewaffneten Widerstand gibt es. [10][Mitte Juli entrissen zwei Dutzend
       Kämpfer] in der Nordostprovinz Badachschan den Taliban für ein paar Stunden
       erstmals ein Distriktzentrum. In der afghanischen Diaspora kam die Hoffnung
       auf, das könnte der Anfang vom Ende des Regimes sein.
       
       So weit ist es aber noch nicht. Während die Taliban trotz interner Debatten
       – etwa um Sinn und Unsinn des Verbots der Mädchenbildung – ihre Einheit
       bewahren, zeigt sich die Opposition zersplittert. Die bewaffneten Gruppen
       sind lokal begrenzt und unkoordiniert, es herrscht Rivalität. Einige von
       ihnen [11][bieten sich den USA als Partner an,] in der Hoffnung auf einen
       Militärschlag gegen die Taliban-Spitze à la Venezuela, in dessen Folge sie
       die Macht übernehmen könnten.
       
       Die bisher bekannteste bewaffnete Gruppe, die Nationale Widerstandsfront
       (NWF), äußerte sich nicht zu den Kämpfen in Badachschan. Die dortigen
       Kämpfer hatten sich von ihr abgespalten. [12][Das beeinträchtigt den
       Führungsanspruch von NWF-Chef Ahmad Massud]. Der 37-Jährige versucht seit
       Längerem, sich an die Spitze der gesamten – bewaffneten wie zivilen –
       Opposition zu setzen. Dabei setzt er auf den Nimbus seines Vaters, des
       legendären, 2001 von al-Qaida ermordeten antisowjetischen
       [13][Mudschaheddin-Führer Ahmad Schah Massud]. Bei Protesten in Kabul
       trugen auch Frauen sein Bild.
       
       Für seine Pläne akquirierte Massud junior Unterstützung im Ausland. Ein
       Politikinstitut in Österreich veranstaltete auf sein Bitten seit 2022 fünf
       Treffen eines sogenannten Wiener Prozesses für ein demokratisches
       Afghanistan mit dem erklärten Ziel, [14][einen Dachverband der Opposition
       zu schaffen]. Im März folgten Vertreter*innen der „demokratischen
       Opposition“ einer Einladung ins Europaparlament. Auch ein NWF-Sprecher war
       dabei. In Washington erreichte Massuds Front, [15][dass das
       US-Repräsentantenhaus im September 2024 den Wiener Prozess „als
       entscheidende Plattform für die Vereinigung aller politischen
       Oppositionsgruppen“ bezeichnete]. Man hofft auf Finanzhilfe, wie sie einst
       die Mudschaheddin gegen die sowjetische Besatzung erhielten.
       
       Im vorigen Herbst bildete die Wiener Gruppe ein Führungsgremium unter
       Ex-Vizeaußenminister Mahmud Saikal und [16][forderte die anderen
       Anti-Taliban-Kräfte auf, sich ihr anzuschließen]. Das ging nach hinten los,
       auch weil Saikal für eines der beiden verfeindeten Lager steht, deren
       Dauerstreit die Vor-Taliban-Republik in den letzten Jahren politisch
       lahmlegte. [17][Das für März geplante nächste Wiener Treffen wurde
       abgeblasen]. Offiziell hieß es, man brauche mehr Zeit für Vorbereitungen.
       Die Webseite der Initiative ist wegen interner Querelen offline. Für neuen
       Zwist sorgte die Annäherung einiger Teilnehmer*innen [18][an Pakistan, den
       einstigen Taliban-Hauptunterstützer und Erzfeind], der bereits [19][Treffen
       der Opposition ausrichtete].
       
       Wolfgang Petritsch, früherer österreichischer Spitzendiplomat und
       Mitinitiator des Prozesses, bestätigte der taz, das der Wiener Prozess
       derzeit „eher stockt“. Es fehle ein „breiter Konsens“ und den politischen
       Vorstellungen „Umsetzbarkeit“.
       
       In der gesamten Opposition gibt es inhaltliche Differenzen: bewaffneter
       Kampf gegen die Taliban, wie ihn die NWF führt, oder eine politische
       Verständigung mit ihnen, wie sie die Exilparteien, darunter die der
       früheren Mudschaheddin-Führer, wollen? Soll Afghanistan künftig
       zentralistisch wie bisher, dezentral oder sogar föderal strukturiert sein?
       Diese Kontroversen spiegeln die politischen Debatten und die
       ethnopolitische Polarisierung der Republik wider. Zudem geben viele –wie
       auch Exilaktivist Abdul Saboor Setiz – zu bedenken, dass bewaffneter
       Widerstand [20][„nur zu mehr menschlichem Leid“ führe].
       
       Vor allem geht es um den Führungsanspruch. Daran scheiterte schon ein
       früheres Bündnis der NWF mit den Exilparteien. Sie wollen sich nicht dem
       Youngster Massud unterordnen. Die NWF stieg wieder aus, weitere Fraktionen
       spalteten sich ab. Als „überwiegend familiengeführte, lokale und ethnisch
       geprägte politische ‚Shops‘, weitgehend unfähig, eine kohärente nationale
       Bewegung zu bilden“, bezeichnet der exilafghanische Analyst Bahar [21][Mehr
       die Anti-Taliban-Kräfte.] „Alle warten auf einen ausländischen Retter.“
       
       ## Glaubwürdige Alternative fehlt
       
       Auch wenn sie sich zu Demokratie und Frauenrechten bekennen, kaufen viele
       Afghan*innen das vor allem den Ex-Mudschaheddin nicht ab. Sie waren auch in
       der Republik sehr einflussreich und stehen in ihren Augen deshalb für die
       damalige Korruption, Machtpolitik und die ihnen für schwere
       Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen [22][in früheren Kriegen
       gewährte Straflosigkeit] – und damit für das Scheitern der Republik.
       Außerdem sind viele von ihnen selbst Islamisten.
       
       Inmitten dieses organisatorischen Chaos dienen zivilgesellschaftliche
       Akteure – auch die Frauen – wieder nur als demokratische Staffage. Eine
       glaubhafte politische Alternative zu den Taliban fehlt bisher. Die frühere
       Frauenministerin Sima Samar fordert jüngst die „junge Generation“ auf, eine
       solche Bewegung auf die Beine zu stellen. Das allerdings ist angesichts der
       Repressionen im Land beinahe unmöglich.
       
       Bahar Mehr schrieb, die einzige wirklich „aktive Gruppierung seit dem Fall
       von Kabul ist die Protestbewegung der Frauen“. Vielleicht also eine rein
       von Frauen getragene oder zivilgesellschaftliche Plattform? Die Gruppen im
       Land könnten über geschützte Onlinekanäle einbezogen werden. Aber auch die
       Frauenbewegung ist, positiv ausgedrückt, vielfältig. Auch hier gibt es
       Konkurrenz und Missgunst. Wer Afghanistan nicht verlassen will oder kann
       und Freiräume mit den Taliban verhandelt, wird beschuldigt, sich zu deren
       Handlanger zu machen.
       
       Jetzt kommt es darauf an, wer die Initiative übernimmt. Mit den alten
       Führern und ihren Söhnen und Töchtern könnte Afghanistan leicht wieder im
       gescheiterten Vor-Taliban-Status landen.
       
       15 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Truppenabzug-aus-Afghanistan/!5761036
 (DIR) [2] /Gespraeche-zwischen-USA-und-Taliban/!5565593
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 (DIR) [11] /Erbeutete-US-Waffen/!6074081
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 (DIR) [13] /Augenzeuge-berichtet-vom-Massud-Mord/!1144341/
 (DIR) [14] https://www.vidc.org/en/press/spotlight-online-magazine
 (DIR) [15] https://www.congress.gov/bill/118th-congress/house-resolution/1433/text/ih
 (DIR) [16] https://8am.media/eng/vienna-process-national-commission-calls-on-taliban-opponents
 (DIR) [17] https://x.com/vpfda2022/status/2044105128999895063/photo/1
 (DIR) [18] https://newlinesmag.com/spotlight/pakistan-is-quietly-shopping-for-new-proxies-in-afghanistan
 (DIR) [19] https://amu.tv/202653/
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 (DIR) [22] /Menschenrechte-in-Afghanistan/!5018042
       
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