# taz.de -- Miniatur Wunderland in Hamburg: Leben auf Knopfdruck
       
       > Das Miniatur Wunderland wird 25, die Ausstellung in der Speicherstadt
       > ist meistens rappelvoll. Was fasziniert die Menschen bloß so sehr am
       > Modellbau?
       
 (IMG) Bild: Welt in klein: Bis zu 1,5 Millionen Besucher:innen kommen pro Jahr ins Miniatur Wunderland
       
       Bislang war ich kein Fan des Miniatur Wunderlands. Ich habe mir die
       Ausstellung in Hamburg vor vielen Jahren ein Mal kurz angeschaut und fand
       sie langweilig und erschlagend. Umso erstaunlicher erscheinen mir die
       Besucher:innenzahlen: Pro Jahr kommen [1][bis zu 1,5 Millionen Menschen].
       Das Miniatur Wunderland feiert seinen 25. Geburtstag, es ist ein voller
       Erfolg. Und ich frage mich: Was finden die Leute bloß daran?
       
       Praktisch gesprochen finden sie einen Eingang im zweiten Stock eines roten
       Klinkerbaus [2][in der Speicherstadt] und dahinter eine Menge Superlative:
       die größte Modelleisenbahnanlage der Welt mit 16.500 Meter Schienen, 11.000
       Fahrzeugen und 290.000 Figuren, jede so klein wie ein halber Daumen.
       
       Gegründet hat das Miniatur Wunderland Frederik Braun, ehemals
       Diskothekenbetreiber, mit seinem Zwillingsbruder, seinem Vater und dem
       Mitbetreiber der Disco. Das klingt männerlastig, wie auch die Superlative
       männermäßig und nischig wirken. Es heißt, dass die Gründer das Ganze
       Miniatur Wunderland genannt haben, damit es auch Frauen anzieht. Guckt man
       sich um, dann ist die Rechnung aufgegangen. Es laufen mindestens so viele
       Frauen wie Männer herum.
       
       Angefangen hat das Miniatur Wunderland mit der Fantasiestadt Knuffingen,
       Mitteldeutschland und Österreich, dann kam Hamburg. Anschließend griff es
       immer weiter aus: Italien, Monaco, die USA, Skandinavien. Bald eröffnet der
       Amazonas. Das Miniatur Wunderland ist wie Gott. Es erschafft die Welt, nur
       dass es länger dazu braucht.
       
       Der Pressemensch ist geduldig, er trägt die vorhersehbaren Fragen einer
       taz-Redakteurin mit Fassung: Zeigt das Wunderland die
       [3][Regenwaldzerstörung]? Aber ja, es gibt einen Waldbrand, auf Knopfdruck.
       Sind die Figuren in den 25 Jahren [4][diverser geworden]? Dazu kann er
       nichts Genaues sagen, verweist aber auf die E-Autos, die durch das
       Miniaturhamburg fahren. Gibt es Klimakleber:innen am Flughafen? Nein.
       Oder eigentlich doch: „Alle unsere Figuren kleben.“
       
       Das Miniatur Wunderland hat auch einen Tag geschaffen, der 14 Minuten
       währt, dann wird es dunkel, und unfassbar viele kleine Lichter gehen an.
       Ich glaube, dass es das ist: die beruhigende Überschaubarkeit einer Welt,
       in der man wie Gulliver die Zwerge betrachten kann, in der man den
       Überblick hat und zugleich die Virtuosität der Baumeister:innen
       würdigen kann.
       
       Das mit dem Wunder stimmt schon, das muss ich spätestens in der Schweiz
       zugeben. Sie ist ein Kunstwerk, ein riesiger Bergblock, in dem man
       herumgehen kann – „wow!“, sagt eine Frau in Rosa, die gerade davorsteht –,
       mit filigranen Seilbahnen über mehrere Etagen und Almidyllen und
       Bergwerken, die als kleine Aussparungen in den Fels gebaut sind.
       
       Die Welt im Miniatur Wunderland ist schön und weitgehend friedlich. Man
       kann das Leben auf Knopfdruck in Gang bringen: „Romeo und Julia“ auf der
       Freilichtbühne, ein Bungeespringer, ein ermatteter Büromann, auf den ein
       Regal stürzt. Es gibt Witz auch im Modellbau, und wer sucht, kann das
       Schneewittchen und die sieben Zwerge in der Bergspalte finden, die winzige
       Greta Thunberg in Skandinavien und den pinkelnden Polizisten im Erdgeschoss
       eines Büroturms.
       
       Im Miniatur Wunderland schauen sich die Menschen in gewisser Weise selbst
       zu, und sie nehmen sich dafür mehr Zeit als die Trophäensuchbesucherschaft
       in den großen Kunstmuseen. Sie sammeln kein kulturelles Kapital. Sie
       staunen einfach über eine weitgehend analoge Welt, über Badewannen,
       Seilbahnen und Wälder, und das ist rührend, weil man so etwas selten sieht.
       Schau mal!, sagen sie zu ihren Kindern, Partnern, Enkeln. Und die schauen
       tatsächlich.
       
       16 Aug 2026
       
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