# taz.de -- „Fire“ in Hamburg: Von der schönen, destruktiven Kraft des Feuers
> Eine Hamburger Ausstellung umkreist historische und ökologische Aspekte
> des Feuers. Und erfährt die tödliche Kraft der Hitze am eigenen Leibe.
(IMG) Bild: Mit Asche gemalt: Wandbild nach Cecilia Vicuñas „Tara's Tears (A Prayer for the World)“
Wer in den Himmel schaut, wird Antworten finden. Die Sterne sagen uns, wie
wir uns verorten können. Das klingt nach Astrologie und Esoterik, aber
Hamburgs Stadtkuratorin Joanna Warsza, zuständig für Kunst im öffentlichen
Raum, meint es globaler: In der aktuellen Krise suche die Menschheit nach
Orientierungspunkten, um die Beziehung zur Erde neu zu denken, sagt sie.
Man brauche „sowohl das Spirituelle als auch das Rationale, das Poetische
als auch das Pragmatische“. Schaffen will sie das durch ihr
Fünf-Jahres-Projekt „From the Cosmos to the Commons“, vom [1][All zum
Allgemeingut.] Den Kosmos hat sie 2025 abgehandelt. Die vier Elemente
starteten nun mit der Schau „Fire“ im Hamburger Mahnmal St. Nikolai.
Der Ort ist emblematisch, verbrannte die Kirche doch gleich zweimal: 1842
beim „Großen Brand“ und erneut im Zweiten Weltkrieg bei der „Aktion
Gomorrha“ bzw. dem [2][„Feuersturm“]. So nennen die Hamburger:innen den
Angriff der britischen Luftwaffe im Juli 1943, der über 30.000 Menschen das
Leben kostete.
Nach hitzigen Debatten über die des Gedenkens und überhasteten Teilabrissen
blieb der Kirche das Außenskelett. Es umschließt einen Platz mit einigen
dauerhaften Kunstwerken sowie, im Untergeschoss, eine kluge Ausstellung zum
„Feuersturm“.
Wobei der Begriff „Feuersturm“ angesichts der aktuell tobenden, durch Sturm
angefachten [3][Waldbrände in Südeuropa] neue Aktualität bekommt und die
Schau zum Politikum macht. Denn wer, getreu dem Motto „Vom All zum
Allgemeingut“, in jenen Regionen derzeit nach oben schaut, sieht eine
Flammenwand, die den Himmel verdeckt und statt Orientierung eher Apokalypse
bietet.
Und ob nun Brandstiftung, [4][wirtschaftlich motivierte Brandrodung] oder
der Klimawandel verantwortlich sind: Menschengemacht sind diese Brände
genauso wie der „Feuersturm“, der eben nicht, wie der Begriff suggeriert,
bloße „Naturkatastrophe“ war. Sondern Folge des 1933 von Deutschland
entfachten Zweiten Weltkriegs.
Aber wie den Zyklus von Zerstörung und Wiederaufbau stoppen und eine
gerechte Gesellschaft erzeugen, die Wohlstand und Ökologie vereint? Es sind
planetare Fragen, die sich Kuratorin Warsza genauso stellt wie Mark Sealy,
Kurator der diesjährigen [5][Triennale der Photographie].
Hier wie dort soll Kunst den Weg weisen, und so durchwandert man in der
„Fire“-Schau den einstigen Kirchenraum, findet hier und da Brandspuren. Man
begreift die Dimension des Verlorenen, und merkt: Nic Feys 2017
entstandene, eigentlich zur Dauerausstellung gehörende Nahaufnahmen von
Skulpturen, die am Turm den Brand überstanden, bilden einen guten Rahmen
für die „Fire“-Schau. Engel, Trauernde, Teufel kommen in diesen Fotos nah.
Wir schauen zurück und begreifen: Das Teuflische des Krieges und die Trauer
über seien Folgen sind dieser Kirche schon lange einbeschrieben.
## Dem Feuer entronnene Bücher
Schätze, die das Feuer überstanden, hat auch Annette Kelm für die
„Fire“-Schau gefunden und aufgehängt: Cover von Büchern, die 1933 der
[6][Bücherverbrennung] durch NS-Schergen und -Sympathisanten entrannen, hat
sie fotografiert. Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und Kurt Hillers
„Paragraph 175. Die Schande des Jahrhunderts“ sind darunter. Kunst- und
humorvoll gestaltet, bezeugen sie die reiche Kulturszene vor der
Machtübergabe an die NSDAP. Im öffentlichen Raum wurden Bücher wie diese
verbrannt. In den öffentlichen Raum kehren sie nun symbolisch zurück.
Den ökologischen Folgen des Feuers widmet sich das Wandgemälde „Tara's
Tears (A Prayer for the World)“. Es zeigt ein Auge, aus dem eine Träne mit
Weltkugel tropft. Die Hamburger Künstlerin und Gängeviertel-Aktivistin Coco
Bergmann hat es nach einem Ölgemälde der chilenischen Künstlerin, Dichterin
und Umweltaktivistin [7][Cecilia Vicuña], erstellt. Die Brisanz liegt im
Material: Es ist aus Asche vom Waldbränden im brasilianischen
Amazonasgebiet gefertigt. Übergeben wurde sie vom Waldschutz-Aktivisten-
und Künstlerkollektiv Cinzas da Floresta aus São Paulo.
Aber es gibt auch Feuer- und Sonnenanbeter:innen unter den
Ausgestellten. Die Usbekin Saodat Ismailova etwa gestaltet ihren Film
„Melting into the sun“ als Zeitreise auf den Spuren des 783 hingerichteten
iranischen Polit-Rebellen, Alchimisten und Propheten Al-Muqanna. Er
huldigte dem Zoroastrismus samt Feuer- und Sonnenverehrung und kämpfte für
die Entrechteten.
## Ruf nach neuer Solarpolitik
In Anspielung auf dessen legendäre Spiegelspiele hat Ismailova einen
Spiegel am Turm von St. Nikolai montiert, der das Licht der Sonne
reflektiert. Der zugehörige Film zeigt den riesigen, noch zu Sowjetzeiten
gebauten Solarschmelzofen bei Taschkent. Und die Figur Al-Muqannas
beschwört derweil die reinigende Kraft des Feuers, zugleich Symbol des
Kampfs für Gerechtigkeit.
Kuratorin Warsza deutet das Werk als Ruf nach einer Solarpolitik, wie sie
die Philosophin [8][Oxana Timofeeva] formuliert, in Anlehnung an den
Philosophen Georges Bataille. Er forderte, anstelle endlicher fossiler
Energien den Überschuss solarer Energie zu nutzen, also nicht auf Wachstum
zu setzen, sondern auf die Nutzung des Vorhandenen.
Von der destruktiven Kraft dieses Überschusses mit [9][10.000 Hitzetoten]
hierzulande spricht die Schau nur am Rande, wenn etwa Lene Markusen die
Überhitzung der Städte, Server, Debatten auch der Menopause in eine
figürliche Installation bannt.
Entkommen ist die Schau der tödlichen Sonne trotzdem nicht: Agnes Denes'
„Sonnenblumenfeld“ auf Hamburgs Domplatz, gedacht als Intervention der
Hoffnung, ist schon halb verdorrt. Der Klimawandel droht die Hoffnung zu
überholen.
2 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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