# taz.de -- Künstlerin über sorbischen Futurismus: Mit Zungenschlag durchs Baggerloch
       
       > Karoline Schneider bringt sorbische Perspektiven in ihre Kunst. Wie tief
       > sie dafür in der Lausitzer Erde gräbt, zeigt ihre Soloausstellung in
       > Cottbus.
       
 (IMG) Bild: Karoline Schneider vor ihrer Wandmalerei hybrider Ringelnatter-Hände. Die Natter ist ein wichtiges Motiv in der sorbischen Kultur
       
       taz: Karoline Schneider, Ihre neue Ausstellung „Grube: Zukunft“ im
       Brandenburgischen Landesmuseum in Cottbus thematisiert einen „sorbischen
       Futurismus“. Was darf man sich darunter vorstellen? 
       
       Karoline Schneider: Die Ausstellung ist eine Art Materialsammlung. Die
       Inspiration kam von kritischen Futurismen wie dem Afrofuturismus und nicht
       etwa vom italienischen Futurismus, der letztlich im Faschismus mündete. Es
       ist eher ein Spekulieren aus der Postapokalypse heraus. Bei den
       Sorb:innen geht es um den Extraktivismus durch den Kohleabbau in ihrer
       Region und um eine lange Geschichte des Anpassungszwangs. Ich will den
       folkloristischen sorbischen Klischees etwas entgegensetzen wie
       sorbische/wendische queere Lebensrealitäten.
       
       taz: Die Ausstellung hat etwas Bruchstückhaftes, als wären kulturelle
       Artefakte für die Nachwelt aufgebahrt. Da gibt es ein Bild von Ihnen auf
       einem Paddelbrett samt zungenförmigem Paddel. Was steckt dahinter? 
       
       Schneider: Der Raum ist eine Assemblage, bei der jedes Objekt in Beziehung
       miteinander steht. Das Paddel kommt aus dem Werk „ryč/rěč“, was so viel wie
       „grab/sprich“ bedeutet. Für mich ist das Sorbischlernen wie [1][ein Graben
       in der Familiengeschichte] mit der eigenen Zunge. Für die Performance bin
       ich zum abgebaggerten Dorf meiner Urgroßmutter gefahren, das jetzt ein
       Tagebausee ist, und habe mich mit dem Paddel darüber fortbewegt.
       
       taz: Die Region befindet sich mitten im Strukturwandel von der Kohle hin zu
       etwas Neuem. Mit was für einem Gefühl blicken Sie auf diese Umwälzungen? 
       
       Schneider: Hoffnung. Dieser „serbski futurizm“ knüpft dort an: dass
       Ressourcen in Zukunft genutzt werden, ohne sie auszubeuten. [2][Der
       Kohlebergbau war ein Verschlingen von Orten und Menschen], die weggehen
       mussten oder in die Kulturen der Bergleute assimiliert wurden. Es gibt eine
       Chance, auf diesen Brachen etwas Neues entstehen zu lassen. Hier in der
       Niederlausitz ist viel verloren gegangen. Gleichzeitig gibt es diese
       katholische Strenge nicht, wie Sorbischsein aussehen sollte. Das schafft
       auch Freiräume.
       
       taz: Für viele Menschen in der Region ist die Kohle aber auch etwas
       Identitätsstiftendes und erinnert an Zeiten, als die Lausitz noch im
       Aufschwung war. Können Sie diese Nostalgie nachvollziehen? 
       
       Schneider: Ich habe oft von Leuten gehört, die sich damals „nützlich“
       fühlten, weil sie Energie für ihre Nachbar:innen produziert haben. Das
       zieht dann auch kulturelle Praktiken mit sich, um der Zerstörung etwas
       entgegenzuhalten, wie die Bergarbeiterchöre. Deswegen geht es um weit mehr
       als wegfallende Arbeitsplätze. Es geht um das Schwinden der eigenen
       Identität. Aus meiner persönlichen Geschichte sehe ich darin kein
       Scheitern, sondern vielleicht einen Neuanfang.
       
       taz: Die sorbische Kultur kämpft ums Überleben. Ihr Werk spielt ganz
       bewusst mit sorbischen Traditionen und deren Neudenken. Wo liegt für Sie
       die richtige Balance zwischen Erhalt und Weiterentwicklung? 
       
       Schneider: Das Wichtige ist, diesen Spagat überhaupt zuzulassen. Ich finde
       es total okay, dass es Diskussionen darüber gibt, ob zum Beispiel eine
       queere Version der traditionellen Vogelhochzeit für erwachsene Menschen
       Mehrwert hat oder nicht. Die Kultur entwickelt sich durch gelebte Praxis,
       Beziehungen [3][und die gesprochene Sprache] weiter. Wir sollten aber auch
       Dinge sammeln und pflegen, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.
       
       taz: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Lausitz denn vor und welche Rolle
       spielt das Sorbische darin? 
       
       Schneider: Ich stelle mir die Region viel zweisprachiger und vernetzter mit
       unseren Nachbarn vor. Dass es eine Aufwertung slawischer Gesellschaften und
       Lust am kulturellen Austausch gibt statt identitärer Haltungen. Das
       Sorbische kann dabei helfen, diverse Gemeinschaften zu bilden und einfach
       Spaß zu haben. Und ich wünsche mir auch, dass Sorb:innen und Deutsche
       mehr Austausch haben. Das würde auch dabei helfen, andere Kulturen mehr
       wertzuschätzen.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /NS-Verbrechen-in-der-Ukraine/!5913858
 (DIR) [2] /Ende-fuer-den-Tagebau-in-Sichtweite/!6151037
 (DIR) [3] /Annette-Hug-ueber-Filipino-Uebersetzung/!6116261
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alexander Kloß
       
       ## TAGS
       
 (DIR) zeitgenössische Kunst
 (DIR) Performance
 (DIR) Tradition
 (DIR) Sorben
 (DIR) Bergbau
 (DIR) Identitätspolitik
 (DIR) Festival
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Sorbisches Festival Meta Solis: Wie kann eine Minderheit überleben?
       
       Sorbische Kultur besteht längst nicht mehr nur aus Trachten. In der Lausitz
       entsteht eine Jugend- und Subkultur, die Sorbischsein neu definiert.
       
 (DIR) Drei Schauen zu DDR-Kunst in Cottbus: Keck mit Zigarette
       
       Selbstbewusste Porträts stehen neben einem tastenden Umgang mit Identität
       in drei Schauen zu DDR-Kunst im Museum Dieselkraftwerk Cottbus. Und Punks.
       
 (DIR) Nationale Minderheit in der Lausitz: Tokio Hotel auf Niedersorbisch
       
       Junge Sorbin:innen wie Maja Schramm wollen die Kultur und Sprache
       bewahren – aber anders als ihre Vorfahren. Damit ecken sie schon mal an.