# taz.de -- Weltsozialforum in Cotonou: „Wir wollen über unsere Politik selbst bestimmen“
       
       > Organisatorin will das Weltsozialforum 2026 auf eine „neue Ebene heben“.
       > Die Anliegen afrikanischer Bewegungen gehörten auf die globale Bühne.
       
 (IMG) Bild: „Wir bringen das 17. Weltsozialforum zu ihnen“: Zwischenstation der Karawane nach Contonou im ghanaischen Aagavedzi
       
       taz: Frau Tunkara, [1][vor 25 Jahren wurde das Weltsozialforum ins Leben
       gerufen], um antikapitalistische Stimmen zusammenzubringen und eine
       Plattform für Basisbewegungen zu bieten. Sie organisieren das Treffen in
       diesem Jahr – ist dieses Format 2026 noch relevant?
       
       Burry Tunkara: Diesmal ist Afrika an der Reihe. Der Globale Zusammenschluss
       im Kampf um Land, Wasser und Saatgut – West Afrika richtet es in Benin aus.
       Wir sind eine soziale Bewegung, die Menschen vertritt – insbesondere
       Frauen, Jugendliche und benachteiligte Bäuer*innen –, um sicherzustellen,
       dass ihre Stimmen Gehör finden. Das Weltsozialforum ist eine große Chance,
       unsere Anliegen und Probleme auf die globale Bühne zu bringen.
       
       taz: Was bedeutet das Weltsozialforum für Sie selbst? 
       
       Tunkara: Ich verfolge das Forum seit 2023. Als es 2024 in Nepal stattfand,
       war ich eine der Rednerinnen bei der Eröffnungszeremonie – und die einzige
       Afrikanerin. Auch unter den Teilnehmenden konnte ich die anwesenden
       Afrikaner*innen zählen. Um afrikanischen Basisorganisationen und
       sozialen Bewegungen voll und ganz gerecht zu werden, begannen wir beim
       globalen Zusammenschluss daher, uns dafür einzusetzen, dass das
       Weltsozialforum in Afrika stattfindet, um unsere Erfahrungen und die
       Herausforderungen gleichberechtigt mit der Welt zu teilen. 
       
       taz: In der Vergangenheit haben einige Bewegungen, Aktivist*innen und
       Intellektuelle kritisiert, das Weltsozialforum sei von NGOs übernommen
       worden und richte sich nach einer kapitalistischen Agenda.
       
       Tunkara: Wenn das Forum zerstört wird und es keine Alternative gibt, dann
       ist es den Kritikern gelungen, einen Raum zu zerstören, in dem
       schutzbedürftige Menschen sich treffen und über ihre Probleme sprechen
       konnten. Als afrikanische Organisatoren des Weltsozialforums sehen wir eine
       Chance, es auf eine neue Ebene zu heben. Wir sagen: Das Weltsozialforum
       2026 wird das sein, das wir vor 25 Jahren kannten. Wenn uns gesagt wird,
       die Ideologie müsse geändert werden, um Kapitalismus oder Imperialismus zu
       fördern, sagen wir Nein.
       
       taz: Worum geht es beim diesjährigen Forum? 
       
       Tunkara: Es liegt an uns allen, standhaft zu bleiben und es als Raum für
       Dialog, für das Zuhören, für soziale Entwicklung, für Zusammenarbeit und
       den Aufbau von Bündnissen für eine Zukunft mit einer gerechten und
       gleichberechtigten Gesellschaft zu bewahren. Wir haben auch mit
       afrikanischen Organisationen und Bewegungen gesprochen, die das Forum zuvor
       boykottiert hatten, um sie dieses Jahr wieder mit ins Boot zu holen – wie
       zum Beispiel La Via Campesina, die Stimme der Kleinbauern weltweit.
       
       taz: Wie stellen Sie sicher, dass schutzbedürftige oder direkt betroffene
       Menschen Zugang zu diesem Raum haben? 
       
       Tunkara: Das ist eine sehr wichtige Frage, denn meistens werden Landrechte
       in einem behaglichen Rahmen diskutiert, ohne dass die Menschen vor Ort
       dabei sind. Der Globale Zusammenschluss verfolgt einen anderen Ansatz: Wir
       beziehen Menschen ein, deren Stimmen unterdrückt und deren Aktivismus
       kriminalisiert wurden. Wir haben zehn Jahre Erfahrung darin, sie auf die
       globale Bühne zu bringen und vor Ort Bewusstsein zu schaffen.
       
       taz: Wie schaffen Sie Bewusstsein? 
       
       Tunkara: Im Juli haben wir drei Karawanen aus Bussen organisiert: Eine
       kommt aus Zentralafrika, die beiden anderen aus Westafrika. Sie ziehen
       durch mehrere Länder und enden schließlich beim Weltsozialforum in Cotonou.
       Unterwegs halten wir in Gemeinden, um mit den Menschen über ihre Rechte zu
       sprechen, aber auch, um ihnen zuzuhören. Wir haben lokale Regierungen,
       Stammesführer und Gemeindevorsteher zum Dialog eingeladen. Nicht jede Frau,
       Jugendgruppe oder Organisation hat die Möglichkeit, an einer weit
       entfernten Veranstaltung teilzunehmen, doch mit den Karawanen bringen wir
       die 17. Ausgabe des Weltsozialforums zu ihnen.
       
       taz: W ie arbeitet der Globale Zusammenschluss, w enn nicht gerade das
       Weltsozialforum stattfindet? 
       
       Tunkara: Wir konzentrieren uns auf den Kampf der Bäuer*innen und
       Gemeinden um Land, Saatgut und Wasser. Wir vereinen mehr als 300
       Organisationen, die sich für soziale und wirtschaftliche Rechte einsetzen
       und dafür, wie wir die Klimakrise am besten abmildern können, indem wir die
       lokale Widerstandsfähigkeit stärken. Zu diesem Zweck ist es unser
       Hauptziel, Einfluss auf die Politik zu nehmen, insbesondere in Bezug auf
       Landfragen. Wir sensibilisieren die Öffentlichkeit, indem wir Karawanen
       organisieren.
       
       taz: Wie können Sie Einfluss auf die Politik nehmen? 
       
       Tunkara: In Benin gab es zum Beispiel einen großen Landraub. Wir kamen mit
       unserer Karawane und konnten den Gouverneur und die lokalen Ortsvorsteher
       einbeziehen, sodass das Land von den Kapitalisten wieder an die
       Gemeinschaft zurückübertragen wurde. Die Karawanen haben auch viele
       benachteiligte Gruppen dabei unterstützt, sich rechtlich zu organisieren.
       Zum Beispiel haben wir Frauen aus 15 westafrikanischen Ländern
       zusammengebracht, die im informellen Sektor arbeiten, um Erfahrungen und
       Wissen auszutauschen. Wir haben eine Plattform aufgebaut, auf der wir uns
       vernetzen und gegenseitig unterstützen. 
       
       taz: Was genau fordern Sie? 
       
       Tunkara: Afrika wird als Rohstoffquelle betrachtet. Und Regierungen sind in
       einer Situation gefangen, in der sie jede wirtschaftliche Gelegenheit
       annehmen, auch wenn sie nicht nachhaltig ist. Es ist nicht alles Gold, was
       glänzt. Wir übernehmen internationale Strategien, die uns Kraft und unserer
       Würde berauben. Was für euch im Globalen Norden nach Entwicklung klingt,
       klingt in Afrika nach einem Problem. Die Deutschen setzen auf
       Industrialisierung, wir hingegen auf Landwirtschaft und
       Ernährungssouveränität. Wir wollen über unsere Politik selbst bestimmen,
       über unser Land. Wir wollen Respekt und Souveränität für unsere
       Gemeinschaften und Nationen.
       
       taz: Wie sehen Sie die [2][Agenda der Vereinten Nationen für globale
       nachhaltige Entwicklung]? Und wie verhält sich das Weltsozialforum dazu? 
       
       Tunkara: Wenn die Uno den Begriff Entwicklung verwendet, bedeutet das
       nicht, dass wir – unsere Gemeinschaften, unsere sozialen Bewegungen – Teil
       dieser Agenda sind. Wenn wir als afrikanische Gemeinschaften, als Frauen
       von Entwicklung sprechen, meinen wir damit die Förderung der Souveränität
       über unser Land und unsere Nationen. Das Weltsozialforum stellt, wie der
       Name schon sagt, soziale Bewegungen aus aller Welt in den Mittelpunkt, sei
       es in Afrika, Asien oder Europa. Wir sind der Meinung, dass das
       Weltsozialforum für uns der bessere Ort ist, um unsere Anliegen zu äußern.
       
       taz: Findet dieser Ansatz bei afrikanischen Führungskräften Anklang? Gibt
       es einen Wandel, eine Abkehr vom autoritären Systemen? 
       
       Tunkara: Regierungsmodelle werden oft durch eine eng gefasste Brille
       betrachtet, die die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse der lokalen
       Bevölkerung außer Acht lässt. Die internationale Berichterstattung
       konzentriert sich häufig ausschließlich auf politische Instabilität und
       übersieht dabei bedeutende strukturelle Veränderungen vor Ort.
       
       taz: Wo zum Beispiel? 
       
       Tunkara: Die Übergangsregierung in Mali hat den lokalen Gemeinschaften
       aktiv ihre Landrechte zurückgegeben, indem sie eine Bodenreform
       verabschiedet hat, die die Einbeziehung aller – einschließlich Frauen und
       Jugendlicher – fördert. In ähnlicher Weise stellt die [3][Verstaatlichung
       von Industrien in Burkina Faso] eine direkte Herausforderung für ein
       internationales System dar, das es vorzieht, dass Afrika lediglich ein
       Lieferant billiger Rohstoffe bleibt. Wahre Souveränität bedeutet, die
       wirtschaftliche Sicherheit unserer Bevölkerung vor ausländische
       Handelsinteressen zu stellen.
       
       taz: „Eine andere Welt ist möglich“ – so lautete der Slogan des
       Weltsozialforums. Glauben Sie daran? 
       
       Tunkara: Ja. Eine andere Welt ist möglich, wenn sich die Menschen ihrer
       Rechte bewusst sind. Eine andere Welt ist möglich, wenn die internationale
       Gemeinschaft versteht, dass wir alle gleich sind. Eine andere Welt ist
       möglich, wenn wir zusammenkommen und wenn wir in der Lage sind, sowohl die
       Politik als auch die Handelsregeln so zu gestalten, dass sie uns nicht
       unterdrücken, sondern uns allen zugutekommen.
       
       4 Aug 2026
       
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