# taz.de -- 25 Jahre Weltsozialforum: Der Geist von Porto Alegre
> Neben der progressiven Politik steckt auch die postkapitalistische
> Weltbürgerbewegung in der Krise. Doch es gibt keine Alternative zum
> Optimismus.
(IMG) Bild: Der Bauernaktivist José Bové aus Frankreich am 30. Januar 2001 in Porto Allegre
Vor 25 Jahren erlebte die globalisierungskritische Bewegung ihre Blütezeit.
Unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ wurde Ende Januar 2001 im
brasilianischen Porto Alegre das erste Weltsozialforum (WSF) organisiert.
Im südbrasilianischen Hochsommer diskutierten Tausende Teilnehmende über
kleine und große Alternativen jenseits des Kapitalismus. Der finstere
Kontrapunkt folgte ein halbes Jahr später in Genua, wo 300.000 Menschen
gegen den G8-Gipfel protestierten. Die italienische [1][Polizei ging mit
faschistischen Methoden gegen die Demonstrant:innen vor.] Dutzende
wurden in Polizeistationen gefoltert, der 23-jährige Carlo Giuliani
bezahlte sein Engagement mit dem Leben.
1989, im Jahr des Mauerfalls, prägte der britische Ökonom John Williamson
für die Rezepte des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu
Privatisierung oder Handelsliberalisierung das geflügelte Wort vom
„Washington-Konsens“. Nach der Implosion der Sowjetunion rief der
US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama gar das „Ende der Geschichte“
aus. Doch der Widerstand gegen diese schöne neue neoliberale Weltordnung
folgte postwendend: Zum Jahresbeginn 1994, als das Nordamerikanische
Freihandelsabkommen in Kraft trat, begannen die Zapatistas in Mexiko ihren
Aufstand. Subcomandante Marcos erklärte, man strebe eine Welt an, „in die
alle Welten hineinpassen.“ Nach den Massenprotesten gegen die
Welthandelsorganisation 1999 in Seattle und gegen die Weltbank im Jahr 2000
in Prag wollte man in Porto Alegre die Vernetzung der
„Altermondialist:innen“ vorantreiben und medial in die Offensive kommen.
Ausgedacht hatten sich die Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum von
Davos der [2][katholische Aktivist Chico Whitaker], der Ex-Unternehmer Oded
Grajew und Bernard Cassen von Attac und Le Monde diplomatique. Ihre Wahl
fiel auf das von Lula da Silvas Arbeiterpartei PT regierte Porto Alegre, wo
ab 1989 der weltweit erste Bürgerhaushalt entwickelt worden war. Stadt- und
Landesregierung übernahmen den Löwenanteil der Finanzierung, im
Organisationskomitee dominierten brasilianische Landlosensprecher,
Mitglieder von NGOs und Gewerkschaften. Vom rechtsliberalen Präsidenten
Fernando Henrique Cardoso wurden sie als „Maschinenstürmer“ verspottet.
Die meisten der 15.000 Teilnehmer:innen kamen aus Lateinamerika und
Europa. Auf dem Campus der katholischen Universität Pontificia Universidade
Católica tagten sie in Workshops und folgten hochkarätig besetzten
Diskussionen in Hörsälen. Die französische Autorin und Widerstandskämpferin
im Zweiten Weltkrieg Danielle Mitterrand und der Bauernaktivist José Bové
aus Frankreich, der chilenische Autor Ariel Dorfman oder der
„Deglobalisierer“ Walden Bello von den Philippinen gaben sich die Klinke in
die Hand. Im Jugendcamp ging es weniger förmlich zu, und an den Ufern des
Guaíba-Flusses trat der Musiker Manu Chao auf, die Autorin Naomi Klein
feierte das „Ende vom Ende der Geschichte“. Medialer Höhepunkt war das
Live-Streitgespräch zwischen dem philanthropischen Spekulanten George Soros
samt zwei UNO-Vertretern sowie fünf Linken aus Porto Alegre. Souverän
befürwortete Soros – ähnlich wie Attac – eine Finanztransaktionsteuer zur
Finanzierung sozialer Belange. Doch die ist entgegen allen
Lippenbekenntnissen bis heute noch nicht eingeführt.
2002, 2003 und 2005 fand das WSF erneut in Südbrasilien statt, 2004 in
Mumbai. In jenen Jahren boomten das Forum und das Interesse der Medien an
der Multitude von Ökos, Indígenas, Basischrist:innen,
NGO-Strippenzieher:innen, Marxist:innen, Anarchisten, Trotzkisten,
Feministinnen, Gewerkschaftern, Berufspolitiker:innen,
Soziologiedozent:innen, Afroamerikaner:innen, Studierenden und
Favela-Aktivist:innen. Linke Staatschefs wie Lula oder Hugo Chávez aus
Venezuela kamen ebenso wie engagierte Intellektuelle: Noam Chomsky, Vandana
Shiva, Eduardo Galeano, Arundhati Roy.
Wie in einem Brennglas spiegeln sich im WSF die Dilemmata der Linken. Seine
Stärke blieb seine horizontale Struktur, das bunte Mit- und Nebeneinander.
Dadurch enttäuschte es die Erwartungen all jener, die verbindliche Vorgaben
erwarteten. Chávez und andere hätten gerne eine Fünfte Internationale
daraus gemacht und damit seinen pluralistischen und basisdemokratischen
Anspruch zerstört. Offiziell hatten Regierungen nichts zu sagen, aber in
Brasilien blieb der politische und finanziellen Rückhalt durch die
Arbeiterpartei unverzichtbar, in Belém 2009 ebenso wie in Salvador da Bahia
2018.
In Lateinamerikas „rosaroter Welle“ kam eine ganze Reihe linker
Präsident:innen an die Regierung. Doch die real existierenden
sozialdemokratischen oder sozialistischen Regierungen konnten den
Raubtierkapitalismus nur sozial und vorübergehend abfedern. Trotz hoher
Deviseneinnahmen durch den Rohstoffboom der Nullerjahre blieben
Strukturreformen aus, auch deswegen wurden die Progressiven wieder
abgewählt. Unter Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro mündete Venezuelas
„Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in eine Diktatur. Das indigen
inspirierte Buen Vivir (gutes Leben) blieb notwendige Utopie, und mit der
rosaroten Welle verlor auch das WSF seine Strahlkraft. Mit Mumbai hatte
sich das Forum globalisiert. Autokratenregime kamen als Austragungsort
nicht in Betracht, ebenso wenig die USA, wo Visaprobleme für Linke aus
aller Welt absehbar waren. Wegen seines internationalistischen Anspruchs
wurde es meistens im Globalen Süden ausgerichtet, wo lokale und regionale
Gruppen den Ton angaben. Im August tagt es im westafrikanischen Cotonou zum
18. Mal.
Der [3][„Geist von Porto Alegre“] lebt weiter – auf den Straßen von
Minneapolis oder Teheran, im Widerstand gegen Kriege, zerstörerische
Großprojekte, neoliberale Freihandelsabkommen oder die ultrarechte Gefahr.
Seine Kernbotschaft, bei allem Pessimismus der Intelligenz: auf den
Optimismus des Willens und der Aktion setzen.
3 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /20-Jahre-Proteste-gegen-G8-in-Genua/!5781435
(DIR) [2] /Whitaker-und-das-Weltsozialforum/!5148928
(DIR) [3] https://monde-diplomatique.de/artikel/!6092125
## AUTOREN
(DIR) Gerhard Dilger
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(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
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