# taz.de -- FDP-Chef Kubicki über seine Partei: „Wie Sie sehen, lebe ich“
> Wolfgang Kubicki gibt sich überzeugt, dass der Aufstieg der FDP nochmal
> gelingen kann. Mit ihm an der Spitze sei in der Partei wieder Ruhe
> eingekehrt.
(IMG) Bild: „Ich gehöre zu den Top Ten der beliebtesten Politiker“: FDP-Parteichef Wolfgang Kubicki
taz: Herr Kubicki, [1][in der CDU geht es drunter und drüber.] Sind die
Tage von Bundeskanzler Friedrich Merz gezählt?
Wolfgang Kubicki: Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der
Revolution sind. Auch ich habe mich in der Person Merz getäuscht. Wenn man
sich seine ersten Reden anhört, hätte man denken können: Die deutsche
Wirtschaft klatscht, wir von der FDP klatschen. Doch dann macht er eine
Politik, die das genaue Gegenteil ist. Das ist etwas, womit die Union
schwer fertig werden wird.
taz: Merz wird nach den jüngsten Personalrochaden von den eigenen
Parteileuten vorgeworfen, [2][er führe die CDU wie eine Firma.] Hire and
fire: Das müsste doch nach dem Geschmack der wirtschaftsfreundlichen FDP
sein.
Kubicki: Aber Parteien sind nun mal keine Firmen und Deutschland ist keine
Aktiengesellschaft. Solche Ideen haben sich schon in der Vergangenheit
nicht bewährt. Für mich war aber vor allem die Tatsache spektakulär, dass
so ein verhältnismäßig kleines Licht aus Bremen sich traut …
taz: … der Firma-Vorwurf stammt vom Bremer CDU-Landeschef Heiko Strohmann.
Kubicki: Ja, dass sich so ein politischer Zwerg – aus Sicht eines Kanzlers
– das überhaupt traut, das im Bundesvorstand zu sagen. Wenn mir das
passieren würde und keiner würde mich verteidigen, müsste ich nachdenken,
ob ich noch die Führungskraft bin, als die ich gewählt wurde.
taz: Rückblickend: Waren die Ampel-Zeiten gegenüber der jetzigen Regierung
erfolgreicher?
Kubicki: Sagen wir mal so: Ich bekomme gelegentlich von Kolleginnen und
Kollegen von den Grünen, aber auch von Sozialdemokraten Nachrichten, in
denen es heißt, so schlecht waren wir doch nicht. Aber meine Sehnsucht ist
begrenzt nach einer Wiederholung der Ampel-Zeit.
taz: Sie bereuen es also nicht, [3][dass Sie damals so lange gegen die
Grünen und auch die SPD] geschossen haben, [4][bis der Laden
auseinandergeflogen ist?]
Kubicki: So zu tun, als hätten die Sozialdemokraten oder die Grünen nicht
auch gegen uns geschossen, finde ich ein bisschen komisch.
taz: Aber die anderen Parteien hatten keine [5][explizite D-Day-Strategie],
um die Ampel-Koalition zu beenden.
Kubicki: Doch, hatten sie auch. Sie haben es nur nicht so genannt. Es gab
ein separates Treffen von Sozialdemokraten und Grünen im Juli 2024 im
Kanzleramt, wo über das Ende der Koalition gesprochen wurde. Uns war allen
klar, dass es so nicht weitergehen kann, weil die finanziellen Grundlagen
für diese Koalition fehlten. Und dann ging es immer um die Frage: Wer ist
im Zweifel schuld? [6][Wir haben uns dann freiwillig gemeldet.]
taz: Merz hat gesagt: Kein Kanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.
Muss er mehr einstecken als Olaf Scholz oder Angela Merkel?
Kubicki: Es gibt den Satz: Wer in die Küche kommt, muss mit Hitze umgehen
können. Und wer in die Politik geht, muss damit umgehen können, dass er
unter Beobachtung steht und kritisiert wird. Das erleben wir alle, ich
auch. Ich wurde bereits als „Knallfrosch“ und [7][„Quartalsirrer aus dem
Norden“] etikettiert. Das muss man wegstecken. Wer das nicht kann, ist
falsch in der Politik.
taz: Merz, der Jammerlappen?
Kucicki: Friedrich Merz hat sich jedenfalls als ziemlich dünnhäutig
erwiesen.
taz: Ihre Partei profitiert trotzdem nicht von der Schwäche der Union. Ist
die FDP dann doch tot, wie Merz [8][nach der Wahl in Baden-Württemberg]
erklärt hat?
Kubicki: Wie Sie sehen, lebe ich.
taz: Sie sind der wandelnde Liberalismus in Deutschland?
Kubicki: Ich bin zumindest schon lange dabei und deutlich älter als die
meisten Mitglieder meiner eigenen Partei. Aber zu Ihrer Frage: Der
Liberalismus geht ja weit über die FDP hinaus. Die Sehnsucht nach einer
freien Gesellschaft findet sich in Deutschland, aber auch weltweit.
taz: Das dauerhafte Umfragehoch für die AfD spricht eher für die Lust am
Autoritären.
Kubicki: Das ist doch zu einfach gedacht, wenn Sie die alle in die
rechtsradikale Nazi-Ecke schieben. Viele Menschen wählen AfD, weil die
Politik ihre Problemlösungskompetenz verloren hat. Da gibt es eine Menge
schlimme Typen, definitiv. Aber bei vielen Wählern ist es pure
Verzweiflung. Eine bessere Politik würde dazu führen, diese Menschen
zurückzugewinnen. Nur sehe ich die momentan bedauerlicherweise nicht.
taz: Die AfD ist schon bei der Bundestagswahl 2025 auf über 20 Prozent
gekommen. Die Jahre davor hätte die FDP in der Regierung demnach auch keine
bessere Politik gemacht. War es ein Fehler, [9][dass Ihr Vorvorgänger
Christian Lindner die Partei thematisch auf das Thema Wirtschaft] verengt
hat?
Kubicki: Auch das ist von Ihnen zu einfach in dieser Anmutung, die Freien
Demokraten auf solide Staatsfinanzen zu reduzieren. Wir haben einen sehr
starken gesellschaftspolitischen Ansatz. Gerade die Verteidigung des
Rechtsstaates während der Coronazeit ist ein Beleg dafür. Darum haben uns
2021 ja auch so viele Menschen gewählt.
taz: 2025 wurden Sie dann aber nicht mehr gewählt. Teile der Grünen
[10][umwerben bereits heimatlose Ex-FDPler] mit dem Argument, Ihre Partei
betrachte sozialliberale Themen als Schnee von gestern. Ist dem so?
Kubicki: Das wird nicht verfangen. Das ist ja auch erbärmlich, wenn die wie
ein Staubsauger Stimmen abgreifen wollen, um stärker zu werden. Mit 13 bis
16 Prozent stehen die Grünen natürlich immer noch besser da als die Freien
Demokraten. Aus Sicht der Grünen ist das trotzdem bescheiden, weil das
keine Machtoption eröffnet. Gucken Sie sich Deutschlands Osten an. [11][In
Sachsen-Anhalt versuchen die Grünen jetzt mit taktischen Manövern zu
erklären], sie müssten in den Landtag, damit eine AfD-Mehrheit verhindert
wird. Erbärmlicher geht es ja nicht.
taz: Was, bitte, ist erbärmlich daran, Rechtsextreme zu verhindern?
Kubicki: Erbärmlich sind all diese Erklärungen, dass man auf jeden Fall
Union wählen muss oder die Grünen oder die FDP oder die SPD, um die AfD zu
verhindern. Das ist eine gefährliche Strategie. Wenn das das einzige
Argument ist, warum Menschen eine Partei unterstützen sollen, dann werden
sie sich von dieser Partei abwenden.
taz: Ihre Gegenkandidatin bei [12][der Wahl für den Parteivorsitz],
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, bezeichnete Sie nach dem Parteitag Ende Mai
als „Rechtsausschläger“. Wie läuft’s denn aktuell so zwischen Ihnen beiden?
Kubicki: Wir sitzen gemeinsam im Präsidium unserer Partei und Marie-Agnes
Strack-Zimmermann ist wie ich sehr sprachgewaltig. Ich bin auch der Letzte,
der sie zur Mäßigung anleiten kann, weil ich ja selbst nicht derjenige bin,
der sich mäßigt bei seinen Äußerungen. Aber inzwischen konzentrieren sich
ihre Äußerungen ja auch wieder auf die Verteidigungspolitik und vor allen
Dingen die Politik auf europäischer Ebene. Da ist sehr viel zu tun. Und ich
habe gesagt: Marie-Agnes, wenn du es schaffst, dafür zu sorgen, dass wir
weniger Bürokratie von Brüssel erhalten, dann hast du wirklich sehr viel
erreicht.
taz: Und der „Rechtsausschläger“?
Kubicki: Jeder der mich wirklich kennt, findet den Vorwurf absurd. Aber mir
ist das relativ egal, denn ich bin noch da. Im Gegensatz zu denjenigen, die
mir diese Etikettierungen verpasst haben. Das deutet doch auf eine gewisse
Durchsetzungsfähigkeit, eine gewisse Beständigkeit, ein gewisses Vertrauen,
das mir mittlerweile nicht nur in der Partei entgegengebracht wird, sondern
auch von den Menschen in Deutschland. Ich gehöre zu den Top Ten der
beliebtesten Politiker. Und das ohne Regierungsmandat, ohne
Bundestagsmandat. Das hat doch was.
taz: Sie haben gerade verklausuliert gesagt, dass Strack-Zimmermann –
anders als Sie – weg vom Fenster ist?
Kubicki: Nein, das habe ich nicht gesagt und das wäre auch falsch.
taz: Für eine gemeinsame Doppelspitze mit ihr waren Sie nicht zu haben.
Dabei hätte das Ihre Partei möglicherweise befrieden können. Warum haben
Sie sich hier quer gestellt?
Kubicki: Weil ich diese Doppelspitze für wenig zielführend halte. Denn wir
würden regelmäßig das erleben, was Sie hier auch probieren. Man würde
Kubicki fragen, man würde Strack-Zimmermann fragen, und dann versuchen,
daraus einen Widerspruch herzustellen, um zu erklären: Die FDP zerfällt in
zwei Lager. Das ist nicht der Fall. Sie sehen doch, dass nach meiner Wahl
wieder Ruhe eingetreten ist, auch was das Verhältnis von Kubicki und
Strack-Zimmermann angeht.
taz: Apropos Ruhe. Sie sind Ende Mai mit großem Medienrummel ins Amt
gekommen. Uns scheint, genutzt hat es nicht viel. In den Umfragen rangiert
die FDP in der Regel weiter unter 5 Prozent. Sind Sie doch nicht der große
FDP-Heilsbringer, als der Sie gefeiert wurden?
Kubicki: Erstens hängt nicht alles an Wolfgang Kubicki. Und zweitens werden
wir mittlerweile bei allen Instituten wieder ausgewiesen, mit mindestens 4,
bei einigen sogar mit 5 oder 5,5 Prozent. Ich bin seit acht Wochen
Bundesvorsitzender der FDP. Wenn ich Ihnen im April gesagt hätte, dass die
jetzt wieder bei 5 Prozent stehen würde, hätten Sie gesagt: Der Kubicki hat
was geraucht. Ich bin da ausgeruht, brauche aber ein bisschen mehr als acht
Wochen, um ans Ziel zu kommen.
taz: Bei den anstehenden Landtagswahlen im Osten sieht es erst mal düster
aus.
Kubicki: Ich gebe den Osten nicht verloren. Wir werden ihn auch nicht
verlieren, keine Sorge.
taz: In Berlin liegt die FDP bei 4 Prozent, ebenso in manchen Umfragen für
Sachsen-Anhalt, in der jüngsten Sachsen-Anhalt-Erhebung verschwindet Ihre
Partei aber wieder unter den „Sonstigen“. Auch in Mecklenburg-Vorpommern
wird sie nicht ausgewiesen.
Kubicki: Noch mal: Nichts ist verloren. Vor allem nicht in Sachsen-Anhalt.
Hier haben wir eine realistische Chance, [13][wieder in den Landtag zu
kommen.] Auch in Berlin mache ich mir keine großen Sorgen bei der Art und
Weise der Landes-CDU, die viele Bürgerliche abstößt. Mecklenburg-Vorpommern
ist herausfordernder. Wir haben dort 600 Mitglieder und weniger Strukturen.
Ich kann da 50 Kilometer übers Land fahren und treffe keinen einzigen
Liberalen.
taz: Sie haben die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern für die FDP also
abgeschrieben?
Kubicki: Nein, aber es ist eben in Mecklenburg-Vorpommern nicht ganz so
einfach. Aber mit einem allgemeinen Trend, der uns deutlich über die 5
Prozent hebt, sähe es schon wieder anders aus. Und glauben Sie mir: Der
Wiederaufstieg der FDP ist mittelfristig nicht aufzuhalten. Ob Sie das
freut oder ärgert, dürfen Sie sich selbst aussuchen.
3 Aug 2026
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