# taz.de -- FDP-Bundesparteitag: Kubicki mit Ach und Krach zum neuen FDP-Chef gewählt
> Eigentlich galt die Wahl Wolfgang Kubickis beim FDP-Parteitag als
> Formalie. Dann kam es anders. Vor allem die Brandmauer-Debatte bestimmte
> das Treffen.
(IMG) Bild: Apo-Opa soll es richten: Wolfgang Kubicki, neuer Parteivorsitzender der FDP
Die FDP mag am Boden liegen. Für Überraschungen ist sie trotzdem noch gut.
Das stellte sie am Samstag bei ihrem Bundesparteitag in Berlin
eindrucksvoll unter Beweis. Seit Wochen [1][galt es als ausgemacht, dass
das FDP-Fossil Wolfgang Kubicki bei dem Parteitreffen zum neuen
Bundesvorsitzenden gewählt] wird. So sollte es zwar auch kommen. Der
74-Jährige, lange Zeit Vizechef der FDP, ist der neue Oberliberale.
Dennoch drohte die Parteitagsregie aus dem Ruder zu laufen, als kurz vor
der vermeintlichen Wahlformalie die Europaabgeordnete [2][Marie-Agnes
Strack-Zimmermann] in letzter Minute als Gegenkandidatin auf den Plan trat.
Strack-Zimmermann begründete ihren überraschenden Schritt mit ihrem Ärger
über den „faulen Burgfrieden“ zwischen den unterschiedlichen Parteiflügeln,
über hässliche Sticheleien aus dem Kubicki-Lager, über die befürchtete
weitere Erosion der FDP.
„In Teilen der Partei macht sich jetzt nicht gerade die Aufbruchstimmung
breit, die die FDP braucht“, rief die 68-Jährige den rund 660 Delegierten
in einer langen, teils zornigen, auf jeden Fall nicht erst gerade eben
verfassten Bewerbungsrede zu. Und: „Macht, die ihre Seele verkauft, ist
keine liberale Macht.“ Wolfgang Kubicki schienen kurz die Züge zu
entgleiten. Strack-Zimmermann bekam viel Applaus und viele Buhrufe. Und am
Ende immerhin fast 40 Prozent der Stimmen.
Das Rennen machte freilich Kubicki. Mit 59 Prozent Zustimmung hätte der
Einstand als neuer Chef aber verstolperter kaum sein können. Der Mann aus
Schleswig-Holstein war auf die Gegenkandidatin offenkundig nicht
vorbereitet. In seiner weitaus kürzeren und insgesamt eher unambitioniert
heruntergenuschelten Bewerbungsrede beschwor er vor allem die Einheit der
FDP. „Wir sind eine liberale Familie. Ich kenne keine geteilten oder halben
Liberalen“, sagte er mit Blick auf die Flügelkämpfe in der Partei. Als
Strack-Zimmermann ihm nach seiner Wahl gratulierte, sah er sie nicht einmal
an.
## Abtritt eines Glücklosen, Auftritt eines Rüpels
Der stets knurrig, bisweilen rüpelhaft auftretende Kubicki ist nun also der
Nachfolger von Christian Dürr, der den Parteivorsitz vor einem Jahr
übernommen und Anfang April nach einigem Hin und Her schließlich erklärt
hatte, nicht mehr als Chef zur Verfügung stehen zu wollen. Dürr stand für
die Fortsetzung der FDP-Politik aus dem letzten Ampeljahr, [3][propagierte
Disruption und Marktradikalität]. Im Ergebnis stürzten die Liberalen noch
weiter in die Bedeutungslosigkeit.
Am Samstag wurde Dürr mit Standing Ovations verabschiedet. In seiner an
Plattitüden nicht armen letzten Chefrede arbeitete sich der Niedersachse
zuvorderst an der schwarz-roten Bundesregierung ab. Für seine eigene Partei
erklärte er: „Die FDP muss der Gegenentwurf zur Mutlosigkeit in der
deutschen Politik sein.“
Was nicht ohne Witz ist. Schließlich zeigte sich in der Frage um die
Dürr-Nachfolge die FDP vor dem großen Auftritt von Marie-Agnes
Strack-Zimmermann am Samstag selbst von ihrer mutlosen Seite, nachdem ein
ursprünglicher Zweikampf um den FDP-Vorsitz Mitte Mai einfach abgeblasen
wurde: Kubickis moderater Gegenkandidat Henning Höne kniff kurzerhand und
wollte plötzlich nur noch Stellvertreter Kubickis sein.
„Leider“, sagte Strack-Zimmermann am Rand des Parteitags zur taz. Sie galt
als dezidierte Unterstützerin des 39-jährigen FDP-Landeschefs von
Nordrhein-Westfalen und hatte für ihn ihre eigenen Ambitionen auf das Amt
der Parteivorsitzenden zunächst aufgegeben. „Wir sprechen in der FDP immer
über Wettbewerb und dann läuft der hier nicht?“, sagte Strack-Zimmermann.
Auch deshalb kandidierte sie jetzt selbst.
## Bombe in den Graben werfen – und dann mal schauen
Höne hatte seinen Rückzug damit gerechtfertigt, dass er die Gräben in der
FDP nicht noch weiter vertiefen wollte, und auf Gräben ließe sich ja auch
nichts aufbauen. Man könnte das wahlweise als noble Zurückhaltung
interpretieren oder als lasches Statement. Aber das ist vielleicht der
große Unterschied zu Wolfgang Kubicki. Der neue FDP-Vorsitzende würde eher
noch eine Bombe in den Graben schmeißen. Und dann mal schauen, wen es
erwischt hat.
Viele in der Partei bleiben nicht nur deshalb skeptisch. Strack-Zimmermann
warnte vor gut einem Monat, dass Kubicki die FDP nach rechts verschieben
werde. Sie reagierte damit auf Äußerungen ihres Gegenspielers in einem
Interview, bei denen nicht nur sie Puls bekam.
Kubicki hatte erklärt, er kenne keine Brandmauer, er wisse auch nicht, wer
die erfunden habe. „Die steht weder in der Verfassung, noch ist sie
gesetzgegeben“, sagte er. Zwar schränkte er dann ein, er würde keinem
AfD-Antrag zustimmen, nicht mit der AfD koalieren oder sich von ihr dulden
lassen. Er sei kein Rechtspopulist, betonte er auf dem Parteitag noch
einmal. Die Brandmauer-Debatte ist in der FDP dennoch in vollem Gange.
Neben Kubicki selbst sorgte in dieser Hinsicht sein designierter
Generalsekretär Martin Hagen für Gegrummel bei den Sozialliberalen. Der
Geschäftsführer der rechtskonservativen Denkfabrik R21 nannte die
Brandmauer einen „Popanz“, den die FDP nicht brauche. Beim Parteitag wurde
er gleich in mehreren Redebeiträgen attackiert. Hagen sagte: „Traditionell
ist der Generalsekretär ja ein Kettenhund.“ Er habe auch keine Angst davor,
„mal anzuecken“. Nur 58 Prozent der Delegierten überzeugte das und stimmten
für den gegenkandidatenlosen Wunschgeneral von Kubicki.
## Wofür Kubicki steht? Unklar
Mehr als deutlich war zuvor – auch wegen Hagen – der ehemalige
Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle mit seiner Partei ins Gericht
gegangen. Nicht nur, dass die FDP allzu häufig „Kulturpessimismus,
Untergangsstimmung und schlechte Laune“ verbreite. Auch seien viele
Menschen „maximal irritiert über die Lockerungsübungen zur AfD“. Das sei
der falsche Weg. Es dürfe „keine indirekte und keine direkte
Zusammenarbeit“ mit der extremen Rechten geben, sagte Kuhle.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagte am Samstag zur taz, dass sie bei ihrer
Warnung vor einem Rechtsruck, einer Normalisierung und Relativierung der
AfD bleibt. „Ich mache mir Sorgen, und zwar ernsthafte Sorgen.“ In anderen
Parteien mag es „ein Gerüttel“ an der Brandmauer geben. „Ich hoffe, dass es
bei den Liberalen kein Gerüttel geben wird.“
Die offene Frage ist, wofür Wolfgang Kubicki nun eigentlich steht. Der
erste Teil des zweitägigen Parteitags sorgte hier erst mal nicht für
Klärung. Möglicherweise spielte es bei seiner Wahl auch keine Rolle.
Wolfgang Kubicki bekam die Zustimmung von einer – nicht eben berauschenden
– Mehrheit der Delegierten, weil er Wolfgang Kubicki ist, neben
Strack-Zimmermann das einzige bekannte Gesicht der Partei, das noch in der
Öffentlichkeit steht.
Er wurde dafür gewählt, dass er Bundeskanzler Friedrich Merz „Eierarsch“
nennt, das ZDF einen „Lügenkanal“ oder den türkischen Präsidenten Erdogan
eine „kleine Kanalratte“. Dafür, dass er den politischen Gegner – lange
Jahre bevorzugt die Grünen – und bei Gelegenheit die eigenen Parteileute
ankoffert.
## FDP weiter im Umfragekeller
Kubicki hatte jüngst gesagt: „Wir stehen vor der Alternative Erfolg oder
Bedeutungslosigkeit.“ Und Erfolg werde es nur mit ihm geben. Das Problem:
Der Erfolg lässt vorerst weiter auf sich warten. Trotz eines wochenlangen
medialen Kubicki-Hypes kommt die FDP in einer am Samstag veröffentlichten
Insa-Umfrage nicht über 3 Prozent hinaus.
Längst blasen andere Parteien zum großen Halali. Kanzler Friedrich Merz
erklärte die FDP unlängst für tot und forderte deren Wähler:innen auf,
künftig für die CDU zu stimmen. Und auch ein Teil der Realo-Grünen umwirbt
die scheinbar heimatlosen Ex-FDPler:innen. Der grüne Europaabgeordnete
Sergey Lagodinsky sagte jetzt [4][im Interview mit der taz]: „Bei uns sind
sehr wohl Menschen gut aufgehoben, denen zwei zentrale Bestandteile des
Liberalismus wichtig sind: der Sozialliberalismus, den die FDP-Führung auch
unter neuer Führung ignorieren wird, und der Bürgerrechtsgedanke.“
30 May 2026
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