# taz.de -- Grünen-Abgeordneter zum Erbe der FDP: „Liberalismus ist viel mehr als die FDP“
> Pünktlich zum FDP-Parteitag diskutieren die Grünen, ob sie den
> Liberalismus retten sollen. Der Europa-Abgeordnete Sergey Lagodinsky
> sagt: unbedingt.
(IMG) Bild: Ricarda Lang und Franziska Brantner von den Grünen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen über ihr Verhälnis zur FDP
taz: Herr Lagodinsky, wie viel [1][FDP] steckt in den Grünen?
Sergey Lagodinsky: In den Grünen stecken in erster Linie die Grünen.
Liberalismus ist viel mehr als die FDP, und in vielen Dingen auch etwas
ganz anderes als die FDP. Wir sollten nicht zulassen, dass sie den
Freiheitsgedanken kapert.
taz: Ihre Parteichefin Franziska Brantner hat [2][in einem Welt-Interview]
kürzlich eine Einladung an FDP-Wähler*innen ausgesprochen. Ricarda Lang
[3][widersprach in der Zeit]: Die Leute, die in den letzten Jahren FDP
gewählt haben, würden sicher nicht auf die Grünen warten. Wer hat recht?
Lagodinsky: Bei uns sind sehr wohl Menschen gut aufgehoben, denen zwei
zentrale Bestandteile des Liberalismus wichtig sind: der
Sozialliberalismus, den die FDP-Führung auch unter neuer Führung ignorieren
wird, und der Bürgerrechtsgedanke. In den Koalitionsverhandlungen zur Ampel
war ich im Bereich Innen- und Justizpolitik beteiligt. Dort waren wir bei
den meisten Themen viel näher an den Kolleginnen und Kollegen der FDP als
an denen der SPD. Das zeigt, dass es eine Nähe gibt und ergo auch ein
Wählerpotenzial.
taz: Ricarda Lang hat den Liberalismus in ihrem Zeit-Interview
gewissermaßen beerdigt. Sie sagte, angesichts der verunsicherten
Gesellschaft brauche es eher „ein stärkeres Verständnis von Gemeinschaft,
Zusammengehörigkeit und Kollektivität.“
Lagodinsky: Als ich die Antwort gelesen habe, musste ich schlucken. Der
Liberalismus ist nicht tot, im Gegenteil. Das Freiheitsstreben von Menschen
ist nicht totzukriegen und Orientierung können wir Menschen gerade in
Zeiten, in denen uns das Autoritäre immer mehr umzingelt, gerade dadurch
bieten, dass wir sagen: Wir stehen weiter für Europa als Freiheitsraum. Das
möchte ich auf keinen Fall aufgeben.
taz: Aber ist nicht auch etwas an dem Gedanken dran, dass der Mensch in
Krisenzeiten nicht auf sich allein gestellt sein möchte?
Lagodinsky: Ich würde Liberalismus und Kollektivität nicht in Konkurrenz
zueinander setzen. Ich halte es mit der Denkrichtung der Kommunitaristen.
Sie sagen, dass erst das Gemeinsame dem Einzelnen die eigene Entfaltung
ermöglicht. Auf der einen Seite darf das zwar nicht in einen Kollektivismus
kippen, in dem der Druck der Massen das Individuelle erdrückt. Das sage ich
auch als jemand, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist. Auf der anderen
Seite geht es mir aber eben auch nicht um den kalten Marktliberalismus der
FDP, sondern um einen wärmeren, menschenfreundlichen Liberalismus der
Progressiven. Das ist ein Liberalismus, der befähigt und beschützt und der
Freiheit durch Gleichheit überhaupt erst ermöglicht.
taz: Können Sie das anhand eines konkreten Beispiels erklären?
Lagodinsky: Man kann es an Fragen der Antidiskriminierung und
Chancengleichheit festmachen. Wir schulden benachteiligten Jugendlichen,
dass sie nicht wegen ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft den Kürzeren
ziehen. Wir müssen sie in die Lage bringen, sich zu entfalten und ihre
Freiheit zu genießen: die Freiheit, zu wählen, welchen Beruf sie ausüben,
wo sie wohnen und wie sie leben. Und das gilt nicht nur eindimensional: Ein
Mädchen, das Kopftuch trägt, ist erst frei, wenn sie eine Gleichbehandlung
erfährt. Ein Mädchen, das ein Kopftuch ablegen will, nur dann, wenn wir sie
darin stärken, dem Druck der eigenen Community zu entkommen und sich als
freies Individuum zu emanzipieren. Wir sollen beide diese Mädchen verstehen
und unterstützen, das ist der Sinn und die Aufgabe des modernen,
befähigenden Liberalismus. Ich hätte aber auch noch zwei andere Beispiele.
taz: Bitte.
Lagodinsky: Wenn wir den Freiheitsbegriff zeitlich erweitern, kommen wir
wie das Bundesverfassungsgericht in seinem Klimabeschluss von 2021 dazu,
dass wir unsere Freiheit nicht zulasten der Freiheit künftiger Generationen
auskosten dürfen. Wenn wir den Freiheitsbegriff räumlich erweitern, müssen
wir wie beim Lieferkettengesetz auch die Freiheit von Menschen anderswo auf
der Welt berücksichtigen.
taz: Die Grünen werden in der Öffentlichkeit nicht von allen als liberal
wahrgenommen. Kein Wunder, denn Ihr Freiheitsbegriff ist kein intuitiver:
Gerade in der Klimapolitik lassen sich durch ihre Argumentation im Namen
der Freiheit auch Verbote begründen.
Lagodinsky: Es braucht in der Klimapolitik keine Verbote, es braucht einen
Ausgleich. Den haben wir beim CO2-Preis. Mit ihm internalisieren wir die
externen Kosten, die wir künftigen Generationen verursachen, in den
heutigen Preis fossiler Energien. Das ist ein sehr marktwirtschaftliches
und liberales Konzept. Damit leben wir rücksichtsvoll und sind trotzdem
frei.
taz: Wie steht es denn generell um den Liberalismus in Ihrer Partei?
Es ist zwischendurch in den Hintergrund getreten, dass die Wurzeln der
beiden Teile der Grünen, der Westgrünen und Bündnis 90, im Freiheitskampf
liegen. Die Texte von [4][Petra Kelly], [5][Ivan Illich] oder [6][André
Gorz] atmen den Geist der Freiheit. Dies ist lange in Vergessenheit
geraten. Ein Verdienst von Robert Habeck war, dass er seine Erzählung um
die Freiheit aufgebaut hat. Der Freiheitsbegriff wurde dadurch in der
Partei rehabilitiert.
taz: Während der Ampel-Zeit war Robert Habeck für viele der Inbegriff
grüner Verbotspolitik – Stichwort Heizungsgesetz.
Lagodinsky: Vielleicht waren manche Vorgaben etwas zu schroff. Aber die
Stigmatisierung dieses Gesetzes, die durch die öffentliche Debatte
entstanden ist, trage ich nicht mit. Das Gesetz war kein Angriff auf die
Freiheit der Gesellschaft. Roberts Einsatz in vielen anderen Fragen, zum
Beispiel zum internationalen Freiheitskampf, finde ich viel bedeutender.
taz: Wo haben die Grünen denn dann noch Nachholbedarf in Sachen
Liberalismus?
Lagodinsky: Ich finde, wir sollten mit anderen Meinungen entspannter
umgehen. Das gilt auch für öffentliche Kritik und Angriffe auf uns als
Politikerinnen und Politiker: In unserer Position müssen mehr ertragen als
andere, nicht weniger. Die neulich eingeführte besondere Schärfe des
Schutzes von Politikern im Strafgesetzbuch trage ich nicht mit – das
widerspricht dem klassischen Verständnis von öffentlichem Diskurs und
Meinungsfreiheit.
Ein zweiter Punkt: Einige von uns sind beim Thema Parteiverbote zu schnell.
Es ist falsch, ein Verbot kategorisch zu fordern. Wir sind in einer
Verfassungsdemokratie. Artikel 20 des Grundgesetzes schreibt einen
komplexen Prüfprozess vor. Den muss man erst mal durchlaufen. Sonst
entsteht der Eindruck, dass Verbote zum Instrument des politischen Kampfes
verkommen.
taz: Ein solches [7][Prüfverfahren gegen die AfD] anzustrengen, fänden Sie
aber nicht falsch?
Lagodinsky: Wenn es die Möglichkeit des Verbots gibt, muss man sie prüfen.
Das finde ich richtig. Aber dies soll man nicht zelebrieren, sondern
Bedauern. Es ist traurig, dass wir mittlerweile bei solchen Ergebnissen der
AfD-Unterstützung sind und es ist wichtig, solche Instrumente in einer
Demokratie mit Bedacht und Nachdenklichkeit einzusetzen. Nicht mit einem
Triumphalismus der besseren Demokraten.
taz: Und was heißt Liberalismus für Ihre Wirtschaftspolitik? Am liberalsten
waren die Grünen in diesem Feld wohl zu Zeiten von Rot-Grün. Das endete
nicht gut.
Lagodinsky: In der Wirtschaftspolitik müssen wir auf die produktiven Kräfte
einer ausgeglichenen Marktwirtschaft setzen. Der Staat ist nicht der
bessere Innovator und Wohlstand entsteht nicht von allein. Das bedeutet
nicht: anything goes. Deswegen setze ich mich im EU-Parlament zum Beispiel
für die Regulierung von KI ein. Aber es muss klar sein, dass wir den freien
Markt nicht abschaffen können.
Auch das ist eine persönliche Erfahrung aus den Zeiten des real
existierenden Sozialismus. Seine Lösungen waren eben nicht befähigend,
haben nicht für Freiheit und auch nicht für Gleichheit gesorgt. Eine
grün-innovative soziale Marktwirtschaft ist die bessere Lösung. Und darin
steckt nicht nur „sozial“ und „ökologisch“, sondern eben auch
„Marktwirtschaft“.
30 May 2026
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