# taz.de -- Waldbrände in Frankreich: Urlaubsparadies am Atlantik wird zur Feuerhölle
> Das Ausmaß der gegenwärtigen Waldbrände in Südfrankreich übersteigt alles
> bisher Dagewesene. Mehr als 250.000 Menschen mussten bereits evakuiert
> werden.
(IMG) Bild: Aus dem Messezentrum Bordeaux-Lac wurde eine Notunterkunft für Menschen, die wegen des Waldbrandes evakuiert werden mussten
Mehr als 42.000 Hektar einer Fläche mit Wald und Sträuchern und mindestens
250 Häuser sind bereits in den vergangenen drei Tagen [1][im französischen
Südwesten] zum Raub der Flammen geworden. In dieser Region in der Nähe von
Bordeaux (Gironde) und weiter südlich bei Biscarros (Les Landes) mussten
bisher 250.000 Menschen, unter ihnen zahlreiche Urlauber aus dem In- und
Ausland, evakuiert werden.
Bahnstrecken, Straßen und auch Autobahnabschnitte wurden vorübergehend für
den Verkehr gesperrt. Mehrere Feuerwehrleute sind verletzt. Aber zum Glück
sind keine Menschenleben zu beklagen. Das ist wohl der einzige Lichtblick.
Denn ein rasches Ende ist nicht abzusehen.
Die Zahlen der Zwischenbilanz vermitteln nur einen schwachen Eindruck
dieser Katastrophe mit mehreren Brandherden, die bereits jetzt ein für
Frankreich bisher unbekanntes Ausmaß angenommen hat. Auf Videos im
Fernsehen und spektakulären Fotos von den Flammen und gigantischen
Rauchwolken ist zu sehen, wie eine ganze Region unter einem dichten Smog in
einem gelben Dämmerlicht versinkt. Der Rauch mit seinen Feinpartikeln und
Reizstoffen macht mancherorts das Atmen schwer. Das Urlaubsparadies ist zu
einer Feuerhölle geworden.
Am Strand im bekannten Küstenort Arcachon konnten zuerst die Touristen noch
das „Spektakel“ auf der anderen Seite der Bucht, auf der Halbinsel des Cap
Ferret beobachten. In diesem „Saint-Tropez“ der Atlantikküste haben viele
sehr begüterte Familien oft seit Jahrzehnten ihre Villen. Hier bieten in
ihren pittoresken Hütten und Restaurants mit Blick auf die Bucht von
Arcachon normalerweise auch Austernzüchter Urlaubern ihre Meeresfrüchte an.
## Malerische Halbinsel
Jetzt ist die malerische Halbinsel menschenleer. Im nördlichen Teil in
Lège-Cap-Ferret kämpfen Feuerwehrleute, unterstützt von Landwirten mit
Wassertanks auf Traktoren, gegen den Waldbrand. Sonst sind nur ein paar
Fischer und Austernzüchter geblieben. Sie glauben, sich notfalls mit ihren
Kuttern aufs Meer retten zu können. Einwohner und Touristen haben per
Notruf einen Evakuierungsbefehl erhalten.
Doch so einfach war es nicht wegzufahren. Es gibt nur eine einzige Straße,
die von der südlichen Spitze ins Landesinnern führt. Und auch nach der
Abzweigung bildeten sich lange Staus. Ähnliche Bilder einer Massenflucht
gibt es vom Festland westlich von Bordeaux. Dort wütet ein Brand, der wegen
wechselnder Winde am Sonntag noch außer Kontrolle war.
Am meisten gefährdet waren mehrere Vororte westlich von Bordeaux. Die
Bevölkerung der Metropole selber fühlt sich ebenfalls bedroht, auch wenn
die Brandfront noch 20 Kilometer weit entfernt ist. Die Rauchbelästigung
ist jedoch bereits stark. Der Bürgermeister von Bordeaux, Thomas Cazenave,
ersuchte am Samstag seine Mitbürger mehrmals im Fernsehen jede Panik zu
vermeiden. Der Rauch komme von Waldbränden, die noch weit genug entfernt
seien. Bordeaux sei (noch) nicht in Gefahr.
Bereits eingeholt von der unmittelbaren Bedrohung wurden hingegen 55.000
Bewohner von Mios, Biganos, Marcheprime und auch Cestas – eine Ortschaft
fast vor den Toren von Bordeaux. Sie wurden aufgefordert, sofort ihre
Wohnungen zu verlassen und nur das Allernötigste mitzunehmen. Patrouillen
der Gendarmerie kontrollieren, ob das befolgt wird. Auch sollen sie
vermeiden, dass die zurückgelassenen Häuser womöglich von Einbrechern
geplündert werden.
## Behelfsmäßiges Auffanglager
Viele der Evakuierten mussten in ihren Pkws Stunden oder gar die ganze
Nacht ausharren. Und wohin sollen sie gehen? Nicht alle haben Bekannte und
Verwandte in der Nähe, die sie aufnehmen können. In einer Halle eines
Messe- und Ausstellungszentrums wurde ein behelfsmäßiges Auffanglager mit
Feldbetten, Trinkwasser und Nahrung eingerichtet. Dort fanden rund 6.000
Menschen Zuflucht.
Unter ihnen befinden sich Familien, die in der Region im Urlaub waren. An
eine sofortige Heimkehr ist für die meisten schwerlich zu denken. Die
Autobahn A63 und teilweise die A62 sind gesperrt oder unterbrochen. Der
Verkehr vom internationalen Flughafen Mérignac im Westen von Bordeaux ist
eingeschränkt – genauso wie der Bahnverkehr vor allem im Süden der
Großstadt.
Die französischen Behörden bieten alles auf, was ihnen zur Verfügung steht.
Alle Löschflugzeuge und erstmals auch ein militärischer Airbus A-400 Atlas
sind im Einsatz. Da die Feuerwehr auch in anderen Regionen, namentlich im
Departement Var im französischen Südosten, gegen das Feuer ankämpft oder
wegen drohender neuer Brände auf Pikett bleiben muss, sind die Mittel
beschränkt. 1.500 Militärs und Helfer aus mehreren europäischen Ländern
sind zur Verstärkung eingetroffen.
## Kurze Hoffnungen
In den Katastrophengebieten Gironde und Var weckte Gewitterregen nur kurz
Hoffnung auf eine Entspannung der Lage. Bereits für die kommende Woche sind
weitere mehrtägige Hitzeperioden in weiten Landesteilen angekündigt. Sie
erschweren nicht nur die Einsätze der Feuerwehr, sondern lassen auch den
Ausbruch zusätzlicher Brände befürchten.
Auch wenn [2][Waldbrände] wie gegenwärtig in der Gironde nicht mit den
Dimensionen der Megafeuer in Kanada oder Kalifornien zu vergleichen sind,
wird mit ihnen klar, dass für Frankreich und Europa eine neue Ära von
klimabedingten Katastrophen begonnen hat.
Innenminister Laurent Nuñez bestätigt dies mit seiner noch sehr
provisorischen Bilanz: Seit Jahresbeginn sind in Frankreich bereits mehr
als 100.000 Hektar Wald (1.000 Quadratkilometer) von Bränden zerstört
worden – weit mehr als in anderen Jahren. Auch war bisher noch nie eine
Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern von großflächigen Bränden
bedroht.
26 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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