# taz.de -- Opioid-Krise in den USA: Der Wert des Daseins
       
       > Nirgends sterben so viele Menschen an einer Überdosis wie in den USA.
       > Trotz politischer Widerstände kämpfen Initiativen für die Betroffenen –
       > und retten auf diese Weise Leben.
       
 (IMG) Bild: Purity, eine heroinabhängige Frau aus Norwalk, nimmt im Juli 2017 an einem Marsch gegen die Opioid-Krise in ihrer Gemeinde teil
       
       Stephen Murray hat es in seinem Job mit zwei Arten der Stille zu tun. Die
       eine ist harmlos, bisweilen sogar schön. Es ist die Stille, die eintritt,
       wenn ein Anrufer gemeinsam mit ihm schweigen will. Dann sitzen sie da, am
       jeweils anderen Ende der Leitung und lassen die Sekunden verstreichen. Oft
       legt der Anrufer irgendwann wieder auf, [1][ohne überhaupt konsumiert zu
       haben]. Dabei würde Murray nie auf die Idee kommen, es ihm auszureden. Er
       ist einfach da, hört zu, gibt Rat, erzählt und lacht mit den Menschen, die
       sich bei ihm melden – oder er schweigt.
       
       Und dann gibt es noch die andere Stille. Die, in der sich Murray die Haare
       ausreißen will. Wenn der Anrufer, nachdem er sich die Substanz injiziert
       hat, plötzlich nicht mehr antwortet. Wenn er ihn einmal, zweimal, dreimal
       mit Namen anspricht, dabei immer lauter wird. Dann den Notruf wählt. Und
       die quälend langen Minuten abwarten muss, bis er durch den Telefonhörer
       endlich die Sirenen hört.
       
       Murray, 37 Jahre alt, betreibt eine Hotline, bei der Menschen anrufen
       können, die allein in ihrem Haus Drogen nehmen. Er bleibt telefonisch bei
       ihnen, passt auf, dass nichts passiert.
       
       [2][In keinem anderen Land der Welt] sterben so viele Menschen an einer
       Überdosis wie in den USA – durchschnittlich 100.000 Personen kommen
       jährlich so ums Leben. Unter 18- bis 44-Jährigen ist eine Überdosis die
       häufigste Todesursache. Drogensucht zieht sich durch alle
       Bevölkerungsgruppen und -schichten. Die Zahl der Todesfälle, [3][die mit
       Drogen im Zusammenhang stehen, ist unter Native Americans] und
       [4][Afroamerikaner:innen besonders hoch].
       
       Dass die Drogenkrise in den Vereinigten Staaten so eskalieren konnte, hat
       viele Gründe. Einer ist die massive Verbreitung von Opioiden, die Ende der
       Neunzigerjahre begann. Opioide sind Substanzen, die eine morphinähnliche
       Wirkung haben, also vor allem als Schmerzmittel eingesetzt werden.
       
       Damals wurde in großem Maße [5][das stark abhängig machende Medikament
       Oxycontin verschrieben]. Der Hersteller Purdue Pharma hatte über Jahre
       hinweg Tausende Ärzt:innen geschult und behauptet, das Mittel sei auch
       für eine langfristige Anwendung geeignet. 2007 wurde die Firma erstmals der
       irreführenden Vermarktung schuldig gesprochen.
       
       Zu diesem Zeitpunkt waren längst Millionen Menschen, die sich ursprünglich
       mal wegen Knochenbrüchen oder Rückenleiden damit behandeln ließen, abhängig
       geworden. Als Oxycontin schwerer verfügbar wurde, suchten Suchtkranke nach
       Alternativen, stiegen um auf Heroin. Seit einigen Jahren spielen
       synthetische Opioide wie Fentanyl eine immer größere Rolle, die fünfzigmal
       stärker als Heroin und daher extrem schwierig zu dosieren sind.
       
       Ein weiterer Grund für die Eskalation ist das Stigma. Suchtkranke werden in
       den USA sehr viel stärker kriminalisiert als in Deutschland. Gegen das
       Konzept der Harm Reduction (auf Deutsch: Schadensminderung) – also
       Programme, die Menschen vor einer Überdosis bewahren sollen – gibt es
       politische und gesellschaftliche Widerstände.
       
       So sind in den USA Konsumräume, in denen unter Aufsicht Drogen genommen
       werden können, staatenübergreifend verboten. Zum Vergleich: Allein in
       Berlin gibt es acht solcher Räume. Auch der Zugang zu
       Substitutionstherapien oder psychosozialer Betreuung ist in den USA mit
       größeren Hürden verbunden als in Deutschland.
       
       Während Überdosisprävention hierzulande überwiegend institutionalisiert und
       langfristig gefördert ist, haben Organisationen in den USA mit instabiler
       Finanzierung und beschränkten Handlungsspielräumen zu kämpfen. Die ohnehin
       prekäre Lage wurde im Sommer noch verschärft, als die Trump-Regierung
       ankündigte, weitere Gelder für Harm Reduction zu streichen.
       
       Die meisten der unter diesen Begriff fallenden Programme in den USA gehen
       auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurück – oft wurden sie ins Leben
       gerufen von Menschen, die selbst abhängig waren oder Menschen in ihrem
       Umfeld durch Drogensucht verloren haben. Wie groß und gut vernetzt diese
       Initiativen sind, ist von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. Im
       liberalen Massachusetts ist die Gemeinschaft der
       Harm-Reduction-Aktivist:innen besonders stark, über die Jahre haben sie
       ihre Arbeit professionalisieren und teilweise an staatliche Stellen
       andocken können.
       
       Der Rückgang an Überdosistodesfällen liegt in Massachusetts über dem
       nationalen Durchschnitt, [6][allein in Boston sank die Zahl 2024 im
       Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent]. Zugeschrieben wird das auch diesem
       Netzwerk und dessen Bemühungen, Abhängigkeit zu entstigmatisieren. Doch
       ihre Erfolge sehen viele Aktivist:innen in diesem Bereich nun in
       Gefahr.
       
       Stephen Murray sitzt in seinem Arbeitszimmer in Plymouth an der Küste von
       Massachusetts und schließt noch schnell sein E-Mail-Programm. „Das lenkt
       mich sonst ab“, sagt er in seine Laptopkamera. Eigentlich war ein
       persönliches Treffen abgemacht, doch das Boston Medical Center (BMC), das
       seine Hotline mitbetreibt, ist seit den politischen Attacken auf
       Initiativen wie ihre vorsichtig mit Presseanfragen. Eine Mitarbeiterin des
       BMC sitzt mit im Zoom-Call, sagt aber nichts.
       
       Er habe seine Drogensucht gegen eine Arbeitssucht eingetauscht, sagt
       Murray, während er auf seinem Bildschirm herumklickt. Er lacht: „Und ich
       bereue nichts!“ Stephen Murray ist ein kräftiger Mann mit jungenhaften
       Gesichtszügen, der auf so gut wie jedem Bild, das es online von ihm gibt,
       sehr breit lächelt. Er war schon vieles in seinem Leben: Sänger einer
       Metalband, Abgeordneter, Feuerwehrmann, Sanitäter.
       
       Nach einem Trauerfall wird er als junger Lokalpolitiker in Florida abhängig
       vom Schmerzmittel Oxycontin, zieht vor Interviews Lines in seinem Auto,
       oder auch nachts, wenn er wegen Entzugserscheinungen aufwacht. Zweimal
       nimmt er versehentlich eine Überdosis, kommt aber wieder zu sich.
       Irgendwann zieht er zurück zu seinen Eltern nach Massachusetts, wird clean,
       geht zur Feuerwehr, wechselt von dort zum Rettungsdienst.
       
       Das ist die Zeit, in der immer mehr Menschen anfangen, Fentanyl zu nehmen.
       An manchen Tagen wird er zu fünf Überdosisfällen hintereinander gerufen.
       Einer brennt sich ihm besonders ein: Bei der Hausnummer, die beim Notruf
       angegeben wurde, trifft er niemanden an, es muss einen Zahlendreher gegeben
       haben, Murray hämmert an alle Türen im Apartmentkomplex, kann die Person
       mit der Überdosis nicht finden. Die Frau stirbt, weil die Person, die für
       sie den Notruf wählte, einfach abgehauen war.
       
       Er begreift: Menschen zu beschützen, die Drogen nehmen, bedeutet, bei ihnen
       zu bleiben. Er hört von der [7][Hotline Never use alone], bei der Menschen
       anrufen können, bevor sie zum Beispiel Fentanyl injizieren, um beim
       Konsumieren nicht allein zu sein. Die Person, die den Anruf entgegennimmt,
       fragt dann nach der Adresse, um im Fall der Fälle einen Krankenwagen zu
       schicken, und bleibt in der Leitung, bis das High wieder abebbt.
       
       Murray wird ehrenamtlicher Mitarbeiter der Hotline, verteilt als Sanitäter
       selbst gebastelte Kärtchen mit der Telefonnummer. Während der Pandemie
       beobachtet er, wie sich die ohnehin angespannte Lage noch verschärft, denn
       „den Leuten wurde gesagt, sie sollen sich isolieren, und dann starben sie
       in ihren Häusern allein an einer Überdosis“.
       
       Noch 2020 gründet Murray dann seine eigene Hotline, bekommt Unterstützung
       von Stiftungen und dem Suchtzentrum des Boston Medical Centers – [8][später
       wird Safespot die erste staatlich finanzierte Hotline dieser Art]. Heute
       hat sie über 70 Mitarbeiter:innen, die rund um die Uhr Anrufe aus allen
       Bundesstaaten entgegennehmen. Viele von ihnen mit eigener Suchtgeschichte.
       
       Was es braucht, um bei Safespot zu arbeiten? „Mitgefühl“, sagt Murray. „Wir
       wollen die Person ernst nehmen und verstehen, was sie benötigt. Wir drücken
       ihr unsere eigenen Erfahrungen mit Drogen nicht auf, aber sind bereit,
       davon zu erzählen, wenn der Anrufer danach fragt.“ Oft werde gemeinsam mit
       der Anruferin ausgelotet, wie hoch das Risiko einer Überdosis für sie heute
       sei. Wie lange ist der letzte Konsum her? Wie geht es ihr körperlich? Woher
       hat sie die Substanz, und könnte sie verunreinigt sein?
       
       Dabei geht es nicht darum, die Person vom Drogennehmen abzuhalten, sondern
       bloß, sich miteinander vertraut zu machen. Denn jegliche Verurteilung,
       jegliches Anzeichen einer Agenda, die mit Entzug zusammenhängt, könnte dazu
       führen, dass sich die Anruferin nie wieder meldet.
       
       Safespot bekommt um die 30 Anrufe am Tag, und nur etwa alle 400 Mal enden
       diese Anrufe in einem Notruf, erzählt Murray. Wenn das passiert, werden
       andere Hotline-Mitarbeiter:innen alarmiert, sodass sie ihrem Kollegen oder
       ihrer Kollegin beistehen können. Denn nichts dauert so lange, wie alleine
       am anderen Ende einer Telefonleitung auf einen Krankenwagen zu warten.
       
       Gerade er als Sanitäter kriege dann jedes Mal die Krise, weil er ja genau
       wisse, was jetzt zu tun sei, sagt Murray. Er hat in seinem Leben Tausende
       Rettungsdienstler:innen in 14 Bundesstaaten geschult, wie man
       möglichst einfühlsam mit einer Person umgeht, die gerade mit den Folgen
       einer Überdosis kämpft.
       
       [9][Opioide dämpfen das Atemzentrum im Hirnstamm], bei einer Überdosis wird
       die Atmung erst langsam, dann flach, irgendwann setzt sie ganz aus. Was der
       Körper also braucht, ist Sauerstoff. „Und das lösen wir, indem wir für die
       Person atmen, entweder Mund-zu-Mund oder mit einem Beatmungsbeutel.“
       Zusätzlich kann man Naloxon geben, ein Opioid-Antagonist, der dessen
       Wirkung im Gehirn aufhebt. Doch Nalaxon kann auch Entzugserscheinungen
       auslösen, Menschen wachen oft gereizt, mit starken Kopfschmerzen und
       Herzrasen auf. Murray plädiert dafür, Naloxon so schonend wie möglich
       einzusetzen und sich auf die Gabe von Sauerstoff zu fokussieren.
       
       ## Ein weites Spektrum des Konsums
       
       „Und dann ist die Frage natürlich: Behandelst du die Menschen freundlich
       und respektvoll, wenn sie wieder zu sich kommen oder schreist du sie an und
       beschämst sie?“ In seiner Zeit als Sanitäter schickte Murray bei jedem
       Einsatz alle anderen Personen, insbesondere Polizeibeamte, in einen
       Nebenraum, damit sich die Patient:innen in aller Ruhe wieder berappeln
       konnten.
       
       Scham ist ein großes Thema für Stephen Murray. Und die Frage, was wir
       unseren Mitmenschen über uns selbst anvertrauen. „Nehmen wir das Beispiel
       Alkohol“, sagt er. Jeder kenne jemanden, der überhaupt nicht trinke, sein
       Großvater zum Beispiel habe in seinem Leben vielleicht ein einziges Glas
       Wein gehabt. Sein Vater wiederum trinke zwar gerne Bier, aber
       ausschließlich beim Rasenmähen.
       
       „Und dann gibt es Menschen, die jeden Tag trinken. Vielleicht nur ein Glas
       zum Abendessen, oder gleich die ganze Flasche.“ Einer seiner jüngeren
       Familienmitglieder habe ihm neulich erzählt, jetzt mal ein halbes Jahr
       abstinent sein zu wollen, weil er es im College total übertrieben habe.
       „Die Leute um dich herum, werden dir für solche Ansagen applaudieren“, sagt
       Murray. „Wir kennen beim Alkohol das gesamte Spektrum des Konsums, weil es
       legal und sozial akzeptiert ist“, sagt er.
       
       Bei illegalen Drogen gebe es genau das gleiche Spektrum, sagt Murray. „Es
       gibt Menschen, die injizieren sich einmal die Woche Fentanyl.“ Nur könnten
       wir uns das nicht vorstellen, weil die Bilder in unseren Köpfen von
       Menschen, die Fentanyl nehmen, andere sind.
       
       Murray meint damit Straßenszenen, wie es sie an vielen Orten in den USA
       gibt. Menschen, die vornübergebeugt auf dem Gehsteig stehen und sich kaum
       regen, Bewusstlose zwischen parkenden Autos. Chaos. „Die Menschen stellen
       sich Chaos vor, wenn sie an Drogenkonsum in diesem Land denken.“ Weil man
       den Konsum hier eben nur sehe, wenn man ihn nicht mehr verstecken könne,
       sagt er. „Und das beeinflusst die Politik, die Prävention, die Therapie und
       die Art und Weise, wie wir über Drogenkonsum sprechen.“
       
       [10][In den USA sterben die meisten Menschen allerdings in ihrem eigenen
       Haus an einer Überdosis]. Einer der Gründe dafür ist, dass eine Überdosis
       in der Öffentlichkeit schneller auffällt und sich Menschen, die auf der
       Straße konsumieren, oft gegenseitig „spotten“ – also aufeinander achten.
       Was deren Situation keinesfalls weniger dramatisch macht.
       
       In der Albany Street im Süden Bostons hat das Boston Health Care for the
       Homeless Programm (BHCHP) seinen Sitz, eine Gesundheitseinrichtung für
       wohnungslose Menschen. Unweit der Albany Street befand sich jahrelang ein
       Zeltcamp, das Ende 2023 von den Sicherheitsbehörden aufgelöst wurde.
       
       Viele der Obdachlosen sind im Viertel geblieben, das Gebäude des BHCHP ist
       für sie eine zentrale Anlaufstelle. Hier bekommen sie Verpflegung,
       Hygieneartikel und Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Und sie können
       sich nach ihrem Drogenkonsum dort bewachen lassen, um nicht an einer
       Überdosis zu sterben.
       
       SPOT nennt sich dieser Raum im Erdgeschoss des BHCHP, die Abkürzung steht
       für Supportive Place for Observation and Treatment (auf Deutsch:
       Unterstützender Ort zur Beobachtung und Behandlung). SPOT ist das erste
       Angebot dieser Art in den USA und im Grunde ein Kompromiss. Denn es ist
       das, was legal gerade so möglich ist, wenn man eigentlich lieber einen
       Konsumraum hätte – also einen Ort, an dem Menschen geschützt Drogen nehmen
       können.
       
       Bei SPOT dürfen Menschen keine Drogen nehmen, sie bekommen hier lediglich
       medizinische Versorgung, nachdem sie beispielsweise Fentanyl injiziert
       haben. Denn das „Crack House Statute“, ein Gesetz aus dem Jahr 1986,
       verbietet bundesweit Konsumräume. Damals wie heute befürchten
       Fürsprecher:innen dieses Gesetzes, dass Konsumräume Abhängigkeit nur
       befeuerten und die Kriminalität in der Umgebung verschlimmerten.
       
       Daten aus Ländern, in denen es seit Langem Konsumräume gibt, widerlegen
       diese Annahmen. Wissenschaftler:innen in Toronto fanden beispielsweise
       heraus, dass in Gegenden rund um Konsumräume [11][weniger Menschen
       sterben]. Und die Tatsache, dass seltener unter freiem Himmel injiziert
       wird, bedeutet, [12][dass Spritzen so entsorgt werden können, dass sie
       niemanden gefährden].
       
       „Im Gedenken an einen wunderbaren Menschen“ steht auf einem laminierten
       Blatt Papier, das auf einem Ampelpfahl an der Albany Street befestigt ist.
       Drumherum hängen Blumen. „Darling, was suchst du?“, fragt eine Frau, die in
       ihrem Rollstuhl neben dem Ampelpfahl sitzt, die Reporterin. Sie heißt
       Maria, ist um die 60, hat eingefallene Wangen, einen langen grau-schwarzen
       Pferdeschwanz. „SPOT, ja natürlich“, sagt sie und rollt bis zum Eingang des
       BHCP, deutet auf die Tür. „Das sind gute Leute“, sagt sie.
       
       Maria meint Frauen wie Jessie Gaeta oder Michelle Whitaker. Die eine hat
       sich das Konzept von SPOT ausgedacht, die andere leitet die Einrichtung
       aktuell. Gaeta ist Ärztin, Whitaker Krankenschwester.
       
       Gaeta sitzt in einem spartanischen Besprechungszimmer des BHCHP-Gebäudes
       und streicht sich die blonden schulterlangen Haare hinter die Ohren. Leise
       und mit Bedacht spricht sie über die Anfänge von SPOT im Jahr 2014, „als
       wir, ehrlich gesagt, ziemlich naiv an die Sache rangegangen sind“.
       
       Für die Mitarbeitenden im BHCHP war es alltäglich, dass die Menschen in der
       Lobby des Gebäudes, in den Wartezimmern und Toilettenräumen sediert
       wegkippten. „Darauf mussten wir natürlich reagieren, aber das passierte ja
       alles zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft.“ Die meisten dieser Menschen
       hatten keine lebensbedrohliche Überdosis, brauchten also weder Naloxon noch
       Krankenwagen. Sondern bloß Überwachung und Sauerstoff.
       
       „Es musste also einfach nur jemand ein paar Stunden auf sie aufpassen“,
       sagt Gaeta. „Aber dafür hatten wir keine Kapazitäten.“ Dann wird ihr klar,
       dass zwar das Personal fehlt, die Infrastruktur jedoch gegeben ist. Man
       müsste nur einen Konferenzraum im Erdgeschoss freiräumen, ein paar Sessel
       und Sauerstoffgeräte hineinstellen. Gaeta wirbt bei Stiftungen für die
       Idee, schnell bekommt sie genug Geld zusammen. Doch was sie nicht auf dem
       Zettel hat, ist der öffentliche Widerstand.
       
       Nachdem ein lokaler Radiosender über die Pläne für SPOT berichtet, bekommt
       das BHCHP Dutzende Anrufe von Politikerinnen und Anwohnern, die glauben, in
       Boston entstehe ein Konsumraum. „Egal, wie oft ich erklärt habe, dass das
       nicht so ist: Die Leute sind davon nicht mehr abgerückt.“
       
       Die SPOT-Eröffnung wird erst mal auf Eis gelegt, Gaeta und ihr Team halten
       stattdessen über Monate zahllose Treffen mit gewählten Vertretern aller
       Art, Geschäftsverbänden und Nachbarschaftsinitiativen ab. „Da haben wir
       dann versucht, zu entmystifizieren, was wir vorhaben. Und wir haben
       gelernt, wie tief verankert das Stigma wirklich ist.“
       
       Irgendwann erhalten sie das Go all dieser Gruppen, aber unter einer
       Voraussetzung: Daten zu erheben. „Das war eine ziemliche Mammutaufgabe“,
       erinnert sich Gaeta, denn die Leute von SPOT verpflichteten sich, in einem
       Radius von 500 Metern alles aufzuzeichnen, was auf Drogenkonsum hinweist –
       von herumliegenden Spritzen bis hin zu sichtlich sedierten Menschen. 12
       Wochen vor dem Start des Programms bis 12 Wochen danach. „Und dann kam
       heraus, dass alles gleich geblieben war, bis auf die Zahl der Menschen, die
       auf der Straße lagen“, sagt sie. „Denn die kamen jetzt zu uns und gingen
       erst, wenn sie wieder ohne Hilfe laufen konnten.“
       
       Um das Vertrauen der suchtkranken Menschen in der Umgebung zu gewinnen,
       rechnet SPOT in diesen ersten Jahren keine medizinischen Leistungen ab, das
       Programm ist also völlig anonym. Ein in der Obdachlosencommunity bekannter
       Mann, der selbst abhängig ist, führt die Bewerbungsgespräche mit den
       SPOT-Mitarbeitenden, „und das war echt eine meiner liebsten Dinge, die wir
       da am Anfang gemacht haben“, sagt Gaeta und lächelt. Der Mann habe die
       Bewerber:innen mit sehr spezifischen Szenarien konfrontiert und ein
       feines Gespür dafür gehabt, ob sie auch nur einen Hauch von Herablassung in
       sich trugen.
       
       Mittlerweile stehen in dem keine 20 Quadratmeter großen Raum von SPOT sechs
       blaue Sessel und sechs Vitalzeichenmonitore, an der einen Wand Schränke mit
       medizinischem Material, an der anderen ein großes Whiteboard. „Pssst! Die
       Leute schlafen“, hat jemand in Pink darauf geschrieben, jemand anderes in
       Lila: „Du bist wertvoll, wir haben dich lieb.“ Und oben links in der Ecke,
       wieder in Pink: „DANKE an das tolle Team, ihr habt mir das Leben gerettet.
       Ich stehe für immer in eurer Schuld.“
       
       ## Vermehrte Polizeipräsenz
       
       Aber, sagt Gaeta, sie wolle auch nicht lügen, die ersten Wochen und Monate
       seien nervenaufreibend gewesen. Denn der Start von SPOT fällt in eine Zeit,
       in der die Menschen auf der Straße immer häufiger verschiedene Substanzen
       miteinander mischen, zum Beispiel Fentanyl und das Pferdebetäubungsmittel
       Xylazin, auch bekannt als Tranq. „Und da herauszufinden, wer genau was
       braucht und wer mit welcher Dringlichkeit behandelt werden muss, das war
       wirklich kompliziert.“
       
       SPOT behandelt heute um die tausend Menschen im Jahr, viele von ihnen
       kommen täglich oder mehrmals die Woche. Genau wie bei Stephen Murrays
       Hotline geht es darum, eine langfristige Beziehung zu ihnen aufzubauen, sie
       zu akzeptieren, wie sie sind und niemals in eine bestimmte Richtung zu
       drängen.
       
       „Aber wenn jemand von sich aus mit dem Thema Entzug oder Therapie an uns
       herantritt, dann springen wir. Dann leiten wir Dinge für sie in die Wege“,
       sagt Gaeta. Etwa ein Viertel der Patient:innen sei seit dem Start von
       SPOT in Suchtbehandlung gegangen, im Schnitt fragten die Leute ungefähr
       beim 13. Besuch danach. „Und das zeigt einfach nochmal, wie wichtig es ist,
       dass sie uns vertrauen.“
       
       Auffällig sei auch, wie viele Frauen täglich SPOT besuchten. „Sie kommen,
       weil es für sie auf der Straße natürlich nochmal besonders gefährlich ist,
       wenn sie sediert sind.“ Es sind Frauen, die mit ihren Verletzungen niemals
       in die Notaufnahme gehen würden, sich dem SPOT-Team aber in einem kleinen
       abgetrennten Raum anvertrauen. „Wir sehen da oft wirklich grauenvolle Dinge
       und können ihnen dann zumindest anbieten, sie zu versorgen und auf sexuell
       übertragbare Krankheiten zu testen.“
       
       Doch aktuell beobachte man bei SPOT, dass diese besonders vulnerablen
       Gruppen der Einrichtung fernblieben. Grund ist die vermehrte Polizeipräsenz
       im Viertel, Beamte patrouillieren seit einigen Wochen täglich die
       Bürgersteige hoch und runter, auch vor dem BHCHP. Seit die Stadt das
       Zeltcamp aufgelöst und den Menschen dort keine Alternative angeboten hat,
       halten Obdachlose sich wieder öfter in den Hauseingängen auf.
       
       „Na ja“, sagt Michelle Whitaker, die leitende Krankenschwester von SPOT,
       „wenn man Menschen verbietet, sich an Ort A aufzuhalten, dann gehen sie zu
       Ort B, das ist jetzt keine große Überraschung.“ Die Polizei schüchtere die
       Patient:innen ein, die nun nur noch unregelmäßig kämen. Dabei bräuchten
       sie Wundversorgung und müssten ihre Medikamente nehmen, die man hier für
       sie lagere.
       
       Whitaker, eine Frau mit einem langen braunen Pferdeschwanz, die einen
       Schlüsselbund um den Hals trägt, wirkt so voller Energie, dass man keine
       Sekunde anzweifelt, dass sie ihre Schichten hier früher auf Rollschuhen
       absolvierte. Sie kam über Umwege zu ihrem heutigen Beruf. Denn die meiste
       Zeit ihres Lebens dachte sie, kein Blut sehen zu können.
       
       Doch als ihr Vater sehr krank wird, sagt er zu ihr: „Ich weiß, du willst
       Dinge verändern – mit deinem Politikwissenschaftsstudium oder was auch
       immer“, sie lacht, als sie das erzählt. „Aber guck dich doch mal um, diese
       ganzen Schwestern und Pfleger, die reißen hier wirklich was.“ Als er
       stirbt, macht sie also das, was man eigentlich nicht tun sollte: in großer
       Trauer eine lebensverändernde Entscheidung treffen. „Aber den Gedanken, als
       Krankenschwester wirklich soziale Gerechtigkeit praktizieren zu können, bin
       ich nicht mehr losgeworden.“
       
       Mittlerweile schult sie auch andere angehende Mediziner:innen im
       Umgang mit suchtkranken Patient:innen. „Ich spreche dabei gerne von
       Kundenservice“, sagt sie. Denn sich um eine Person zu kümmern, die unter
       Drogeneinfluss steht, kann extrem frustrierend und nervig sein, „und ich
       möchte dann, dass sie sich vorstellen, sie seien die persönliche Assistenz
       einer berühmten Person mit einem Suchtproblem, der sie in ihrem schönen
       Haus den ganzen Tag hinterherrennen müssen, damit sie nicht die Treppe
       runterfällt oder in der Badewanne ertrinkt“, sagt Whitaker.
       
       „Denn wären wir die persönlichen Assistenten eines Promis, würden wir die
       Person ganz bestimmt nicht beschämen, wir würden nicht die Klatschpresse
       rufen, sondern auf möglichst würdevolle Weise leise und effizient mit der
       Situation umgehen.“ Die SPOT-Patient:innen verdienten die exakt gleiche
       Behandlung.
       
       Auch wenn Whitaker das mit den Stars etwas im Scherz sagt – der Titel
       „persönliche Assistenz“ wäre zumindest hilfreich, um zu verschleiern, was
       man bei SPOT wirklich tut. Denn seit die US-Regierung die Förderung für
       Überdosisprävention gestrichen hat, dürfen sich die Pfleger:innen
       offiziell nicht mehr Harm-Reduction-Specialists nennen.
       
       Zwar bekam SPOT nie direkte Gelder von der Bundesbehörde für
       Substanzmissbrauch, andere Bereiche von BHCHP aber schon. So zum Beispiel
       das Anfang der Neunziger gegründete Spritzentauschprogramm nebenan. Harm
       Reduction aus der Jobbezeichnung zu streichen, ist bei SPOT nun eine
       Sicherheitsmaßnahme geworden.
       
       An diesem Mittwochnachmittag im Herbst, kurz nach Ende der Öffnungszeiten,
       sind alle Patient:innen schon weg – bis auf einen. Russell, 31 Jahre
       alt, roter Hoodie, bleibt jeden Tag länger, um noch ein bisschen mit
       aufzuräumen. „Ich mag einfach nicht, wie die Leute draußen so drauf sind“,
       sagt er. „Es ist dreckig. Und das macht uns allen einen schlechten Ruf.“
       Deshalb räumt er auf, wischt die Sessel mit ab, hilft, den Boden zu putzen.
       Russell ist auf der nahegelegenen Halbinsel Cape Cod aufgewachsen, mit den
       Drogen hat er als Teenager angefangen: Opioide, Kokain, Gras. Auf seinem
       linken Augenlid ist „Game“ tätowiert, auf seinem rechten „Over!“.
       
       Neulich waren ein paar Medizinstudent:innen im Gebäude, Michelle
       Whitaker machte sie mit Russell bekannt. „Wer seid ihr?“, fragte Russell.
       „Wir sind M1“, sagten die Studierenden. „Was soll das heißen?“, fragte
       Russell. „Medizinstudierende im ersten Semester“, sagten die. „Ah,
       verstehe“, sagte Russell. „Ich bin S15. Auf der Straße seit 15 Jahren.“
       
       Seit das Zeltcamp aufgelöst wurde, sei es schwer, draußen mal ein bisschen
       zur Ruhe zu kommen, erzählt er. „Du hast Glück, wenn du 15 Minuten dösen
       kannst.“ Jeden Moment komme die Polizei und hupe dich weg. SPOT sei für ihn
       ein sicherer Hafen, wo er einen Tee und einen Cracker bekomme, es sich im
       Sessel bequem machen könne. Manchmal brauche er Sauerstoff, aber am
       wichtigsten sei für ihn, mal wie ein Mensch behandelt zu werden. „Sie geben
       einem so viel mehr als nur einen Ort, an dem man sich aufhalten kann“, sagt
       er. „Sie machen dir Arzttermine und regeln alles für dich, wenn du in den
       Entzug willst.“
       
       Clean zu werden, sei für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. „Wenn du einmal
       obdachlos bist, dann bist du einfach nonstop umgeben von dem Zeug.“ Russell
       steht mittlerweile vor dem BHCHP-Gebäude, in der Nähe der Ampel mit den
       Blumen. In der Hand hält er ein Stück Salamipizza. Ein Bekannter aus der
       Gegend läuft an ihm vorbei und fragt, wo er das her hat. „Hier, nimm!“,
       sagt Russell. „Oh mein Gott, danke, Mann!“, sagt der Bekannte.
       
       Eine Dosis Heroin erhöhe das Dopaminlevel im Gehirn so ungefähr auf das
       zweitausendfache des normalen. „Für mich würde es Jahre, Jahre dauern, bis
       sich da wieder so was wie ein Gleichgewicht einstellt im Kopf“, sagt
       Russell und bezieht sich damit auf das Belohnungssystem im Gehirn, das
       durch Drogenkonsum extrem gestört wird. Dies wieder in den Griff zu
       bekommen, sei eine Lebensaufgabe. Seine Lebensaufgabe. Immerhin wisse er
       die Menschen von SPOT an seiner Seite, wenn er sich daran wieder mal
       versuchen wolle.
       
       Die Menschen, die von Frauen wie Whitaker und Gaeta betreut werden, haben
       aufgrund ihrer Suchterkrankung eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit zu
       sterben als die meisten anderen Menschen. Der Tod gehöre für sie zum
       beruflichen Alltag dazu, sagt Whitaker. „Wir müssen als Team natürlich auch
       Wege finden, mit unserer eigenen Trauer umzugehen.“ Bei SPOT finden deshalb
       regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, für Familienangehörige und das
       Team.
       
       Solche Wege sucht auch Stephen Murray, der Gründer der Safespot-Hotline. Er
       lädt seine Leute regelmäßig zu sich nach Hause zum Barbecue ein und nach
       jedem Überdosisfall gibt es eine ausführliche Nachbesprechung. Manchmal,
       sagt er, fühle sich sein Aktivismus an, als würde er mit bloßen Händen
       Wasser aus einem kaputten Boot schöpfen. Seine Lösungen für die Drogenkrise
       lägen so weit außerhalb der öffentlichen Debatte, dass es für ihn gar nicht
       so einen großen Unterschied mache, wer gerade die Regierung anführe.
       
       „Was mich antreibt, sind die vielen Menschen, denen wir jeden Tag ein
       bisschen Selbstwertgefühl geben, Sicherheit und Hoffnung“, sagt Stephen
       Murray. Das gebe ihm Kraft, das Boot weiter vor dem Versinken zu bewahren.
       
       Diese Recherche wurde durch das Daniel-Haufler-Stipendium der taz Panter
       Stiftung ermöglicht.
       
       5 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://www.commonwealthfund.org/blog/2025/us-overdose-deaths-remain-higher-other-countries-trend-tracking-and-harm-reduction
 (DIR) [3] /Opioid-Krise-in-den-USA/!5829708
 (DIR) [4] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11076008/#:~:text=The%20highest%20overdose%20deaths%20rates,groups%20assessed%20continued%20to%20rise
 (DIR) [5] /Opioid-Krise-in-den-USA/!6064634
 (DIR) [6] https://www.boston.gov/news/new-data-show-38-decline-opioid-related-deaths-boston-2024-following-national-trend
 (DIR) [7] https://neverusealone.com/
 (DIR) [8] https://safe-spot.me/
 (DIR) [9] https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/24583-opioid-overdose
 (DIR) [10] https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2803757
 (DIR) [11] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468266723003006
 (DIR) [12] https://www.ccsa.ca/sites/default/files/2024-10/SCS-Evidence-Brief-en.pdf
       
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