# taz.de -- Opioid-Krise in den USA: Der Wert des Daseins
> Nirgends sterben so viele Menschen an einer Überdosis wie in den USA.
> Trotz politischer Widerstände kämpfen Initiativen für die Betroffenen –
> und retten auf diese Weise Leben.
(IMG) Bild: Purity, eine heroinabhängige Frau aus Norwalk, nimmt im Juli 2017 an einem Marsch gegen die Opioid-Krise in ihrer Gemeinde teil
Stephen Murray hat es in seinem Job mit zwei Arten der Stille zu tun. Die
eine ist harmlos, bisweilen sogar schön. Es ist die Stille, die eintritt,
wenn ein Anrufer gemeinsam mit ihm schweigen will. Dann sitzen sie da, am
jeweils anderen Ende der Leitung und lassen die Sekunden verstreichen. Oft
legt der Anrufer irgendwann wieder auf, [1][ohne überhaupt konsumiert zu
haben]. Dabei würde Murray nie auf die Idee kommen, es ihm auszureden. Er
ist einfach da, hört zu, gibt Rat, erzählt und lacht mit den Menschen, die
sich bei ihm melden – oder er schweigt.
Und dann gibt es noch die andere Stille. Die, in der sich Murray die Haare
ausreißen will. Wenn der Anrufer, nachdem er sich die Substanz injiziert
hat, plötzlich nicht mehr antwortet. Wenn er ihn einmal, zweimal, dreimal
mit Namen anspricht, dabei immer lauter wird. Dann den Notruf wählt. Und
die quälend langen Minuten abwarten muss, bis er durch den Telefonhörer
endlich die Sirenen hört.
Murray, 37 Jahre alt, betreibt eine Hotline, bei der Menschen anrufen
können, die allein in ihrem Haus Drogen nehmen. Er bleibt telefonisch bei
ihnen, passt auf, dass nichts passiert.
[2][In keinem anderen Land der Welt] sterben so viele Menschen an einer
Überdosis wie in den USA – durchschnittlich 100.000 Personen kommen
jährlich so ums Leben. Unter 18- bis 44-Jährigen ist eine Überdosis die
häufigste Todesursache. Drogensucht zieht sich durch alle
Bevölkerungsgruppen und -schichten. Die Zahl der Todesfälle, [3][die mit
Drogen im Zusammenhang stehen, ist unter Native Americans] und
[4][Afroamerikaner:innen besonders hoch].
Dass die Drogenkrise in den Vereinigten Staaten so eskalieren konnte, hat
viele Gründe. Einer ist die massive Verbreitung von Opioiden, die Ende der
Neunzigerjahre begann. Opioide sind Substanzen, die eine morphinähnliche
Wirkung haben, also vor allem als Schmerzmittel eingesetzt werden.
Damals wurde in großem Maße [5][das stark abhängig machende Medikament
Oxycontin verschrieben]. Der Hersteller Purdue Pharma hatte über Jahre
hinweg Tausende Ärzt:innen geschult und behauptet, das Mittel sei auch
für eine langfristige Anwendung geeignet. 2007 wurde die Firma erstmals der
irreführenden Vermarktung schuldig gesprochen.
Zu diesem Zeitpunkt waren längst Millionen Menschen, die sich ursprünglich
mal wegen Knochenbrüchen oder Rückenleiden damit behandeln ließen, abhängig
geworden. Als Oxycontin schwerer verfügbar wurde, suchten Suchtkranke nach
Alternativen, stiegen um auf Heroin. Seit einigen Jahren spielen
synthetische Opioide wie Fentanyl eine immer größere Rolle, die fünfzigmal
stärker als Heroin und daher extrem schwierig zu dosieren sind.
Ein weiterer Grund für die Eskalation ist das Stigma. Suchtkranke werden in
den USA sehr viel stärker kriminalisiert als in Deutschland. Gegen das
Konzept der Harm Reduction (auf Deutsch: Schadensminderung) – also
Programme, die Menschen vor einer Überdosis bewahren sollen – gibt es
politische und gesellschaftliche Widerstände.
So sind in den USA Konsumräume, in denen unter Aufsicht Drogen genommen
werden können, staatenübergreifend verboten. Zum Vergleich: Allein in
Berlin gibt es acht solcher Räume. Auch der Zugang zu
Substitutionstherapien oder psychosozialer Betreuung ist in den USA mit
größeren Hürden verbunden als in Deutschland.
Während Überdosisprävention hierzulande überwiegend institutionalisiert und
langfristig gefördert ist, haben Organisationen in den USA mit instabiler
Finanzierung und beschränkten Handlungsspielräumen zu kämpfen. Die ohnehin
prekäre Lage wurde im Sommer noch verschärft, als die Trump-Regierung
ankündigte, weitere Gelder für Harm Reduction zu streichen.
Die meisten der unter diesen Begriff fallenden Programme in den USA gehen
auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurück – oft wurden sie ins Leben
gerufen von Menschen, die selbst abhängig waren oder Menschen in ihrem
Umfeld durch Drogensucht verloren haben. Wie groß und gut vernetzt diese
Initiativen sind, ist von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. Im
liberalen Massachusetts ist die Gemeinschaft der
Harm-Reduction-Aktivist:innen besonders stark, über die Jahre haben sie
ihre Arbeit professionalisieren und teilweise an staatliche Stellen
andocken können.
Der Rückgang an Überdosistodesfällen liegt in Massachusetts über dem
nationalen Durchschnitt, [6][allein in Boston sank die Zahl 2024 im
Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent]. Zugeschrieben wird das auch diesem
Netzwerk und dessen Bemühungen, Abhängigkeit zu entstigmatisieren. Doch
ihre Erfolge sehen viele Aktivist:innen in diesem Bereich nun in
Gefahr.
Stephen Murray sitzt in seinem Arbeitszimmer in Plymouth an der Küste von
Massachusetts und schließt noch schnell sein E-Mail-Programm. „Das lenkt
mich sonst ab“, sagt er in seine Laptopkamera. Eigentlich war ein
persönliches Treffen abgemacht, doch das Boston Medical Center (BMC), das
seine Hotline mitbetreibt, ist seit den politischen Attacken auf
Initiativen wie ihre vorsichtig mit Presseanfragen. Eine Mitarbeiterin des
BMC sitzt mit im Zoom-Call, sagt aber nichts.
Er habe seine Drogensucht gegen eine Arbeitssucht eingetauscht, sagt
Murray, während er auf seinem Bildschirm herumklickt. Er lacht: „Und ich
bereue nichts!“ Stephen Murray ist ein kräftiger Mann mit jungenhaften
Gesichtszügen, der auf so gut wie jedem Bild, das es online von ihm gibt,
sehr breit lächelt. Er war schon vieles in seinem Leben: Sänger einer
Metalband, Abgeordneter, Feuerwehrmann, Sanitäter.
Nach einem Trauerfall wird er als junger Lokalpolitiker in Florida abhängig
vom Schmerzmittel Oxycontin, zieht vor Interviews Lines in seinem Auto,
oder auch nachts, wenn er wegen Entzugserscheinungen aufwacht. Zweimal
nimmt er versehentlich eine Überdosis, kommt aber wieder zu sich.
Irgendwann zieht er zurück zu seinen Eltern nach Massachusetts, wird clean,
geht zur Feuerwehr, wechselt von dort zum Rettungsdienst.
Das ist die Zeit, in der immer mehr Menschen anfangen, Fentanyl zu nehmen.
An manchen Tagen wird er zu fünf Überdosisfällen hintereinander gerufen.
Einer brennt sich ihm besonders ein: Bei der Hausnummer, die beim Notruf
angegeben wurde, trifft er niemanden an, es muss einen Zahlendreher gegeben
haben, Murray hämmert an alle Türen im Apartmentkomplex, kann die Person
mit der Überdosis nicht finden. Die Frau stirbt, weil die Person, die für
sie den Notruf wählte, einfach abgehauen war.
Er begreift: Menschen zu beschützen, die Drogen nehmen, bedeutet, bei ihnen
zu bleiben. Er hört von der [7][Hotline Never use alone], bei der Menschen
anrufen können, bevor sie zum Beispiel Fentanyl injizieren, um beim
Konsumieren nicht allein zu sein. Die Person, die den Anruf entgegennimmt,
fragt dann nach der Adresse, um im Fall der Fälle einen Krankenwagen zu
schicken, und bleibt in der Leitung, bis das High wieder abebbt.
Murray wird ehrenamtlicher Mitarbeiter der Hotline, verteilt als Sanitäter
selbst gebastelte Kärtchen mit der Telefonnummer. Während der Pandemie
beobachtet er, wie sich die ohnehin angespannte Lage noch verschärft, denn
„den Leuten wurde gesagt, sie sollen sich isolieren, und dann starben sie
in ihren Häusern allein an einer Überdosis“.
Noch 2020 gründet Murray dann seine eigene Hotline, bekommt Unterstützung
von Stiftungen und dem Suchtzentrum des Boston Medical Centers – [8][später
wird Safespot die erste staatlich finanzierte Hotline dieser Art]. Heute
hat sie über 70 Mitarbeiter:innen, die rund um die Uhr Anrufe aus allen
Bundesstaaten entgegennehmen. Viele von ihnen mit eigener Suchtgeschichte.
Was es braucht, um bei Safespot zu arbeiten? „Mitgefühl“, sagt Murray. „Wir
wollen die Person ernst nehmen und verstehen, was sie benötigt. Wir drücken
ihr unsere eigenen Erfahrungen mit Drogen nicht auf, aber sind bereit,
davon zu erzählen, wenn der Anrufer danach fragt.“ Oft werde gemeinsam mit
der Anruferin ausgelotet, wie hoch das Risiko einer Überdosis für sie heute
sei. Wie lange ist der letzte Konsum her? Wie geht es ihr körperlich? Woher
hat sie die Substanz, und könnte sie verunreinigt sein?
Dabei geht es nicht darum, die Person vom Drogennehmen abzuhalten, sondern
bloß, sich miteinander vertraut zu machen. Denn jegliche Verurteilung,
jegliches Anzeichen einer Agenda, die mit Entzug zusammenhängt, könnte dazu
führen, dass sich die Anruferin nie wieder meldet.
Safespot bekommt um die 30 Anrufe am Tag, und nur etwa alle 400 Mal enden
diese Anrufe in einem Notruf, erzählt Murray. Wenn das passiert, werden
andere Hotline-Mitarbeiter:innen alarmiert, sodass sie ihrem Kollegen oder
ihrer Kollegin beistehen können. Denn nichts dauert so lange, wie alleine
am anderen Ende einer Telefonleitung auf einen Krankenwagen zu warten.
Gerade er als Sanitäter kriege dann jedes Mal die Krise, weil er ja genau
wisse, was jetzt zu tun sei, sagt Murray. Er hat in seinem Leben Tausende
Rettungsdienstler:innen in 14 Bundesstaaten geschult, wie man
möglichst einfühlsam mit einer Person umgeht, die gerade mit den Folgen
einer Überdosis kämpft.
[9][Opioide dämpfen das Atemzentrum im Hirnstamm], bei einer Überdosis wird
die Atmung erst langsam, dann flach, irgendwann setzt sie ganz aus. Was der
Körper also braucht, ist Sauerstoff. „Und das lösen wir, indem wir für die
Person atmen, entweder Mund-zu-Mund oder mit einem Beatmungsbeutel.“
Zusätzlich kann man Naloxon geben, ein Opioid-Antagonist, der dessen
Wirkung im Gehirn aufhebt. Doch Nalaxon kann auch Entzugserscheinungen
auslösen, Menschen wachen oft gereizt, mit starken Kopfschmerzen und
Herzrasen auf. Murray plädiert dafür, Naloxon so schonend wie möglich
einzusetzen und sich auf die Gabe von Sauerstoff zu fokussieren.
## Ein weites Spektrum des Konsums
„Und dann ist die Frage natürlich: Behandelst du die Menschen freundlich
und respektvoll, wenn sie wieder zu sich kommen oder schreist du sie an und
beschämst sie?“ In seiner Zeit als Sanitäter schickte Murray bei jedem
Einsatz alle anderen Personen, insbesondere Polizeibeamte, in einen
Nebenraum, damit sich die Patient:innen in aller Ruhe wieder berappeln
konnten.
Scham ist ein großes Thema für Stephen Murray. Und die Frage, was wir
unseren Mitmenschen über uns selbst anvertrauen. „Nehmen wir das Beispiel
Alkohol“, sagt er. Jeder kenne jemanden, der überhaupt nicht trinke, sein
Großvater zum Beispiel habe in seinem Leben vielleicht ein einziges Glas
Wein gehabt. Sein Vater wiederum trinke zwar gerne Bier, aber
ausschließlich beim Rasenmähen.
„Und dann gibt es Menschen, die jeden Tag trinken. Vielleicht nur ein Glas
zum Abendessen, oder gleich die ganze Flasche.“ Einer seiner jüngeren
Familienmitglieder habe ihm neulich erzählt, jetzt mal ein halbes Jahr
abstinent sein zu wollen, weil er es im College total übertrieben habe.
„Die Leute um dich herum, werden dir für solche Ansagen applaudieren“, sagt
Murray. „Wir kennen beim Alkohol das gesamte Spektrum des Konsums, weil es
legal und sozial akzeptiert ist“, sagt er.
Bei illegalen Drogen gebe es genau das gleiche Spektrum, sagt Murray. „Es
gibt Menschen, die injizieren sich einmal die Woche Fentanyl.“ Nur könnten
wir uns das nicht vorstellen, weil die Bilder in unseren Köpfen von
Menschen, die Fentanyl nehmen, andere sind.
Murray meint damit Straßenszenen, wie es sie an vielen Orten in den USA
gibt. Menschen, die vornübergebeugt auf dem Gehsteig stehen und sich kaum
regen, Bewusstlose zwischen parkenden Autos. Chaos. „Die Menschen stellen
sich Chaos vor, wenn sie an Drogenkonsum in diesem Land denken.“ Weil man
den Konsum hier eben nur sehe, wenn man ihn nicht mehr verstecken könne,
sagt er. „Und das beeinflusst die Politik, die Prävention, die Therapie und
die Art und Weise, wie wir über Drogenkonsum sprechen.“
[10][In den USA sterben die meisten Menschen allerdings in ihrem eigenen
Haus an einer Überdosis]. Einer der Gründe dafür ist, dass eine Überdosis
in der Öffentlichkeit schneller auffällt und sich Menschen, die auf der
Straße konsumieren, oft gegenseitig „spotten“ – also aufeinander achten.
Was deren Situation keinesfalls weniger dramatisch macht.
In der Albany Street im Süden Bostons hat das Boston Health Care for the
Homeless Programm (BHCHP) seinen Sitz, eine Gesundheitseinrichtung für
wohnungslose Menschen. Unweit der Albany Street befand sich jahrelang ein
Zeltcamp, das Ende 2023 von den Sicherheitsbehörden aufgelöst wurde.
Viele der Obdachlosen sind im Viertel geblieben, das Gebäude des BHCHP ist
für sie eine zentrale Anlaufstelle. Hier bekommen sie Verpflegung,
Hygieneartikel und Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Und sie können
sich nach ihrem Drogenkonsum dort bewachen lassen, um nicht an einer
Überdosis zu sterben.
SPOT nennt sich dieser Raum im Erdgeschoss des BHCHP, die Abkürzung steht
für Supportive Place for Observation and Treatment (auf Deutsch:
Unterstützender Ort zur Beobachtung und Behandlung). SPOT ist das erste
Angebot dieser Art in den USA und im Grunde ein Kompromiss. Denn es ist
das, was legal gerade so möglich ist, wenn man eigentlich lieber einen
Konsumraum hätte – also einen Ort, an dem Menschen geschützt Drogen nehmen
können.
Bei SPOT dürfen Menschen keine Drogen nehmen, sie bekommen hier lediglich
medizinische Versorgung, nachdem sie beispielsweise Fentanyl injiziert
haben. Denn das „Crack House Statute“, ein Gesetz aus dem Jahr 1986,
verbietet bundesweit Konsumräume. Damals wie heute befürchten
Fürsprecher:innen dieses Gesetzes, dass Konsumräume Abhängigkeit nur
befeuerten und die Kriminalität in der Umgebung verschlimmerten.
Daten aus Ländern, in denen es seit Langem Konsumräume gibt, widerlegen
diese Annahmen. Wissenschaftler:innen in Toronto fanden beispielsweise
heraus, dass in Gegenden rund um Konsumräume [11][weniger Menschen
sterben]. Und die Tatsache, dass seltener unter freiem Himmel injiziert
wird, bedeutet, [12][dass Spritzen so entsorgt werden können, dass sie
niemanden gefährden].
„Im Gedenken an einen wunderbaren Menschen“ steht auf einem laminierten
Blatt Papier, das auf einem Ampelpfahl an der Albany Street befestigt ist.
Drumherum hängen Blumen. „Darling, was suchst du?“, fragt eine Frau, die in
ihrem Rollstuhl neben dem Ampelpfahl sitzt, die Reporterin. Sie heißt
Maria, ist um die 60, hat eingefallene Wangen, einen langen grau-schwarzen
Pferdeschwanz. „SPOT, ja natürlich“, sagt sie und rollt bis zum Eingang des
BHCP, deutet auf die Tür. „Das sind gute Leute“, sagt sie.
Maria meint Frauen wie Jessie Gaeta oder Michelle Whitaker. Die eine hat
sich das Konzept von SPOT ausgedacht, die andere leitet die Einrichtung
aktuell. Gaeta ist Ärztin, Whitaker Krankenschwester.
Gaeta sitzt in einem spartanischen Besprechungszimmer des BHCHP-Gebäudes
und streicht sich die blonden schulterlangen Haare hinter die Ohren. Leise
und mit Bedacht spricht sie über die Anfänge von SPOT im Jahr 2014, „als
wir, ehrlich gesagt, ziemlich naiv an die Sache rangegangen sind“.
Für die Mitarbeitenden im BHCHP war es alltäglich, dass die Menschen in der
Lobby des Gebäudes, in den Wartezimmern und Toilettenräumen sediert
wegkippten. „Darauf mussten wir natürlich reagieren, aber das passierte ja
alles zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft.“ Die meisten dieser Menschen
hatten keine lebensbedrohliche Überdosis, brauchten also weder Naloxon noch
Krankenwagen. Sondern bloß Überwachung und Sauerstoff.
„Es musste also einfach nur jemand ein paar Stunden auf sie aufpassen“,
sagt Gaeta. „Aber dafür hatten wir keine Kapazitäten.“ Dann wird ihr klar,
dass zwar das Personal fehlt, die Infrastruktur jedoch gegeben ist. Man
müsste nur einen Konferenzraum im Erdgeschoss freiräumen, ein paar Sessel
und Sauerstoffgeräte hineinstellen. Gaeta wirbt bei Stiftungen für die
Idee, schnell bekommt sie genug Geld zusammen. Doch was sie nicht auf dem
Zettel hat, ist der öffentliche Widerstand.
Nachdem ein lokaler Radiosender über die Pläne für SPOT berichtet, bekommt
das BHCHP Dutzende Anrufe von Politikerinnen und Anwohnern, die glauben, in
Boston entstehe ein Konsumraum. „Egal, wie oft ich erklärt habe, dass das
nicht so ist: Die Leute sind davon nicht mehr abgerückt.“
Die SPOT-Eröffnung wird erst mal auf Eis gelegt, Gaeta und ihr Team halten
stattdessen über Monate zahllose Treffen mit gewählten Vertretern aller
Art, Geschäftsverbänden und Nachbarschaftsinitiativen ab. „Da haben wir
dann versucht, zu entmystifizieren, was wir vorhaben. Und wir haben
gelernt, wie tief verankert das Stigma wirklich ist.“
Irgendwann erhalten sie das Go all dieser Gruppen, aber unter einer
Voraussetzung: Daten zu erheben. „Das war eine ziemliche Mammutaufgabe“,
erinnert sich Gaeta, denn die Leute von SPOT verpflichteten sich, in einem
Radius von 500 Metern alles aufzuzeichnen, was auf Drogenkonsum hinweist –
von herumliegenden Spritzen bis hin zu sichtlich sedierten Menschen. 12
Wochen vor dem Start des Programms bis 12 Wochen danach. „Und dann kam
heraus, dass alles gleich geblieben war, bis auf die Zahl der Menschen, die
auf der Straße lagen“, sagt sie. „Denn die kamen jetzt zu uns und gingen
erst, wenn sie wieder ohne Hilfe laufen konnten.“
Um das Vertrauen der suchtkranken Menschen in der Umgebung zu gewinnen,
rechnet SPOT in diesen ersten Jahren keine medizinischen Leistungen ab, das
Programm ist also völlig anonym. Ein in der Obdachlosencommunity bekannter
Mann, der selbst abhängig ist, führt die Bewerbungsgespräche mit den
SPOT-Mitarbeitenden, „und das war echt eine meiner liebsten Dinge, die wir
da am Anfang gemacht haben“, sagt Gaeta und lächelt. Der Mann habe die
Bewerber:innen mit sehr spezifischen Szenarien konfrontiert und ein
feines Gespür dafür gehabt, ob sie auch nur einen Hauch von Herablassung in
sich trugen.
Mittlerweile stehen in dem keine 20 Quadratmeter großen Raum von SPOT sechs
blaue Sessel und sechs Vitalzeichenmonitore, an der einen Wand Schränke mit
medizinischem Material, an der anderen ein großes Whiteboard. „Pssst! Die
Leute schlafen“, hat jemand in Pink darauf geschrieben, jemand anderes in
Lila: „Du bist wertvoll, wir haben dich lieb.“ Und oben links in der Ecke,
wieder in Pink: „DANKE an das tolle Team, ihr habt mir das Leben gerettet.
Ich stehe für immer in eurer Schuld.“
## Vermehrte Polizeipräsenz
Aber, sagt Gaeta, sie wolle auch nicht lügen, die ersten Wochen und Monate
seien nervenaufreibend gewesen. Denn der Start von SPOT fällt in eine Zeit,
in der die Menschen auf der Straße immer häufiger verschiedene Substanzen
miteinander mischen, zum Beispiel Fentanyl und das Pferdebetäubungsmittel
Xylazin, auch bekannt als Tranq. „Und da herauszufinden, wer genau was
braucht und wer mit welcher Dringlichkeit behandelt werden muss, das war
wirklich kompliziert.“
SPOT behandelt heute um die tausend Menschen im Jahr, viele von ihnen
kommen täglich oder mehrmals die Woche. Genau wie bei Stephen Murrays
Hotline geht es darum, eine langfristige Beziehung zu ihnen aufzubauen, sie
zu akzeptieren, wie sie sind und niemals in eine bestimmte Richtung zu
drängen.
„Aber wenn jemand von sich aus mit dem Thema Entzug oder Therapie an uns
herantritt, dann springen wir. Dann leiten wir Dinge für sie in die Wege“,
sagt Gaeta. Etwa ein Viertel der Patient:innen sei seit dem Start von
SPOT in Suchtbehandlung gegangen, im Schnitt fragten die Leute ungefähr
beim 13. Besuch danach. „Und das zeigt einfach nochmal, wie wichtig es ist,
dass sie uns vertrauen.“
Auffällig sei auch, wie viele Frauen täglich SPOT besuchten. „Sie kommen,
weil es für sie auf der Straße natürlich nochmal besonders gefährlich ist,
wenn sie sediert sind.“ Es sind Frauen, die mit ihren Verletzungen niemals
in die Notaufnahme gehen würden, sich dem SPOT-Team aber in einem kleinen
abgetrennten Raum anvertrauen. „Wir sehen da oft wirklich grauenvolle Dinge
und können ihnen dann zumindest anbieten, sie zu versorgen und auf sexuell
übertragbare Krankheiten zu testen.“
Doch aktuell beobachte man bei SPOT, dass diese besonders vulnerablen
Gruppen der Einrichtung fernblieben. Grund ist die vermehrte Polizeipräsenz
im Viertel, Beamte patrouillieren seit einigen Wochen täglich die
Bürgersteige hoch und runter, auch vor dem BHCHP. Seit die Stadt das
Zeltcamp aufgelöst und den Menschen dort keine Alternative angeboten hat,
halten Obdachlose sich wieder öfter in den Hauseingängen auf.
„Na ja“, sagt Michelle Whitaker, die leitende Krankenschwester von SPOT,
„wenn man Menschen verbietet, sich an Ort A aufzuhalten, dann gehen sie zu
Ort B, das ist jetzt keine große Überraschung.“ Die Polizei schüchtere die
Patient:innen ein, die nun nur noch unregelmäßig kämen. Dabei bräuchten
sie Wundversorgung und müssten ihre Medikamente nehmen, die man hier für
sie lagere.
Whitaker, eine Frau mit einem langen braunen Pferdeschwanz, die einen
Schlüsselbund um den Hals trägt, wirkt so voller Energie, dass man keine
Sekunde anzweifelt, dass sie ihre Schichten hier früher auf Rollschuhen
absolvierte. Sie kam über Umwege zu ihrem heutigen Beruf. Denn die meiste
Zeit ihres Lebens dachte sie, kein Blut sehen zu können.
Doch als ihr Vater sehr krank wird, sagt er zu ihr: „Ich weiß, du willst
Dinge verändern – mit deinem Politikwissenschaftsstudium oder was auch
immer“, sie lacht, als sie das erzählt. „Aber guck dich doch mal um, diese
ganzen Schwestern und Pfleger, die reißen hier wirklich was.“ Als er
stirbt, macht sie also das, was man eigentlich nicht tun sollte: in großer
Trauer eine lebensverändernde Entscheidung treffen. „Aber den Gedanken, als
Krankenschwester wirklich soziale Gerechtigkeit praktizieren zu können, bin
ich nicht mehr losgeworden.“
Mittlerweile schult sie auch andere angehende Mediziner:innen im
Umgang mit suchtkranken Patient:innen. „Ich spreche dabei gerne von
Kundenservice“, sagt sie. Denn sich um eine Person zu kümmern, die unter
Drogeneinfluss steht, kann extrem frustrierend und nervig sein, „und ich
möchte dann, dass sie sich vorstellen, sie seien die persönliche Assistenz
einer berühmten Person mit einem Suchtproblem, der sie in ihrem schönen
Haus den ganzen Tag hinterherrennen müssen, damit sie nicht die Treppe
runterfällt oder in der Badewanne ertrinkt“, sagt Whitaker.
„Denn wären wir die persönlichen Assistenten eines Promis, würden wir die
Person ganz bestimmt nicht beschämen, wir würden nicht die Klatschpresse
rufen, sondern auf möglichst würdevolle Weise leise und effizient mit der
Situation umgehen.“ Die SPOT-Patient:innen verdienten die exakt gleiche
Behandlung.
Auch wenn Whitaker das mit den Stars etwas im Scherz sagt – der Titel
„persönliche Assistenz“ wäre zumindest hilfreich, um zu verschleiern, was
man bei SPOT wirklich tut. Denn seit die US-Regierung die Förderung für
Überdosisprävention gestrichen hat, dürfen sich die Pfleger:innen
offiziell nicht mehr Harm-Reduction-Specialists nennen.
Zwar bekam SPOT nie direkte Gelder von der Bundesbehörde für
Substanzmissbrauch, andere Bereiche von BHCHP aber schon. So zum Beispiel
das Anfang der Neunziger gegründete Spritzentauschprogramm nebenan. Harm
Reduction aus der Jobbezeichnung zu streichen, ist bei SPOT nun eine
Sicherheitsmaßnahme geworden.
An diesem Mittwochnachmittag im Herbst, kurz nach Ende der Öffnungszeiten,
sind alle Patient:innen schon weg – bis auf einen. Russell, 31 Jahre
alt, roter Hoodie, bleibt jeden Tag länger, um noch ein bisschen mit
aufzuräumen. „Ich mag einfach nicht, wie die Leute draußen so drauf sind“,
sagt er. „Es ist dreckig. Und das macht uns allen einen schlechten Ruf.“
Deshalb räumt er auf, wischt die Sessel mit ab, hilft, den Boden zu putzen.
Russell ist auf der nahegelegenen Halbinsel Cape Cod aufgewachsen, mit den
Drogen hat er als Teenager angefangen: Opioide, Kokain, Gras. Auf seinem
linken Augenlid ist „Game“ tätowiert, auf seinem rechten „Over!“.
Neulich waren ein paar Medizinstudent:innen im Gebäude, Michelle
Whitaker machte sie mit Russell bekannt. „Wer seid ihr?“, fragte Russell.
„Wir sind M1“, sagten die Studierenden. „Was soll das heißen?“, fragte
Russell. „Medizinstudierende im ersten Semester“, sagten die. „Ah,
verstehe“, sagte Russell. „Ich bin S15. Auf der Straße seit 15 Jahren.“
Seit das Zeltcamp aufgelöst wurde, sei es schwer, draußen mal ein bisschen
zur Ruhe zu kommen, erzählt er. „Du hast Glück, wenn du 15 Minuten dösen
kannst.“ Jeden Moment komme die Polizei und hupe dich weg. SPOT sei für ihn
ein sicherer Hafen, wo er einen Tee und einen Cracker bekomme, es sich im
Sessel bequem machen könne. Manchmal brauche er Sauerstoff, aber am
wichtigsten sei für ihn, mal wie ein Mensch behandelt zu werden. „Sie geben
einem so viel mehr als nur einen Ort, an dem man sich aufhalten kann“, sagt
er. „Sie machen dir Arzttermine und regeln alles für dich, wenn du in den
Entzug willst.“
Clean zu werden, sei für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. „Wenn du einmal
obdachlos bist, dann bist du einfach nonstop umgeben von dem Zeug.“ Russell
steht mittlerweile vor dem BHCHP-Gebäude, in der Nähe der Ampel mit den
Blumen. In der Hand hält er ein Stück Salamipizza. Ein Bekannter aus der
Gegend läuft an ihm vorbei und fragt, wo er das her hat. „Hier, nimm!“,
sagt Russell. „Oh mein Gott, danke, Mann!“, sagt der Bekannte.
Eine Dosis Heroin erhöhe das Dopaminlevel im Gehirn so ungefähr auf das
zweitausendfache des normalen. „Für mich würde es Jahre, Jahre dauern, bis
sich da wieder so was wie ein Gleichgewicht einstellt im Kopf“, sagt
Russell und bezieht sich damit auf das Belohnungssystem im Gehirn, das
durch Drogenkonsum extrem gestört wird. Dies wieder in den Griff zu
bekommen, sei eine Lebensaufgabe. Seine Lebensaufgabe. Immerhin wisse er
die Menschen von SPOT an seiner Seite, wenn er sich daran wieder mal
versuchen wolle.
Die Menschen, die von Frauen wie Whitaker und Gaeta betreut werden, haben
aufgrund ihrer Suchterkrankung eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit zu
sterben als die meisten anderen Menschen. Der Tod gehöre für sie zum
beruflichen Alltag dazu, sagt Whitaker. „Wir müssen als Team natürlich auch
Wege finden, mit unserer eigenen Trauer umzugehen.“ Bei SPOT finden deshalb
regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, für Familienangehörige und das
Team.
Solche Wege sucht auch Stephen Murray, der Gründer der Safespot-Hotline. Er
lädt seine Leute regelmäßig zu sich nach Hause zum Barbecue ein und nach
jedem Überdosisfall gibt es eine ausführliche Nachbesprechung. Manchmal,
sagt er, fühle sich sein Aktivismus an, als würde er mit bloßen Händen
Wasser aus einem kaputten Boot schöpfen. Seine Lösungen für die Drogenkrise
lägen so weit außerhalb der öffentlichen Debatte, dass es für ihn gar nicht
so einen großen Unterschied mache, wer gerade die Regierung anführe.
„Was mich antreibt, sind die vielen Menschen, denen wir jeden Tag ein
bisschen Selbstwertgefühl geben, Sicherheit und Hoffnung“, sagt Stephen
Murray. Das gebe ihm Kraft, das Boot weiter vor dem Versinken zu bewahren.
Diese Recherche wurde durch das Daniel-Haufler-Stipendium der taz Panter
Stiftung ermöglicht.
5 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Crack-breitet-sich-aus/!5973785
(DIR) [2] https://www.commonwealthfund.org/blog/2025/us-overdose-deaths-remain-higher-other-countries-trend-tracking-and-harm-reduction
(DIR) [3] /Opioid-Krise-in-den-USA/!5829708
(DIR) [4] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11076008/#:~:text=The%20highest%20overdose%20deaths%20rates,groups%20assessed%20continued%20to%20rise
(DIR) [5] /Opioid-Krise-in-den-USA/!6064634
(DIR) [6] https://www.boston.gov/news/new-data-show-38-decline-opioid-related-deaths-boston-2024-following-national-trend
(DIR) [7] https://neverusealone.com/
(DIR) [8] https://safe-spot.me/
(DIR) [9] https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/24583-opioid-overdose
(DIR) [10] https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2803757
(DIR) [11] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468266723003006
(DIR) [12] https://www.ccsa.ca/sites/default/files/2024-10/SCS-Evidence-Brief-en.pdf
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