# taz.de -- Bodyshaming im Sommer: Der Sommer, die Oberarme und modische Fragen
       
       > Die Frage, wieviel Arm man sich und den anderen zumuten darf, wenn es
       > heiß ist, rührt an alte Körperklischees. Aber die muss man sich ja nicht
       > anziehen.
       
 (IMG) Bild: Einfach irgendein T-Shirt ist doch schon eine Entscheidung
       
       Mütter und Töchter können sich ja auf viele unterschiedliche Weisen
       gegenseitig zur Weißglut bringen. Bei mir und meiner Tochter funktioniert
       das ihrerseits [1][zu jeder Jahreszeit mit Boomerwitzen] (ich bin kein
       Boomer, ich bin erst 1965 geboren!), meinerseits aktuell zum Beispiel mit
       der Frage: „Guck mal, geht das so? Kann ich so noch rausgehen?“ Das bezieht
       sich auf Kleidung, konkret auf meine Bekleidung, und wird von meiner
       Tochter stets mit Augenrollen und dem immer gleichen, ebenso wahren wie in
       der Situation überhaupt nicht hilfreichen, Satz beantwortet: „Ich bin ja
       der Meinung, dass jeder Mensch anziehen kann und darf, was er will.“
       
       Ja! Absolut! Ganz sicher: Genau der Meinung bin ich auch – für mich ganz
       persönlich gilt dieser Satz aber dennoch irgendwie nicht. Denn die Jahre
       vergehen und der Sommer kommt wieder und wird dabei auch noch von Jahr zu
       Jahr heißer, meine Oberarme aber nicht. Sondern irgendwie weicher und
       wabbeliger, also quasi alles andere als hot … jedenfalls in der Welt, aus
       der ich komme.
       
       Dort gehörten sie verborgen, damit andere nicht von ihrem Anblick belästigt
       und damit quasi zu abwertenden Blicken oder gar Kommentaren gezwungen
       werden. Ich bin in einer Welt oder jedenfalls in einem Milieu dieser alten
       Welt aufgewachsen, wo es völlig normal war, Aussehen, Kleidung und
       Körperformen anderer Menschen brutal und gern auch lautstark zu bewerten
       (vor allem abzuwerten); wo es normal war, dass Eltern ihre eigenen Kinder
       auf solche Weise vor anderen bloßstellten oder gar demütigten und Sätze
       wie: „Na ja, du bist eben plump und stämmig, da kann man nichts machen,
       aber es gibt ja auch Männer, die dick sind“, für ermutigend für ihre
       Töchter hielten.
       
       Ich gendere dieses Beispiel vermutlich deshalb so, weil sich derartige
       Kommentare nach meiner Erinnerung in viel stärkerem Maße auf
       Mädchen*/Frauen* als auf Männer*/Jungen* bezogen – aber das kann ich als
       cis Frau natürlich nicht wirklich beurteilen. Ich erinnere mich aber daran,
       dass auch über Männer in diesem Sinne abfällig geredet beziehungsweise ihre
       „Männlichkeit“, also Heterosexualität angezweifelt wurde, wenn sie sich
       nach allgemeiner Auffassung zu sehr für ihre Kleidung oder ihr Aussehen
       interessierten.
       
       Heute heißt das, was Erwachsene damals miteinander und mit mir und anderen
       Kindern gemacht haben, [2][Bodyshaming]. Und ich könnte manchmal vor Freude
       ein bisschen weinen, wenn ich sehe, wie sich die jungen Menschen kleiden,
       die in dem Nordneuköllner Kiez, in dem ich lebe, nicht nur feiern, sondern
       in einer wachsenden Zahl von Secondhandläden auch ihre Outfits kaufen: Sie
       ziehen an, was ihnen gefällt – was sie wollen. Und wirken dabei fröhlich
       und selbstbewusst und unbeschwert.
       
       Ab und zu muss ich dabei immer noch meinem inneren [3][Guido Maria
       Kretschmer („Shopping Queen“)] das Maul stopfen, der mit seinem
       Standardsatz „Schätzchen, das tut nichts für dich!“ den alten
       Bewertungsterror wieder in meine Gedanken drängt. Ich versuche, ihn
       umzudrehen: „Schätzchen, das tut nichts für dich!“, sage ich mir, wenn ich
       beim Shoppen auf der Suche nach neuen Sommersachen als Erstes mal wieder
       einen unförmigen schwarzen Kittel aus dem Regal ziehe. Oder wenn ich zu
       Hause überlege, trotz 30 Grad im Schatten plus lebensphasenbedingter
       innerer Hitze lieber das langärmlige T-Shirt anzuziehen (die Oberarme!):
       Nein, Alke, das tut jetzt wirklich nichts für dich!
       
       Im ärmellosen T-Shirt steuere ich dann das Zimmer meiner Tochter an und
       frage: „Guck mal, geht das so? Kann ich so noch rausgehen?“ – und sie
       verdreht die Augen: „Mutter …!!!“
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /So-wird-man-ja-wohl-noch-reden-duerfen/!6181309
 (DIR) [2] /Karl-Lagerfeld-Promenade/!6012139
 (DIR) [3] /Neues-Frauenmagazin-Guido/!5543259
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Die Fußgängerin
 (DIR) Sommer
 (DIR) Scham
 (DIR) Body Positivity
 (DIR) Erziehung
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Hitze
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Erhebungen in der Stadt: Hauptsache, Berge
       
       Kabul liegt 1.800 Meter über dem Meeresspiegel mit imposanten Bergen
       drumherum. Da kommt unser Kolumnist her. Auch in Berlin hat er eine
       Bergwelt gefunden.
       
 (DIR) Wenn eine Renovierung ansteht: Der Preis des Zufußgehens
       
       Ein Auto kostet Geld, während man zu Fuß doch kostenfrei unterwegs ist? Von
       wegen, weiß unsere Kolumnistin: Zu Fuß gehen hat teils immense Folgekosten.
       
 (DIR) Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub
       
       Neues entdecken und sich überraschen lassen ist der Antrieb, wieso man auf
       Festivals geht. Oder, sagt unser Kolumnist, man freut sich einfach am
       Wiedersehen.
       
 (DIR) Hitze-Alarm in Deutschland: 38 Grad
       
       Am Donnerstag war es bereits heiß, der Freitag legt noch eine Schippe drauf
       – vor allem tief im Westen. Berlin springt in den Fluss.
       
 (DIR) Nachbarschaftliches Klima: Alle reden vom Wetter – oder eben auch nicht
       
       Als Smalltalkthema ist das Wetter brisant, weiß unser Kolumnist. Aber gern
       hätte er doch mit dem Nachbarn darüber geplaudert. Und über den
       Rasensprenger.
       
 (DIR) Karneval der Kulturen in Berlin: Viel mehr als Folklore und exotische Trachten
       
       Zu Pfingsten schaut sich unsere Kolumnistin immer beim Karneval der
       Kulturen um. Aber auch eine erfahrene Karnevalsgängerin kann da noch was
       lernen.
       
 (DIR) Zuversicht im Krankenhaus: Was Intimes, fast wie ein Geheimnis, aber warum?
       
       Unsere Kolumnistin war im Krankenhaus, sie wurde operiert. Nach der
       Operation einen guten Kaffee zu bekommen, sagt sie, ist einfach was
       Wunderbares.