# taz.de -- Neuer Roman von Ben Lerner: Transatlantisches Elysium
> Ben Lerners neuer Roman gilt hierzulande bereits als Meisterwerk. Vor
> allem ist er jedoch eine Versicherung, dass man Amerika nicht aufgeben
> darf.
(IMG) Bild: Schaut immer etwas vorwurfsvoll drein: Ben Lerner
Es ist noch nicht allzu lange her, da spielten Smartphones in der schönen
Literatur keine nennenswerte Rolle. Immerhin erschaffen sie die Möglichkeit
einer Unmittelbarkeit, die inhärent unliterarisch ist. Gute Gedanken
entwickeln sich im Roman in den quälenden Ungewissheiten seines Personals,
im Nicht-ereichbar-Sein oder Nicht-erreichen-Wollen, im Moment, in dem kein
Rückruf mehr möglich ist.
In einem Brief an [1][Paul Auster] schrieb [2][der südafrikanische
Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee einmal,] Smartphones und moderne
Formen der Chatkommunikation im Roman bedeuteten „den Tod
zwischenmenschlicher Signale, verbaler und nonverbaler, freiwilliger und
unfreiwilliger Zeichen“.
Es gibt keine poetische Sprache für moderne Telekommunikation, denn moderne
Chatsprache ist selbst das Produkt algorithmischer Verknappung. Das
Smartphone passt nicht zum Modus der Postmoderne und seiner Literatur des
Menschen in der endlosen epistemologischen Krise. Gerade die Art von
E-Literatur, die [3][der amerikanische Autor Ben Lerner] schreibt,
verschweigt normalerweise die Existenz von iPhones und Wi-Fi.
In seinem neuen Roman „Transkription“ wählt Lerner nun eine andere
Abzweigung: die der ostentativen Auslassung. Der Plot dieses kurzen,
dreiteiligen Romans ist schnell umrissen: Ein namenloser Autor wird
beauftragt, zu einem letzten großen Interview mit seinem intellektuellen
und vermutlich dementen Mentor Thomas, einem hoch angesehenen, mit Adorno
bekannten Philologen, nach Rhode Island zu fahren.
## iPhone im Waschbecken
Am Vorabend des Gesprächs fällt dem Protagonisten allerdings sein iPhone
ins Waschbecken, und so kurzfristig ist kein Ersatz aufzutreiben. Der
Protagonist verschweigt seinen Fauxpas und gibt in der Folge nur vor, das
Gespräch aufzuzeichnen.
Der zweite Teil spielt bereits nach dem Tod des Mentors: Auf einer
akademischen Konferenz zu Thomas’ Ehren wird der Protagonist beschuldigt,
mit dem Interview einen Deepfake produziert zu haben. Der Schlussakt spielt
zum Höhepunkt der Coronapandemie, die Thomas nur knapp überlebt. Dessen
Sohn Max glaubt nun letzte Worte an seinen Vater, der an ein Beatmungsgerät
angeschlossen ist, richten zu müssen – natürlich via FaceTime. Doch Thomas
überlebt, und weil sich der Vater vorgeblich an nichts erinnert, fragt sich
Max bald, ob es das Gespräch, wenn es nur im digitalen Äther stattfand,
überhaupt gegeben hat.
## Wiederholter Griff ins Leere
Es ist ein schlauer Ansatz, die Omnipräsenz und Unausweichlichkeit
digitaler Kommunikation über weite Teile als Negativ zu erzählen. Denn wie
hilflos der Protagonist ohne sein iPhone ist, offenbart sich viel eher im
wiederholten Griff ins Leere als darin, dass sich das Gerät wie gewohnt an
einem Ort irgendwo zwischen Hosentasche und Unbewusstsein befände. Lerner
weiß vor allem zu Beginn von „Transkription“ ebendiese kleinen unbewussten
Rückgriffe aufs Smartphone so beiläufig einzustreuen, dass man gar nicht
darauf käme, der Roman handelte vielleicht in der Hauptsache von unserer
Abhängigkeit von digitalen Systemen.
Aber wovon handelt „Transkription“ tatsächlich? Eine leichte Antwort ergibt
sich trotz der Kürze nicht. Gerade in der zweiten Hälfte verästelt sich der
Roman zusehends, will von allem (Corona, Vaterschaft, frühkindlicher
Entwicklung, ASMR-Videos) erzählen, bleibt in seinen narrativen
Entscheidungen aber inkonsequent und in seinen dialogischen
Schlussfolgerungen schwammig. Wieso die nach irgendwelchen Hotels benannte
Kapitelstruktur? Wieso die ganzen Personenwechsel? Und muss wirklich der
gesamte Kanon intellektueller Streitthemen der Gegenwart anzitiert werden?
In diesem Roman wirkt vieles auf unbefriedigende Weise kontingent.
Vielfach wurde Lerners Prosa mit der von Kafka verglichen, den Verweis
liefert der Roman an vielen Stellen auch selbst – was schon wenig kafkaesk
ist. Könnte man sich Lerners Rhode Island so vorstellen wie Kafkas Prag –
das nie Prag genannt wird? Könnte man sich die Strafkolonie an einem realen
Ort vorstellen? Das Verschweigen des kaputten Smartphones taugt nicht zur
Kafka’schen Allegorie. Es bleibt eine persönliche Entscheidung der
Hauptfigur, die man bis zum Schluss nicht vollständig nachvollziehen kann.
Viel eher will man dem Protagonisten zurufen: Na, nun sag’s ihm schon!
Hatte man bei Joseph K. ein ähnliches Bedürfnis? Wieso akzeptiert man
Joseph K.s Verhaftung und wird auch dann nicht stutzig, als er erfährt,
dass die Verhaftung gar keine unmittelbaren Konsequenzen nach sich zieht?
Wo einem bei Kafka schließlich die allegorische Dimension dämmert, schafft
man es bei Ben Lerner nie ganz, seinen Unglauben aufzugeben. Lerners Text
ist über seine Referenzen zu sehr in einem bestimmtem intellektuellen
Milieu verortet – Thomas’ Sohn heißt Max, natürlich nach Horkheimer –, als
dass sich eine Universalität der Symbole einstellte wie eben bei Kafka.
## Lernt man etwas Neues über Alexander Kluge?
Und dann die Sache mit [4][Alexander Kluge.] Thomas, der greise
Intellektuelle, hat nicht nur Kluges Bücher auf seinem Schreibtisch, er ist
ziemlich deutlich an Kluge angelehnt. Lerner und er waren bekannt, und
Kluge hatte noch kurz vor seinem Tod im April verlauten lassen, er fühle
sich von Lerners Werk geschmeichelt. Doch lernt man hier wirklich etwas
Neues über den Autor?
Dass man sich auch aus dem Leben herauslesen kann statt hinein? Dass das
ständige Herunterbeten von Wissen auch nur eine Form von Sublimierung
darstellt? Dass die Kinder berühmter Geistesgrößen es nicht leicht haben?
Thomas wird hier immerhin als jemand dargestellt, der abseits
intellektueller Arenen ein ziemlicher Unsympath ist, dem zur Essstörung
seiner Enkeltochter nur eine Anekdote über Kafkas Hungerkünstler einfällt
statt großväterlicher Empathie.
Vielleicht ist es auch ein bisschen Stefan Zweigs Welt von gestern, die
Lerner beschwört, diese für immer verloren scheinende Welt der Gedanken, in
der eine Zeitschrift dem Autor kostspielige Hotelübernachtungen bezahlt, in
der das intellektuelle Leben noch global stattfindet und nicht in
wegrationalisierten Zoom-Meetingräumen. In „Transkription“ prallen zwei
Welten, ja eigentlich zwei Jahrhunderte aufeinander: das assoziative,
arkane Wissen von Thomas und die unangefochtene Autorität digitaler
Wissenssysteme – verkörpert durch die akademischen Thomas-Experten im
zweiten Teil.
Lerner, der auf Fotos immer etwas vorwurfsvoll dreinblickt, ist Vertreter
eines Typus amerikanischer Intellektueller, die seit jeher einen starken
Bezug zur europäischen Geistesgeschichte und Literatur haben. Dass hiesige
Kritiker „Transkription“ über den dünnen Plot hinweg zum Meisterwerk
erklären, hängt möglicherweise auch damit zusammen.
Denn der Roman liest sich über weite Strecken eher wie eine literarische
Gefälligkeit, eine Versicherung an die europäische Intelligenzija, dass man
Amerika noch nicht ganz aufgeben darf, dass der kritische Geist, der einst
so interkontinentale Intellektuelle hervorgebracht hat wie Susan Sontag,
dass dieser Geist auch die neueste Welle amerikanischen Stumpfsinns
überleben wird.
Lerner konstruiert eine Art transatlantisches Elysium, das wirkliche
literarische Dringlichkeit und zwingende künstlerische Entscheidungen auch
in der Kürze vermissen lässt.
24 May 2026
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