# taz.de -- Nackt vom Blatt: Klassik ohne Schutzschild
> Im Berliner KitKatClub tritt das Naked String Quartet ohne Kleider auf
> und ohne vorher zu proben. Das macht auch etwas mit der Musik.
(IMG) Bild: Nackte Klassik im Kitkat-Club
Auf der Wasseroberfläche des azurblauen Swimmingpools tanzen verschwommene
Lichtpunkte einer Discokugel, aufblasbare Flamingos aus Gummi drehen sich
träge um die eigene Achse wie betrunkene Ballerinas. Am Beckenrand haben
sich vier Musiker*innen aufgebaut – nackt. Nur vereinzelt sind Tattoos,
Bauchkettchen und Bodyglitter zu sehen, an der Hüfte der Cellist*in
glitzert ein kleines Einhorn aus Strasssteinchen.
Das Markenversprechen des Naked String Quartets, das jeden Samstagabend als
Auftakt [1][zur Carneball Bizarre-Party im KitKatClub] spielt, ist ebenso
einfach wie konsequent: Musiziert wird ohne Klamotten und ohne Probe.
Klassische Musik unverfälscht und unbekleidet.
Nach und nach tröpfelt das Feiervolk hinein, kostümiert für eine Nacht
frivoler Ausschweifungen: Lack und Leder, kreativ beklebte oder frei
hüpfende Brüste, glamouröse Abendroben. Dem Streichquartett nähern sich die
schillernden Nachtfalter eher schüchtern. Unsicher drücken sie sich an der
Bar herum und werfen scheue Blicke hinüber. Doch mit der Zeit zieht es
immer mehr Menschen in Richtung Pool, hin zu den [2][hypnotischen Klängen
von Philip Glass]: immer dichter werdende, vorwärtstreibende Arpeggien –
Musik wie ein traumwandlerischer Vogelflug.
## Auf roten Lederbänken
Einige liegen mit geschlossenen Augen auf den roten Lederbänken. Durch das
offene Dach sieht man die Abendwolken vorbeiziehen, aus der hinteren
Raumecke lächelt eine menschengroße Buddha-Statue weltvergessen in die
Party-Crowd. Eine bizarre, seltsam romantische Szenerie.
Ein Mann mittleren Alters in Lederharnisch und Reitstiefeln lehnt etwas
verloren an der Säule eines Torbogens, über dem „Zum Wahren, Schönen und
Guten“ zu lesen ist. Er wollte wohl zu der Fetisch-Party im Kellergewölbe,
die aus technischen Gründen abgesagt wurde. Jetzt starrt er mit glasigen
Augen in Richtung Streichquartett, die Gerte in seiner Hand hängt schlaff
herunter wie eine welke Blume.
Nach und nach wecken spritzige Melodien von Joseph Haydn die Menge aus
ihrer Trance, es wird artig applaudiert. Die nackten Musiker*innen
summen einander indes halblaut das Tempo vor, wippen mit den Knien,
stampfen mit den Füßen und brechen in befreites Lachen aus, wenn eine
besonders schwierige Passage gelingt. Gerade weil hier alle vom Blatt
spielen, liegt eine Spannung in der Luft wie bei einem Fußballspiel. Und
das Publikum ist hautnah dabei.
„You are witnessing classical music in real time!“, ruft
Naked-String-Gründerin und Bratschistin Shasta Ellenbogen gut gelaunt ins
Publikum und stellt die Instrumentalist*innen vor, die pikante
Künstlernamen wie „Richard Wanker“, „Philip Ass“ und „Ludwig van Gay-Hoven“
tragen.
Erotisches Knistern ist nicht wirklich zu spüren. Im Gegenteil: Der heilige
Ernst unter den Zuhörenden in ihren kinky Outfits ist schon fast rührend.
Ein bisschen wie Kinder, denen ein besonders spannendes Märchen vorgelesen
wird, sitzen sie ehrfürchtig da. An diesem Ort, der die lustvolle
Grenzverschiebung zelebriert, schafft die aus ihrem gewohnten sozialen
Rahmen gefallene Musik eine ganz andere Form der Entgrenzung:
Verletzlichkeit.
## Fiebrige Energie
Jetzt schallen Fortissimo-Akkorde im zackigen Unisono durch den Raum. Der
Himmel ist fast schwarz, die nackte Haut der Musikerinnen leuchtet bläulich
im Bühnenlicht, der Holzboden wird von Schuberts „Tod und das Mädchen“
sanft zum Vibrieren gebracht. Immer wieder bäumt sich die Musik mit
fiebriger Energie auf, nur um im nächsten Moment in lyrische
Zerbrechlichkeit zurückzusinken.
Inmitten der schwitzenden, atmenden Körper entfaltet dieses düstere Stück
über Verfall und Vergänglichkeit eine fast beklemmende Intimität.
Vielleicht liegt es daran, dass hier niemand mehr seine gewohnte Rolle
spielen kann und nicht nur die Körper, sondern auch die Musik ein Stück
weit schutzlos geworden sind.
Das macht Schuberts Streichquartett vielleicht nicht sexyer. Aber
menschlicher.
8 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /KitKatClub/!t6108562
(DIR) [2] /Komponist-Philip-Glass-sagt-Weltpremiere-seiner-neuen-Symphonie-in-Washington-ab/!6149469
## AUTOREN
(DIR) Anna Schors
## TAGS
(DIR) Kolumne Großraumdisco
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) KitKatClub
(DIR) Techno
(DIR) Klassik
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Hamburg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Artistisches Spektakel in Friedrichshain: Der Traum vom Fliegen
Im Sommer ist im Berliner Volkspark Friedrichshain immer was los. Jetzt
schmeckt es dort mit einer Flugtrapezshow auch noch nach Festival.
(DIR) Beim Burgtheatersommer Roßlau: Theaterabend mit Bier und Bockwurst
Shakespeares Sturm weht durch Sachsen-Anhalt: Jeden Sommer verwandelt sich
Roßlaus Burg in eine bunte Bühnenlandschaft. Mit Schauspieler:innen von
hier.
(DIR) Bremer Kneipe Gleis 11: Am Bahnhof einen heben (oder zwei)
Wer in Bremen den Zug verpasst, findet Trost im Gleis 11. Zwei taz-Kollegen
haben es unfreiwillig ausprobiert und wären dann doch auch länger
geblieben.
(DIR) Fundsachen im Hamburger Seemannsheim: Seemann, kommt nie wieder
Im Seemannsheim lagern Koffer und Kisten, die Seeleute zurückgelassen
haben. Was davon erwartbar nicht mehr abgeholt wird, kommt unter den
Hammer.