# taz.de -- Beim Burgtheatersommer Roßlau: Theaterabend mit Bier und Bockwurst
       
       > Shakespeares Sturm weht durch Sachsen-Anhalt: Jeden Sommer verwandelt
       > sich Roßlaus Burg in eine bunte Bühnenlandschaft. Mit
       > Schauspieler:innen von hier.
       
 (IMG) Bild: Die Sonne sinkt, die Stimmung steigt: Der Burgtheatersommer Roßlau
       
       Ein Sturm braust auf in der Wasserburg in Dessau-Roßlau: Zwischen
       meterlangen, farbenfrohen Stoffbahnen kraxeln, tanzen und singen hier
       Schauspieler*innen aus Berlin mitsamt Roßlauer Komparserie. In
       aufwändig handgenähten bunten Kostümen spielen sie [1][Shakespeares „Der
       Sturm“] – in einer doch recht stark bearbeiteten Fassung.
       
       Im Altenheim „Abendfrieden“ geht es dröge zu, die Senior*innen verwelken
       regelrecht. Justus Carrière, der unter anderem in der DDR-Serie „Einzug ins
       Paradies“ mitspielte, stellt den Heimbewohner Herr Kiefer dar: ein
       ehemaliger Schauspieler, der unbedingt ein letztes Mal auf der Bühne stehen
       will. Das ganze Heim samt Mitarbeiter*innen führt mit ihm, nach
       anfänglichen Protesten den „Sturm“ auf. Herr Kiefer darf den Herzog
       Prospero spielen: die Hauptfigur.
       
       [2][Das Sommertheater auf der Wasserburg] in Dessau-Roßlau spielt bereits
       im 29. Jahr. Jedem Sommer behandelt das Ensemble, das überwiegend aus
       (ehemaligen) Student*innen und Dozent*innen des Michael Tschechow
       Studios Berlin besteht, einen anderen Theaterstoff. Zuletzt etwa „Michael
       Kohlhaas“, das Lustspiel „Pension Schöller“ oder „Der Meister und
       Margarita“.
       
       Fest zum Theaterbesuch gehört das gemeinsame Abendessen: Die meist etwas
       älteren Besucher*innen kommen bereits zwei bis drei Stunden vor
       Aufführungsbeginn aus Dessau, Roßlau und Umland zusammen. In der Gaststätte
       „Am Schlossgarten“ bestellen sie Pizza, Pasta und Birnenbecher mit
       Sahnehäubchen und lassen sich die Gesichter von der Abendsonne wärmen.
       
       Erst kurz vor acht Uhr kommen Hüftgelenke wieder in Bewegung, auf zur Burg.
       Bevor es mit Theaterschauen losgehen kann, müssen noch die Karten an der
       Abendkasse abgeholt und die Fassade der Burg fotografiert werden. Hübsch
       genug ist sie ja, mit ihren sandfarbenen Mauern und großen Fenstern aus
       Buntglas.
       
       Nachdem Schauspielerin und Produzentin Elisabeth Taraba am Eingang Decken
       verteilt hat („Später wird’s frisch“), legt sie sofort los. Das
       schnatternde Publikum verstummt allmählich, ganz ruhig wird es jedoch nie.
       Eine Anspielung auf einen toten Wal führt zu „Timmy!“-Rufen aus dem
       Publikum. Die Witze über das Roßlauer Umland kommen gut an, auch die
       Seniorenheim-Story trifft einen Nerv: Mit einem Durchschnittsalter von 48,3
       Jahren hatte Sachsen-Anhalt 2024 die älteste Bevölkerung Deutschlands.
       
       In der Pause gibt es natürlich auch Verpflegung; mit Bier und Bockwurst im
       Magen lässt sich die zweite und längere Hälfte noch besser genießen. Humor
       und Musik machen diese Abende aus: Ein immer wieder rein quatschender Gast
       in der ersten Reihe wird von Schauspieler Andreas Klopp mit Wasser
       bespuckt. Es folgt schallendes Gelächter. Jona Hansen spielt den
       hinterlistigen Hexensohn Caliban und führt gemeinsam mit Musiker Karl
       Neukauf eine Rock-Hymne auf, die an Performances der Band Kiss erinnert.
       Die überzeichneten sexuellen Anspielungen und Avancen des Caliban gegenüber
       Antonio locken beim Publikum jedoch eher peinlich berührte Zurückhaltung
       als wohlwollendes Gelächter hervor.
       
       Hin und wieder gibt es auch einen kleinen politischen Denkanstoß. Das
       Liebespaar Miranda und Ferdinand, gespielt von Ännie Engelhardt und Paul
       Pinkowski, malt sich eine gemeinsame Welt aus: ohne Faschismus und
       Diskriminierung, mit Umverteilung der Gelder. Der Ortsbürgermeister Laurens
       Nothdurft (AfD) saß dieses Jahr noch in keiner Vorstellung, dafür seine
       Frau.
       
       Am Ende ist jedoch Schluss mit lustig: Als eine wichtige Figur stirbt,
       schnieft es aus den hinteren Reihen, Taschentücher werden gezückt und
       tupfen feuchte Augenwinkel ab.
       
       Mit großem Applaus verabschiedet sich das Ensemble schließlich in die
       wohlverdiente Nachtruhe, jedoch nicht, ohne auf weitere anstehende
       Veranstaltungen hinzuweisen: Improvisationstheater und kostenlose
       Kindermärchen gebe es noch, auch ein Jugendtheaterworkshop und ein Konzert
       von Neukauf stünden an.
       
       2 Aug 2026
       
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