# taz.de -- Artistisches Spektakel in Friedrichshain: Der Traum vom Fliegen
> Im Sommer ist im Berliner Volkspark Friedrichshain immer was los. Jetzt
> schmeckt es dort mit einer Flugtrapezshow auch noch nach Festival.
(IMG) Bild: Sich treffen, schauen, den Sommer genießen im Volkspark Friedrichshain
Moritz Haase steht in 7 Meter Höhe auf einer schmalen Plattform und streift
sich eine schwarze Maske mit kleinen Katzenohren über den Kopf.
Seine Augen sind nun bedeckt. Er macht eine demonstrative Krallengeste mit
seiner Hand und tastet dann nach der Trapezstange, die ihm eine andere
Artistin von der Seite hinhält. Die Musik, brasilianischer Funk, die die
Vorstellung der Artist:innen in weiten Teilen begleitet, wird gerade
ruhiger, verwandelt sich in eine zarte Klangblase, die die Menschen in der
Luft mit ihrem unten auf dem Rasen sitzenden Publikum verbindet – und das
scheint jetzt in diesem Moment kollektiv den Atem anzuhalten.
Gleich wird Haase da oben Schwung nehmen. An der Stange hängend wird er auf
die andere Seite des großen Flugtrapezes schwingen, um dann – hoffentlich –
im exakt richtigen Augenblick loszulassen und im Flug von dem auf der
anderen Seite kopfüber an einer Art Schaukel schwingenden Fänger gepackt zu
werden. Jetzt lässt sogar der Typ, der etwas abseits des Publikums am Grill
steht und seine Aufmerksamkeit bislang mehr dem Fleisch vor ihm gewidmet
hatte, die Grillzange sinken.
Ein Großstadtpark ist im Sommer ein eigener Mikrokosmos. Hier hat man den
latenten Rauchgeruch der Grilltrupps in der Nase und dort den
Bibi-und-Tina-Soundtrack vom Kindergeburtstag im Ohr, wieder ein Stück
weiter fällt jemand ständig von einer zwischen zwei Bäumen aufgespannten
Slackline.
Da hinten im Park dezentes Cruising, weiter vorn im Bild Beachvolleyball,
und drumherum rennen, sit-uppen und klimmzugen die, die auch bei 30 Grad im
Schatten ein Training zu absolvieren haben.
Diesem Mikrokosmos hat im [1][Berliner Volkspark Friedrichshain] die
Artist:innengruppe The Gogo Home Project ein weiteres Element
hinzugefügt: Für sechs Wochen haben die Artist:innen ein großes
Flugtrapez aufgebaut. Sie trainieren und geben Vorstellungen draußen,
öffentlich und umsonst, Spenden sind gern gesehen. Haase zufolge ist die
von ihm und seiner Schwester gegründete Gruppe hierzulande die Einzige, die
mit dem großen Flugtrapez arbeitet.
## Piccolo und Picknickkorb
Schon eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn breiten die ersten
Besucher:innen Decken aus, öffnen den Picknickkorb oder einen Piccolo.
Jemand verteilt ein cocktailartiges Getränk auf Gläser, irgendwo kreist ein
Joint und jemand versucht, mit einer Kamera eine Perpektive zu finden, die
die an einem Seil hängende Discokugel und die Artist:innen gleichermaßen
in Szene setzt.
Das Publikum feiert nicht nur die artistische Leistung – sondern auch, dass
die Gruppe mit der traditionellen Zirkuslogik und deren klassischer
Ästhetik bricht. Keine „Mann stark/Frau grazil“-Rollenverteilung gibt es
hier, die Outfits spielen mit einer Kink-Ästhetik, und spätestens wenn
gegen Ende eine Artistin mit pinkfarbiger Rauchfackel in der Hand auf der
Stange schwingt, weht ein Hauch von Festival durch den Park.
Wer wissen will, wie es bei den Artist:innen hinter den Kulissen zugeht,
kommt unter der Woche vorbei. Dann ist weniger Make-up und Pose, dafür hat
man bei den Proben den Zauber des Unperfekten: hier ein Trick, der noch
nicht zuverlässig klappt, da Manöverkritik, quer übers Netz gerufen, aus
der sich erahnen lässt, wie viel Training, Feinarbeit und Vertrauen nötig
sein muss, um diese Arbeit zu machen.
Und der Flug mit Maske? Loslassen. Gefangen. Erster Teil geschafft.
Rückweg. Die Trapezstange schwingt in die Mitte. [2][Moritz Haase dreht im
Flug], erreicht die Stange, schwingt noch mal nach, erreicht die Plattform.
Jubel auf der Wiese, Haase reißt sich die Maske vom Kopf, die Grillzange
klopft auf Alu.
Nach einer guten halben Stunde das Finale. Die Picknickgruppe hat ihr Essen
kaum angerührt, die Gläser der Cocktailistas sind noch halb gefüllt. Kinder
werden nach vorne geschickt, um Geld in die Mützen zu werfen. Ein Kind
erklärt seiner Mutter sehr bestimmt, es wolle das später auch machen – aber
der Rauch, der müsse dann bitte unbedingt orange sein.
14 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
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