# taz.de -- Wehrplicht in Deutschland: Zwangsdienst ist nie gut, auch nicht für eine gute Sache
> Junge Leute erhalten nach dem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der
> Bundeswehr. Das ist noch nicht zu schlimm – aber wie lange bleibt das so?
(IMG) Bild: Ein Vertreter des IDK (Internationale der Kriegsdienstverweigerer) vor der Erfassungsstelle der Bundeswehr in München, 1956
Eigentlich sollte man Karin Prien danken. Wenn die christdemokratische
Familienministerin jetzt verkündet, dass sich ihr Ressort intensiv mit der
Reaktivierung des Zivildienstes beschäftigt, ist das zunächst erfreulich.
Nein, das gilt nicht für den Vorgang an sich. Menschen – in diesem Fall
junge Männer – brauchen keine Zwangsdienste, auch nicht für eine gute
Sache. Aber es ist gut, dass Prien diejenigen, die davon betroffen sein
könnten, daran erinnert, dass die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht noch
nicht zu den Akten gelegt ist.
Seit das Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes am 1. Januar 2026 in
Kraft trat, herrscht eine trügerische Ruhe. Denn es hätte ja schlimmer
kommen können. Dass junge Leute nun nach dem 18. Geburtstag einen
Fragebogen von der Bundeswehr zugeschickt bekommen, ist noch nichts, was
auf die Barrikaden treibt. Aber wie lange bleibt das so?
Die schwarz-rote Regierung plant, die Zahl der aktiven Soldat:innen bis
2035 von derzeit rund 185.200 schrittweise auf bis zu 270.000 anzuheben.
Hinzukommen sollen mindestens 200.000 Reservist:innen. Nach monatelangem
Streit hatten Union und SPD im Herbst 2025 beschlossen, dass diese
Personalsteigerung zunächst durch Freiwilligkeit und höhere Anreize
realisiert werden soll. Gelinge das nicht, solle eine „Bedarfswehrpflicht“
her. So steht es im Gesetz – und das ist der Knackpunkt.
## Schieben bis zur nächsten Legislaturperiode
Von den angeschriebenen Jungs haben laut Bundeswehr bisher rund 96 Prozent
geantwortet – kein Wunder, denn sonst drohen 250 Euro Bußgeld. Bei den
jungen Frauen, denen kein Bußgeld droht, liegt der Rücklauf bei 4 Prozent.
In beiden Gruppen haben etwa 20 Prozent Interesse an einem Wehrdienst. Die
Gefahr, dass das Comeback der Wehrpflicht nur in die nächste
Legislaturperiode verschoben worden ist, ist groß.
Sowohl die Union als auch relevante Teile der SPD gehen davon aus, dass das
Thema dann wieder oben auf der Tagesordnung steht. Wer aber wieder einen
verpflichtenden Militärdienst einführen will, muss auch den Zivildienst
reaktivieren – zur Abschreckung, damit nicht zu viele auf dumme Gedanken
kommen. Das ist der unerfreuliche Hintergrund von Priens Plänen.
Als eine Lehre aus der militaristischen deutschen Vergangenheit bekam das
Recht auf Kriegsdienstverweigerung 1949 einen zentralen Platz im
Grundgesetz. Doch dieses Jahr feiert die Bundesrepublik ein zweifelhaftes
Jubiläum: Im Juli 1956 verabschiedete der Bundestag – gegen die Stimmen der
SPD – die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer. Damit wurde
gleichzeitig das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zu einem
Ausnahmerecht herabgestuft, das beantragt werden muss, an die Ableistung
eines „Ersatzdienstes“ gekoppelt ist und auch von staatlichen Stellen
abgelehnt werden kann. Diese Kopplung an die Wehrpflicht ist der
grundsätzliche Konstruktionsfehler des Zivildienstes.
Als mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 auch der Zivildienst seine
Existenzberechtigung verlor, wurde er durch den auch für Frauen [1][offenen
Bundesfreiwilligendienst] ersetzt. Das war keine schlechte Idee – wenn sie
denn bloß ernst gemeint gewesen wäre. Die Regierung wollte so
demonstrieren, dass sie weiterhin das Engagement in sozialen, kulturellen,
ökologischen oder anderen gemeinwohlorientierten Einrichtungen unterstützt.
## Freiwilligendienst für alle, die es sich leisten können
Nur kosten sollte es nicht zu viel. Daher gibt es viel zu wenige Plätze.
Nur ein Bruchteil der Interessierten bekommt überhaupt einen Platz. Dabei
gibt es dafür nur ein „Taschengeld“ von maximal 676 Euro monatlich. Das
dürfte ein Grund sein, warum er vor allem jungen Menschen aus finanziell
besser ausgestatteten Elternhäusern attraktiv erscheint.
Für einen Zivildienst würde es das Geld nicht aus karitativen, sondern aus
militärischen Gründen geben. Da gäbe es dann wieder einen Sold, also mehr
als ein Taschengeld. Aber der Weg ist trotzdem falsch. Wie die Rückkehr zur
Wehrpflicht wäre auch ein damit verbundener [2][verpflichtender
Zivildienst] ein nicht ausreichend begründeter erheblicher Eingriff in die
Freiheit und Lebensplanung junger Menschen. Die Regierung sollte lieber
gesellschaftliches Engagement wesentlich stärker fördern. Dazu würde ein
massiver Ausbau des Bundesfreiwilligendienstes gehören – und mehr Geld für
diejenigen, die sich dafür entscheiden.
8 Aug 2026
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