# taz.de -- Zivildienst: Zwangsdienst als Randnotiz
       
       > Für den Fall einer Rückkehr zur Wehrpflicht würde wohl auch der
       > Zivildienst wiederbelebt. Sozialverbände reagieren gespalten.
       
 (IMG) Bild: Schon 1978 klare Kante gegen Zwangsdienste bei einer Demo in Dortmund
       
       dpa | Die Bundesregierung trifft Vorkehrungen, im Fall einer Rückkehr zur
       Wehrpflicht auch den Zivildienst zu reaktivieren. Das Familienministerium
       befragte nach eigenen Angaben vorsorglich 23 große Verbände, ob Plätze für
       etwaige Wehrdienstverweigerer zur Verfügung stünden. Unionsfraktionschef
       Thorsten Frei bestätigte bei RTL/ntv, dass sich die Regierung auf
       „Eventualitäten“ vorbereitet. Doch Sozialverbände reagierten skeptisch.
       
       So erklärte der [1][Paritätische Gesamtverband], man trete für eine
       Stärkung der Freiwilligendienste ein. „Die mögliche Wiedereinführung eines
       neuen Zivildienstes im Zuge einer Bedarfs-Wehrpflicht darf nicht zulasten
       der Freiwilligendienste gehen.“ Ähnlich äußerte sich der [2][Sozialverband
       Deutschland]. „Statt auf Zwang zu setzen, müssen freiwilliges Engagement
       und Ehrenamt gestärkt und der Bundesfreiwilligendienst sowie das
       Freiwillige Soziale Jahr verlässlich gefördert werden“, sagte SoVD-Chefin
       Michaela Engelmeier der Funke Mediengruppe.
       
       ## Ende des Zivildienstes 2011
       
       Die Wehrpflicht in Deutschland war 2011 ausgesetzt worden. Damit endete
       auch der zivile Ersatzdienst für junge Männer, die aus Gewissensgründen den
       Dienst bei der Bundeswehr verweigerten. 2010 hatten noch rund 80.000
       Wehrpflichtige als „Zivis“ Dienst in sozialen Einrichtungen wie
       Pflegeheimen, Rettungsdiensten oder Jugendzentren abgeleistet. Über die
       Jahre der Wehrpflicht waren es nach offizieller Statistik insgesamt rund
       [3][2,7 Millionen]. Als Ersatz wurde im Juli 2011 der sogenannte
       Bundesfreiwilligendienst mit jährlich etwa 35.000 Plätzen gegründet.
       
       Ob und wie die Wehrpflicht wieder aktiviert werden könnte, ist offen. Seit
       Anfang dieses Jahres gilt zunächst eine verpflichtende Musterung für junge
       Männer ab dem Jahrgang 2008, um Freiwillige für den angekündigten Ausbau
       der Bundeswehr zu rekrutieren. Sollten die Ziele verfehlt werden, kann der
       Bundestag über eine „Bedarfs-Wehrpflicht“ entscheiden. Dann würde auch
       wieder die [4][Grundgesetz-Klausel] greifen: „Wer aus Gewissensgründen den
       Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst
       verpflichtet werden.“
       
       ## Künftige Bedingungen unklar
       
       Eine Sprecherin des Familienministeriums bestätigte Informationen über
       Vorkehrungen für die mögliche Rückkehr zum Zivildienst. Demnach wurden
       bereits im Winter die Verbände kontaktiert, die bis 2011 im Zivildienst
       oder später bei Freiwilligendiensten aktiv gewesen seien. Ihnen wurden
       „sehr grundsätzliche Fragen übermittelt zur Abschätzung von Möglichkeiten,
       als Verband im Falle der Wiedereinsetzung einer allgemeinen Wehrpflicht
       Wehrersatzdienstplätze anzubieten“, teilte die Ministeriumssprecherin mit.
       22 der 23 Verbände hätten angegeben, grundsätzlich ein Angebot machen zu
       können.
       
       „Solange wir keine allgemeine Wehrpflicht haben, gibt es auch keinen neuen
       Zivildienst“, erklärte die Sprecherin. „Sollte die allgemeine Wehrpflicht
       allerdings wieder eingesetzt werden, muss die Basis für einen modernen
       Zivildienst vorbereitet sein.“ Wie ein Wehrersatzdienst aussehen würde,
       daran „arbeiten wir gerade mit dem Bundesgesellschaftsdienstegesetz“. Die
       Zahl der Zivis werde davon abhängig sein, „ob, wann und in welchem Umfang
       die Wehrpflicht nach § 2a Wehrpflichtgesetz angeordnet wird“.
       
       ## Caritas dämpft Erwartungen
       
       Obwohl es keine Entscheidung für eine Wehrpflicht gibt, steigt bereits die
       Zahl der Anträge auf – vorsorgliche – Verweigerung. Im ersten Halbjahr
       gingen nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland 5.862 Anträge
       beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein. Im
       gesamten Jahr 2025 waren es 3.867 Anträge, 2024 nur 2.998.
       
       Trotzdem dürfte es nach Einschätzung des Caritas-Verbands im Fall der Fälle
       vergleichsweise wenige Zivis geben. Caritas-Präsidentin [5][Eva
       Welskop-Deffaa] argumentierte, mit einer Bedarfs-Wehrpflicht würden nur so
       viele junge Männer eingezogen, wie die Bundeswehr benötige, und zwar auf
       Grundlage sachlicher Kriterien. Folglich würden wohl nur wenige junge
       Männer den Wehrdienst verweigern. Ein Zivildienst wäre unter diesen
       Bedingungen „eine Randnotiz“, meinte die Verbandspräsidentin. „Wer den
       Eindruck erweckt, auf diesem Weg ließen sich die Personalprobleme sozialer
       Einrichtungen lösen, weckt völlig falsche Erwartungen.“
       
       ## Bufdis füllten die Lücke
       
       Vor der Aussetzung von Wehr- und Ersatzdienst 2011 hatten Sozialverbände
       große Bedenken geäußert, dass die Zivis an allen Ecken und Enden fehlen und
       vor allem die Pflege stark unter Druck geraten würde. Der
       Bundesfreiwilligendienst werde das nicht wettmachen können, hieß es damals.
       
       Ulrich Schneider, damals Geschäftsführer des Paritätischen
       Wohlfahrtsverbands und einer der Kritiker, denkt inzwischen anders. Zwar
       habe die Aussetzung des Zivildienstes tatsächlich Lücken gelassen, sagte
       Schneider der dpa. Die jungen Männer hätten zum Beispiel in der Pflege die
       Zeit gehabt, die Fachkräften oft fehle. Doch habe der
       Bundesfreiwilligendienst das „doch zumindest zu einem großen Teil
       kompensiert“, sagte Schneider, heute Vorstandsmitglied der Linken. „Da
       waren wir ganz glücklich.“ Dass dieser Dienst freiwillig und nicht Pflicht
       sei, habe große Vorteile. „Das hat zum großen Teil das System gestützt.“
       
       Schneider wagt auch die These, dass es nicht zur Wiederbelebung von
       Wehrpflicht und Zivildienst kommen werde. Früher hätten viele die
       Wehrpflicht als gegeben hingenommen, jetzt werde sie aktiv hinterfragt.
       „Das kann man nicht mehr zurückdrehen, das ist ausgeschlossen.“
       
       4 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.der-paritaetische.de/
 (DIR) [2] https://www.sovd.de/
 (DIR) [3] https://www.bundesfreiwilligendienst.de/servicemenue/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/danke-an-die-27-millionen-zivis-74
 (DIR) [4] https://www.bafza.de/rat-und-hilfe/kriegsdienstverweigerung-kdv
 (DIR) [5] https://www.caritas.de/diecaritas/deutschercaritasverband/strukturundleitung/praesidentin/welskop-deffaa
       
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