# taz.de -- Storys von Tony Tulathimutte: Nur die Form des Absturzes variiert
> Hier schreibt jemand, der die Sprache des „Chronically Online“-Daseins
> verinnerlicht hat: Tony Tulathimutte verstört die englischsprachige
> Literaturwelt.
(IMG) Bild: Der amerikanische Autor Tony Tulathimutte, fotografiert im September 2025 in Göteborg, Schweden
Es gibt Bücher, die einen berühren, sanft und wohlwollend. Und es gibt
Bücher, die einen schütteln, aufwecken und manchmal auch abstoßen. Zur
zweiten Kategorie gehört „Fiasko“, ein Erzählband, der die
englischsprachige Literaturlandschaft begeistert.
Autor Tony Tulathimutte, Sohn thailändischer Einwanderer, aufgewachsen in
Massachusetts, Absolvent der Stanford University und des renommierten Iowa
Writers’ Workshop, ist literarisch kein Unbekannter. Sein Debütroman
„Private Citizens“ aus dem Jahr 2016 wurde vom New York Magazine als „der
erste große Millennial-Roman“ gefeiert: eine bissige Satire über vier
Stanford-Absolvent:innen, die sich im San Francisco der Nullerjahre
zwischen Start-up-Kultur, Aktivismus und Selbstfindungsseminaren verlieren.
Für seine Kurzgeschichten erhielt er unter anderem den Whiting Award sowie
den O. Henry Award. Kein Debütant also, der sich erst noch beweisen müsste,
sondern einer, der mit seinem zweiten Buch sein Profil zu schärfen weiß.
In sieben, lose miteinander verbundenen Kapiteln zeichnet Tulathimutte nun
Menschen, die an der Liebe, am Begehrtwerden, letztlich am eigenen
Selbstbild scheitern. „Fiasko“ heißt diese Sammlung im Deutschen, wobei ihr
englischer Titel „Rejection“ weitaus besser passt. Denn Ablehnung ist nicht
nur das, was die Protagonist:innen erfahren – von ihrem Umfeld, der
Welt, ja sogar ihrem Schöpfer, sie ist auch das, was sich beim Lesen
einstellt. Denn zur Sympathieträger:in taugt keine der Figuren.
Da ist zu Beginn „der Feminist“, ein junger Mann, der unter Frauen
sozialisiert wurde und doch eine unbändige Wut auf sie zu haben scheint,
einzig, weil sie ihn nicht „ranlassen“. Seine Geschichte folgt dem gängigen
Radikalisierungsmuster [1][innerhalb der Incelkultur,] in die der Charakter
nach und nach abzurutschen scheint. Noch bevor sich sein ganzer Frust
entladen kann, endet die Geschichte, die Gewalt, die folgt, spart der Autor
aus.
Eine seiner Affären, Alison, deren Story in „Pics“ aufgerollt wird, bleibt
ebenso unentschlossen zurück wie er: Nach einer Nacht mit ihrem besten
Freund Neil verfängt sie sich in einer Spirale aus Selbstsabotage, endlosen
Gruppenchat-Nachrichten und einem spontan gekauften Raben, dessen
Anschaffung so gut durchdacht ist, wie fast jede ihrer Entscheidungen. Wie
schon beim „Feministen“ bleibt auch bei ihr die Erkenntnis aus, nur die
Form des Absturzes variiert.
## Kaum aussprechbare sexuelle Vorlieben
Ähnlich ergeht es den übrigen Figuren: einem jungen Mann in „Ahegao“, der
weniger mit seiner Homosexualität hadert als mit einer sehr spezifischen,
kaum aussprechbaren sexuellen Vorliebe, die ihm sein Leben zerlegt. Um den
Lesenden diese vorzuführen, ergeht sich das Kapitel in einer nicht enden
wollenden Szene von Filmanweisungen, der man lieber nicht bis zum Grande
Finale folgt. Einem Tech-Bro namens Max, der in „Our Dope Future“ mit
derselben grenzenlosen Selbstüberschätzung eine Beziehung – mit Alison –
einzugehen versucht, mit der er zuvor sein gescheitertes Start-up
verteidigt hat. Und einer jungen Trollin namens Bee, die in „Main
Character“ das halbe Internet gegen sich aufbringt, ohne dabei auch nur
ansatzweise ins Zweifeln zu geraten.
Was einen dennoch daran hindert, „Fiasko“ einfach zuzuklappen, ist
Tulathimuttes Tempo. Seine Sätze haben etwas Getriebenes, fast Atemloses,
als würde die Prosa selbst unter dem permanenten Erwartungsdruck der
Figuren leiden. Was Tulathimutte wirklich drauf hat, ist, jeder seiner
Figuren eine eigene Stimme zu verleihen. Gekonnt wechselt er dabei zwischen
Erzählperspektiven wie -zeiten umher. Generell merkt man: Hier schreibt
jemand, der die Sprache der Foren, der Dating-Apps, [2][des „Chronically
Online“-Daseins] nicht bloß zitiert, sondern verinnerlicht hat. Das erzeugt
einen eigenartigen Sog.
In seiner Kompromisslosigkeit liegt die Stärke des Buchs. Tulathimutte
moralisiert nicht, er urteilt nicht vorschnell: Er hält seinen Figuren
einen Spiegel vor, der so gnadenlos ehrlich ist, dass man als Leserin
unweigerlich auch sich selbst darin zu suchen beginnt. Das ist unangenehm.
Das ist auch der Grund, warum man weiterliest, selbst dort, wo man
eigentlich schon genug gesehen hat.
Doch spätestens im letzten Drittel beginnt dieses Konglomerat aus Losern
latent zu langweilen. Das Prinzip ist längst verstanden, die Variationen
wiederholen sich, und die anfängliche Schockwirkung nutzt sich ab: noch ein
Charakter, der sich selbst im Weg steht, noch eine Pointe, die auf Kosten
der Figur geht. Die satirische Wucht der ersten Geschichten weicht einer
gewissen Ermüdung, die auch die formalen Spielereien der letzten beiden
Kapitel nicht ganz auffangen können.
Da ist einmal eine Liste von Metaphern, mit der man nicht recht etwas
anzufangen weiß. Zudem ein fingierter Ablehnungsbrief an den Autor selbst,
der jegliche Kritik an „Fiasko“ vorweg- und ihr so den Wind aus den Segeln
nimmt. Das mag ein genialer Kniff des Autors sein, sich selbst und seine
Arbeit zu reflektieren. Für den Lesenden selbst ist es ein Ärgernis. „Mit
dieser perversen Art der Rechtfertigung bereitest du uns eigentlich nur den
Boden für eine umso entschiedenere Ablehnung“, heißt es da etwa und
ebendies trifft den Kern der Lektüre. Tulathimutte hat also tatsächlich ein
ziemliches Fiasko fabriziert, ein Buch, das man ablehnen kann. Aber erst,
nachdem man es bis zur letzten Seite gelesen hat.
12 Aug 2026
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