# taz.de -- Rolle der Kurden im Irankrieg: Mit allen Mitteln – auch verbotenen?
> Der Iran soll kurdisch-iranische Kämpfer im irakischen Exil jüngst mit
> weißem Phosphor angegriffen haben. Das legt eine kurdische
> Menschenrechtsorganisation nahe.
(IMG) Bild: Beerdigung eines iranisch-kurdischen Kämpfers in Nordirak nach einem iranischen Raketenangriff, 19. Juli 2026
Die iranische Kurdistan Freiheitspartei (PAK) wirft dem Regime in Teheran
vor, bei einem Drohnenangriff auf einen ihrer Stützpunkte in Nordirak
Munition mit weißem Phosphor verwendet zu haben. Adib Khalidiyan, ein
führendes Parteimitlied, erklärte gegenüber dem kurdischen Medium Rudaw:
„Der Angriff wurde von einer einzigen Drohne durchgeführt, doch ihre
Sprengladung unterschied sich von denen früherer Drohnen. Auch das dadurch
ausgelöste Feuer und die Auswirkungen waren anders.“
Weißer Phosphor ist eine extrem reaktive Abwandlung des chemischen Elements
Phosphor. Bei Kontakt mit Luftsauerstoff entzündet sich das Material sofort
selbst, brennt mit extrem hoher Temperatur – etwa 1.300 Grad – und
entwickelt einen dichten, hochgiftigen Rauch.
Etwa neun [1][kurdische PAK-Kämpferinnen und Kämpfer] sollen dadurch
verletzt worden sein. Die kurdische Menschenrechtsgruppe Hengaw mit Sitz in
Norwegen äußerte sich „sehr besorgt“ über die Vorwürfe und forderte eine
unabhängige Untersuchung durch die Vereinten Nationen und andere zuständige
Organisationen.
Im militärischen Bereich kommt weißer Phosphor teilweise als Nebelkerze
oder als Leuchtmittel zum Einsatz – aber eben auch als chemische
Brandwaffe. In Wohngebieten ist dies laut humanitärem Völkerrecht verboten.
Die Substanz kann bei Zivilisten schwerste Verbrennungen und langfristige
gesundheitliche Schäden verursachen.
Unter iranischem Dauerbeschuss
Hintergrund des Angriffs ist das [2][vorläufige Ende der Verhandlungen
zwischen den USA und Iran] am 8. Juli. Seitdem üben die USA immer wieder
Luftangriffe gegen Iran aus, da Iran die Meerenge von Hormus geschlossen
hält. Teheran reagiert mit Raketen- und Drohnenangriffen gegen mit den USA
verbündete Golfstaaten – aber auch gegen die kurdische Autonomieregion in
Nordirak.
Im Fadenkreuz befinden sich vor allem iranisch-kurdische
Exil-Oppositionelle, wie die separatistische PAK. Immer wieder lieferten
sich ihre Kämpferinnen und Kämpfer in den letzten Jahren an der
irakisch-iranischen Grenze Gefechte mit iranischen Revolutionsgarden. Im
Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) zwischen 2014 und 2019 spielten
die Kämpferinnen und Kämpfer der PAK ebenfalls eine wichtige Rolle.
Gemeinsam mit anderen kurdischen Organisationen hat die Gruppe Anfang
dieses Jahres eine Allianz geschmiedet. Ihr erklärtes Ziel ist der Sturz
der Islamischen Republik [3][und ein unabhängiges oder zumindest autonomes
Kurdistan innerhalb iranischer Landesgrenze]n.
Das islamistische Regime in Teheran sieht den Widerstand der Kurden
folglich als existenzielle Bedrohung. Die militärische Eskalation mit den
USA nutzen die iranischen Revolutionsgarden daher auch, um die Kurden im
Exil zu bekämpfen. Seit Beginn des Krieges am 28. Februar verzeichnete die
kurdische Autonomieregion in Irak bereits über 900 Angriffe. Dutzende
iranisch-kurdische Oppositionelle kamen dabei ums Leben.
Warum gerade jetzt?
Obwohl der Einsatz von weißem Phosphor umstritten ist, wird er immer wieder
genutzt. Laut internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights
Watch und Amnesty International soll etwa Israel 2023 und 2024 in Gaza und
[4][Libanon] weißen Phosphor eingesetzt haben. Auch die USA und
Großbritannien gaben 2005 zu, im Irakkrieg Weißphosphor als Brandwaffe
eingesetzt zu haben.
Der Vorwurf gegen Iran muss noch unabhängig bestätigt werden. Doch es gibt
eine Reihe von Gründen, warum der Einsatz der umstrittenen Munition aus
Sicht Irans gerade sinnvoll erscheint: Die Möglichkeiten der iranischen
Revolutionsgarden, den kurdischen Widerstand durch konventionelle
Drohnenangriffe zu brechen, sind begrenzt.
[5][Die taz war im Frühling vor Ort] – unter anderem in einem Lager der
Gruppe PAK, die nun mutmaßlich zum Ziel eines Angriffs mit weißem Phosphor
wurde. Damals waren die Schäden durch iranische Drohnen und Raketen
deutlich zu sehen, aber beschränkt: zerbrochene Glasscheiben, teilweise
eingestürzte Mauern. Bei Brandsätzen durch weißen Phosphor wäre das anders.
Die chemischen Feuer können schnell ein ganzes Camp erfassen. Auch die
Wahrscheinlichkeit, dass anwesende Kämpferinnen und Kämpfer zu Schaden
kommen, ist größer.
Am Mittwochmorgen bekannten sich die iranischen Revolutionsgarden zu einem
großen Waldbrand am Berg Goizha in Irakisch-Kurdistan, wo sich auch ein
Camp der kurdischen Oppositionsgruppe Komala befindet. Wie der Brand
zustande kam, ist noch unklar.
23 Jul 2026
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