# taz.de -- Autonome Region Kurdistan: Abwarten in Erbil
> Die Feuerpause zwischen Iran und den USA sieht man in der autonomen
> Region zwiespältig. Zwar haben die Drohnenangriffe aufgehört. Aber die
> Befreiung ist in weite Ferne gerückt.
(IMG) Bild: Die meisten Peschmerga haben sich in die Kandilberge nordöstlich von Erbil zurückgezogen. Dort trainieren sie in kleinen Gruppen
Die Tische vor dem kleinen Café Kewnara in Erbil sind alle besetzt. Gäste
trinken Schwarztee, rauchen Zigaretten, unterhalten sich. Ab und an hört
man die melancholischen Klänge einer Tembur, der typischen Langhalslaute.
So belebt war das Café schon lange nicht, denn [1][seitdem die USA und
Israel am 28. Februar Luftangriffe auf Iran starteten], haben Iran und die
mit ihm verbündeten schiitischen Milizen Hunderte Kamikazedrohnen auf die
Stadt in Nordirak geschossen.
Fast täglich waren rund um Erbil Explosionen zu hören, bis zur Verkündung
der zweiwöchigen Waffenruhe am 8. April. Nun strömen die Menschen wieder
auf den zentralen Marktplatz und die überdachten Gassen des Basars, Eltern
lassen ihre Kinder draußen spielen. Auch der Flughafen soll bald wieder
öffnen. Erbil, die Hauptstadt der teilautonomen Region Kurdistan im Norden
Iraks, scheint aufzuatmen.
Aber wie stabil ist der Frieden? Nirgends in Kurdistan ist diese Frage so
drängend wie in den Hügeln und Bergen rund um Erbil, vor allem in den
Kandilbergen wo sich etwa 5.000 iranisch-kurdische Kämpferinnen und
Kämpfer, sogenannte [2][Peschmerga], versteckt halten. Sie stammen aus dem
iranischen Teil Kurdistans und sind in den vergangenen Jahrzehnten vor der
Unterdrückung durch das iranische Regime hierher geflüchtet, ins irakische
Exil.
Während Kurden in der Türkei, Syrien und in Iran sich seit Jahrzehnten
vergeblich um mehr Autonomie bemühen, ist es ihnen einzig in Irak gelungen,
eine einigermaßen stabile Selbstverwaltung aufzubauen. Dementsprechend
wertvoll ist dieser kleine Landstrich für Kurden in der ganzen Welt.
Überall darf hier die kurdische Flagge mit der Sonne in der Mitte wehen, an
den großen Kreuzungen in Erbil, in kleinen Vororten, neben den imposanten
Wasserfällen in den Bergen.
Doch die aus Iran geflüchteten Peschmerga – ein Drittel von ihnen sind
Frauen – sind der Grund, weshalb nun auch die kurdische Autonomieregion in
Irak seit Beginn des Krieges unter Beschuss steht. Mehr als 700 Drohnen und
Raketen wurden innerhalb von etwa fünf Wochen durch Iran und irantreue
Milizen abgefeuert, die meisten galten den Stützpunkten der Peschmerga. 17
Menschen wurden dabei getötet, 92 verletzt.
## Seit Jahren bereiten sich die Peschmerga auf die wichtigste Schlacht
ihres Lebens vor
Iran fürchtet die iranisch-kurdischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer
mit gutem Grund: Seit Jahren bereiten sie sich im Nordirak auf die
wichtigste Schlacht ihres Lebens vor. Sie wollen „Rojhelat“, das iranische
Kurdistan im angrenzenden Westiran, auch befreien.
Ihr Ziel ist ein demokratischer, föderaler Iran. Den Waffenstillstand sehen
die iranischen Kurden daher zwiespältig: Einerseits haben die
Drohnenangriffe auf ihre Camps aufgehört, andererseits rückte mit dem Krieg
auch die Gelegenheit, ihre Heimat zu befreien, in greifbare Nähe.
Kurzzeitig sah es Anfang März so aus, als würden die USA mit ihrem Angriff
auf Iran das Ziel eines Regierungswechsels verfolgen, es gab sogar
Gespräche mit kurdischen Vertretern über eine mögliche militärische
Zusammenarbeit gegen Teheran. Angesichts der explodierenden Ölpreise
versucht US-Präsident Donald Trump nun, sich mit den Machthabern in Teheran
zu einigen – doch für die Kurden fängt der Kampf gerade erst an.
Eine halbe Stunde fährt man aus Erbil hinaus, vorbei an Lagerhallen und
Weizenfeldern, bis man eine umzäunte Häusersiedlung erreicht. Hier lebten
bis zu Beginn des Krieges die Familien einiger iranisch-kurdischer
Peschmerga-Kämpfer. Sie gehören zur Demokratischen Partei des Iranischen
Kurdistans (DPK-I), die wie die meisten kurdischen Oppositionsparteien
einen bewaffneten Flügel unterhält und der Sozialdemokratie nahesteht.
Wie viele Menschen in Friedenszeiten hier leben, will Khalil Jangi, 37
Jahre alt, lieber nicht verraten. Als Kommandant einer Peschmerga-Einheit
ist er für die Sicherheit seiner Kämpfer verantwortlich. Seitdem das Camp
unter dem Beschuss iranischer Kamikazedrohnen steht, muss er genau abwägen,
welche Informationen er preisgibt. Als ausländische Reporter unlängst
Videos von den Einschlagsorten rund um Peschmerga-Camps veröffentlichten,
hätten das iranische Regime und seine Milizen in Irak das Bildmaterial
genutzt, um beim nächsten Angriff noch präziser zuzuschlagen.
Auch Khalil Jangis Camp blieb nicht verschont. Der Kommandant, grimmiger
Blick und zusammengekniffene Augen, trägt über dem traditionellen
sandfarbenen Kampfanzug der Kurden einen Schal mit buntem Blümchenmuster.
Mit entschlossenem Schritt geht er an Häusern vorbei, deren Räume durch die
Wucht der Explosionen völlig verwüstet sind, die Möbel liegen in Splittern
auf dem Boden, die Fenster wurden samt Rahmen aus ihrer Laibung gesprengt.
In einem Haus war eine mehrköpfige Familie anwesend, als der Angriff
stattfand, berichtet Jangi. Es sei ein Wunder, dass niemand zu Schaden kam.
Wegen der Gefahr haben sich die meisten Kämpferinnen und Kämpfer in die
umliegenden Berge zurückgezogen, dort trainieren sie in kleinen Gruppen und
wechseln oft den Ort, damit sie nicht zum leichten Ziel werden. Trotz der
Entbehrungen bleibt ein Restrisiko, von einer Drohne zerfetzt zu werden,
immer bestehen.
Das Wort „Peschmerga“ selbst bedeutet: diejenigen, die dem Tod ins Auge
sehen. Warum wählt man ein solches Leben?
In Rojhelat, dem iranischen Kurdistan, hat der Widerstand gegen religiösen
Faschismus Tradition. Politischer Islam und Demokratie seien nicht
miteinander vereinbar, erklärte die sozialdemokratische DPK-I schon [3][im
Jahr 1979] – und boykottierte gemeinsam mit anderen kurdischen Parteien das
Referendum, mit dem Irans Bevölkerung sich für eine Islamische Republik
aussprach. Ajatollah Chomeini, Irans Revolutionsführer, rief daraufhin zum
Dschihad, zum heiligen Krieg, gegen die Kurden auf. Seine Killerkommandos
massakrierten Tausende und verscharrten sie in Massengräbern. Khalil Jangis
Familie engagierte sich schon damals in der DPK-I.
Als Jangi noch ein Kind war, nahmen Revolutionswächter, die hoch
ideologisierten Elitetruppen des Regimes, seinen Großvater gefangen und
folterten ihn, indem sie ihm Gewichte an die Genitalien banden. Das
Martyrium zeichneten sie auf und zeigten das Video seiner Großmutter, um
sie zu demütigen. Jangi selbst trat, wie er erzählt, mit zehn Jahren auf
eine von Revolutionswächtern platzierte Mine. Die Narben in seinem Gesicht
und auf seinen Armen, die von den Verletzungen übriggeblieben sind, zeigt
er mit Stolz: als Zeichen, dass sein Leben schon immer im Zeichen des
Kampfes gegen dieses unmenschliche Regime stand.
## Noch heute werden Kurden in Iran systematisch diskriminiert
Noch heute werden Kurden in Iran systematisch diskriminiert. Und wenn es
Proteste gibt, schießen die Sicherheitskräfte schon mit scharfer Munition,
während in anderen Teilen Irans noch Knüppel und Tränengas zur Anwendung
kommen. „Viele Iraner waren geschockt, als im Januar über 30.000
Demonstranten getötet wurden. Wir Kurden haben es nicht anders erwartet.
Uns gegenüber hat dieses Regime vom ersten Tag an sein wahres Gesicht
gezeigt“, sagt Jangi. Er glaubt nicht daran, dass sich die Mullahs in den
jetzigen Verhandlungen einhegen lassen. „Wenn man ihr Regime erst verletzt
und dann nachgibt, werden sie umso gefährlicher.“
Kurdinnen sind in der Islamischen Republik gleich doppelt unterdrückt, weil
sie kurdisch und weil sie Frauen sind. Unter den Peschmerga sind sie aber
den Männern gleichgestellt. Eine von ihnen ist Avin Yousefi, sie lächelt
immer, während sie spricht, und trägt ihr langes schwarzes Haar im Nacken
zusammengebunden. Sobald sie volljährig wurde, trat die heute 22-jährige
Frau den DPK-I-Peschmerga bei. „Wenn du Peschmerga werden willst, sagst du
das deiner Familie nicht, du machst es einfach. Solange du nur darüber
sprichst, werden sie verrückt vor Sorge. Doch sobald du die
Peschmerga-Uniform trägst, sind sie stolz.“
Derzeit betreut Yousefi die Social-Media-Kanäle ihrer Kämpfergruppe, aber
am liebsten mag sie die regelmäßigen Schießübungen mit der Kalaschnikow.
„Ich habe noch nie auf einen echten Menschen geschossen“, sagt Yousefi,
„aber wenn wir losschlagen, werde ich nicht zögern. Dafür habe ich
jahrelang trainiert.“
Ihr Kommandant, Khalil Jangi, hat mehr Erfahrung. Auf Islamisten des IS
habe er genauso geschossen wie auf Revolutionsgarden, als es zu
Scharmützeln an der iranischen Grenze kam. Wie viele er schon getötet hat,
habe er nicht gezählt, sagt er. Dabei klingt er stolz und gleichzeitig
traurig. In einem künftigen freien Iran wolle er Lehrer werden und
Geschichte unterrichten. Doch solange seine Leute unterdrückt werden, müsse
er weiterkämpfen.
Einer größeren Weltöffentlichkeit wurden die iranisch-kurdischen Peschmerga
erst Anfang März bekannt, als Donald Trump offenbar eine Zusammenarbeit mit
den Kurden erwog, um das Regime in Teheran zu stürzen. Es habe Gespräche
gegeben, bestätigen informierte Quellen aus dem Umfeld der DPK-I der taz,
doch letztlich sei eine weitere Kooperation an den Bedingungen gescheitert,
die die Kurden an die US-Amerikaner stellten.
Von den USA erwartete man sich militärische Unterstützung, wie eine
Flugverbotszone, vor allem aber geht es um politische Unterstützung, sagt
Mustafa Mawloudi, Vizegeneralsekretär der DPK-I. Der Sitz seiner Partei in
einem dicht bewohnten Gebiet im Zentrum von Erbil ist einer der wenigen,
die Iran noch nicht getroffen hat.
## An eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den USA glaubt hier kaum noch
jemand
Auf einem Bildschirm laufen persischsprachige Nachrichten des Senders Voice
of America, in den kargen Empfangsräumen der Partei wird Tee serviert und
über Politik gesprochen. Die zentrale Bedingung, sagt Mawloudi, seien
langfristige politische Garantien seitens des Westens. Zu oft hätten die
Kurden schon die Erfahrung gemacht, dass die US-Amerikaner ihre
Unterstützung einfordern und sie dann im Stich lassen. So war das 1991, als
die US-Regierung nach dem zweiten Golfkrieg die irakischen Kurden zum
Aufstand gegen Saddam aufrief und dann untätig blieb, als Baghdads Truppen
Zehntausende kurdische Zivilisten töteten. So war das auch Anfang 2025 in
Syrien, wo die Rojava-Kurden erst bei der US-geführten Koalition gegen den
IS eine maßgebliche Rolle spielten, dann aber fallengelassen wurden, als
[4][die neue Zentralregierung unter Ahmad al-Scharaa] die kurdische
Selbstverwaltung zerschlug.
„Wir erwarten, dass uns der Westen als strategische Partner behandelt,
nicht nur als taktische Partner“, sagt daher Mustafa Mawloudi. Nach dem
Waffenstillstand glaubt man hier noch weniger an eine fruchtbare
Zusammenarbeit mit den USA. Erst vergangene Woche sagte Trump zu
Journalisten, er habe den Kurden Schusswaffen geschickt, damit sie diese
„an iranische Demonstranten weitergeben“, doch die Kurden hätten die Waffen
einfach behalten. Verschiedene kurdische Oppositionsparteien wiesen die
Vorwürfe umgehend zurück.
„Wir haben nicht eine einzige Kugel bekommen, geschweige denn Waffen, weder
von den USA noch von einem anderen Land“, sagte etwa Hamno Naqshbandi von
der iranischen Freiheitspartei Kurdistans (PAK) dem kurdischen Medium
Rudaw.net. Sind die Hoffnungen des kurdischen Widerstands also vorerst
beendet?
Rund eine Autostunde von Erbil entfernt, in Richtung der Berge im Norden,
liegt auf einer grünen Hügelkuppe über einem Flussbett ein weiteres
Peschmerga-Camp, es gehört zur PAK und ist übersät mit Kratern von
Drohneneinschlägen. Auch das Büro des Kommandanten, Rebaz Sharifi, wurde
schon getroffen.
Sharifi, der ebenfalls schon gegen den IS gekämpft hat, glaubt trotz allem,
dass der Krieg der USA und Israels gegen Iran nicht umsonst war. Immerhin
seien Irans Militärkapazitäten dezimiert. Ein militärisch geschwächtes
Teheran sei die Voraussetzung dafür, dass eine künftige Offensive der
Kurden gelingen könne.
Im Februar dieses Jahres ließen erstmals [5][fünf kurdische
Oppositionsparteien Irans] – darunter die PAK und die DPK-I – ihre
Differenzen ruhen und schlossen sich zur Rojhelat-Koalition zusammen,
benannt nach dem iranischen Teil Kurdistans. Ihr Ziel: ein demokratischer,
föderaler Iran.
## Der große Angriff wird noch kommen
Gemeinsam ist ihnen allen die Überzeugung, dass der richtige Moment für den
großen Angriff der Peschmerga auf die Islamische Republik noch kommen wird,
ob mit oder ohne US-amerikanische Unterstützung. Doch woran erkennen sie
den strategisch günstigen Augenblick?
Für die kurdischen Oppositionspolitiker ist vor allem die Frage
ausschlaggebend, welches Zerstörungspotenzial von Irans Drohnen- und
Raketenarsenal ausgeht. Denn diese sind nicht nur für die iranischen,
sondern auch die irakischen Kurden eine Gefahr – und innerkurdische
Solidarität bleibt für die Peschmerga zentral.
Die kurdische Autonomie in Irak wollen die iranischen Kurden durch ihre
Aktionen gegen die Islamische Republik auf keinen Fall gefährden. Teheran
hat bereits massive Vergeltungsschläge auf Erbils zivile Infrastruktur
angekündigt, sollten die Peschmerga von hier aus angreifen. „Im Falle einer
Bodenoffensive können die Kurden innerhalb Irans schnell 100.000
zusätzliche Kämpfer mobilisieren. Die Machthaber in Teheran wissen, dass
die Gefahr durch die Kurden existenziell ist“, sagt Ziryan Rojhelati,
Politikberater in Erbil und Direktor des kurdischen Thinktanks Rudaw
Research Center.
Deshalb setzt das iranische Regime nun alles daran, die kurdische Front
auszuschalten. Unmittelbar nach der Verkündung der Waffenruhe forderte das
iranische Konsulat in Erbil die Regierung der Kurdenregion dazu auf, „die
iranisch-kurdischen Milizen zu verfolgen und auszuweisen“. Diese seien
Spione der USA und des zionistischen Regimes, behauptete das Konsulat.
In den vergangenen Jahrzehnten hat die irakische Kurdenregion den aus Iran
geflohenen Peschmerga trotz der Drohungen der Mullahs immer Schutz geboten.
Koalitionen mit dem Westen sind wechselhaft, die innerkurdische Solidarität
blieb bestehen. Doch wird das auch dieses Mal so bleiben?
Zurück im Café im lebendigen Stadtzentrum von Erbil. An den Tischen am
Straßenrand hört man Vögel zwitschern, es weht ein lauer Nachmittagswind,
die Sonne scheint. Bis vor Kurzem hieß das besondere Vorsicht, denn bei
guten Wetterbedingungen schickte Iran besonders viele Drohnen los. Auch
dieses Mal beginnt der Himmel plötzlich zu dröhnen. Die Menschen schauen
nach oben, doch dort ist vor lauter Häusern nichts zu sehen. US-Kampfjets,
vermuten einige. Kurz darauf verstummt der Donner. Die Menschen wenden sich
wieder ihren Getränken zu und genießen das gute Wetter. Bis die nächsten
Angriffe kommen.
Mitarbeit: Amin Ebrahimi
16 Apr 2026
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