# taz.de -- Beerdigung von Chamenei: Mit Pomp und Propaganda
> Die iranischen Staatsmedien zeigen Hunderttausende, die am Samstag
> Ajatollah Chamenei beerdigen. Es ist auch ein Zeichen zum
> Unabhängigkeitstag der USA.
(IMG) Bild: Beerdigungs-Bombast: Trauerfeier für den getöteten iranischen Obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei in Teheran
Als Ali Chamenei am 28. Februar durch einen israelischen Luftangriff
getötet wurde, hatten iranische Oppositionelle gemischte Gefühle. „Ich war
froh, weil ein Diktator gestorben war. Aber ich war traurig über die Art
und Weise, wie er gestorben war“, sagte der Schriftsteller Mehdi
Mahmoudian. Er hätte es bevorzugt, dass Chamenei festgenommen und vor
Gericht gestellt wird – anstatt zum „Märtyrer“ zu werden.
Als Iraner weiß Mahmoudian, welche Strahlkraft ein politischer Märtyrer in
der schiitischen Trauerkultur hat. Das zeigt sich jetzt, mehr als vier
Monate nach Chameneis Tod, während seiner Beerdigung auch dem Rest der
Welt.
Fotos aus den iranischen Staatsmedien zeigen Hunderttausende regimetreue
Iraner, die am gestrigen Samstagabend in die Mosalla-Moschee in Teheran
geströmt sind, um vom Revolutionsführer Abschied zu nehmen. Am Dienstag
soll Chameneis Sarg in die Heilige Stadt Ghom, dann nach Irak und am
Donnerstag ins ostiranische Maschhad, Chameneis Geburtsstadt, gebracht
werden, wo er schließlich begraben wird. Iranische Regierungsvertreter
sprechen von einem „Epochenereignis“ und erwarten „20 Millionen Menschen“ –
eine enorme Zahl, die viele Iraner für kaum realistisch halten und die
klaren Propagandacharakter hat.
Schon die ersten Etappen der tagelangen Zeremonie zeigen aber, dass es dem
iranischen Regime um mehr geht als nur um Märtyrerkult und Mobilisierung.
Am Samstagabend wurde vor Chameneis Sarg nicht nur performativ geweint. Die
Anwesenden skandierten auch kämpferische Parolen wie „Wir werden denjenigen
töten, der unseren Führer getötet hat“, „Tod Amerika, Tod Israel“ und „Wir
kennen nur ein Wort: Rache“.
## Der 4. Juli ist kein Zufall
Es ist auch kein Zufall, dass die Trauerfeier genau am 4. Juli begann, dem
Tag, [1][an denen die USA ihr 250-jähriges Bestehen] feiern. Der Kampf
gegen westlichen Imperialismus und die Präsenz der USA in der Region ist
für das Regime eine heilige Verpflichtung. Die Islamische Republik begreift
die „Islamische Revolution“ von 1979 als fortwährende Bewegung; sie ist
erst abgeschlossen, wenn der „große Satan“, die USA, besiegt und Israel
vernichtet ist.
Nun wird ausgerechnet die Trauerfeier des getöteten Staatschefs als Triumph
dieser Ideologie inszeniert: Wenn nicht einmal der Tod des geliebten
Revolutionsführers die Revolution aufhalten kann, was dann?
Mit diesem Selbstbewusstsein nutzt Teheran die Trauerfeier, um Gegner
öffentlich zu demütigen. Zahlreiche ausländische Regierungsvertreter wurden
eingeladen, darunter auch von Staaten, die zum Iran ein angespanntes
Verhältnis haben. Als die Delegationen am Freitag vor den Sarg traten,
spielten die iranischen Veranstalter vieldeutige Koranrezitationen: „Möge
Allah euch vergeben (…) und euch auf den rechten Weg leiten“, bekam die
katarische Delegation zu hören. Der libanesischen Delegation wurde so
mitgeteilt, dass es besser für sie sei, „Opfer für die Anliegen Allahs zu
bringen“, und als der saudische Vizeaußenminister auftrat, beschrieb der im
Hintergrund laufende Koranvers, dass Allah „nur den Rechtgeleiteten zum
Sieg verhilft“.
Appeasement der Hardliner
Die [2][Trauerfeier soll nach außen den Schein von Einheit erwecken]. In
Wirklichkeit rumort es aber innerhalb des iranischen Machtapparates.
Während die einen Verhandlungen mit den USA grundsätzlich ablehnen,
befürworten sie die anderen als ein Mittel, um langfristig die eigenen
Ziele zu erreichen.
Immer wieder eskalierte in den letzten Wochen dieser Streit. Als der
iranische Außenminister Abbas Arachtschi, der dem pragmatischen Lager
angehört, vor einer Woche im Irak an das Grab von Imam Hossein, einem
schiitischen Heiligen, trat, beschimpften iranische Pilger ihn als
„Verräter“ und „Ausverkäufer des Irans“.
Chameneis Sohn und Nachfolger [3][Modschtaba Chamenei] nutzte den
historischen Augenblick zunächst nicht, um sich erstmals seit seinem
Amtsantritt öffentlich zu zeigen. Er soll beim US-Angriff Ende Februar auf
Chameneis Residenz schwer verwundet worden sein. Sein Fehlen bei den
Trauerfeiern wirft Fragen auf. Es gilt als unklar, wie groß sein Einfluss
innerhalb des iranischen Regimes gerade ist.
Das Regime weiß indes genau, dass Machtprojektion zur Hälfte aus der
Wahrnehmung von Macht besteht. Daher hat es so viele Ressourcen in diese
Trauerfeier und in die Demonstration von Einheit investiert – mitten in
einer akuten Wirtschaftskrise.
Bei vielen gewöhnlichen Iranern weckt das Erinnerungen an die pompöse Feier
des Schahs im Jahr 1971, um das 2.500-jährige Bestehen der iranischen
Monarchie zu feiern. Die Ressourcenverschwendung erzürnte damals die Iraner
und trug mit zur Revolution von 1979 bei.
Auch jetzt blicken viele mit Kopfschütteln auf die Trauerfeier: „Wir haben
alle eine SMS bekommen mit der Aufforderung, an der Abschiedszeremonie
teilzunehmen. Schüler werden teils von ihren Schulen zur Teilnahme
gezwungen. Am Montag ist es verboten, zur Arbeit zu gehen“, berichtet ein
Iraner der taz über einen verschlüsselten Chat.
Während Teheran stillsteht, um den „Märtyrer des Irans“ zu ehren,
funktioniert immerhin das Internet in diesen Tagen gut. Die Iraner nutzen
es, um in den sozialen Medien an ihre eigenen Toten zu erinnern. Abseits
von der globalen Öffentlichkeit teilen sie dort Fotos der getöteten
Demonstranten im Januar und schreiben dazu: „Wir werden nicht vergessen.
Wir werden nicht vergeben.“
5 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Teseo La Marca
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